Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 583 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. B83 — Wien, Freitag, 25. September 1938 0» STIMME Seit« 5 Von der Zensur ffreigegeben Das französische Meisterwerk „HECENE" Nach der Novelle „L’Ordonnance" von Ouy de Maupassant mit Marcelle Chantal und George Rigaud Regle: V. Tourjansky In der französischen Originalfassung: Rotenturnf, I* und Schottenring-Kino, I. Deutsche Version Im Kino Lustspleltheater, II. mm— Im Verleih Hugo Engel, Wien, VII. können. Und eine große Hoffnung fttx diejenigen, welche Rettung für unsere verfolgten Brüder suchen. Wer jetzt noch, da bereits 400.000 Juden im wiedererwachten Lande Israels der Welt zeigen, wie wir nicht wurzellos, sondern fest mit unserem eigenen Heimatland und mit unserer eigenen hebräischen Kultur verbunden sind; wer jetzt noch, da unsere Brüder dort in den Städten und Siedlungen seit Monaten heldenmütig ihr Leben einsetzen für das Werk, das unser aller Werk sein soll, fornhleibt und nicht dankbar und freudig an deren Seite tritt, nicht durch Bereitstellung jeder möglichen Hilfe an der Fortführung des Aufbaua beteiligt, der lädt wahrlich eine schwere Schuld auf sich, von der mit don Worten der Thora gesagt werden kann: „Es wird der Ewige ihm nicht verzeihen wollen.“ Das leibenswiliigo Judentum aber, daß ßich seiner historischen Tradition bewußt ist und trotz allen Hasses und aller Verunglimpfungen an Wahrheit und Recht in der Menschheit und an seine eigene ihm von Gott verheißene glorreiche Zukunft glaubt, darf mit Beginn des neuen Jahres auf den Lenker der Geschicke der Menschen vertrauen, daß er es weiter zu seinem Heile führen wird. Es darf mit den Worten Moses rufen: „Ich erhebe zum Himmel meine Hand und spreche, leben werde ich für ewige Zeiten!“ Maigesfabrik Vortrefflich bedankt sich bei allen Freunden und Bekannten für die anläßlich der hohen Feiertage erhaltenen Wünsche, erwidert dieselben aufs whrmste und wünscht allen ein herzliches 3123 133 Abendkurse des Jüdischen Angestelltenverbandes „Emunah“. Ende September, bezw. anfangs Oktober beginnen wieder die volkstümlichen Abendkurse des Verbandes, und zwar zunächst in englischer, hebräisch or, französischer und italienischer Sprache für Anfänger und Vorgeschrittene (Kursleiter Isak Sonnenschein, Joseflne Spitzer und Gisa Broczyner). Weiters sind Kurse in Esperanto, Buchhaltung Stenographie, Maso hinsohreiben, sowie emKooh- und Tanzkurs in Aussicht genommen. Prospekte und Probestumde gratis. Anmeldungen werden an Wochentagen von S bis 8 Uhr im Sekretariat, II., Praterstraße 11, entgegengenommen. Tel. R 40-1-56 U. Propaganda und Kulturarbeit der WIZO Von Dr. Martha Hofmann, Mitglied des WIZO-Councils *) Es gibt Debatten, die immer wiederkehren. Zu diesen gehört die über die Kulturarbeit in der WIZO. Wir haben sie schon vor 10 Jahren, bei der ersten Counciltagung in Berlin, erlebt und wir erlebten sie — ungläubig fast — wieder bei der IV. dieser Tagungen, unlängst in Zürich. War es verständlich, daß damals, nur wenige Jahre nach Gründung der WIZO, dieser Begriff unter den Frauen noch nicht klar5 Umrissen feststand; daß die eine darunter die Errichtung eines Hühnerhofes in Erez Israel und die andere die Sammlung von Säuglingswäsche verstand; daß die dritte soziale Arbeit als „kulturelle“ bezeichnet haben wollte und erst die vierte oder fünfte Zionistin damit den Gedanken an