Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-10-20 · Heft 588 (20.10.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 588 (20.10.1936)
Date
1936-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054345--6218-3062043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 OIE STIMME Nr. B88 — Wien, Dienstag, 20. Oktober 1930 Zionistisch oder unionistisch? Am 8. November d. J. findet die Wahl des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemcinde statt. -Während die früheren. Wahlen Im Zeichen der Zersplitterung vor sich gingen und zahlreiche Gruppen als Wahlvverber auftraten, geht es diesmal um die klare Entscheidung: Zionistisch oder nntizionistisch, hier jüdische Einheitlichkeit, dort innerjüdischer Kampf, Warum ist es nicht möglich gewesen, der Wiener Judenschaft in einer Zeit, in welcher der Antisemitismus stärker wütet als je, einen Wahlkampf zu ersparen und eine Einheitsliste aufzustellen? Die Antwort auf diese berechtigte Frage lautet: Die Zionisten waren gewillt, an der Aufstellung einer Einheitsliste teilzunehmen. Die Führer der „Union österreichischer Juden“ haben ein Zusammengehen unmöglich gemacht. Die haben sich durch eine Handlung, welche im Judentum seit jeher als die verwerflichste gilt, durch eine Denunziation gefährlichster und niedrigster Art, an der Ehre und der Sicherheit der Österreichischen Judenschaft schwer versündigt. Sie haben sich damit selbst aus den Reihen jener Juden ausgeschaltet, denen jüdische Ehre, Solidarität und Brüderlichkeit heilig sind. In einer an den Bürgermeister der Stadt Wien und an die R e g i erung gerichteten Aufeichtebesohwerde hat die „Union“ die derzeitige Majorität im Kultus Vorstand der Statutenverletzung bezichtigt und ein Eingreifen der Behörden gefordert, Auflösung des Vorstandes, Einsetzung eines Regierungskommissärs, Zertrümmerung der Autonomie der Judengemeinde. Aber die „Union“ hat sich damit nicht begnügt, Beschwerde zu führen. Sie hat in ihrer Eingabe an die Behörden die derzeitige Mehrheit und mit ihr die Mehrheit der Wiener Judenschaft des Mangels an Vaterlandsliebe und staatsbürgerlicher Zul veriässigkeit beschuldigt. ■ Die „Union“ schreibt in ihrer Eingabe von einer Zurückdrängung der Schande, sind die Spitzenkandid a t e n der Liste der „Union“. Konnte unter diesen Umständen noch von einem Zusammengehen, von einer E i nheitsliste die Rede sein? Nein! Die Entscheidung durch die Wähler hat sich als unumgänglich, als ein G e b o t j ü d i s c h e r Ehre erwiesen. Für Denunziation darf in der Leitung der Wiener Judengemeinde kein Platz sein. * In einer Zeit schwerster politischer und wirtschaftlicher jüdischer Not treten die Männer der Zionistischen Liste vor die Wählerschaft. Sie brauchen sich nicht in tönenden Versprechungen für die Zukunft zu ergehen. Sie haben die Gemeinde durch vier Jahre geführt und können auf Taten verweisen, als Bürgschaft für guten Willen und Fähigkeit. Der Vorstand der Judengemeinde war immer zur Stelle, wenn es galt, für verletzte jüdische Ehre und gekränktes jüdisches Recht einzutreten. Was getan werden konnte, hat er getan. Wenn sich antisemitisches Unrecht als stärker erwies, lag dies nicht beim Vorstand, der es nie unterlassen hat, dem Recht der Judenschaft unter Aufgebot aller seiner Kräfte zu dienen. Der Vorstand war redlich bemüht, die Wirtschaft der Gemeinde in Ordnung zu führen, den religiösen Bedürfnissen der Gemeindennitglieder vollauf Rechnung zu tragen und auf den in unserer Zeitso außerordentlich wichtig gewordenen Gebieten