Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 581 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seit« 8 OH STIMM« Kr. 581 — Wien, Mittwoch, 16. September 198« ApadoiU üfoc PozcU-UascUscUauaU Und fan-Haiddpüäm R. Pinhas und R. Hilqyah sagten im Namen des R. Simmon: Es traten alle Engel des Dienstes vor den Heiligen, gelobt sei sein Name, and sprachen vor ihm: Herr der Welt, wann ist Roschhaschschanah? Und er antwortete ihnen: Mich fragt ihr? Ihr 'und ich, wir werden das untere Gericht (das menschliche Gericht) fragen. Es lehrte R. Hoscha’yah: Es ordnete das untere Gericht an und sprach: Heute ist Roschhaschschanah. — Der Heilige, sein Name sei gelobt, sagte den Engeln des Dienstes: Stellt eine Gerichtsbuhne auf, stellt die Verteidiger und stellt die Ankläger, denn es haben meine Söhne erklärt: Heute ist Roschhaschschanah. Es beschloß das (untere) Gericht aber, ihn auf den nächsten Tag zu verschieben. Da sprach der Heilige, gelobt sei sein Name, zu den Engeln des Dienstes: Verschiebt die Aufstellung der Bühne und die Aufstellung von Verteidigern und Anklägern, denn meine Kinder haben die Verschiebung auf morgen beschlossen. Und was ist der Sinn (dessen)? Denn eine Satzung ist es für Yissrael, eine Vorschrift vom Gott Ya’aqovs*, und wenn es keine Satzung ist für Yissrael, kann es auch keine Vorschrift sein vom Gott Ya’aqdvs. Es sprach R. Krusspedai im Namen des R. Yohanan: Drei Bücher werden auf geschlagen am Roschhaschschanah; das der vollendet Heiligen, das der vollendet Schlechten und das der zwischen ihnen Stehenden. Die vollendet Heiligen werden sofort zum Leben eingeschrieben und gesiegelt; die vollendet Schlechten werden sogleich zum Tod eingeschrieben und gesiegelt; die zwischen ihnen Stehenden aber bleiben, in Schwebe vom Tag des Jahresanfanges bis zum Tag der Entsühnung. Taten sie Gutes in dieser Zeit — werden sie zum Leben eingeschrieben; taten sie es nicht — werden sie zum Tod eingeschrieben. Es sprach R. Abbähu: Warum bläst man mit einem Horn des Widders? Es sprach der Heilige, gelobt sei sein Name: bläst vor mir aus einem Widderhorn, damit ich gedenke der Opferung Yizhäqs ben avraham und daß ich es euch anrechne, als würdet ihr euch selbst zum Opfer vor mir gegeben haben. Es sagte R. Abbähu: Es sprachen die Engel des Dienstes vor dem Heiligen, sein Name sei gelobt: Herr der Welt, warum sagt Yissrael nicht den Hallel am Roschhaschschanah Und am Yom hakkipürim? Antwortete er ihnen: Ist es möglich, daß Yissrael das Lied singt, da der König auf dem Stuhl des Gerichtes sitzt und die Bücher der Toten vor ihm auf ge schlagen liegen? Wer sagt: „Ich sündige und bereue dann, ich sündige und bereue dann“, der wird keine Gelegenheit haben, Buße zu tun. „Ich sündige und der Yom hakkipürim wird mich entsühnen“ — den wird der Yom hakkipürim nicht entsühnen. Vergehen von Menschen gegen Gott entsühnt der Yom hakkipürim; Vergehen zwischen Mensch und Mensch entsühnt der Yom hakkipürim nicht, ehe der Mensch seinen Mitmenschen versöhnt hat. Dieses lehrte R. El'asar ben-äsaryah: ,yon allen euren Sünden sollt ihr vor dem Ewigen rein werden.