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Die Stimme · 1936-12-01 · Heft 601 (1.12.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 601 (1.12.1936)
Date
1936-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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9te ^Stimme V. b. b. 20« JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 601 Wien. Dienstag, 1. Dezember 1936 17* Rlslew 3697 10. Jahrgang ltdt& cm B. De&mBet «wes im ICmzeeiLcms Welzmann spricht zur Kommission Dr. Chaim Weizmann, der von Mosche Shertok und Leonard Stein, dem Rechtsberater der Jewish Agency begleitet war, erschien Mittwoch als erster Jüdischer Zeuge vor der Königlichen Kommission. Der Sitzungssaal war dicht besetzt. In einer großangelegten Rede gab Weizmann eine Darstellung der tragischen Lage des Judentums in der Diaspora, worauf er zum eigentlichen Thema, dem Problem Palästina, überging. Seine Rede machte auf die Anwesenden tiefen Eindruck. Jüdische Not und Jüdische Forderungen Dr. Weizmann begann mit der Darlegung fler Ursachen, die die zionistische Bewegung entstehen ließen, sowie ihrer Ziele. Er schilderte die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa — die Lage von 6 Millionen Menschen, die sich in einem Zustand befinden, welcher weder als Leben noch als Sterben bezeichnet werden kann. Er erwähnte die Pläne des polnischen Ministers des Auswärtigen, der erklärt haben soll, daß eine Million Juden zu viel für Polen seien. Es ist schwer zu verstehen, sagte Dr. Weizmann, weshalb die Juden, die seit tausend Jahren in Polen ansässig sind, die sein Leid geteilt und zu seiner Prosperität beigetragen haben, plötzlich als lästig empfunden werden sollten, ln den anderen Ländern Osteuropas ist die Lage der Juden nicht besser. Vor dem Kriege bestand die Möglichkeit der Auswanderung nach den überseeischen Länderu, von der Juden in ihren Massen Gebrauch gemacht haben; jetzt aber sind die Tore der ehemaligen Einwanderungsländer gesperrt. In Beantwortung einer Frage von Lord Peel gab Dr, Weizmann eine kurze Übersicht der jetzigen Lage der Juden in Rußland und erklärte, daß der Zionismus in Rußland verboten ist, da er von der russischen Regierung als Instrument des britischen Imperialismus angesehen wird. Antisemitismus überflutet Europa Dr. Weizmann sprach ausführlich über den Antisemitismus, dessen Grenze einst die Weichsel bildete, während er jetzt bereits den Rhein überschritten hat und die westeuropäischen Länder bedroht. Er schilderte den Untergang der deutsclien Judenheit, die die gesamte jüdische Welt in Sorge versetzt hat. Als Leon Blum Ministerpräsident von Frankreich wurde, hallte Paris von den Rufen „Tod den Juden!“ wider. Als ein Attentat auf den König von England verübt wurde, war der erste Gedanke jedes einzelnen Juden: „Wenn der Attentäter nur kein Jude ist!“. Diese Beispiele genügen, um die prekäre Lago der Juden in der ganzen Welt zu beleuchten. Es besteht die dringende Notwendigkeit, sie zu normalisieren. Ewige Sehnsucht nach Palästina Die grundlegende Ursache des Nichtaufgehens des jüdischen Volkes in ihrer Umgebung war ihro tausendjahrealte Verbundenheit mit Palästina. Dr. Weizmann erwähnte die Versuche der Rückkehr nach Palästina im Laufe der Jahrhunderte und erinnerto an das Angebot von Uganda, das 1904 vom Zionistenkongroß zurückgewiesen wurde. Das Interesse des englischen Volkes für Palästina geht auf 300 Jahre vor dem Zeitpunkt der Balfour-Deklaration, und zwar a.uf Oromwell zurück. D!e Ziele der Batfour-Deklaratlon Nach einer kurzen Pause setzto Dr. Woizmann seine Rede fort. Er legte die Gründe dar, die die britische Regierung bewogen hatten, die Baltour-Deklaration herauszugeben. Es handelte sich hierbei um die Erkenntnis der jüdischen Heimatlosigkeit und jüdischen Verbundenheit