der jüdischen J ug e n d e r z i e h u ng, der Fürsorge für Jugendliche, Notleidende, Kranke und Greise, der Arbeitsvermittlung für A r b e i t e r, Angestellte und Lehrlinge und der Kredithilfe für in Bedrängnis geratene Gewerbetreibende, der Heranbildung der boykottierten jüdischen Jungärzte, der Berufsumschiahtung usw. verstärkte Arbeit zu leisten. Seit Dezember 1932 führt die zionistische Majorität die Gemeinde. Nachstehend einige Daten aus dem Bericht über diese Amtsperiode: Tempel- und Bethausvereine: Subventionen: 145.000 S im Jahre 1932, 190.000 S im Jahre 1936. Bibel- und hebräische Sprachschulen: Im Jahre 1928 gab es zwei Gemeindeschulen. Heute sind es 32, mit 2900 Schülern und Schülerinnen. Ferner werden 25 Vereinsschulen mit 1700 Schülern großzügig subventioniert. Insgesamt 4600 Kinder erhalten also dank der Gemeinde zusätzlichen Unterricht neben dem gesetzlich vorgesohriebenen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen. Die Jüdische Volksschule: Im Jahre 1934 von der Kultusgemeinde gegründet und eröffnet. Die große Zahl der Anmeldungen führte zur Einrichtung von Parallel- Die Union und die Minderheitsredite des in Österreich beheimateten, positiv religiös und vaterländisch fühlenden Teiles der Angehörigen der Wiener Kultusgemeinde..und führt weiter aus: „... daß die ,Union* die Organisation aller (wohlgemerkt: aller!) Wiener Juden ist, die auf dem positiv religiösen, vaterländisch - österreichischen ' Boden stehen.. Durch diese Beschwerde der „Union“ erscheinen also die Bohörden aufgefordert, gegen alle Wiener Juden, die nicht hinter der „Union“ stehen, einzuschreiten, weil sie schlechte Österreicher, schlechte Patrioten und unre 1 igiöse Menschen sind. Dieser in deT Geschichte der Wiener Juden ohne Beispiel dastehenden Tat haben sich die Führer der „Union“ schuldig gemacht. Die Antisemiten haben den Beweis für ihre schändlichen, auf Entrechtung der Juden angelegten Lügen von „jüdischer Wurzellosigkeit, jüdischer Religionsfeindlichkeit und Vaterlandslosigkeit“ von der „Union“ ins Haus geliefert bekommen. Die Antwort des Bürgermeisters auf diese Beschwerde lautet auf Abweisung, mit der Begründung, daß eine genaue Prüfung dieser Anklagen Ihre völlige Haltlosigkeit erwiesen hat Aber die „Union“ hat sich nicht zufriedengegeben und ihre, das Judentum diffamierenden Beschuldigungen der zweiten Instanz vorgelegt. Männer, die das getan haben, erkühnen sich jetzt, um jüdische Stimmen für sich zu werben. Der Präsident der „Union“, Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, und Vizepräsident Doktor Josef T i c h o, die Unterzeichner des bei den Behörden erliegenden Dokumentes Der Nationalsozialismus hat die Juden Deutschlands diffamiert, bat ihnen die Staatebürgerrechte genommen, hat eie unter die Rassengesetzgebung gestellt und macht sie zu Bettlern. In ganz Deutschland? In ganz Deutschland, nur nicht im schlesischen Abstimmungsgebiet. Warum nicht dort? Weil, dort die Bestimmungen zum Schutze der Minderheiten gelten und" diese ohne Zu* Stimmung, des1. "^Völkerbu^Je!^,.'