Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 600 (27.11.1936)
- Date
- 1936-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 600. — Wien, Freitag, 27. November 1936. Oll ITIMMI Seite 5 Dr• Kar 1 Bondys Nietzsche muß doch v d/XJ JToOOI iPV Ci Q-dll. I (Nietzsche und der Nationalsozialismus) Das wichtigste Requisit der nationalsozialistischen Propaganda ist bekanntlich die unentwegte Berufung auf große deutsche Denker, die von den Führern der Bewegung als geistesverwandt zu den Ihren gezählt werden. Vor allem Bind es die deutschen Philosophen, die aus der Rüstkammer der nationalsozialistischen Propaganda geholt werden und herhalten müssen. Zitate aus ihren Werken sollen die Öffentlichkeit und die Anhängerschaft überzeugen, daß die grundsätzlichen Theorien des nationalsozialistischen Gedankenbereichs in Einklang mit den Lehren der Philosophen stehen. Besonders wird von dem „weltanschaulichen Leiter“ Dr. R o s e n b e r g Friedrich Nietzsche zitiert, der unter anderen Autoritäten, auf die man sich beruft, das wissenschaftliche Fundament zu den mehr als problematischen „Lehren“, insbesondere zur Stützung der Rassentheorie abgeben soll. Es wird hiebei auf die Unwissenheit der großen Menge der Auhänger spekuliert; denn würde man mit deren Wissen rechnen, so würde man es kaum versuchen, speziell Nietzsche zu zitieren. Gerade Nietzsche ist der letzte, der als Stütze auch nur einer einzigen der nationalsozialistischen Theorien herangezogen werden könnte. Friedrich Nietzsche befaßt sich in seinen „Fragmenten“ und Aphorismen vielfach mit der Rassenfrage, insbesondere mit den Fragen, die das Judentum betreffen; aber durchaus nicht im Sinne Rosenbergs oder der nationalsozialistischen Gedankenwelt. Diese propagiert bekanntlich einerseits die Anschauung der Minderwertigkeit der semitischen Stämme, der Verwerflichkeit ihres moralischen Einflusses auf die Welt und der Verdorbenheit speziell jüdischer Charakterveranlagung und kann anderseits nicht genug hervorheben, wie überlegen die arische Rassen, in Sonderheit die nordische und speziell die germanische Rasse gegenüber allen anderer! Rassen sind. Was sagt aber Nietzsche? Man nehme beispielsweise das Spätlingswerk Nietsches „Der Wille zur Macht, Versuch einer Umwertung aller Werte“ aus der Naumannschen, von der Schwester Nietzsches, Elisabeth Förster-Nietzsche, veranlaßten Ausgabe, zur Hand. In den dort veröffentlichten Studien und Fragmenten befaßt. sich der deutsche Philosoph im zweiten Buche „Kritik der höchsten Werte“ (Seite 192) mit dem arischen Einfluß auf die Welt. Das Ergebnis seiner Studien ist. nicht gerade geeignet, die nationalsozialistische Fassade zu verzieren; denn Nietzsche schließt seine kritischen Bemerkungen des Manu- Gesetzbuohes mit folgenden Sätzen: „Wir haben das klassische Muster als spezifisch arisch; wir dürfen also die b&stausgestatiete und besonnendste Art Mensch ‘verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, die -je gemacht worden ist. Man hat das nachgemacht, überall beinahe; der ar is c h e E i nfluß hat alle W eit v erd orbe n.