Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 594 (6.11.1936)
- Date
- 1936-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Z OIE SflMMfi Nr* 594 — Wien, Freitag, 6. November 1936 Schlager ergeben wie das Wort von den zwei Vaterländern. Nur ein Einsender der ..Wahrheit“ (Nr. 44, S. 6), der offenbar ein besonders kompetentes Urteil hat, spricht noch von Volksverbundenheit“ (natürlich mit dem deutschen Volk). Aber auch diesem Volksverbundenen dürfen wir sagen, daß die Zionisten, die im Bereich deutscher Kultur aufgewachsen sind oder seit längerer Zeit in ihr leben, mindestens nicht weniger eng mit dieser Kultur verbunden sind oder geringeren Anteil an ihr genommen haben als die betont volksverbundenen oder die nur noch schlechthin österreichischvaterländisch fühlenden Juden. Auch die Urteile über den jüdischen Nationalismus und die Einstellung zu dem Palästinaproblem lassen nicht nur sachliches Verständnis, sondern auch den Sinn für Wahrheit vermissen. Denn man kann es nur als bewußte Entstellung des wahren Sachverhaltes bezeichnen, wenn die im Gegensatz zu den krankhaften Assimilationsbestrebungen gesunde und natürliche und keineswegs exzessive und unduldsame jüdische nationale Bewegung, die eine physische und geistige Renaissance des jüdischen Volkes inauguriert hat, mit dem extremen Nationalismus eines Schönerer oder gar der Hitlerbewegung auf eine Linie gestellt wird. Und es ist gröblicher Mißbrauch, wenn das Grillparzersche Wort „Von der Humanität durch die Nationalität zur Bestialität“ auf den jüdischen Nationalismus angewendet wird. Man vergleiche mit solcher Einstellung die Art, in der der große deutsche Jude Einstein sich im Jahre 1921 zur jüdischen Nationalität bekennt: Juden Deutschlands geschlossen für Palästina-Arbeit Am 2. November ist in Frankfurt a. M. j der neugesohaffene Rat bei der Reichsver-J trctung der Juden in Deutsollland, der die, Vertreter der Landesverbände jüdischer Gemeinden und der großen jüdischen Orga-. nittttionen umfaßt, zu tri ensteumal zusainm enge treten. Hiezu wird offiziell mitgetoilt: In dieser ersten Sitzung hat eich de? Rat von der Gesamtheit der Aufgaben Rechenschaft gegeben, deren Erfüllung die Arbeit der kommenden Monate zifgowandt sein muß. Während der Umfang der Auf- . gaben immer großer geworden ist, wird die Leistungsfähigkeit der Gemeinden und der I jüdischen Gesamtheit in Deutschland durch) die Verminderung der Zahl und der wirti sohaftlichen Kräfte der Juden in Deutsch-) land immer geringer. Allseitig kam zum j Ausdruck, daß Vorbereitung uncl Durchführung der Auswanderung in alle Länder, Berufsumschiehtung, Schul- und Rildungswesen, Wirtschaftshilfe, Wohlfahrtspflege das Kernstück der Arbeit der Reichsvertretung sind und in der nächsten Zeit bleiben werden. Es herrschte Übereinstimmung, daß auch weiterhin überaus dringlich die Aufgabe ist, mit aßen Kräften an der N e u gest a 1 t u n g jüdischen Schicksals i n P a 1 ä.sti n a zii wirken, das in den letzten Jahren Zehntausenden jüdischer Menschen aus Deutschland zur neuen Heimat geworden ist. Die Juden in Palästina schicken sich an, die Wunden, die schwere Kampfesmohate geschlagen haben, ln ungebrochener Aufbauarbeit zu heilen. Der Bereitschaft der Juden in der-ganzen Welt muß auch in Deutschland die über das gewohnte Maß hinausgehende Mitarbeit aller Juden am Aufbau Palästinas entsprechen. Mit ihrem Opfer für den Keren Hajessod, dessen Arbeit in diesem Jahr im Zeichen des „Mifal Bizzaron u’Bitachon“ steht, erhärtet auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ihren Anspruch auf