-nicht abgeS ändert werden können! Juden im schlesischen nicht diffamiert und es gelten für sie keiner lei Ausnahmegesetze. Worauf beruht die Gleichberechtigung der österreichischen Juden? Auf der österreichischen Verfassung, die uns die Gleichberechtigung verbürgt, und 'auf den Bestimmungen zum Schutze der Minderheiten, die aus dem Friedens vertrag in die Verfassung übernommen werden mußten. Was ist der Unterschied? Die eigenen österreichischen Verfassung«- j gesetze können abgeändert werden, die Minderheitsschutzbeetimmungeu dürfen aber ohne Zustimmung des Völkerbundes nic.bt abgeändert werden. Brauchen wir denn in Österreich einen solchen verstärkten Schutz? Da euch die Unionisten dafür nicht garantieren können, daß sich_die-politischen Verhältnisse Österreichs niemals ändern werden, wäre es ein Verbrechen, sich dieses Schutzes zu begeben. Die Juden in Deutschland glaubten noch vor wenigen Jahren, des Minderheitsschutzes nicht zu bedürfen. Ihre heutige Reue kommt zu spät. Wem verdanken wir den Minderheitenschutz? Den größten Staatsmännern aller Völker. Auch Juden haben sich darum bemüht: rufung darauf die Juden zum Numerus clau suß und ins Ghetto führen. Und warum sagen das die Unionisten? Das müssen Sie die Unionisten selbst fragen. Denn als diese im Kultusvorstand die Mehrheit hatten, haben sie unter ausdrücklicher Berufung auf die Minderheit« schutabestimmungen des Friedensvertrages von der Bundesregierung eine Subventionie rang der Kultusgemeinde verlangt. Und vor zwei.. Jahren haben sie — gemeinschaftlich mit vielen jüdischen Organisationen der [ganzen, Welt die bekannte Petit Ion Deshalb sind dm j B e r nh e im an...den Völkerbund unter- Abstimmungsgebiet schrieben, in welcher Deutschland w e g e n Verletzung der Minderheitsrechte im schlesischen Abstimmungsgebiet angeklagt wurde. Die Petition hatte bekanntlich vollen Erfolg. An diesem Beispiel sehen wir die hohle Demagogie der „Union-Politik“. Heute stehen die Unionisten auf jenem Standpunkt, den heute in der ganzen jüdischen Welt bloß die Naumann-Juden Berlins einnehmen. Sind wir Juden in Österreich eine Minderheit? Da wir in Österreich einen deutsch-christlichen Ständestaat haben und wir Juden uns doch füglich nicht zum deutsch-christlichen Volk rechnen können, sind wir eine Minderheit. Es bleibt für uns also nichts anderes übrig: als das freie und stolze Bekenntnis zum jüdischen Volk. Zu welchem Volk gehören die Union-Juden? Das werden sie erst in ihrer nächsten Vorstandssitzung beschließen. Was folgt aus all dem? Daß alles das, was die JJnion üJber Minderheitsrechte schwätzt, ein verbrecherischer Unsinn ist. Daß die Festhaltung an den Minderhedtsrechtem für uns und unsere Kinder eine Lebensfrage ist. Und daß man einer Gruppe von Juden, welche die Bedeutung dieser Einrichtung Louis Marsch all, Brandeis, der höchste Rieh-1 niolit erkannt hat, die Vertretung jüdischer teir der Vereinigten Staaten, und viele hervorragende englische und französische Juden. Das waren alles Nichtzionisten. Was sagte unser Bundeskanzler Schuschnigg über die Minderheitsrechte? Daß Österreich jederzeit seine Verpflichtung, die Minderheiten gerecht zu behandeln, einbalten und seinen Stolz darein setzen werde, in der Behandlung seiner Minderheiten beispielgebend zu sein. Was sagt die Union zu diesem Gegenstand? Daß die Minderheitsrechte mindere Rechte sind und daß die Zionisten durch die Be- Interessen nicht änvertrauen darf; daß die Umonisten bei Beurteilung dieser Frage eine frivole Leichtfertigkeit an den Tag legen, die geradezu an Wahnsinn grenzt. Gegen diese Unvernunft ist kein Kraut gewachsen. Da gibt es nur ein Mittel: der niohtjüdisohen. Welt beweisen, daß die Wiener Naumann-Juden von der Wiener jüdischen Gemeinschaft abgelehnt werden. Darum wählt am 8. November die Zionistische Liste. Listenführer; Sfcaaterat Dr. Desidox Friedmann. ^\\\\\\\\\\\\\\\m | OPTIKER | (KARL SEIDNERf 0 i., Franz-Josefs-Kal 33 lf.( Hollancstraße? 