“ Auch die anderen Werko Nietzsches Ktehen im schroffen Gegensatz zu den Theorien dos Nationalsozialismus. In seinem Hauptwerk „Also sprach Zuratlius t r a“ weiß sich der Dichter kein besseres Ideal zu wählen, als den semitische u königlichen Philosophen Zarathustra, der für ihn der T räger höchster Moral ist. Auch erscheint dem Dichter der semitische Einfluß auf die Kultur der Menschheit durchaus nicht demoralisierend. Allzu deutlich spricht Nietzsche hierüber an mannigfachen Stellen über die Lehren des Juden- Ins; beispielsweise in seinen Bemerkungen über dio Religion und in der „Kritik der höchsten Werte“ Traktat, 114 (Seite 1.15): „Die Realität, auf der das Christentum sich .aufbauen konnte, war die kleine jüdische Familie der Diaspora mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unversfandenen Bereitschaft zum Helfen, Einsteben füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut.li verkleideten Stolz der Auserwählten, mit Ihrem Innerlichsten Neinsagen ohne Neid, zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat. Das als Macht erkannt zu haben, diesen seligen Zustand als mitteilsam und verführerisch erkannt zu haben, ist das Genie des Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszuniitzen zu einer jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft — das erriet er als seine Aufgabe. A u8 der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der Liebe her: Es ist eine leidenschaftlichere Seele, die hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: So war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein j ü d isches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist.“ Wenn man sich vor Augen hält, in welcher kritischen Art Nietzsche über die anderen Glaubensbekenntnisse spricht, beispielsweise in seiner „Kritik der Modernität“ (Seite 57 der genannten Ausgabe) über den P r o t c s t a n t i s in u s, so muß die besondere Wärme, mit der Nietzsche hier vom Judentum und seinen Grundlehren spricht, auffallen. Während Nietzsche — wie oben dargetan — von dem verhängnisvollen arischen Einfluß spricht, befaßt er sich im 130. Traktat (Seite 192/30) mit dem Werk des Semitismus und nennt den Stoizismus, die Lehre, die auf heldenhafter Überwindung alles menschlichen Ungemaches hinzielt, d;us „wesentliche Werk von Semite n“. will also damit diesen Einfluß des Semiticmufl im Gegensatz zu dem arischen Einfluß gewiß nicht herabsetzen. In der Abhandlung über Kultur „Die Nationen“ sagt Nietzsche im Traktat 812 (Seite 330) wörtlich: „Die asiatischen Menschen sind hundertmal großartiger als die europäischen.“ Im Traktat. 818 stellt er mit den Worten: „Das alte Israel und die Deutschen des Tacitus sind gleich“ die Juden uncl die Ohcrusker-Germanen auf eine Stufe. Das nächste Traktat 819 wird den Nationalsozialismus besonders kFinken, denn hier sagt Nietzsche wörtlich: „In Europa sind die Juden die älteste und reinste Rasse. Deshalb ist die Schönheit der Jüdin die höchste.“ Im Traktat 823 (Seite 332) aber sagt N ie tzscho wörtl ich: „Der Deutsche genießt jetzt im Auslande einen Zuschuß von Erstaunen und Achtung, gegen frühere Zeiten gerechnet, aber er macht keine Freude; der Preuße insonderheit ist den Südländern Europas immer noch peinlich, nicht wegen seines Stolzes — denn er ist nicht stolz —, sondern wegen seiner Unbescheidenheit und schlechten, harten, oft zudringlichen Manieren. Der Süddeutsche ist plump, bäurisch gutmütig und doch nicht vertraueneintlößend; man wittert bei ihm die berühmten ,zwei Seelen in einer Brust4.