Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-10-07 · Heft 585 (7.10.1936) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 585 (7.10.1936)
Date
1936-10-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054342--6197-3062019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

tat# s Oll ITIMML Nr. m — Wien, Mittwoch, 7. CBrtolwtr 1806 Kinder, ich will euoh eine Geschichte erzählen, die Geschichte von einer Fahne: mit welcher Mühe ich mir eine Fahne zu Simchas- Thora besorgte und wie leicht ich eie wieder losgeworden bin. Nachher wurde ich — Gott hat es gewollt — schwer krank. Als ich ein kleiner Knabe war, wurde ich „Toppei Tutaretu“ genannt, obgleich ich „Koppel Kukareku“ hieß, erstens, weil ich eine dünne, kreischende Stimme hatte, wie ei# junger Hahn, der soeben zu krähen anßng, zweitens, weil ich weder „k“ noch ,g“ aussprechen konnte. Ich hieß — Koppel Gittel Kalmann. „Junge, wie heißt du?'* ,Jch? Toppei Diittel Talmann.“ „Etwas lauter!“ „Toppei Dittel Talmann.“ „Noch lauter!“ Ich schrie mit voller Stimme: „Toppei Dittel Talmann!“ Gelächter. Alle lachten, nur ich weinte. * Zu Simohas-Thora ein Fähnchen zu haben, ein echtes Fähnchen mit einem Stock, auf dem Stock einen Apfel, auf dem Apfel eine Kerze — schien-mir ein solch gipfelsteiles Glück, daß ich nicht einmal davon zu träumen wagte. Ich war glücklich, wenn ich mich mit Schwarzbrot satt aß. Wir waren, nicht wissen soll man davon, furchtbar arme Leute, obgleich wir alle arbeiteten: der verstorbene Vater war in der Unterabteilung des Fleischer-Bethauses als Bethausdiener angestellt, die verstorbene Mutter war eine Meisterin im Backen von Roggenbretzeln und Pfefferkuchen, die Schwestern strickten Strümpfe. Glaubt mir, auf Ehre, ich wußte nicht, was es heißt, sich satt essen, das heißt, soviel essen, daß man keine Lust mehr hätte, sofort wieder weiterzuessen. Bares Geld in der Tasche zu haben, eine eigene Kopeke zu besitzen — daran dachte ich nicht einmal im Traum. Nun stellt euch einmal vor, daß ich, Koppel Kukareku, plötzlich reich werde und zweiundzwanzig Kopeken, erwerbe, die-mir ganz allein gehören. Es war zu Purim. Der Vater schickte mich zu den Besuchern der Unterabteilung des Fleischerbethauses, „Scbalach monods“ austragen. Früher besorgte das meine Schwester; aber als ich herangewachsen war, entschied der Vater, daß auch ich für das Haus mitai-beiten könne. Ich nahm ein Tablett mit einigen Pfefferkuchen und süßen Striezeln und trug es in die Häuser der Bethausbesuober, zerstampfte mit meinen bloßen Füßen den kalten, gütsobigen Schmutz, und aus den Kupfermünzen, die ich geschenkt bekam, entstand ein Zwanaigkopekenstüok und zwei Kopeken. * Ihr fragt, was ich mit meinem Geld angefangen habe? Ein Teil ist beim Schmaus am „Lag-Beomer“ draufgegangen. Zu diesem Schmaus pflegt jeder Junge etwas in den „Cheder“ mitzubringen: entweder Geld, oder etwas zum Essen, Süßigkeiten. Ich war der einzige, der an diesem Tage gewöhnlich nichts wöiter als das übliche Frühstück mitbrachte — ein Stück Brot mit Knoblauch. Ich wurde immer rot vor Scham. Man ließ mich aus Mitleid an dem Schmaus .teilnehmen, aber ich fühlte es und die ganze Freude war mir dadurch verdorben... Jetzt war ich ein vermögender Mann! Wenn der reiche Eilik vier Kopeken spendierte, brauchte ich mich nicht zu schämen, eine Kopeke zu geben, ich war doch im Vergleich mit ihm gar nichts. Und wenn ich fünf Kopeken gab,' so war das doch sicher genug? Aber ich werde zehn Kopeken geben, ihr sollt den Koppel Kukareku kennenlemen, oh!... Das übrige Geld legte ich beiseite. Es wurde Spätsommer. Die Verkäuferin Pironditschka hatte immer neue Beeren auf ihrem Tisch. Der böse Genius erwachte wieder in mir. „Sieh mal!