Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 601 (1.12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Dl« «TIMM« Nr. 601 — Wien, Dienstag, 1. Dezember 1986. Antisemitismus bringt Bolschewismus B. H. Der Nationalsozialismus bietet mit nie erlahmender Hartnäckigkeit der Welt seine Dienste gegen den Bolschewismus» an. Er sagt, im Kampf gegen den Bolschewismus habe er sich auch zum Kampf, zum vernichtenden Kampf gegsn das Judentum entschlossen. Denn Judentum sei identisch mit Bolschewismus, vom Judentum komme überhaupt der Bolschewismus. In Adolf Hitlers Buch ..Mein Kampf'4 sind dieser Theorie Dutzende von Seiten gewidmet. Wenn man »sich darauf verlassen könnte, daß die Menschen ihre Fähigkeit zu denken auch gegenüber hartnäckiger Propaganda der Gedankenlosigkeit richtig ausüben, so könnte man über derartige Dinge eigentlich hin Weggehen. Aber wir wiesen aus Erfahrung. daß die Macht der Propaganda imstande ist, auch für die dicksten Lügen Glaubin zu finden. Wäre dem nicht so, gäbe es ja überhaupt keinen Antisemitismus. Man muß sich „ also darum doch immer wieder auch mit den ganz eindeutigen Lügen eingehender befassen. Die Untersuchung der Kgl. Kommission Bodenpolitik in Palästina Das Judentum hat nichts, gar nichts mit dem Bolschewismus zu tun. Der Marxismus hängt überhaupt mit jüdischen Dingen in keiner Wels 2 zusammen. Man weist auf gewisse führende Persönlichkeiten in verschiedenen sozialistischen Bewegungen hin. Sie sind vorhanden, zweifellos. Aber man schließt einfach die Augen vor der Tatsache, daß erstens einmal die großen Massen der marxistischen Bewegung doch schließlich Nicht Juden sind, und zweitens, daß nur in bestimmten Ländern unter bestimmten Voraussetzungen die Juden in bedeutenderem Maß an den marxistischen Aktionen teilgenommen haben. Gerade der Nationalsozialismus dürfte aus den Erfahrungen der reichsdeutsohen Politik heraus nicht von jüdischem Marxismus sprechen. In Deutschland nämlich haben die Juden weder führend noch als Mitläufer eine Bolle in den marxistischen Organisationen gespielt. Bebel, Ebert, Scheidemann, Wels, Noske, Breitscheid, Löbe, Stampfer, und wie sie sonst hießen, die führenden Persönlichkeiten der deutschen sozialdemokratischen Partei: Sie alle waren Christen. Die höchste Funktion, die ein Jude in der sozialdemokratischen Bewegung Deutschlands in der letzten Zeit ausgeübt hat, war die Funktion eines Vorsitzenden der Preußischen Landtagsfraktion, die Doktor Heilmann innehatte. Als der Nationalsozialismus an die Internierung der Marxisten ging, war er in der größten Verlegenheit, woher er Juden nehmen solle. Im Kommunismus war es nicht viel anders als in der Sozialdemokratie. Thelmann, Torgier sind Christen und in der ganzen kommunistischen Reichstagsfraktion gab es überhaupt nur zwei Juden. Dagegen ist es zum Beispiel richtig, daß in Österreich eine Reihe führender Politiker der sozialdemokratischen Partei Juden waren, die allerdings vom Judentum nichts wissen wollten und konfessionslos waren. Woher kommt der Unterschied? In Österreich gab es überhaupt nur zweierlei Parteien: Antisemitische und eine sozialdemokratische Partei, die allein den Antisemitismus ablehnte. Also wurden Juden in ihrer politischen Betätigung auf die sozialdemokratische Seite gedrängt. In Deutschland konnten sich auch bürgerliche nichtantisemitische Parteien durchsetzen. Es gab eine demokratische Partei und auch die deutsche Volkspartei lehnte die Juden bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht ab, aber der Jude glaubte sich auch dann nichts zu vergeben, wenn er der katholischen Zentrumspartei seine Stimme gab, denn auch sie betrieb wenigstens keinen aktiven Antisemitismus. Diese Lage in Deutschland ermöglichte es den Juden, sich politisch so zu betätigen, wie sie wirklich dachten und fühlten: nämlich bürgerlich, antibolsohewis tisch. * Man beruft sich auf die Russen. Man wird in der riesigen