“ Man erinnert sich: Unbescheidenheit, Zudringlichkeit und Zwiespältigkeit sind nach der Anschauung des Nationalsozialismus spezifische Eigenschaften der Juden! In seinen „Bemerkungen über Religion“ (Seite 321), Traktat 430, folgt wieder eine sehr aufschlußreiche Abhandlung Nietzsches über ein Ähnliches Gebiet; er sagt hier wörtlich: „Will man behaupten, daß der Germane für das Christentum vorgebildet und vorbestimmt gewesen ist, so darf es einem nicht an Unverschämtheit, fehlen. Sondern das Gegenteil ist nicht nur wahr, sondern auch h andgreif l i c h. Woher sollte auch die Erfindung zweier ausgezeichneter J ude n, des Jesus unddes Saulus, der zwei jüdischsten Juden, die es vielleichtgegeben hat, gerade die Germanen mehr anheimeln als andere Völker? Wie reimt sich die höchste moralische SubtiLität, welche ein Rabbiner- und nicht ein Bärenhäuterverstand so geschärft hat, und welcher die Erfindung des heiligen Gottes und der Sünde an ihm zuerst gelungen ist, das Gefühl der Unfreiheit und Knechtschaft in einem grenzenlos ehrsüchtigen Völkchen, sein Ausschauen nach dem Erlöser und Vollender aller Hoffnungen, die priesterliche Hierarchie und das volkstümliche Asketentum, die überall fühlbare Nähe der Wüste — und nicht die des Bärenwaldes — wie reimt sich dies alles zum faulen, aber kriegerischen und raubsüchügen Germanen, zum sinnlich kalten Jagdliebhaber und Biertrinker, der es nicht höher als bis zu einer echten und schlechten Indianerreligion gebracht hat und Menschen auf Opfersteinen zu schlachten noch vor zehii- Imndert Jahren nicht verlernt hatte?“' Herr Dr. Rosenberg, was sagen Sie zu solchen Anschauungen? Oder zu den folgenden, im Traktat 433 (Seite 322) enthaltenen: „Was aber sagt der Europäer, welcher nach dem Vorzug der altjiidischen Literatur vor allen anderen alten Literaturen gefragt wird: ,Es ist mehr Moral darin4. Das heißt aber: Es ist mehr Moral darin, welche jetzt in Europa anerkannt wird; und das heißt wiederum nichts anderes als: Europa hat die jüdische Moralität angenommen und hält diese für eine besser e.“ Was ich oben angeführt iia.be, «sind wörtliche Zitate aus Nietzsches Werken. Hiezu ist zu bemerken, daß auch andere deutsche Philosophen, wie Hegel zum Beispiel, gleich Nietzsche gedacht haben. Sagt doch Hegel beispielsweise in seiner Enzyklopädie, Abhandlung „Religionen der geistigen Individualität“: „Die jüdische Religion ist die Religion der Erhabenheit.“ Es sei daran erinnert, daß Hegel von Kant und Spinoza beeinflußt wurde. Die Lehren des heutigen Nationalsozialismus werden täglich durch Abhandlungen Millionen und aber Millionen oingehämniert; eo oft und so intensiv, daß sie schon Dogmen gleichen und vou violen wirklich geglaubt werden. Damit wird aber die Diskriminierung einzelner Rassen nicht wahrer oder berechtigter. Wenn ich heute mit obigen Zeilen einen kleinen Beitrag geleistet habe, so habe ich es wahrlich nicht deswegen getan, um irgend einen Glauben oder eine Religion gegen dio andere zuriiekzustellen oder nun den arischen Völkern , und speziell dem germanischen Stamme nahezutreten; sondern deswegen, um Wintersport fürs Kind! Jod. Klnderlerfenhelm »ATID« Inhaber u. Leiter * A. TAGLICHT Mod. komf. Helm Cnital km VorzUql, rituelle vÄB9k"qu„..