Offen haltung der Tore Palästinas und auf die Verwirklichung der Ba If o u r-D ek I a r a ti on und des Palästina-Mandats. i\\\\\\\\\\\\\W 1 OPTIKER I (KARL SEIDNER( I., Franz-Jorefj-Kal 33 II., Hollancstraße 7 $5 Fachmännische» Rat Reiche Auswahl g Beste Qualität g Preiswert 0 ^\\\\\\\\\\\\\\\m „Ich bin ein nationaler Jude in dem Sinne, daß ich die Erhaltung der jüdischen Nationalität wie die einer jeden anderen fordere. Ich sehe die jüdische Nationalität als eine Tatsache an, und ich meine, daß jeder Jude zu endgültigen Entschlüssen in bezug auf jüdische Fragen auf der Basis dieser Tatsachen gelangen sollte. Ich betrachte das Wachsen des jüdischen Selbstbewußtseins als im Interesse der Nichtjuden wie der Juden gelegen. Das war mein .Hauptgrund für meinen Anschluß an die zionistische Bewegung. Für mich sit Zionismus nicht bloß eine Frage der Kolonisation. Die jüdische Nation ist etwas Lebendiges, und das jüdische Nationalgefühl muß in Palästina und überall sonst entwickelt werden. Die jüdische Nationalität in der Diaspora zu verneinen, ist ein beklagenswertes Beginnen...“ (Aus der englischen Übersetzung von Reden und Briefen „About Zionismus“, New York 1931, S. 41 f.) Oder man denke an das Beispiel des hervorragenden jüdisch-amerikanischen Schriftstellers und Gelehrten Ludwig Lewisohn, eines der besten Kenner der deutschen und der englischen Literatur, der, aus einem ganz assimilatorischen Milieu hervorgegangen, als glühender Verehrer Deutschlands und deutscher Kultur und guter, treuer amerikanischer Bürger zu einem mit dem Judentum und seiner Geschichte und Literatur wohlvertrauten nationalen Juden und energischen Verneiner und Bekärapfer der von ihm als verderblich angehenen Assimilation geworden ist (vgl. sein Buch „Israel“, New York, 1925). Von Interesse sind in diesem Zusammenhang auch die treffenden Worte, die der vor kurzer Zeit verstorbene feinsinnige Professor Ludwig Braun, ein denkender Nichtzionist, mit deutlicher Anspielung auf die Assimilation gesprochen hat: „Man hat in dipsor, der Emanzipationszeit, die vielen Gaben, mit welchen die Juden die Kultur und die Zivilisation der Völker beschenkte, mehr oder weniger dankbar entgegengenommen, aber die Bestrebungen, ein sozusagen u nauffälliges Judentum zu schaffen, sind schließlich doch erfolglos geblieben. Dieser Verleugnung des Judentums, wie man im Grunde genommen Cafe-Restaurant I., Rotenturmstraße 24 Vollständig neu umgestaltet - Sehenswürdlgkeits „Oer Mlrthenbrunnen" - Erstklassiger Kaffee und Küche „EXCELSIOR" sagen kann, hat sich nun eine neue jüdische Gedankenwelt mit neuen Zielen und neuen Hoffnungen kräftig gegenübergestellt. Allem Anschein nach stehen wir an der zweiten großen Schicksalswende des jüdischen Volkes, vor einer neuen Epoche und; — hoffentlich — einem neuen Frühling im Leben unseres uralten, vielgeprüften Volkes.“ Diese ausgewählten Beispiele wollen: den Unterschied zwischen ehrlichem, sachlichem Urteil und von- Baß-!diktier ten, nicht aus. Sachkenntnis geschöpften: Äußerungen über jüdischen- Nationalismus beleuchten. Derselben Leichtfertigkeit 'und demselben Mangel an Aufrichtigkeit5 begegnen’ -wir aber auch.-Tbef in deiV Wahlaufrufen enthalfeh^h?!'KuneF' gebüngäri der.- gegenwärtigen -%ortf|ibrorf Aüfbä^Kverk,- - das" * -die : Z i o n is t e n der „Union“- über das Äiiffräitwiqfßi; in Palästina. Schon "die Behaupt tung, daß die österreichischen Juden (der Union) „jederzeit große Mittel zum Aufbau , einer Heimstätte in Palästina-für verfolgte existenzlose - Glaubensbrüder beigetragen“ haben, enthält eine krasse Unwahrheit. „Jederzeit große Mittel zum Aufbau einer Heimstätte-?