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Die Stimme · 1936-09-16 · Heft 581 (16.9.1936) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 581 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 581 — Wien, Mittwoch, 16. September Oll tTIMMI Saite 9 Teil unseres Stammes mitten im Herzen europäischer Kultur erleidet. Wir glauben, aus den Schewarim, den gebrochenen Tönen, die Angstschreie und Leidensrufe jener kleinen jüdischen Kinder zu vernehmen, die wie Aussätzige zuriickgesetzt werden und von denen die jüdische Mutter gleich Hagar ausruft: „al är*iih be'moth hajeled“ — „ich kann nicht länger die Verzweiflung und den seelischen Tod meines Kindes mitansehen!“ Mit erleichtertem Herzen und emporgerichtetem Sinn vernehmen wir zum Schluß endlich die dritte Gruppe von Tönen, die THERUA, die fröhliche Tonreihe, den Schrrietterton, den Jubelschall, das Lustgetön, das von den Hängen der palästinischen Berge nach zweitausend jährigem Schweigen wieder erklingt, Sulamith, „Chawazeleth Hascharon", die Lilie der Saronebene, die Hirtin von Gilboa, verkündet das Wiedererwachen des jüdischen Volkes zu natürlichem, fröhlichem Sein. Dort am . Kinereth-See jauchzen helle Kinderstimmen im Gefühle heimatlicher Geborgenheit und stolzen Lebensbewußtseins. Erez Israel, der einzige Rettungsanker, die einzige Hoffnung des schwergeprüften Volkes, wird unverdrossen zum Lichtpunkt an seinem sonst düsteren Horizont und entlockt dem Schofar ein jubelndes, jauchzendes THERUA. Dieser Freiheitsschall verdeutlicht sich zu den prophetischen Worten: „Also spricht Gott, der Herr: Ich gedenke Deiner unverwüstlichen, jugendlichen Treue, da Du mir gefolgt bist durch die Wüste der Diaspora, durch unbekanntes, undankbares Land.“ Im Gegensatz zu den SCHEWARIM, die uns an unsere Gebrochenheit und Unstimmigkeit erinnerten, soll uns die THERUA Trost spenden, soll diese letzte Tonreihe, dieser fröhliche Schofarklang uns mit Gottvertrauen erfüllen. „Ala Elokim Bitheruadie Zuversicht auf göttliche Hilfe steigt unter den Klängen der THERUA und ermuntert uns, dem kommenden Jahre froh und mutig entgegenzugehen, mit „bitachon”, mit Lebenslust . und Hoffnungsfreude. Ein Midrasch erzählt uns: Sobald Israel am Neujahrstage mit dem Schofar in der Hand vor Gericht erscheint, verwandelt sich Gottes richterliche Strenge in väterliches Erbarmen. Denn der Schofar ist unser beredtester Verteidiger, er liefert den untrüglichen Beweis, daß Israel trotz düsterer Zeit jenes Instrument des Rufs zur inneren Sammlung und zu wahrem Gottvertrauen nicht verlustig geworden ist, daß wir Juden mit gläubiger Gewißheit das Eintreffen jener Zeit erwarten, von der es heißt: „An jenem Tage wird in die große Posaune gestoßen werden und es werden herbeikommen die Verlorenen aus dem Lande Assur und die “Verstoßenen aus Ägpten und werden sich bücken vor dem Ewigen auf dem heiligen Berge in Jerusalem.“ Mit diesen Hoffnungen und Erwartungen wollen wir ins neue jüdische Jahr treten, das uns ein Jahr von „Chajim'“ und „Berachau, von Leben und Segen werden möge. Amen! Und Jahre kommen und vergehen Von Ben-Chorin Und Jahre kommen —• und vergehen Und wie ein Lied verhallen Menschenleben, Du hast genommen, was Du einst gegelcn, Wie könnten wir vor Deinem Thron bestehen/ Wir sind die Herde — Du bist unser Hirt, Wir sind wie Laub im Wind, Du aber dauerst, Wir sind gebunden in ein Taggeviert, Du aber ragst von Ewigkeit ummauert. Wie soll ich, Zeitenloser, Dich begreifen, Der mich zerbrach wie dürres Holzf Laß meine Demut wie ein Saatkorn reifen, Laß mich den Saum nur Deines Mantels streifen, Den leuchtenden, im Licht des Sonnengolds. Wir kennen nicht das Los, das uns beschlossen, Wir