tion Rußlands tatsächlich einige Dutzend Juden auf zählen können, die eine Rolle spielten. Wie wenig diese „Masse“ bolschewistischer Juden im Vergleich zu der wirklichen Masse des russischen Bolschewismus bedeutet, wird geflissentlich übersehen. Es wird auch übersehen, daß der wirkliche »Schöpfer des Bolschewismus, Lenin, ein russischer Adeliger war, und daß der Mann, der d:m Bolschewismus in den letzten Jahren mit den brutalsten Mitteln führt, Stalin, ein christlicher Russe ist. Das wird übersehen — wenn inan in der Lüge nicht sogar so weit geht, wie man es in manchem antisemitischen Blatt auch in Österreich schon erlebt hat, daß man auch diese zwei Christen glatt zu Juden macht. # Abär es gibt da noch wichtigere Dinge, Dinge, die über statistische Daten hinaus ins Die öffentliche Sitzung der Untereuchungskommission am 24. November war den Fragen der Bodenpolitik der Regierung gewidmet. Als Zeugen erschienen die Herren Harris, Bewässerungefachmann der Regierung; Andrews, Bodenentwicklungereferent; ferner Salmon und Bennett, Beamte des Bodendepartements; sie wurden gleichzeitig vernommen, indem jeder von ihnen Fragen beantwortete, die eich auf sein essort bezogen. »ieben Millionen Dunam Die Fragen der Kommissionsmitglieder ergaben die Tatsache, daß die anbaufähige Bodenfläche Palästinas sieben Millionen Dunam, die nichtanbaufähige (einschließlich der Wäldereien) sechseinhalb Millionen Dunam beträgt, wobei der Bezirk Beersheba in die Berechnungen nicht einbezogen wurde. Es sei unrichtig, daß die Staatsländereien 1,100.000 Dunam betragen. Seit 1920 haben Juden 682.000 Dunam, deren Wert auf 7,731.000 Pfund geschätzt wird, käuflich erworben. Die Gesamtbodenfläche in jüdischem Besitz beträgt gegenwärtig 1,332.000 Dunam. Auf die Frage Lord Peels, welche Schritte die Regierung unternommen habe, um laut Punkt 6 des Mandats in Zusammenarbeit mit der Jewish Agency die geschlossene Siedlung von Juden auf dem Lande zu fördern, erklärte Mister Harris, daß im allgemeinen die g e s a m t e Politik der Regierung diesem Zwecke diene. Um nähere Angaben befragt, konnte er nur auf Straßenbau, Trockenlegung von Sümpfen, landwirtschaftliche Versuchsstationen, Zuschüsse an die Versuchsstationen der Jewish Agency sowie Unterstützung der Landwirtschaftlichen Hypothekenbank hinweisen, ferner auf die großen Ausgaben für Sicherheit, die auf das Bestehen geschlossener Siedlungsgebiete zurückzuführen seien. Mr. Andrewg sagte aus, daß die Bodenpolitik der Regierung den Arabern mehr als den Juden zugute komme, da der Bodenbesitz der Ersteren hauptsächlich aus Getreideboden besteht Lord Peel stellte fest, daß die Bodenpolitik der Regierung in der Formel „Erst Urbarmachung, dann geschlossene Ansiedkelnerlei Staatsländereien für jüdische Siedlung verfügbar seien, da der urbare Teil dieser Böden für die Wiederansiedlung von Arabern vorgemerkt sei. Mr. Harris, der über Wasserversorgung befragt wurde, gab zu, daß die R egierungsogutwiegarnichts zur Entdeckung neuer Wasser quellen beigetragen habe. Auf die Frage, ob Juden sich in dieser Richtung betätigen, antwortete Harris verneinend; Mr. Andrews jedoch warf ein, daß ihm von erfolgreichen Brunnenbohrungen in Javniel und an anderen Orten bekannt sei. Die „verdrängten“ Araber Lord Peel erklärte nach Einsichtnahme in die statistischen Vorlagen, daß trotz der bedeutenden Bodenfläche, die seit 1920 in jüdischen Besitz überging, die Zahl der verdrängten Araber minimal sei. Mr. Andrews sagte unter Anführung des Beispiels von Emek Jesreel, daß der Bodenbesitz einer arabischen Familie durchschnittlich 300 Dunam ausgemacht habe; auf diese Weise habe es sich ergeben, daß die Zahl der verdrängten Araber viel kleiner war, als man es erwartet hatte. Seit den Untersuchungen Sir John Simpsons sei viel arabisches Land in intensive Bearbeitung genommen worden, wodurch Arbeitsmöglichkeiten für eine große Anzahl von Arabern entstanden