“-Ist-nsdenn- -dem-Autor dieses Satzes nicht bekannt,- daß ' seine: Gesinnungsgenossen die zionistischen Bestrebungen von Anfang an bis zur Balfour-Deklaration mit Hohn und Spott überschüttet, alle Leistungen herabgesetzt, alle Mißerfolge und Schwierigkeiten mit Schadenfreude registriert, die Aussichtslosigkeit des Unternehmens vorausgesagt und sich konsequent ferngehalten haben, während die Zionisten Opfer an Leben und Vermögen für den Aufbau einer besseren Zukunft des jüdischen Volkes gebracht - haben? Wie darf er es wagen, die Almosen an die Chalukkah-Juden oder Beiträge für die Erhaltung einer Schule oder für ein Spital in eine Linie zu stellen mit den achtung-, nein ehrfuvehtgebietenden Leistungen der Zionisten, der Jüdischnationalen in Palästina? Haben sich etwa Angehörige der Union bereit erklärt, der Jewish Agency beizutreten, wie dies in anderen Ländern hervorragende Nichtzionisten, Männer wie Louis Marshall u. a. m., getan haben, die sich nicht durch „die jüdisch-politischen Wünsche und Bestrebungen“ der Zionisten davon abhalten ließen, in engster Zusammenarbeit mit den Zionisten ihre ganze Kraft in den Dienst der Aufbauarbeit in Palästina zu stellen? Haben - die unionistischen Mitglieder mit Begeisterung oder erst nach langem Drängen und Feilschen den Beitrag der Kultusgemeinde für den Iveren Hajessod bewilligt? Sie und ihre Gesinnungsgenossen in anderen Ländern haben - schwere, unverzeihliche Schuld auf sich geladen* weil sie durch ihre f ein ds-ei-ige-Eins tellung das A u f b au w e r k g e s t ö r t u n d aufgehalten haben. Hätten sie „jederzeit große Mittel“ bereitgestellt, würde däs von--allen ehrlichen*■>. gutgesinnten Mienschon anerkannte und bewunderte a,:ll e in '.vollbracht haben, einen unvergleichlich größeren. Umfang angenommen haben,- und die durch die politischen Ereignisse . der letzten.: Jahre hervor gerufenen Schwierigkeiten und die schweren , Opfer an-Menschenleben wären h ö c h s t w a h. r s c h e i n 1 i e h . v e rm| i e d e n ,w p i d e n. Wenn die wohlhabenden-Judep der *,Uni,önf- und ihre-Gesinnungsgenossen rechtzeitig die für den Ankauf von palästinensischen Boden bestimmten- Institutionen in ausgiebiger Weise gestärkt hätten, hätte der Schreiber der „Wahrheit“ (Nr. 37, S. 5) nicht bei der Apss.chLachtung des Berichtes der HICEM mit unverkennbarem Behagen die „angesichts der miverhältnismäßigen jüdischnationalen .Propaganda für Palästina überraschende Tatsache“ konstatieren müssen, „daß in den letzten zehn Jahren nicht einmal ein Drittel der jüdischen Wanderungsbewegung sich auf Palästina bezogen hat“. Aus dieser und mancher anderen Äußerung, die ich noch anftthren könnte, grinst einem die Unaufrichtigkeit entgegen, mit der die Union“ das palästinensische Aufbauwerk behandelt. Unter diesen Umständen darf man sieh über die einerseits interessiert .tuende, andererseits gehässige, von irgend einer warmen inneren Anteilnahme unberührten Berichterstattung des unionistischen Organs nicht wundern, die auch vor offenkundigen Verdrehungen nicht zurückschreckt. Ich erwähne nur äls ein besonderes typisches Beispiel die Darstellung der „Wahrheit“ (Nr. 48. S. 4), nach der „die Juden in Palästina sich im Interesse ihres friedlichen Auf- OFFEWBACH.SAAL, IV., TREIT1STRASSE 3 Donnerstag, 12. Novembpr, 8,Uhr abends Vortrag KURT BLUMENFELD JERUSALEM SCHICKSAL UND GESTALTUNG" ff Eine Rede über dai Judentum unserer Tage KARTEN VON Sl.