Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 584 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Np. 584 — Wien, Mittwoch, 30. September 1036 Oll STIMMI Seit« I /?. I. Maid: (tfoe die Sukka kuseeu doseius Die hoben, heiligen Tage des jüdischen Jabree sind vorüber und mit ihnen die Hochspannung des jüdischen Gemütes. Rosoh-Haschanah und Jom Kippur stellten an den Juden hohe Anforderungen. Sie wollten ihn aus dem Schlummer, wenn schon nicht der Sorglosigkeit denn diese ist bereit» längst aus dem jüdischen Leben verschwunden — so doch eines einförmigen und gleichgültigen Alltags rütteln, ihn aus dem bequemen, aber gefährlichen Zustand eines geistigen Sich-gehen-Lassens herausreißen, um ihn mit Dingen und Gedanken zu konfrontieren, an die der Durohsohnittsjude das ganze Jahr hindurch nur selten denkt. Das Sokkoth-Fest hingegen sollte einen wohlgezielten Stein in die Sukka schleuderten, aber das Auge hing bezaubert am bunten Tand und übersah versöhnlich Nachbarn und Steine. Doch die Sukka- Idylle dauerte gewöhnlich nicht lange. Der erste Regenguß bereitete der ganzen papierenen Herrlichkeit ein jähes Ende. An den Wänden hingen dann nur mehr schmutzige, verfärbte Fetzen, während dazwischen das nackte, morsche Brett unheimlich hervorlugte ... Das übliche Schicksal einer Laubhütte? Nein, das übliche Schicksal des obdachlosen Juden . . . Es ist wohl wahr, daß sich 'bis jetzt die eigentlich eine eeeüsohe Enterung be-l6^ b“ßua8e jttdfaohe Hütte stärker er- - . .. __P Ttnconn Viof «iIä q 1a KMflon wmrla iin/1 hoffideuten, eine Beruhigung und Linderung des jüdischen Herzens, in dem noch die Ergriffenheit der soeben verflossenen Tage nachzittern müßte. Sukkoth fordert und verlangt nichts vom Juden, und es gibt ihm keine tiefen Probleme aufzulösen. Es will nur gefeiert werden. Das ewig aktuelle Pathos der „Tage der Ehrfurcht“ wird gedämpft zur abgeklärten Lyrik geschichtlicher Erinnerungen. Die erhabenen majestätischen Töne von Jom Kippur klingen in ein sanftes Adagio aus, in die Idylle der friedlichen Laubhütte. So sind auch die Gefühle und Gedanken, die Sukkoth in uns weckt, meistens temperiert, irgendwie gelockert, milde und ausgeglichen. Ohne schroffe Höhen und ohne allzu große Tiefen. Meist, doch nicht immer. Denn wir Juden sind ja nie vor Schwermut und vor beunruhigenden, aufschreckenden Akzenten gesichert. Unser Dasein ist seit jeher so sehr von Sorgen und Unruhe überschattet, daß, wenn man bei uns auch eine harmlose, helle und frohe Saite anrührt, unvermutet tragische und tiefe Nebentöne mitzuschwingen beginnen, die oft sogar den leichten Grundton verstummen lassen. Betrachten wir nur unsere alte, von Kindheit uns so wohlvertraute Sukka. Sie ist ein wunderliches Ding. In der Regel wurde sie aus Brettern und Latten verschiedener Art, Größe und Herkunft zusammengestückelt und zusammengeschlagen. Aus Bruchteilen und Fragmenten, die von überall zusammengetragen wurden und nie recht zueinander passen wollten. Nicht etwa, daß die religiöse Vorschrift es so hätte haben wollen. Aber woher sollte denn der Jude in seinem bescheidenen odeT gar ärmlichen -Haushalt ganze und große Bretter nehmen, passendes Bauholz? Sehr luftig war die Sukka. Sie bestand sehr häufig aus bloß drei Wänden und man muß sich nur wundern, wie so ein wackeliges Gestell, das überdies an Stelle eines festgefügten Daches nur mit Laub bedeckt war, einem heftigeren Wind standhalten konnte und nicht sogleich in sich zusammenstürzte. Aber siehe da! Die Sukka steht fest, wenn auch nicht unereohüttert, neun Tage und länger. Die Sukka ißt dem Juden wesensverwandt. Auch sein Dasein ist ein Sukka- Dasein. Ein festgegründetes, solid