kennen nicht das Ziel, das Du gesetzt, Wir stehen, Zitternde, von Furcht umschlossen, Scheu wie das Wild, das man zu Tode hetzt. Vergiß uns nicht, vergiß nicht unserer Toten, Weis’ uns den Heimweg, denn wir wurden müd*: Entbiete Deinen längstverheiß’nen Boten, Der wie die Feuersäule vor uns zieht. Gesiegte in der NacQt Von David ’RoiQblum Dem Andenken der ermordeten Pflege* Schwestern Martha Fink und Nechamah Zedek. Worte des Propheten: Also sprach der Herr: Hülle dich in schwarze Gewänder, auf daß du nicht er* kannt werdest im Dunkel der Nacht. Die Schuhe aber streife von deinen Füßen, damit unhörbar bleibe dein Gang. Nimm Abschied von deinem Weibe und den Kindern, die deinen Lenden entsprossen, und mache dich auf den Weg, den ich dir zeigen werde. Ich will die Sterne verlöschen lassen vor deinen Augen, doch dich werde ich sicher geleiten an den Ort meines Willens. Dort werde ich dir Worte in den Mund tun, die du dem Volke Israel zu verkünden hast. Der zweite sprach: „Ich werde es vollbringen, denn was sind die vier gegen die sieben? Und was sind Jünger, die das Fleisch verneinen und nur den Geist verherrlichen, gegen Männer der Arbeit? Baumstarke, muskel8trotzende:; schwielenhändige Männer der Arbeit waren ■ es. Als ich ihnen in Jaffa begegnete, war ich allein gegen sieben... Ich grüßte und sie dankten... Da grüßte ich noch einmal mit | der Granate... Alle fielen eie zu Boden wie die Ähren 'von der blanken Sense (troffen... Die einen waren auf der Stelle tot, die anderen unrettbar dem Tode geweiht. Dae war eine Tat... Ha, das war eine Tat!...“ Es schrie der dritte: Ich tat, wie mir befohlen. Judäa« Gefilde lagen im Goldlicht der untergehenden Sonne. In der Ferne schlug da« Rauschen des Meeres an mein Ohr. Es wiar wie ein Wiederhall von Gottes Wort. Durch blühende Beete meines Gartens schritt ich dem Zelte zu, wo Weib und Kinder meiner harrten. Hinter mir blieben die Hütten meiner Freunde, die aus den Tiefen der Golah emporstiegen, um im Schweiße ihres Angesichtes das Gestein des verheißenen Landes in fruchtbare Schollen zu wandeln. Als ich in die Hütte kam, senkte sich plötzlich tiefe Nacht über die Welt. Es war, als wenn der Herr eiuen ehernen Sturz über die Erde gestülpt hätte. Tastbare Finsternis, Schwüle bis zur Atemnot. Ich sah Gottes Wort sich erfüllen. Mich überkam innere Erregung und da« Herz flatterte mir in der Brust wie ein geschreckter Vogel in einem engen Käfig. Mein Weib begab sich zu den beiden Kindern aufs Lager. Als ich merkte, daß eie schliefen, machte ich mich auf den Weg, wie Gott befohlen hat. " * Die Nacht war schwarz, unkenntlich der Weg. Die Gewalt des Herrn trieb mich vorwärts. Ich schritt, ich lief, und wußte1 nicht .wie lang. Da strauchelte mein Fuß an einem Stein und ich fiel zur Erde. Ein Lichtstrahl schoß au« der Höhe und erleuchtete einen Augenblick lang die Umgebung. Ich erkannte die ehrwürdige Stadt Tiberlas und j den See, dei sie umsptilt. Als der Lichtstrahl erlosch, sprach der Herr zu mir aus der Finsternis: „Das Ziel deines Weges ist dae Gestade des Kinereth. Dort setze dich auf einen Stein, der für dich bestimmt ist. Unweit davon ist eine enge Schlucht, in der Männer sitzen, die Böses sinnen und sich Ihrer Missetaten rühmen, Du wirst ihren Worten lauschen und ich werde dein Herz zu Eisen stählen, daß du nicht wankst. Und dann will ich die Worte in deinen Mund tun, die du dem Volke Israel zu sagen hast.