“ sagte er, „Stachelbeeren! Schau mal die roten Johannisbeeren!“ „Der Sommer ist noch lang genug, ieh werde Von Schalom Alectiem noch genug kaufen können. Es kommen noch Kirschen und Pflaumen, Äpfel und Birnen, Kürbisse und Wassermelonen. — Ich spare mir das Geld lieber für die Herbstfeiertage auf und kaufe mir dann eine Fahne.“ * Die Feiertage kamen! Ich kaufte mir eine Fahne, eine große, gelbe, zweiseitige Fahne. * Auf einer Seite waren zwei Tiere gemalt, die wie Katzen auseohen — aber es waren in Wirklichkeit Löwen — mit offenen Rachen und langen, ausgestreckten Zungen. Auf den Zungen batten sie Rollen mit der altjüdisehen Aufschrift: „Mit Posaunen und Hornklängen.“ Unter dem einen Löwen auf der rechten Seite stand geschrieben: „Das Banner des Lagers Judas“, unter dem andern — links: „Das Banner des Lagere Ephraims.“ Auf der anderen Seite waren Moses und Aron so treffend abgebildet, als wenn sie leben würden: Moses mit riesigen Hörnern auf dem Kopf und Aron mit einem goldenen Reif auf den roten Locken. Zwischen Aron und Moses sah man eine Menge kleiner Jüdchen, dichtgedrängt, mit Testamentrollen in den Händen, alle mit demselben Gesicht, alle in langen, einförmigen Kaftans, alle in weißen Strümpfen, alle mit lang herabhängenden Gürteln. Die Jüdchen tanzten und sangen: „Freut euch und frohlockt am Thorafest!“ Nachdem ich mir das Banner verschafft hatte, ging ich auf die Suche nach einem Stock. Ich mußte mich au den Tischler Zeime wenden, der mir früher einmal beibringen wollte, „menschlich zu sprechen“. „Was willst du, Toppei Tutaretutu?“ „Einen Stott für das Banner!“ „Was für einen Stott?“ „Einen Stott“, sagte ich, „ein Stütt Holz, damit ich die Fahne traden tann.“ Reb Zeime neckte mich, ich fing an zu weinen. Da wurde Reb Zeime weich, legte seine Arbeit nieder, nahm ein Stück Holz, fuhr mit dem Messer hin und her — fertig!. . Jetzt fehlte noch der Apfel und die Kerze. Es mußte ein Wachslicht sein, kein Talglicbt; wenn Talg auf den Apfel tropfte, war der Apfel verloren, — nicht mehr zu essen, treife, während Wachs nichts schadete. Ich hatte mehr Wachs als irgend ein anderer Knabe. Wenn ein Junge ein Stück Waohs brauchte, wandte er sich an mich. Dafür war doch mein Vater zweiter Bethausdiener in der Unterabteilung des Fleischerbethauses. Das Wachs, das am Versöhnungstag von den Kerzen übrig blieb, gehörte ihm. Aus diesem Wachs bereitete er Lichter für Chanukka, Habdole; — die Stümpfe dieser Kerzen gehörten mir. So hatte ich also. alles, was ich brauchte. * Ich befestigte die Fahne am Stock, setzte auf den Stock einen roten Apfel, zündete das Licht an und begab mich froh und lustig, wie nie, nach der Synagoge. Ich stellte mir vor, wie ich in der Synagoge auf der Bank an der Ostseite neben allen herrschaftlichen Kindern stehen würde. Die Lichter brannten, meine Fahne war die schönste, mein Apfel der röteste, meine Kerze die größte. In der Synagoge herrschte eine furchtbare Enge und Hitze. Die Frauen kamen, die Thorarollen zu küssen. Nun begann der Gang mit den Rollen. An der Spitze erschien der Kantor Ref Meilach mit wallendem Gebetmantel, ©in echter General- Feldmarschall, hinter ihm die Andächtigen. Reb Meilach begann mit rührseliger, blecherner Stimme: „Oj-ser da-a-a-lim Hoischio no!“, die Frauen und Mädchen krochen ihm direkt vors Gesicht, küßten die Thorarollen und schrien mit kreischender Stimme: „Ihr sollt erleben das nächste Jahr! Erleben sollt ihr das nächste Jahr!“ — „Ihr ebenfalls! Ihr ebenfalls!