gebautes Haus mit vier ganzen Wänden und sicherem Dach, das vor Unwetter und Kälte Schutz bieten könnte, das ist ihm seit langem nicht mehr besohieden. Jeder böse Wind konnte ungehindert durch die unzähligen Öffnungen und Spalten in die armselige jüdische Hütte hineinfahren, daß sie nur so bebte und wankte und das Herz ängstigte durch das Ächzen ihres morschen Holzes. Hie und da versuchte man jedoch bei uns dem Ange in der Laubhütte unseres Volkes eine bequeme und anheimelnde Häuslichkeit vorzutäuschen. Man verputzte und verdeckte die verwitterten und schwarzen Bretterwände mit bunten Tapeten und billigem, farbenfrohem Schmuck. Und das nicht verwöhnte jüdische Auge Heß sich nur zu gerne täuschen. EndUch ein wohnliches, ruhiges Heim gefundm. Zwar mangelte <* niemals an Nachbarn, die von Zeit zu Zeit wiesen hat als alle bösen Winde und heftigen Regengüsse. Aber die Sukka ist doch nur für sieben Tage bestimmt und sie darf nach der Vorschrift nicht als „Dirath kewa“, als beständige Wohnstätte errichtet werden. Sukka bedeutet ein Provisorium. Etwas, das nur vorübergehend, flüchtig und | J0Sef Kasteln : vorläufig gelten darf, um dann einem natürlichen Zustand zu weichen. Ein provisorischer Zwisohenzustand ist an und für sich kein Unglück. Im Gegenteil. Oft sind solche Übergänge und vorübergehende Zwischenstationen notwendig. Sie sind Brücken, die zu sicheren und ruhigen Inseln führen. Die Tragik beginnt erst, wenn sich so ein Provisorium anmaßt, ein normaler Dauerzustand zu sein, wenn das seiner Natur nach Vorübergehende sich als ein Bleibendes etabliert. Für wenige Tage eines schützenden Heimes zu entraten, was bedeutet das schon? Aber sich nie und nimmer irgendwo zu Hause zu fühlen, ein ganzes Jahr, ein ganzes Leben, immer in einer in allen ihren schwachen Fugen krachenden Hütte eingezwängt zu sein m reicht für die Dauer auch die Kraft des unerschütterlichem und unverwüstlichen Juden nicht aus! Schmerzlich ist heute unser uraltes Sehnen, dem Sukka-Dasein unserer Obdachlosigkeit zu entrinnen. Beschleunigt und versöhuoteure Hände, ihr Baumeister des neuen, gewitterfesten jüdischen Heimes! Um unsere Sukka tobt der Sturm... Durch die Wüste Sie zogen vierzig Jahre durch die Wüste, in unserem eigenen Bereich gelangen müs- Aus dem Land der Fron kamen sie, in das Land der Freiheit strebten sie. Aber der Weg war mühsam, hart und lang. Keiner von denen, die aus Mizraim weggegangen waren, ahnte, was vor ihm lag .an härtester Erprobung des Mutes, der Treue zu den Weggenossen, der Bereitschaft, mit all den anderen nach einem neuen Gesetz zu leben, das ihren Willen auf eine helle und lichte Zukunft hinwies, die aber erst nach Kampf zu erringen war. Viele waren unter ihnen, die nicht glaubten, die zwischen Mühsalen und Entbehrungen den anderen Vorwürfe machten: Warum habt ihr die Fleischtöpfe im Stich gelassen, warum seid ihr aus Ägypten weggezogen? War das verlassene Land nicht besser und schöner als dies’e Wüste? Und wenn ihr in das neue Land kommt, werden nicht alle wider euch sich wenden? Was ist das, diese Freiheit, die euch Moses verspricht? Ihr nehmt ja den anderen das Land weg, und euer Anspruch, daß einst Abraham, Isaak und Jakob dort gelebt hatten, ist doch schon verjährt!