“ * Und ich fand den Stein, setzte mich auf ihn und harrte der angekündigten Dinge. Es war noch immer tiefes Dunkel um mich her. Da öffnete sich plötzlich eine Schlucht vor meinen Augen, in der vier Männer saßen. Sie waren jung und gebräunten Angesichts, doch ihre Augen rollten wie die Augen von Menschen, die nicht im Ebenbilde Gottes erschaffen wurden. Der eine sprach: „Ich werde es tun, ich werde es schaffen. Habe ich nicht meinen Mut in jenen großen Tagen zu Hebron bewiesen? Sollten kaum sieben Jahre genügt haben, rnn meine Taten in Vergessenheit zu bringen? Fraget doch den Mufti in Jerusalem, er wird es euch erzählen! ... Viere waren es . . . Vier in blühender Jugend... Sie saßen in ihrem Bethauso, da« zugleich das Haus ihrer Lehre ist... Alle gebeugt über die großen Bücher... Kein Menschenkind wäre in der Lage, so rasch bis vier zu zählen, als ich sie alle erstach... Wie ein Blitz traf sie mein Messer in die Kehlen und sie ließen die Köpfe sinken auf die rotgefärbten Blätter ihrer Folianten... Das vollbrachte ganz allein meine Rechte, die Rechte eines Mannes, der den Namen des Propheten Allahs trägt...“ „Für mich allein ist die Tat bestimmt, denn was sind sieben gegen neun? Und wer von euch hätte es gewagt, sich an Kinder heranzuschleichenV An Kinder in der Schule? I6t das nicht kühner als selbst dem Löwen in der Höhle zu begegnen? Und doch, ich t-at’s... Und ich warf eine Bombe in ihre Scharen, daß neun auf einmal erfaßt wurden. Da« war ein Geschrei!... Leicht konnte ich flüchten, denn die Verfolger wurden von unseren Volksgenossen zurückgehalten... Da« alles vollbrachte ich am hellichten Tag, sozusagen vor den Augen der Sonne!...“ Es brüstete sich der vierte: „Außer mir wird niemand die beschlossene Tat vollführen. Denn ich habe ein Herz aus Stein. Und eine Seele, die vor nichts erzittert ... Ich habe eine junge Frau vor den Augen .ihres Kindes mit meinen eigenen Händen erwürgt... Bei Allah und seinem Diener Mohammed! Das ist wahr!...“ * Worte des Propheten: Da fiel ich aufe Angesicht und schrie hinaus in die finstere Nacht: „Herr, weiche von mir, lasse mich zu meinem Weib und den Kindern ziehen. Ich kann die&e Greuel nicht mehr hören, diese Menechentiere nicht mehr sehen. Diese Nacht wird wie ein Höllengesicibt durch mein Leben gehen. Ich werde meiner Tage nicht mehr froh werden können. Ich bin zu schwach für dein Gebot ...“ Da ward mir die Stimme Gottes aus dem tiefen Dunkel dieser Nacht: „Ohne Sinn sind deine Worte und ohne Inhalt deine Klagen. Geschehen ißt, was deine Ohren hörten. Das weißt du ebenso, wie die hunderttausende deiner Brüder im Lande und die Millionen deiner Volksgenossen in der Zerstreuung. Ist doch das, was geschehen, zu deinen und ihren Lebzeiten geschehen und nicht in fernen vergangenen Tagen, deren Ereignisse die Väter überliefert haben. Warum der Schrecken, der über dich kam, als du aus dem Munde der Mörder hörtest, was dir längst bekannt war? Oder hat dich bloß die Tat mit Entsetzen erfüllt, von der in der Schlucht die Rede war?“ Weiter sprach zu mir der Herr aus dem Dunkel der Nacht: „Setze, Menschenkind, eine Posaune an deine Lippen, fülle, Menschenkind, deine Seele mit Haß, deine Brust mit ingrimmigem Zorn. Wende dich an die Söhne Israels, wo immer sie wohnen in aller Welt. Gieße über sie den Unmut und den Spott, die in dir aufgestapelt. Schleudere ihnen die Schande ins Angesicht. Denn sie haben meine Besten sterben lassen, die sich ine Land begeben hatten, das ich eueren Ahnen gelobt habe. Sage es allen, wo immer sie in der Welt sind: Weil sie geschwiegen haben, als das Blut meiner Kinder von feigen Mördern aus dem Hinterhalt vergossen wurde: weil sie nicht ihre Stimme zum Schrei erhoben haben, dort, wo ihre Stimme noch gehört wird: weil sie eich nicht geeint eihoben haben, geeint im heiligen Zorn und in schäumender Wut: werden sie die letzten sein, die in das Land ziehen werden, das ich euch gelobt habo. Nicht sollen sie sagen, daß sie schwach sind, nichts vermögen, nicht« können. Denn sie I sind ein großes Volk, dem große Kraft innewohnt. Das Leid hat «io gestählt und gestärkt, mehr denn andere Nationen. Sie wollten nicht, und das ißt die Schande ihrer Tage.