Hebräisierung, zionistische Erziehung der Frau, Einführung in jüdisches Geistesgut verknüpfte — so ist es schlechthin unbegreiflich, daß heute, fast 16 Jahre nach Entstehung und Verbreitung der Weltorganisation zionistischer Frauen, noch die Debatte darüber, ob soziale Arbeit identisch sei mit Kulturarbeit der WIZO, einen immerhin breiten Raum einnehmen konnte. Es ist begreiflich, daß die Frau, die im Gegenwärtigen lebt und wirkt, schwer an der sozialen jüdischen Not ihrer engeren Heimat vorübergehen kann und will. Sie soll es auch nicht. Aber sie muß heute zu der Erkenntnis gekommen sein, daß eine Bewegung, die in einer ganz bestimmten Form die unerhört, komplizierte jüdische Situation bemeistern will, sich auf gewisse klare . Richtlinien beschränken muß. Diese Richtlinien heißen in dem besonderen Fall: Betrachtung der sozialen Aufgabe der zionistischen Frau im Galuth unter dem Aspekt der produktiven Erziehung für Palästina; das heißt — der Hachscliarah und Alijah. Diese gibt ein großes, gegenwärtiges, greifbares Arbeitsfeld, sie wird jedem Gesichtspunkt gerecht, sie ist ideologisch und praktisch zugleich bedeutsam. Dem WlZO-Counoiil wurde von zwei rührigen Mitgliedern der Galuth-Exekutive ein Memorandum vorgelegt, welches unter dem Titel der „Kulturarbeit“ die zionistische Frauenbewegung in den Dienst des Studiums und der Behebung jeglicher lokalen jüdischen Not auf dem Wege sozialer Arbeit ein ordnen wollte. Es wurde *) Frau Dr. Hofmann hat zusammen mit Frau Dr. Löwenherz die WIZO-österreich auf der Council-Tagung in Zürich vertreten. Der Vorstand des Unterstützungs- Vereines „Esra" gratuliert seinem Obmann, Herrn Jakob Hellczer, zur Vermählung seiner Tochter Bella mit Herrn Dr. Munjo Tilllnger mit Recht von einem führenden Exekufciv- Mitglied aus London darauf hingewiesen, daß dies Aspekte des jüdischen Weltkongresses, aber nicht Aufgabe dor WIZO seien. Was mich dabei besonders frappierte, war, daß auch in diesem Zusammenhang wieder das ominöse Wort „Kulturarbeit“ gebraucht wurde, nicht anders als in den vergangenen Tagen des deutschen „Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“. Und darum drängt sich wieder zwangsläufig die schon so oft gestellte Frage auf: „Was heißt und wie betreibt man Kulturarbeit — in der WIZO?“ Die WIZO ist nach jahrelangem Tasten, nach jahrelangen Versuchen endlich dahin gelangt, sich ein ernstzunehmendes Zenfcralorgan zu schaffen, das nach dem Vorschlag der Verfasserin dieser Zeilen (im Rahmen der Züricher Council-Tagung) von nun an nur mehr vierteljährlich erscheinen, aber der jüdischen Frau um so mehr Inhalt in Wort und Bild, wirkliches, erzieherisches Niveau bieten soll. Jede Nummer wird einen leitenden Artikel einer informierten und verantwortlichen palästinensischen Persönlichkeit über „Die Lage im Lande und die Auswirkung auf die Arbeit der WIZO“, danach die genaue Darstellung eines oder mehrerer Arbeitszweige der WIZO in ihrem letzten Stadium enthalten. Dann folgt ein Bericht über die Struktur des Jischnw, der Jugend, der Frau (auch außerhalb der WIZO) in Palästina. Nun soll eine entsprechende Übersicht Über die jüdische und zionistische Lage in der Welt gegeben werden. Dann sollen die daraus resultierenden wesentlichen und neuen Momente der Föderationsarbeit berichtet werden, derart, daß ein wirklicher, lebendiger Austausch zwischen den Föderationen in diesem Rahmen stattfinden könne. (Natürlich nicht