“ Die Schwachen und Kleinmütigen murrten. Und darum mußten vierzig Jahre vergehen, bi? ein neues Geschlecht da war, geboren und erzogen in der rauhen Umgebung der Sandwüste, gewöhnt an die Strapazen des Weges; es hatte die Vergangenheit hinter sich geworfen und brannte in dem Gedanken, das Land der Väter zu gewinnen. Sie lebten in Zelten, leicht beweglich, rasch zu errichten und abzubrechen; einmal würde der Tag kommen, daß sie sich feste Häuser aus Stein und Ziegeln bauen würden. Sie wußten es. sie glaubten daran, sie trugen die Hoffnung in ihren Seelen, daiß sie aus dieser schrecklichen, mitleidslosen Dürre in das grüne, lachende Tal niedersteigen würden, daß sie für sich und ihre Kinder eine Heimat bauen würden. Mochten die Feigen, deren Herz ausgedörrt war und die nie mit ihrem Volk gefühlt hatten, zetern und klagen starben dahin, und es blieb nur die Schar der Kämpfer übrig, die heimwärts zog, die sich mit dem Schwert den Weg erzwang, die rechts und links herumschwärmenden Feinde ab wehrte und die nicht erschrak, als sich Amalek in den Weg stellte. Amalek wurde geschlagen, aber die Erinnerung an dieses Volk, das die um freie Bahn Bittenden überfallen hatte, blieb für alle Zeiten lebendig. Denkt an Amalek! Wieder geht unser Weg durch die Wüste. Wir haben nach zweitausend Jahren der Fremde, der wir in Ehren gedient, erkannt, daß alle Mühe und Opfer vergeblich sind und daß wir zu uns zurückkehren und daß wir uns in dem Lande unseres Volkes neu sammeln müssen. Wir haben erkannt, daß wir um die Scholle ringen und aus den Zelten der Diaspora zu den festen Häusern sen. Wir wissen, daß dieses Unternehmen schwierig und hart ist, daß aber die Schwierigkeiten geringer werden, je mehr sich an der Arbeit beteiligen. Aber wir haben die Schwachen und die Feigen unter uns, und was aus der Erzählung der fünf Bücher über jene Zeiten spricht, das klingt so vertraut zu uns. Was wollen denn die Ägypter von uns? Doch nichts, als daß wir verschwinden. Daß das, was unser Geist, unser Fleiß geschaffen hat, auf sie übergehe; daß wir ausgelöscht werden, weil das böse Gewissen derer, die an Zahl stärker sind als wir und die von ihrem Übergewicht Gebrauch machen, nicht aufhören würden, anzuklagen, solange wir noch da sind. Die Feigen und die Kleinmütigen wollen unser Streben lähmen. Sie kritisieren mit schlechtem Willen. Sie beschuldigen uns vor den Feinden, daß wir nichts als wir selbst sein wollen, daß wir die Lüge dieses Daseins unter Feinden einsehen und ihr ein Ende machen wollen. Wir .gehen seit dreißig Jahren den Weg: wir haben einen großen Teil der Schwierigkeiten hinter uns, wir stehen bereits auf dem Boden unseres Landes. Aber da ist ein neues Amalek erstanden. Wir sollen, das der Sinn des neuen Überfalls, nie die Freiheit sehen, wir sollen in den Zelten der Wüste sterben. Aber es ist ein neues Geschlecht da, das den Willen hat, das höchste Gebot das Volkes zu erfüllen, das neue Judentum zu schaffen. Moses stand, allen sichtbar, da und hob die Hände. Sie sahen auf ihn und sie glaubten und sie siegten in der Wüste. Vor uns steht dieses neue Land, in dem wir schon festgewurzelt sind, nach dem unsere Träume zielen, das uns die Freiheit und die Erlösung bedeutet. So vielgestaltig ist dieses Amalek, daß sich die Schätzer der Fleischtöpfe wieder regen. Palästina — sagen sie — gehört nicht euch, die Araber sind gegen euch, die Mächte, die Nationalsozialisten, die Weltkrise, die Kriegsgefahr. Gewiß habt ihr schon einiges in Palästina geleistet, aber je mehr ihr baut, je größer die neue Siedlung wird, um so größer wird der Neid der anderen. Amalek hört dies und verdoppelt seine Anstrengungen, hofft auf die Wirkung der Nörglerreden. Wir werden es überwinden, wenn wir weiter an die Arbeit, an die Freiheit glauben, wenn wir weiter entschlossen bleiben, durch nichts, nicht durch Feindschaft, nicht durch die Feigheit der Assimilanten, nicht durch Intrigen der angeblichen Freunde beirren lassen. Wir glauben an uns. Wir werden die Zelte verlassen und feste Häuser bauen. Aber wir werden dann an alle denken: an die, die uns schwach