“ — Sünden des Menschen gegen Gott entsühnt der Yom hakkipürim. Vergehen gegen den Mitmenschen — sie entsühnt der Yom hakkipürim nicht, ehe man nicht seinen Mitmenschen versöhnt hat. ln der G'mar ah hat „Satan“ den Zahlenwert 364, das ist die Zahl der Tage des Jahres weniger einen Tag. Alle Tage des Jahres hat der Satan die Erlaubnis, den Menschen anzuklagen, ausgenommen am Yom hakkipürim. Es sagte ihm der Heilige, gelobt sei sein Name: Du hast kein Recht, sie zu berühren, aber dennoch: gehe und sieh, womit sie sich beschäftigen. Als er ging und sie alle fastend fand und betend, gekleidet und eingehüllt in weiße Gewänder gleich den Engeln des Dienstest kehrte er sofort beschämt zurück. Da sagte ihm der Heilige, gelobt sei sein Name: Wie hast du meine Kinder gefunden? Antwortete jener: Wahrlich, sie sind wie Engel des Dienstes und ich kann sie nicht schlagen. Sofort band ihn der Heilige, sein Name sei gelobt, und kündete ihnen: Ich habe verziehen! Es sagte R. ’Aqiva: Heil dir, Yissrael! Vor wem reinigst du dich und wer ist es, der dich reinigt? Dein Vater im Himmel. Wie es gesagt ist: „Und ich werde auf euch sprengen reines Wasser und ihr werdet rein sein von allen euren Unreinheiten, und von allen euren Scheusäligkeiten werde ich euch reinigenUnd es heißt: „Hoffnung* Yissraels ist Gott.“ — Wie die Wasser den Unreinen reinigen, ebenso reinigt der Heilige, gelobt sei er, Yissrael. (Nach der von Bialik und Ravnizki edietten Ausgabe übersetzt von B. G.) * miqweh: Hoffnung, aber auch; Wasseransammlung. Dr* Jisrael Weinstock t Weg, den der Rosch-IIaschanah und Silvester, was liegt nicht alles zwischen diesen zwei Begriffen. Der ganze tiefe, wesemhafte Unterschied zwischen uns und den anderen, deutlich, deutlicher als anderswo, steht er hier vor uns. Unser Neujahrs tag hat nicht« von überschäumender Lebensfreude, nichts von Rausch und Taumel an sieh. Er ist Roschüaschana-h, der Kopf des Jahres, der Tag des Denkens, der Besinnung, Jom Im Din, der Tag des Gerichtes, der Tag der Rechnungslegung vor dem eigenen und dem Weltengewissen, Jom Term, der Tag des Wachrufens, der Aufrüttelung, Jörn ha Sikkaron, der Tag der Rückschau über den Strom des Geschehens, der jetzt einzieht in den grenzenlosen Ozean der Zeit, der Tag des Gedenkens, der Tag des Gedankens. Alle jüdischen Feste sind nationale Feste. Pessach, Schawuoth und Sukkoth sind Sinnbild von Befreiung, Volkwerdung und Wanderweg des jüdischen Volksstammes. Nur Rosch-Haschanah und der ihm verwandte Jom Kippur sind ihrem Wesen nach ganz und gar nicht national. Ihr Inhalt ist ausgefüllt von den großen, das All umspannenden Ideen von Gottesreich, Weltgericht, Erdenlos, Menschheit«- und Mensch enschicksal. Der Gehalt eines Tages, ob es ein einfacher Schabbatk ist oder ein hoher Festtag, ist gegeben durch die Legende," die Schrlftlesüng dieses Tages. Die Legende von Rosch-Haschanah ist die Geschichte unseres Erzvaters Jizcbak, seine Geburt und sein Schicksal, Akedath Jizchak, der Opferweg. Abraham hat die Idee erkannt. Jizchak, das ist der Weg ihrer Verwirklichung. Opfer und Aufopferung, keine Idee kann ohne sie mehr als Idee werden, Tat, Leben, Wirklichkeit. Opfer, das ist Anfang und Ende jedes, menschlichen Sirebens nach Erfüllung. Dieser Gedanke .steht daher am Anfang unserer Zeit; er soll im Zentrum des Lebens und Geschehens stehen. Opferweg, das ist der Weg, den Fügung und Wahl dem jüdischen Volke gewiesen haben. Die ganze jüdischo Geschichte ist die lebendige Darstellung von einem unaufhörlichen 'Sioh-widmeu, Sich-opfern, Siehaufopforn für die Idee. Viel» Jahrhunderte sind erfüllt von opferschworen Kämpfen im Innern, bis die Idee im Volko sich durchsetzt, ausgefüllt von Rückfällen, Verirrungen und Spaltungen, von prophetischem Ringen für Gottes