seien; diese Tatsache müsse als Widerlegung der Behauptung der Shaw Commission angesehen werden, derzufolge keine weiteren Juden angesiedelt werden können, ohne Araber zu verdrängen. Ale Beispiel führte der Zeuge die B ed ti i n e n an, die jetzt auf Boden angesiedelt sind, welchen der Keren Kajemeth an Stelle von Staatsländereien im Wadi H a w areth zur Verfügung gestellt hat, und die sämtlich als Lohnarbeiter auf benachbartem arabischen Boden oder in jüdischen Siedlungen beschäftigt werden. Was ist astbaufälrfg? Aus den Aussagen der Regierungszeugen geht hervor, daß der Ausdruck „anbaufähiges Land“ von der Regierung im Sinne von „Boden, der mit den Mitteln de« durchschnittlichen Bauers bestellt werden kann“, gebraucht wird, wobei an den Durchschnittsaraber gedacht wird. Eine weitere interessante Feststellung ißt, daß SanddüneD von derselben Beschaffenheit wie die Dünen, auf denen Tel-Aviv erbaut wurde, ale nicht anbaufähig betrachtet werden; daraus ergibt sich, daß Staatsländereien für städtische Ansiedlung verfügbar sind. Es wurde erklärt, daß die Juden sich bereit erklärt hätten, einen Vertreter als Beirat der für die Boclenentwicklung verantwortlichen Beamten zu ernennen, daß die Araber hingegen sich geweigert hätten, ihrerseits einen Vertreter namhaft zu machen. Keine Staatslandereien Sür Juden Sir Laurie Hammond erkundigte eich, unter Bezugnahme auf die Tatsache, daß gegenwärtig 50.000 Juden auf dem Lande angesiedelt sind, nach der Möglichkeit der Ansiedlung weiterer Juden auf Staatsboden. Die Zeugen Bennett und, Andrews erklärten, daß * Keine „Künstliche Minderheit" Erklärung Ormsby-Gores im Unterhaus London, 29. November. (JTA.) Die vor kurzem in der amerikanischen Presse aufgetauchte Meldung, es sei von der Palästina-Regierung ein Plan ausgearbeitet worden,- demzufolge die Einwanderung nach Palästina in Zukunft so geregelt werden soll, daß ein bestimmtes zahlenmäßiges V erhältnis zwischen Juden und Arabern gewahrt bleibt, ist durch die Antwort, die Kolonienminister Ormsby-Gore im Unterhaus auf eine entsprechende Anfrage des Abgeordneten Ca.ptaiin Cazalet gab, offiziell d emontiert worden. Captain Cazalet hatte gefragt, ob von den Behörden in Jerusalem und in London ein Plan entworfen worden sei, der der Königlichen Kommission unterbreitet werden soll und in dem für die künftige Regelung der jüdischen Einwanderung nach Palästina Bedingungen vorgeschlagen wurden, durch die ein bestimmtes zahlenmäßiges Verhältnis zwischen Juden und Arabern gewahrt werden soll. Minister Ormsby-Gore antwortete: Es ist von der Regierung kein Plan zur Vorlage an die Königliche Kommission entworfen worden. Es ist mir nicht bekannt, daß von der Palästina-Regierung ein derartiger Plan der Königlichen Kommission unterbreitet wurde. Kommissfon völlig unabhängig Abg. Williame fragte: Wird völlig klargestellt, daß jeder zur Kommission vorgeladene Staatsbeamte seine Aussagen in vollem Umfang im eigenen Namen und nicht in dem des Hlg Commissioner macht? Minister Ormsby-Gore: Der Hig Commissioner hat freie Hand, jegliche ihm passend scheinende Aussage zu machen. Aussagen im Namen der Palästina-Regierung sind nicht vorgesehen. Auf eine Frage des Abgeordneten Wedgwood, ob gewährleistet sei, daß es sich bei diesen Aussagen um Bekundungen über Tatsachen handle, nicht aber um die V o r 1 a g e Allerwesentlichste, ins Geistige und ins Moralische gehen, Dinge, die beweisen, daß der Bolschewismus nicht nur nichts zu tun hat mit Judentum, sondern daß er im Gegenteil in gewissen inneren Beziehungen gerade zum Antisemitismus stehen muß. In Rußland haben wir gesehen, wie dem bolschewistischen Umsturz Jahrzehnte brutalster Judenverfolgungen vorausgegangen sind. Ist es ein Zufall, daß aus dem antisemitischsten Land das erste bolschewistische Land geworden ist? Es bestehen da sicher tiefere Zusammenhänge. Pogrome entstehen als Ablenkung wirtschaftlicher und sozialer