“ antworteten die Männer. Auf meinem Wege mußte ich an mehreren Synagogen und Bethäusern vorüber: die kalte Synagoge, die Betstätte der Schneider, die erste Betstätte, die chassidiscbe Betetätte, die Betstätte der Misnagden, die neue Betstätte, i die gelbe Betstätte, endlich das Bethaus der’ Schlächter... Daun mußte ich mich erst in die untere Abteilung begeben. Bei uns in Masepowka tut sich etwas: sämtliche Synagogen befinden sich in einer Straße, an einer Stelle, fast auf einem Hof, der daher der „Schulhof“ genannt wurde. * Am Tag vor Simohasthora versammeln sich hier die Jungen aus allen Schulen und marschieren in Reihen auf und ab. Die größeren Jungen und die kleineren voneinander getrennt. Sie besehen gegenseitig Ihre Fahnen und stellen fest, wessen Stock länger, wessen Apfel röter, wessen Kerze größer ist, wer eine Wachskerze und wer eine Talgkerze hat. Worte fallen, Scherze, spöttische Bemerkungen, man neckt sich, löscht dem andern das Licht aus, jemand schleicht sich heran und beißt ein Stück Apfel ab, bekommt dafür eine Ohrfeige — bis sie sich in den verschiedenen Synagogen verteilen. * „loh gratuliere! Frohen Feiertag! Toppei Tutaretutu hat eine Fahne! Zeig mal, mein Lieber, aber putz dir vorher die Nase!“ so begrüßten mich die Jungen auf dem Schulhof. Ich besah mir die fremden Fahnen, verglich sie mit meiner. Ach! Keine hielt den Vergleich aus! Niemand hatte die Fahne so kerzengerade angemacht wie ich. Niemand hatte einen so geraden, runden, gehobelten Stock! Keiner hatte einen so großen, roten Apfel und ein so gut geratenes Licht! Wo sollten sie auch so viel Wachs hemehmen? Wer hatte auch so viele Knüffe und Ohrfeigen bekommen, wie ich von meinem Vater, als er .bemerkte, daß ich am Versöhnungstag das Wachs von allen Kerzenstümpchen sammelte? Ich verglich meine Fahne mit den andern, und mein Herz war voll Freude; es schien mir, daß ich in die Breite und in die Höhe wuchs, meine Füße gingen von selbst; ich wollte lachen, schreien, pfeifen, tanzen... „Zeig mal!“ drehte sich Eilik, der Sohn des Millionärs, zu mir und erstarrte im Augenblick. Ich beguckte seine Fahne, er — meine. „Auch ’ne Fahne“, dachte ich, „nennt sich: ’ne Fahne! Und der Stock! Ein krummer Feuerhaken!“ Ich sah, wie er vor Ärger wütend war, •aber ich tat* als ob ich nichts bemerkte, und '-wandte mich ab.- Nach einer Weile trat Eilik zu mir heran, die Fahne malt dem krummen Stock in den Händen, und sagte: „Laß mich das Licht anstecken. Meins ist ausgelöscht.“ „Ist das denn deine Fahne?“ sagte ich und neigte mein Licht zu ihm. „Ich weiß nicht, wessen Fahne das ist!...“ Bevor ich mich versah, erhob Eilik sein Lioht zu meiner Fahne, und... meine Fahne brannte lichterloh. Die Flamme loderte auf, verlöschte... die Fahne war nicht mehr!... Wäre ein Stein vom Himmel mir auf den Kopf gefallen, hätte sich ein wildes Tier auf mich gestürzt und mich zerbissen, wäre ich um Mitternacht einem Toten im weißen Totenkittel begegnet — mein Schreck wäre nicht so groß gewesen, wie beim Anblick meiner abgebrannten Fahne. Aus meiner Brust entrang sich ein Stöhnen: „Oh! Meine Fahne! Meine Fahne! Meine Fahne!“ * Tränen stürzten aus meinen Augen. Die ganze Welt verdüsterte sich in einem Augenblick. Der Stock mit dem Apfel und der Kerze entfiel meinen Händen. Ich rannte davon, ich wußte selbst nicht, wohin und irrte umher, vergoß heiße Tränen, rang die Hände und beweinte meine Fahne, wie man einen Toten beweint, verkroch mich in einen Winkel, saß dort kn Finstern, den Kopf zwischen den Knien, und weinte leise, damit es niemand höre und niemand sehe. Ich fragte Gott, den Herrn: „Gott, mein Herr! Wofür wurde ich so bestraft? Wofür? Wofür?...