mit Palästina, und nicht um ein Propagandamanöver, mit dem man etwa gehofft hätte, die reichen Juden zu gewinnen. Die reichen Juden in der ganzen Welt waren damals Gegner des Zionismus. Die Deklaration wurde nicht leichtsinnig, sondern erst nach reiflicher Überlegung innerhalb des britischen Kabinett« gegeben, und zwar weil das britische Volk einen Beitrag zur Lösung der Judenfrage machen wollte. Was damals darunter verstanden wurde, war ein jüdischer Staat; was die Balfour-Deklaratlon versprach, war eine nationale Heimstätte, was bedeutete, daß die Juden dort als Volk auf Grund von Recht und nicht von Duldung leben sollten. Die Balfour-Deklaration enthält auch einen zweiten Teil; wir sind einverstanden damit, daß dieser zweite Teil von der Royal Commission in breitestem Sinne interpretiert wird, und daß . sie ihr Urteil darüber abgeben soll, ob dieser zweite Teil durchgefilhrt worden ist. Wir kamen nicht um dieses zweiten Teiles willen nach Palästina, aber wir sind glücklich und darauf stolz, daß unser Wiederaufbauwerk durchgeführt wurde, nicht nur ohne den Arabern zu schaden, sondern indem es ihnen Vorteile brachte. Dr. Weizmann wies auf die Vergrößerung der jüdischen Bevölkerung hin und bestritt, daß alles gute Land in den Besitz der Juden übergegangen sei. Es hat sich vielmehr in den meisten Fällen um schlechten Bodeu gehandelt, der durch jüdische Arbeit verbessert TquemoWcihnachtssondcrfahrtnach Pden und Czerawitz Abfahrt: 22. Dezember 1936 mit der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung“ Anmeldungen ausschließlich: R ei sei» tro „Mtarienbrücke** l., Rotenturmslraße 26 Telephon R 24-2-88/S7 wurde, und zwar unter den größten Schwierigkeiten, die in mühevoller Kolonisationsarbeit überwunden werden mußten. Wir wollen Frieden mit den Arabern Der arabische Nationalismus betrachte Palästina als ein arabisches Land, während schon Lord Mi 1 ner Palästina da« traditionelle Land der Juden genannt habe. Er selbst habe in vollem Einvernehmen mit dem Emir F e i s a I gestanden, den er auf Anregung Lord A 11 e n b y s kennen- ■ lernte und mit dem ihn lebenslängliche Freundschaft verband. So kam es dazu, daß während der Friedenskonferenz ein Vertrag zwischen ihm und dem Emir Feisal geschlossen wurde, der von Colonel Lawrence als Dolmetscher entworfen wurde. Dr. Weizmann wies darauf hin, daß die Juden, wenn sie auch möglicherweise nicht genug Anstrengungen gemacht haben, um die Araber zu beruhigen, doch häufig versucht haben, den Arabern den jüdischen Standpunkt begreiflich zu machen, um zu wechselseitiger Zusammenarbeit zu gelangen. Die Juden sind bereit, der Kommission bei der Lösung der dornigen Probleme, mit denen sie befaßt ist, zu helfen; es sei jedoch unvorstellbar, daß es den Juden jemals ver-, wehrt sein sollte, frei nach Palästina einzuwandern, soweit es die Absorptionsfähigkeit des Landes zuläßt. „Ich wäre stolz, Chaluz zu sein“ Zur Frage der Immigration führte Doktor Weizmann aus, daß die Immigration fast aller anderen Einwanderungsländer keineswegs den Wunsch haben, daß andere ihnen folgen; in Palästina werde die Kommission das Umgekehrte vorfinden. Wenn der Vorwurf bisweilen erhoben sei, die jüdischen Immigranten seien der Abschaum Osteuropa6, so erklärte Dr. Weizmann, indem er das Wesen der jüdischen Chaluzim schilderte, daß er stolz wäre, zu ihnen gerechnet zu werden. Aus dem Kriege seien die Araber mit drei Königreichen hervorgegangen; die Juden hätten nur das kleine Palästina bekommen, in dem sich ihr Schicksal zu erfüllen hat Im Mittelalter habe es arabisch-jüdische Zusammenarbeit gegeben; er hoffe noch immer, daß eine solche Zusammenarbeit aufs neue stattflnden kann. Zur Zeit der Balfour-Deklaration und noch l fünf Jahre später wurde Transjordanien als Teil Palästinas betrachtet. Es