“ Worte des Propheten: Noch immer lag ich auf dem Boden, niedergedrückt von dem Gesichte dieser heillosen Nacht. „Herr,“ — bat ich flehentlich — „wer bin ich denn, daß du mich, den kleinen Ackersinann. zu deinem Volke sendest? Ich bin dieser ►Sendung nicht gewachsen. Erschaue dir einen anderen, dessen Worte gewichtiger klingen als die meinen . . .“ Doch Gott erhörte nicht mein Flehen. Eine unsichtbare Hand zog mich empor an den Haaren meine« Kopfes und eine Stimme donnerte aus der Finsternis dieser endlosen Nacht: „Du wirst gehen und kein anderer. Hirten und Bauern waren meine ersten Sendlinge. Und nicht nur an die Söhne Israel« wir«t du meine Worte künden. Wie einst mein Knecht Jesaja sein Gleichnis gegen Babel erhoben, wirst du dröhnend deine Stimme gegen das Inselvolk erheben, das ich groß und mächtig und stolz gemacht- und zum Vollstrecker meines Willens bestimmt habe. Und also wirst du zu dem Inselvolk sprechen mit mahnender, ernster Stimme und viel Bitternis in deine Worte tun. Und dies sei deine Rede: ,Also spricht der Herr zu dir, mächtigstes aller Völker! Ich habe den Himmel erschaffen und ihn zu meinem Throne gemacht. Ich habe die Erde mit meinen Händen gebildet und eie zum Schemel meiner Füße erkoren. Die Meere entstanden auf meine« Worte« Geheiß. Ich habe Völker ohne Zahl entstehen und sterben lassen. Den Söhnen -Israels aber «chwor ich ewiges Leben auf dieser* Erde und dich, Inselvolk, habe ich erhoben über alle Völker und zu dem mächtigsten werden lassen auf dieser Welt. Du beherrschest Länder und Meere und mit Ehrfurcht nennen die Nationen deinen Namen. Das war mein Gebot, weil ich dich erwählt habe zum Vollstrecker meines Willens. Du sollst dem Volke Israel das Land wiedergeben, von dem ich es seiner Sünden wegen vertrieben habe. Das war mein Wille.- Du, Inselvolk, hast die Sendung auf dich genommen und auf mein Geheiß stimmten dir die Völker dieser Erde zu. Nun aber hat es den Anschein, als wolltest du, Inselvolk, dein gegebenes Wort einem wertlosen Scherben gleich brechen. Es scheint, al« wenn du ein Spiel treiben wolltest mit meinem Volke, dessen Leiden zu beendigen ich beschlossen habe. Darum wisse: nicht mit Israel, mit mir treibst du dieses Spiel. Kehre von dem abschüssigen Wege ab, den du zu beschreiten im Begriffe bist. Sonst wirst du Aschur und Babel und Kasdim und Eddora gleichen, die einst mächtiger waren, als du und nun nicht mehr sind. In der Stunde der Not werden deine Schiffe nichts bedeuten. Die den heftigsten Stürmen trotzen, werden vor meinem Odem nicht bestehen. Deine Heerscharen werden an jenem Tage, den ich über dich schicken werde, vergeblich zu mir um Hilfe schreien. Meinen Willen aber wird für Israel ein anderer vollstrecken, der deinen Platz einnehmen wird in dieser Welt. Kehre daher um, Inselvolk, damit sich dein Schicksal nicht erfülle!' “ Worte des Propheten: Und also sprach noch zu mir die Stimme des Herrn aus dem Dunkel dieser Nacht: „Gehe hin und beruhige die Annen meines Volkes, dem ich die Wüsten Wanderung nicht vergessen habe bis auf den heutigen Tag. Sprich zu den Armen meines Volkes, deren Lehen der Finsternis dieser Nacht zu vergleichen ist: Ich habe ihrer nicht vergessen. Ich werde ihr Dunkel erhellen in Bälde, in Bälde. Nicht eine ihrer Tränen geht vor mir verloren. Ich werde der Gewalt und dem Unrecht eiu Ziel setzen und Recht und Ge* Jude, ÄÄlÄd spende m Thora »d.« Keren Kajemeth!

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