„icht Semmering Stand. Ärztliche und pädagogische Aufsicht Sekretariat: Wien, IX.,Schwarzspanierstraße 12/3 Tel. A 96-3.73 der neuesten Weltanschauung mit ihrer eigenen Waffe entgegenzutreten, nämlich mit ihrer Methode, sich «auf Autoritäten zu berufen. Eben jeno Autoritäten — und Nietzsche als einer der größten modernen Denker kann nicht verleugnet werden — sind aber, wenn man wirklich ihre Gedankengänge kennt, die letzten, auf die sich der Nationalsozialismus berufen kann. (Es wäre gut, wenn sich die Leiter der Propaganda in Deutschland mit. der von ihnen so oft zitierten Materie mehr vertraut machen würden, als es bisher offenbar geschehen ist.) Friedrich Nietzeche wird es «ich (wenn Herr Dr. Rosenberg ihn einmal lesen sollte) wohl gefallen lassen müssen, mit, zur großen Zahl jener schöpferischen Geister gezählt zu werden, deren Werke auf dem Scheiterhaufen ihr Ende finden. Keinesfalls dürfte es schwerfallen, eine Entscheidung zu treffen, ob Rosenhergö oder Nietzsches Ansichten der Vorzug zu geben ist. Wenn ich mit obigen Zitaten nur das eine erreicht habe, daß jene bedauernswerten Geschöpfe, welchen seit vier Jahren das Bewußtsein ihrer Inferiorität und ihrer Diskriminierung eingehämmert wird, so daß sie schon selbst daran glauben, wieder etwas Selbstvertrauen finden und daß unsere christlichen Mitmenschen in christlicher Nächstenliebe in den Andersgläubigen wieder den gleichwertigen Menschen sehen, so habe ich meinen Zwreck erreicht. iiiiiiiiiiniiMiiniiiMiiiniitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiitiiiiimmmiinimmiiiiiiimmiii Arbeifska’ender des Keren Kajemeth Lejisrael Liga der Keren Kajemeth-Freunde* — Referate Prof« Julian Silber* busch und Dr« Chaim Tartakower« Samstag, 28. November, 8 Uhr abends: Klub „Adolf Stand”: Palästina-Kundgebung mit Lichtbildern, Ausstellungsstraße 11. Montag, 30. November, 9 Uhr abends: 13. Zirkelvensammlung. Dienstag, 1. Dezember, 8 Uhr abends: Sektion VI/VII: Palästina-Abend (mit Lichtbildern). Mittwoch, 2. Dezember, 8 Uhr abends: Mirjam und Jung-WIZO, Jordangasse 7: Palästina-Abend (neueste Lichtbilder). Mittwoch, 2. November, 5610 Uhr abends: Haowed, II., Unt. Augartenstraße 38: Versammlung. Donnerstag, 3. Dezember, 8 Uhr abends: Zion. Bez.-Sektion II., Praterstraße 13: Vortrag: „Unsere Antwort auf die Ereignisse in Palästina“. Freitag, 4. Dezember, 9 Uhr abends: 1. Bezirk: Zirkelabend. Samstag, 5. Dezember, 8 Uhr abends: Zion. Bez.-Sektion VIII/IX, Währingerstraße 6: Palästina-Kundgebung. Die Provinztagung der WIZO Österreichs findet am Sonntag, den 29. November 1936, im WlZO-Heim, /., Schottenring 23, statt. T a ge s or dn un g: Vormittag 10.30 Uhr: Eröffnung und Begrüßung. — Referate der Delegierten und der Leitung. Schluß der Sitzung 1 Uhr. — Nachmittag 3 Uhr: Diskussion über die Referate. — Vorschläge für dieses Arbeitsjahr. — Wahlen. — Eventuelles. Mit Rücksicht auf die Notwendigkeit der Ausbreitung der WIZO in allen jüdischen Gemeinden Österreichs kommt dieser Tagung besondere Bedeutung zu. Delegierte aus den meisten Provinzgruppen sind angesagt, Jüdischer Hochschulausschuß. Dienstag, den 1. Dezember, im Ohajes-Saal, IX., Alserstraße Nr. 26, Vortrag Professor Max Eisler: „Zur Frage der jüdischen Kunst.“ Beginn 20 Uhr. Gäste willkommen! Ein lustiger Pojaz in der jüdlscheu Gasse. Im Marmorsaal des Caf6 National etablierte sich eine Truppe von bekannten jüdischen Schauspielern uncl Sängern, unter denen Hilda Dulitzkaja, Lucio Delburg, Ohunnah Perl, Hoff, Herschkowitz, der bekannte Conferencier Erwin Engel hervortreten. Geschmackvolle Bühnenbilder, Humor, Satire und Gesang eben dem Publikum für wenig Geld eine fcätte wahren Vergnügens. Repräsentative Makkabäer-Feier des Zionistischen Landesverbandes für Österreich, der WiZO und der Zionistischen Beilrkssektlonen am 8. Dezember1