durch Berichte über unwesentliche kleine Feste und dergleichen, sondern insoferne, als wirklich neue Methoden sich herauskristallisieren.) So soll das Zentralblatt der WIZO zugleich das Dachorgan für alle Föderationen sein, ebenso wie diie heute bereits so zahlreichen lokalen WIZO-Blätter dias Daöhorgan für die einzelnen Provinzgruppen sind. Es sei bemerkt, daß dies nur dadurch möglich bleibt, daß die WIZO ihre Überparteilichkeit innerhalb des Zionismus gewahrt hat, daß ihre lokalen Blätter nicht Fraktion s-, sondern eben WIZO-Blätter sind, daß die WIZO daher auch weit mehr als die Zionistische Weltorganisation in der Lage ist, ein allen gemeinsames Zentralorgan zu schaffen. Schließlich darf in keiner Nummer ein hebräischer Lehrkurs und eine reife, bildende Darstellung einer großen jüdischen Persönlichkeit oder eines Zweiggebietes jüdischen Wissens nnd jüdi- Das amüsanteste Lustspiel des Jahres! Frans Lederer Küß nicht im Kino! (One ralny afternoon) mit Ida Luplno Burg-Kino I. Imperial-Kino I, Stafa-Kino VII. Votivpark-Kino IX. mm—m Ein United Artlsts-Fllm bei Dr. Hauser & Co. ■■ ■..... sehen Geistes fehlen. Bücherumschau und diverse Nachrichten kommen hinzu. Dieses Zentralblatt soll so ausgestaltet werden, daß jede Frau sich freue, es zu besitzen, es am Jahrosschluß zu binden und zn bewahren. Es soll die zionistische Geiatesnahrung für Gruppenleiterinnen, Arbeitsgemeinschaften, auch kleine ontlegeno Ortsgruppen bestreiten, zugleich die Kraftquelle für jede Propaganda. Daneben soll monatlich ein sachlicher, knapp gehaltener Rudolf Feldschuh und Frau Wien, VIII., Laudongasse Nr. 67 wünschen allen Verwandten, Freunden und Bekannten ein raita rwin Informationsdienst von Palästina aus direkt die Gruppen und Föderationen über jedes wichtige Geschehen in unserem Rahmen unterrichten. Die übrige Kulturarbeit, insbesondere die hebräische, muß an Ort und Stelle von jeder Einzelnen, von jeder Arbeitszelle aus geleistet werden, letzten Endes von jeder für sich allein und damit für ihre Umgebung. Es ist zu hoffen, daß die WIZO es nicht mehr nötig haben wird, auf überholte Debatten zurückzugreifen, da der gangbare Weg zugleich der einzige ist, dem alle mit diesem Problem Vertrauten ihre Zustimmung geben konnten — und gaben. sanft-scharfe SWING Sektion III und WIZO III, Die regelmäßigen Zusammenkünfte im Wiener Ringcafe, I., Stubenring 18, finden wieder jeden Dienstag abends um y9 Uhr statt. Wegen der bevorstehenden Kultuswahlen ist das Erscheinen aller Mitglieder unbedingte Pflicht. I Herbstneuheiten In allen Modefarben Schilling 9-80, I*’-, 15*- Feinster Haarfilz 19'", 23*-f Biber 28*- II., Taberstraße 39 XIV., Sechshauserslraße 39 XVII., Kalvarlenberggasse 34 Die neue Melodie Eine Jom-Kippur-Geschichte Von Jizchok Leib Perez Mtm stieß in den Schofar und die Gemeinde rief: „Kommendes Jahr in Jeruscholalm!“ Die kleinen Jugen machten sich sofort an das Wachs heran, das von den langen Kerzen herimtoigetropft war. Vor dem Vorboterpult stand bereits der AUtagschason, man betete dag Alltagsabendgebet mit der Alltagsmelodie. Mit Windeseile beteten die Leute, mit Windeseile legten sie Tales uud Kittel ab und zogen sich die Schuhe an. Wer hat Zeit? Niemand hat Zeit, den blassen jungen Mann zu bemerken, der sich duroh die Betenden drängt und ein schwächliches, noch blässeres Kind mit eich zieht. Er geht schon zum drittenmal duroh die ganze Schule, doch niemand sieht ihn an. Der eine bat sich unter die Bank gebückt und holt seine Stiefel hervor, der andere sucht seinen Gummischuh, den man ihm vertauscht hat; einem dritten hat jemand den Hut mit Kerzentalg betropft; und alle haben Hunger ... Der junge Mann sieht vergebens jedem ins Gesicht; er kann keinen einzigen Blick auffangen. „Vater! Komm schon noch Hause!