0 0 0 0 fachmännische» Rat 0 0 Reiche Auswahl 0 $2 Beste Qualität 0 Preiswert 0 %\\\\\m\\\\\\\\m\m k 1 as se n. Das Ch a j e s-Gymnasium wird in weitestem Maße subventioniert. Ebenso die Unterrichts trn st alten der Orthodoxie. Das Spital der Kultusgemeinde wurde durch folgende neugeschaffene Abteilungen erweitert: 1. Radiumstation; 2. Herzstation; 3. Chemisches Laboratorium; 4. Physikalischtherapeutische Abteilung. Die /neuen Abteilungen werden selbstverständlich mittellosen Patienten gratis zur Verfügung stehen. Durch sie ist auch ermöglicht, die Zahl der auszubildenden jüdischen Jungärzte wesentlich zu vermehren. Allgemeine Fürsorge: Für Winterhilfe, Pessach-Aktion, Kinder aufs Land und Ermgrantenhilfe wurden im Jahre 1935 1,370.000 Schilling aufgebracht und verwendet. Jugendfürsorge: Im Jahre 1932 wurden 190.000 Schilling, im Jahre 1935 290.000 Schilling ausgegeben. Überdies wurde das herrliche Kinderheim auf dem Semmering erworben. Mehr als 4000 Kinder wurden im Sommer 1936 auf dem Lande untergebracht. Unentgeltliche Arbeitsvermittlung: Im Jahre 1933 von der Gemeinde übernommen. Hat im letzten Jahre 1200 Stellen vermittelt. ■ Kredithilfe: Durch die Gemilath-Chessed- Kasse (zinsenfreie Darlehen), sowie durch die Kreditkasse für Kleingewerbe und. Handel, deren größter Genossenschafter die Kultusgemeinde ist. . * Die Führer der „Union“ erheben gegen die Majorität im Vorstand die Anklage, daß sie dem zionistischen Aufbauwörk in Palästina dient. Die Männer-der Zionistischen -Liste geben1 darauf eine Antwort: Die Versicherung^''atif1diösöm Weg fortzufahren, einer.• großen jüdischen Sache weiter zu dienen, die nicht mehr Säche einer Partei, sondern Sache 'aller Juden ist. Wenige Jahre sind verstrichen, seit Palästina der jüdischen E i n w änderung geöffnet wurde, und schon sind mehr als 4 0 0.0 0 0 J u den dorthingezogen und haben ein Werk geschaffen* das in der Geschichte der Kolonisation in aller . Welt ohnegleichen dasteht. Aus einer Wüste und Scharen gehetzter Menschen ist ein blühendes Land voll' Zufriedenheit geworden. Das vom Zionismus geschaffene Palästina hat aber nicht nur Hunderttausende gerettet und glücklich gemacht, es ist Lichtstrahl in der Nacht der Bedrängnis, die Hoffnung für siebzehn Millionen geworden, die, von brutaler Feindschaft enger umschlossen und ärger bedroht als je, ohne den Zionismus in vernichtende Verzweiflung verfallen müßten. 60.000 Juden hat Hitler bis jetzt aus Deutschland vertrieben. 20.000 irren noch in aller Welt umher als lästige, kaum geduldete Eindringlinge, 40.000 hat das von der Assimilation geschmähte und von der „Union“ als „verunglücktes Experiment“ herabgesetzte Palästina in mütterliche Arme aufgenommen und sie leben glücklich und frei. Hunderttausende aus dem Osten sind unsagbarem Elend entronnen. Und auch in Mitteleuropa, auch in Wien gibt es kaum eine Familie, die nicht einen Sohn, eine Tochter, einen Angehörigen, einen Freund in Palästina hätte und dort zufrieden und glücklich wüßte. Ja, die Zionisten im Vorstand haben es als ihre Pflicht erachtet, im Rahmen der gesetzlichen Befugnisse der Kultusgemeinde und wie der obige Auszug aus dem Tätigkeitsbericht beweist — ohne Beeinträchtigung der auf anderen Gebieten erforder? liehen Mittel dieses herrliche Werk zu stützen. Der Vorstand hat für die Ausbildung von jüdisohen Jüng- »eine Stimme geht verloren, wenn Du eine Splitterpartei wählst, filist Du, daß Deine Stimme in die Waagschale fällt, dann wähle die 7lAHScf'iciikA I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.