- BIS S »ar,AurU'rVrerllnU,f: £on5er£%8!! Ä8, HOHBNBBRÖ. r., Onerneobttude, R27-2-11BuchUumllung JbWri, I., Wotlzeile 0, 1125-4-53 j Buchhandlung RICH. LANYI. I.. Kflrnlneratrafle >44, B 2«-8-8!t; BUcherdtube M- RATH, JL, ’i'aboMitraßo 20 u, R 45-305-, JÜDISCHE KULTURSTELLE, I.^Kai 3, U 28-2-8U bauwerkes freiwillig mit einer Kürzung der Einwanderungsquote abgefunden haben“, was „ein sensationelles Abrücken der tatsächlichen Aufbaupioniere von den chauvinistischen Utopien der jüdischnationalen Führer“ bedeuten würde. Es gehört offenbar ein besonders starkes Maß von — Liebe zum Aufbauwerk dazu, dem in einem Bericht der „N. Fr. Pr.“ stehenden Satz „Die Kürzung der Einwanderungsquote soll von jüdischer Seite vorgenommen werden“ (Zusage der britischen Regierung an die Araber!) die in der „Wahrheit“ enthaltene Fassung zu geben. So leicht sollte die „Wahrheit“ denn doch nicht von der Wahrheit abweichen! Es kann auch nicht auf bloßer Unkenntnis der Tatsachen beruhen — obwohl die Berichte der „Wahrheit“ über Palästinensisches oft eine erschreckende Unkenntnis dokumentieren —, wenn die „tatsächlichen Aufbaupioniere“, denen die „uneingeschränkte Bewunderung“ der „Wahrheit“ gehört, in Gegensatz zu den „chauvinistischen Führern“ gebracht werden, obwohl jedermann weiß, daß die Pioniere und die Führer eines Sinnes sind in dem Bemühen, eine n at i o n a 1 e Heimstätte und nicht ein nach dem Rezept der Wiener „Union“ erbautes Asyl für heimatlose, verfolgte „Glaubensgenossen“ zu errichten, zu denen nach der „Union“ die österreichischen Juden nicht gehören, da „sie keine neue Heimat brauchen, weil sie seit Jahrhunderten in Österreich eine gefun- ,de? haben“! Wie soll man von einer derartigen Einstellung ein inneres Verhältnis zu den großen, mit dem Aufbauwerk verbundenen Fragen erwarten, zu der geistig-kulturellen Erneuerung des jüdischen Volkes, an der wir zum Zwecke unserer Gesundung, teilnehmen müssen? Die völlige Verständnislosigkeit der „Union“ für die von ihr immer wieder herabgesetzte Größe des zu vollbringenden Werkes offenbart Sich jetzt auch noch in der häßlichsten Weise in einem Flugblatt, in dem über die jüdischnationalen Führer Wiens gesagt wird, daß sie von den antisemitisch gesinnten Behörden den Führern der „Union“ vorgezogen werden, weil sie vor diese Antisemiten „mit jenem Wanderstab in der Hand treten, der in deren Augen das zionistische Programm ist, dieses Programm, durch das unsere Jüdischnationalen beteuern, daß sie ehestens die Juden aus Österreich in das Gelobte Land, nach Palästina, führen werden4^!!). Und dies, obwohl einige Zeilen später ausgerechnet wird, daß die „den Wiener Antisemiten augenzwinkernd zugesagte Evakuierung (Österreichs) über zweitausend Jahre dauern müßte“. Die „Union“ sollte sich für die Erörterung derartiger Fragen eine weniger konfuse Autorität zu verschaffen suchen. Ich könnte auch auf manchen anderen Gebieten, die in der Wahlliteratur der „Union“ Stoff zu einer ähnlich bösartigen, unwahren Kritik der Jüdischnationalen und ihrer Leistungen geliefert haben, die Grundlosigkeit oder die maßlosen Übertreibungen dieser Kritik nachweisen, muß es mir aber aus Mangel an Raum versagen. Nur zu der abstoßenden Kampfesweise der „Union“ sei mir noch eine Reminiszenz gestattet. Mir ist noch eine Wählerversammlung der „Union“ in lebendiger Erinnerung, in der ein seitdem verstorbener Redner der „Union“ von unserem unvergeßlichen Oberrabbiner C h a j e s, dieser anima candida, zu sagen wagte: „DerdksGotteshaus. zu einer Spelunke erniedrigt.“ Die Zeiten ändern sich, aber nicht die „Union“ in ihnen. Wer ein Interesse an einem lebendigen Judentum hat, wird zionistisch wählen! i ,