“ bittet das Kind. „Wir wollen nur noch einmal durch die Schule geben!“ antwortet der Vater. „Ich will noch einmal am Onkel Vorbeigehen . . Die Leute geraten auf einmal in Bewegung: der letzte Kaddisch und das letzte Amen sind gesprochen. Die Leute drängen sich ins Freie hinaus und ziehen den jungen Mann und sein iKnd mit sich. Die Männer bleiben auf dem Schulhofe stehen, um das Noumondgebet zu sprechen; die Weiber entfernen sich zu beiden Seiten der Sohulgnsse: sie ziehen sich hin wie zwei weiße Schnüre. Auf dem Heimwege hat mau Zeit, nachzureohnen, wieviel Frauen während des Tages ohnmächtig und wieviel beinahe ohnmächtig wurden, und den Cbasen zu kritisieren, der dieses Jahr noch heiserer war als im vorigen Jahre. Vor jedem Hause nehmen zwei oder drei Abschied von den übrigen und verschwinden... Auf dem Schulhof stehen noch die Männer und hüpfen unter dem Monde. Unter ihnen irrt noch immer der blasse junge Mann mit dem blassen Kind herum. Die Zahl der Betenden wird immer kleiner, und ihre Gesichter — finsterer. Da« Gebet ist zu Endo, und der letzte Betendo verschwindet irgendwo hinter einer Ecke. Der junge Mann steht noch immer da. „Kein Mensch... Nun, ich muß sehen, wie ich ohne die Leute auskomme... Ich will nicht, gleich zu Beginn des neuen Jahres, gleioh nach Jora-Kippur-Ausgang, betteln gehen...“ flüstern seine blassen Lippen. Das Kind glaubt, daß der Vater das Neumondgebet spricht. „Ist schon genug, Vater!“ Das Kind will den Vater am Rockschoße fortziehen. „Wollen wir schon nach Hause gehen!“ bittet es mit weinerlicher Stimme. „Dummes Kind! Warum willst du nach Hause?“ „Ich will essen! Ich habe Hunger!“ „Gewiß! Ich weiß, daß du Hunger hast, Närrchen! Was erzählst du mir Neues? Hättest du es mir nicht gesagt, so hätte ich wohl geglaubt, daß du keinen Hunger hast, nachdem du den ganzen Jom-Kippur gefastet hast?“ „Komm schon nach Hause!“ fleht das Kind wieder. „Hör’, Dovid’l: auch zu Hause gibt es nächte zu essen!...“ „Wenigstens ein Stück Brot!“ „Wir haben kein Stückchen Brot!“ Das Kind bleäbt erschrocken stehen. „Dovid’l“, sagt der Vater, „weißt du, was heute für ein Tag war?“ Das Kind schweigt und schluchzt still in sich hinein. „Heute war Jom-Kippur, Dovid’l... ein heiliger Tag...“ „Ja...“, sagt das Kind kaum hörbar und nickt. „Sag einmal, Dovid’l was haben wir heute gemacht?“ „Gebetet!“ weint das Kind. „Gut! Und der Herr, gelobt sei sein Name, was hat er gemacht?“ „Er hat uns unsere Sünden vergeben ...“ sagt das Kind unter Tränen. „Weißt du, Dovid’l: wenn Gott uns unsere Sünden vergeben hat, so müssen wir doch, glaube ich, lustig sein, nicht?“ Das Kind gibt keine Antwort. „Weißt du noch, Dovid’l: voriges Jahr, als Mutter noch lebte, da sangen wir nach dem Abendbrot eine neue Melodie. Kannst du dich noch erinnern?“ „Nein!“ „Ich will dich an sie orinnern... Sing aber mit!“ Und der junge Mann begann mit seiner schwachen, heiseren Stimme eine Melodie zu singen, Es war kein „Wolech“ und kein „Sinai“, sondern eine grauenvolle Weise, die sich tief ins Herz hineinschnitt. Und das Kind sang weinend mit.