“ * Die Geschichte mit der Fahne ist nicht so glatt abgelaufen. Ich bin danach lange und schwer krank gewesen, ich lag in hohem Fieber, ich sah schaurige Dinge, Schlangen und Skorpione mit flammenden Zungen, wilde Tiere in Gestalt von Menschen... In meinen Ohren tönte da« Geschrei von Katzen, und Die Di&UoiUek Zum Monat des Buches in Erez Israel Schau an den Wänden die hängenden Gärten des blühenden Worts. Spürst du die heimlich drängenden Kräfte des heiligen Ortsf AUe die tausend schwelgenden Leiber des blühenden Worts, Gleichen zu dir sich neigenden, Auf lautlosen Saiten geigenden Fiedlern des heiligen Orts. Küsse die tausend begehrenden Lippen des blühenden Worts. Löse sie von der beschwerden Stille und macht sie zu lehrenden Munden des heiligen Orts. Und geh’ auf den vielen sich weitenden Wegen des blühenden Worts — Gast unter sinnend schreitenden, Bürgern des heiligen Orts. Schalom Ben-Chorin fremdartigen Vögeln. Ich warf mich herum, phantasierte wild und war dem Tode nahe. Man zählte mich schon zu den Toten. In der Unterabteilung des Fleischerbethauses wurde für mich sogar ein Psalm gelesen... Aber ich möchte die Erzählung doch zuversichtlicher ausklingen lassen. Ihr sollt also wissen, daß ich mit Gottes Hilfe am Leben geblieben bin. Außerdem will ich euch sagen, daß ich im nächsten Jahr eine andere Fahne hatte, schöner als die erste, und daß ich meinen Platz neben den herrschaftlichen Kindern hatte. Die Kerzen brannten. Meine Fahne fiel allgemein auf. Die Juden gingen mit den Thorarollen um den Altar herum. Der Kantor Reb Meilach ging voran, mit wallendem Betmantel, ein echter General-Feldmarschall, — und sang mit seiner blechernen Stimme: „Ojser dalim Hoi-schi-o-no!“ Die Frauen und Mädchen küßten ohne Ende die Thorarollen, drängten sich ih,m vors Gesicht und kreischten und schrien: „Erleben sollt ihr das nächste Jahr! Erleben sollt ihr daß nächste Jahr!“ , j^Ibir ebenfalls! Ihr ebenfalls!“ antwortete mäh ihnen. Und ihr auch, liebe Kinder! Jüdische Kulturstelle I., Kal 3, R 28-2-36. Jüdische Kunststelle. . Neuanraeldungen für die diesjährige Spiel-* Saison werden ganztägig entgegengenommen; Die Mitglieder erhalten ermäßigte Karten für sämtliche Privat-, Bundestheater und Konzerte. Leihbücherei. Mitglieder der Kunststelle und der Volkshochschule können Neuerscheinungen der Schönen Literatur und Judaica gegen geringe Leihgebühren in der Leihbücherei der Jüdischen Volkshochschule entlehnen, Autorenabend Adolf Uagen, Samstag, 10. Oktober, 18 Uhr, liest der bekannte Wiener Dichter Adolf Unger im Vortragssaal der Jüdischen Kultursteile aus seinem neuen Roman: „Sieniawa, kleine Stadt im Osten“. Einleitende Worte: Emil Huttrer. ■ Rezitationsabend Josef Polnau. Sonntag, 11. Oktober, 18 Uhr, rezitiert Josef Polnau ausgewählte neuere Dichtungen unter dem Titel: „Vom Weinen und Lachen der jüdischen Seele“. Einleitende Worte: Dr. Alfred Werner. Mitwirkend: Elsa Carmi (Gesang). Führung. Sonntag, 11. Oktober, 10.30 Uhr: Internationale Theaterausstellung „Das moderne Theater“. Leitung: Dr. J. Mond. Treffpunkt: L Bezirk, Hofburg, Sohweizerhof. Jüdisches Kultur theater. Donnerstag, 8. Oktober, 20.30 Uhr, findet die Premiere von Ossip Dymows „Sänger seiner Trauer“ in der Regie von Rudolf Weiß statt. Die Hauptrollen sind besetzt mit den Damen: Ruth Walter, Alice Koch, Sylvia Grohs; t}en Herren: Rudolf Weiß, Joachim Laatz, Fritz Links, Martin Miller, Michael Orlan, Milo Sperber. Das Bühnenbild stammt von Architekten Oskar Fischer. Zimmer zu vermieten in jüdischem Haus, bei alleinstehender älterer-, Dame, separierter Eingang (Gassenfront), sehr gut möbliert, moderne Wohnung. Mäßige Miete. Täglich 10 bis 8 Uhr zu besichtigen. XII., Tivoligasse 38, Tür 11. Die Wiener Kultusgemeinde hat in schwerster Zeit alle Ihre Institutionen ausgebaut. Sie wird vorbildlich verwaltet. Damit die Zionisten ungestört welterarbeiten können, dürfen die, die die Gemeinde sprengen wollten, In die Kultusstube nicht zurückkehren. Wüfili am S. November die Z.tonlsiisc§e Eistet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.