Schwierigkeiten, deren man nicht Herr werden kann, auf dio Gruppe von Menschen, die sich nicht wehren kann. Statt die Gesellschaft in Ordnung zu bringen, läßt man Juden morden. Der Zariskommunistischen Organisaraus war von revolutionären Eruptionen be- A droht, da fälschte man ein auf Napoleon gemünztes französischäs Pamphlet zu den „Protokollen der Weisen von Zion“ u/m. Je revolutionärer es in Rußland wurde, desto schlimmer wurde es mit den Judenverfolgungen. Der Antisemitismus müßte für die Menschen, die verantwortlich sind für die Geschicke der Völker, ein Alarmsignal sein, das deutlich kündet, daß in der Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Sie nehmen aber das »Signal nicht zur Kenntnis, und wenn dann dio Ordnung aus den Fugen geht, sind erst recht die Juden schuld. Der Antisemitismus ist ein K ü n d e r d e s Bolschewismus, wenn nicht gar säin Schrittmacher. Das ist die Wahrheit. * Es wäre hoch an der Zeit, daß man das in Kenntnis nehmen, daß gerade der Nationalsozialismus in seiner ganzen Art, zu denken und zu handeln, am allerwenigsten gesignet sein kann, den Bolschewismus zu verhindern. Nicht nur, daß auch für dieses antisemitische Regime der Satz gelten muß, daß der Antisemitismus den Bolschewismus bringt, sondern man müßte doch sehen, daß der Nationalismus in ganz direkter Weise bolschewistische Vorarbeit leistet. Er hat die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft angegriffen, indem e<r die bürgerlichen Rechtsbegriffe vernichtete, indem er erworbene Rechte zunichte machte und Gesetzgebung und Rechtspflege ihrer normalen Funktion entkleidete und sde zu Dienerinnen der Macht erniedrigte. Die Basis der bürgerlichen Gesellschaft ist der bürgerliche Rechtsbegriff und wen er vernichtet wird, kann die bürgerliche Ordnung nicht bestehen. Was aber nach ihr kommt, weiß man heute. Tatsachen beweisen aber auch, daß der Bolschewismus sich dort, wo er sein Machtziel erreicht hat, ausgesprochen judenfeindlioh betätigt. Der Kommunismus ist der ärgste Feind des Zionismus, den er als imperialistische englische Mache bezeichnet. Die Gofctlosenbowogung hat in Rußland die Juden besonders hart getroffen und die bolschewistische Erziehung hat es zuwege gebracht, daß dio Eltern vor ihren Kindern nicht mehr sicher Bind. Söhne und Töchter denunzieren ihre Eltern, wenn sie Cfoanukkab oder Pessach feiern oder hebräisch sprechen oder eich mit den jüdischen Schriften befassen. Wer des Zionismus verden Ländern, wo der Antisemitismus wütet, i dächtig ist, kommt nach Sibirien, und wenn er zur Kenntnis nimmt. Man müßte auch zur! von dort wieder frei kommt, steckt man ihn erst in die sogenannten Politisolatoren, die etwa den deutschen „Schulungslagern“ entsprechen und eine Internierung auf Lebenszeit zu bedeuten pflegen. Hunderte Zionisten sind in den Eiswüsten und Sümpfen Sibiriens elend gestorben. Man weiß auch, daß gerade die jüdischen Bolschewiken sich in der Verfolgung alles national oder religiös Jüdischen besonders hervorzutun pflegen. < So steht es tatsächlich um die Theorie und die Praxis des Bolschewismus und um die Beziehungen zwischen Bolschewismus und Judentum. Es sind durchaus feindselige Beziehungen. Es hat das Judentum nachts rn.it dem Bolschewismus zu tun, die jüdische Idee lehnt clen Bolschewismus ab, wie sie jedes Gewaltsystem ablehnt, und das Judentum hat unter der Gewalt des Bolschewismus nicht weniger zu leiden als jede andere geistige Bewegung. Dagegen ist es wahr, daß der Antisemitismus ein Geistesverwandter des Bolschewismus ist, daß er sich als sein Künder und Schrittmacher erwiesen hat. Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt II., Praterstraße 18, Tel. R -12407 Donnerstag, den 3, Dezember J936, um i/i9 XJhr abends, im Heime, II., Praterstraße 13, Vortrag: Prof. Julian Silberbusch Delesierter des Hauptbüro K. K. L., Jerusalem Thema i Unsere Antwort auf die Ereignisse In Pallstina