sei daher hart für die Juden, wenn sie, nachdem man Palästina gespalten hat, jetzt hören müßten, daß sie in diesem kleinen Lande Überfüllung verursachen. Es könne durch intensive Entwicklung des Bodens noch sehr beträchtlicher weiterer Lebensraum in Palästina geschaffen werden. Konstruktive Siedlungspolitik! Dr. Weizmann wies auf die großen Fortschritte hin, die im Gegensatz zu allen ungünstigen Schätzungen vor sechs Jahren seither erzielt ^’urden, und erklärte, daß der weitere Fortschritt davon abhängig sei, daß die Regierung eine dynamische Bodenentwicklungs-PoIitik in Angriff nehme. Dio relativ geringe Absorption neuer Einwanderer in der Landwirtschaft soi eine Folge der Langsamkeit, in/it der fcic-h landwirtschaftliche Ansiedlung notwendigerweise zu vollziehen hälfe, Erna BMchleunigung könnte durch eine konstruktive Politik der Regierung herboigeführt werdeu. Indem Dr. Weizmann dio Arbeiterpolitik in den zionistischen Siedlungen verteidigte, betonte er, daß die Juden, wenn sie im Lande wirklich verwurzelt werden sollen, sich mit der Arbeit ihrer Hände an der Urproduktion beteiligen müssen. Abschließend erklärte Dr. Weizmann, daß dio jüdischen Beschwerden der Kommission in einem konstruktiven Geiste unterbreitet .werden, ihre biqS.mi „ORBIS"-$oncJerfalirt nach POLEH-tüMIBESLIfl ABFAHRT: 29. DEZEMBER 1936 Anmeldungen: Poln. Rels.ÄUro „ORBIS1* I,, Kärn.na’slraßi 41 ' ■•».!-»> OESTfiRREifCHISCHES VERKEHRSBÜRO Friedrichstralie 7 R27-50J .. Graben dj i 2!t n 35 Hauptbeschwerde sei das Versagen der Regierung, die eine positive, auf die Entwicklung des Nationalen Heimes und des Landes als Ganzes abzielende Politik nicht ergriffen habe. Schließlich setzte Dr. Weizmann die Gründe auseinander, die die Juden bestimmt haben, der vorgeschlagenen Einsetzung eines Legislative Council zu widersprechen, wobei er hinzufügte, daß er gewisse Aussichten für die Lösung dieses Probleme« in der Zukunft sehe. Dr. Weizmann, der fast 234 Stunden sprach, wurde nur durch wenige Fragen unterbrochen. Er betonte, daß er nur eine allgemeine Darstellung der jüdischen Sache gebe, während Einzelfragen von den Sachverständigen vorgetragen werden würden, und wies auf das umfangreiche gedruckte Material hin. das der Kommission seitens der Jewish Agency vorgelegt werde. Donnerstag in geschlossener Sitzung Jerusalem, 27. November. Donnerstag fand eine geschlossene Sitzung der Königlichen Kommission statt, in der Dr. Weizmann seine Aussagen fortsetzte. Auch Dr. Weizmanns zweite Aussage vor der Kommission dauerte über 234 Stunden. Er behandelte diesmal die fundamentalen Ursachen der Unruhen und die Stellungnahme der Palästina-Verwaltung. Ferner legte Dr. Weizmann die Beschwerden der Juden dar. Suez-Kanal Jerusalem unterstell Jerusalem, 29. November. (JTA.) Das Zentralkonunando der britischen Truppen im Nahen Osten wird nun nach Abschluß des englisch-ägyptischen Vertrages von Kairo nach Jerusalem verlegt werden. Das Kommando wird den offiziellen Titel „Britisches Zentral-Militärkommando für den Suezkanal in Jerusalem“ führen. Die britischen Militäreinheiten werden . die Bezeichnung „Britische Truppen in Palästina und im Suezkanal“, statt der bisherigen Bezeichnung „Britische Armee in Ägypten“ tragen. %<**%**< Sonderberichte der „Stimme77 aus Erez Israel „Die Stimme“ hat einen Sonderberichterstatter nach Erez Israel entsandt, der einige Wochen lang im Land bleibt, die Städte und Siedlungen bereisen und fortlaufend über seine Erfahrungen und' Erlebnisse berichten wird. Er wird politische Artikel, Reportagen, Feuilletons schreiben, die ein getreues Spiegelbild des Lebens im jüdischen Land bieten werden. Wir beginnen mit der Veröffentlichung der Berichte in der nächsten Nummer unseres Blattes.

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