machen wollten, und an Amalek, das uns auf dem Weg in die Heimat überfallen hat. Sine Htoimecuft# als Mecwwk. Zu dem in den nächsten Tagen im R. Löwit-Verlag, Wien-Jerusalem, erscheinenden Buch „Jerusalem, die Geschichte eines Landesschrieb Josef Kastein nachstehendes Vorwort, das wir mit freundlicher Bewilligung des Verlags zum Abdruck bringen. Das Buch erscheint zunächst im Rahmen des neugegründeten Jüdischen Buch-Klubs, der sich von Seiten aller führenden Persönlichkeiten, die im jüdischen Kulturleben stehen, größten Zuspruchs erfreut. Die Anlage dieses Buches bedarf einer Begründung. Die ausgedehnte Literatur über Palästina, die sich aus dem Interesse an diesem einzigartigen Experiment des Aufbaus einer Volksgemeinschaft rechtfertigt, setzt mit ihrer Darstellung zumeist mitten in der Gegenwart ein oder umfaßt in einzelnen Fällen die Geschichte defl Kolonisation des Landes von den letzten fünfzig Jahren her. ln diesem Buche jedoch wird bis auf die Urzeit des Landes zurückgegangen und in einem schnellen Abriß die Geschichte des Juden im Lande, seine materielle und geistige Beziehung zu ihm und — für die nachstaatliche Epoche der jüdischen Geschichte — das innere und äußere Geschehen von der Galuth aus zum Lande hin dargestellt. Diese Darstellung erschöpft die Einzelheiten des Geschehens keineswegs, sondern beschränkt sich auf einige große Linien. Darin ist aber der Versuch enthalten, verständlich zu machen, daß es keinen Sinn hat, das heutige Geschehen im Lande als eine isolierte Gegenwart darzustellen. Mit einer Betrachtung des gegenwärtigen Zustandes mag sich begnügen, wer in dem Aufbau des Landes einen soziologischen Prozeß unter hunderten sieht, einen zeitbedingten Vorgang, der mit all seinen Gesetzen und seinem Ablauf nur dem Heute und seinen ökßnomischen Prinzipien verhaftet ist. Wer aber des Glaubens ist — und wir bekennen uns zu ihm mit letzter Entschiedenheit —, hier nichts Isoliertes geschieht, sondern unendlich mit der Geschichte des jüdischen Volkes Verbundenes, der muß auch überzeugt sein, daß der Sinn dieser Rekonstruktion nur aufzufinden ist, wenn man sie in den Ablauf der Historie einreiht. Demjenigen, der ohne Glauben an solchen Sinn sich mit dem Lande verknüpft, soll durch diese Darstellung die Illusion genommen werden, daß sein Tun selbständigen und isolierten Wert habe. Wenn es überhaupt Wert haben soll, kann es nur verbundenen und eingeordneten Wert haben. Und demjenigen, der mit dem Glauben an solche historische Verbundenheit in das Land kommt, soll die Überzeugung gestärkt werden, daß er mit seinem heutigen Tun in der Kette der Generationen steht und daß er folglich Sinnbegabtes tut. Aus solchen Erwägungen und aus solchem Glauben ist der historische Abriß dieses Buches, als das eigentliche, das wesenhafte Fundament des heutigen Geschehens, empfunden und geschrieben worden. Von dort her nimmt auch der kritische Teil seine Legitimation. Wer sich zu der historischen Hinleitung und Motivierung nicht verstehen kann, wird den aktuellen Teil nicht ohne Mißverständnisse lesen können, so daß ihm — um der Sache willen, die keine Mißverständnisse verträgt — von der Lektüre abgeraten wird. 1JP1 W13 'ntf# ■sjb n-iiai «mpt iwijs wiijs SELIG, DIE DEINEN GROLL TRAGEN, IHRE SCHULD DIR OFFENBAREN, DICH BEKENNEN UND RUFEN HEILIG, HEILIG, HEILIG! Ein Vers aus einem Pljjut von JannaJ Di« Wiener Kultusgemelnde hat in schwerster Zeit alle ihre Institutionen ausgebaut. Sie wird vorbildlich verwaltet. Damit die Zionisten ungestört Weiterarbeiten können, dürfen die, die die Gemeinde sorennen wollten, In die Kultarstube nicht zurUckkehren. P S Wählt am 8. November die Zionistische Liste!