Wille und Gottes Wort, von unzähligen Episoden, von Irrwegen, kurzen und breiten, die alle ins Leere laufen, bis der eine und reobte Pfad zum Weg wird. Viele Jahrhunderte dann ein opfersdhweres Ringen mit wesensfremden und we-sensfeindllchen Mächten; Kämpfe, die wohl den Leib zermürben, doch die Seele stählen. Die Schale wird schließlich zertrümmert, doch der Kern bleibt: Er ist schon hart und fest, er wird sich behaupten. Und dann viele, viele Jahrhunderte Leidensweg in der Galuth, finstere Rabennacht, verfinstert noch durch die Lichter unzähliger Scheiterhaufen mit ihren lebendigen Fackeln, das Schima auf den Lippen. Opfer für ihr Judentum. Und dann kommt eine Zeit. Dm Ghetto füllt. Das Auge weitet sich. Man sieht eine Welt, eine Menschheit. Und eine neue Erkenntnis steigt auf, ein neues andersartiges Erfassen uralter prophetischer Gedanken Judentum, das ist Dienst an der Menschheit. Und ein neues Gefühl durchdringt das Volk: die Zeit ist gekommen, die Zeit der Erfüllung. Es wandelt sein Gesieht. Es geht neue Wege. Seine Geister sprechen zuweilen von .einem Zurückgreifen auf die Lehren Tag uns weist der alten Weisen. Doch' nur ein Herausgreifen ist es eines einzigen Wortes: Der Inhalt des Judentums ist in dem einen Kernsatz enthalten: LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST. Wozu dann jene Unmenge beschwerlicher Kleinlichkeiten tragen, die drückende Fülle der kleinen Lasten? Der reinen Idee muß man dienen. Das ist das Richtige und auch — das Leichtere. Der Menschheit muß man dienen. Das ist Aufgabe und Ziel. Damit wird man auch dem Judentum den besten Dienst erweisen. Der Menschheit müssen wir mit allen Kräften dienen, sich voll und ganz den Völkern widmen, in deren Mitte wir leben, dann werden auch sie in uns den Menschen sehen. Und man diente und man widmete alle seine Kräfte; allen Formen menschlichen Schaffens, aller menschlichen Kultur. Mit jüdischer Neigung zu letzter Konsequenz diente man bis zur Selbstaufopferung, bis zur Selbstauflösung. Opfer und Judentum. Aber — aus Aufopferung für das Judentum ist Aufopferung des Judentum geworden. In Erfüllung ist die Verkündung gegangen, di© unser Erzvater Jaakow am Fuße der Himmelsleiter vernommen bat: UND DU WIRST AUS¬ BRECHEN, DICH MÄCHTIG ENTFAL¬ TEN, NACH WEST UND OST, NACH NORD UND SÜD, UND ES WERDEN DURCH DICH GESEGNET WERDEN ALLE VÖLKER DER ERDE. Diese Verkündung zukünftigen Volksschicksals ist in Erfüllung gegangen. Aber mit anderem Sinn. Wir sind ausgebrochen aus dem Judentum nach allen Richtungen, habert überall Großes und Mächtiges geschaffen, den Segen —- den haben die anderen gehabt. Allen Völkern haben wir gedient, alle Kulturen haben wir befruchtet, allen sind! wir zum Segen geworden, nur nicht — uns. Dem jüdischen Volke ist davon nichts gutgeschrieben worden. UND DEIN SAME WIRD SEIN, WIE DER STAUB DER ERDE — auch dieser verkündete Segen erfüllt — getreten und verachtet, geschmäht und erniedrigt. Das war dos Opfers Lohn. So ward dem Volke gedient. Und der Menschheit? Haben wir ihr wieder Größtes, Höchste« gegeben oder nur Halbgroßes, wieder Unschöpferisches oder nur Zahlreiches und Vielseitiges, nur was bis an die Grenze des Großen und Hohen reicht? Das Größte und Höchste wird nur aus der reinen Glut der eigenen Seele geboren. Und wir — wo haben wir unsere eigene Seele? Reuig kehrt man um, kehrt man heim. Weiter bringt man Opfer, schwere Opfer. Jüdisches Blut färbt die alte Erde. Es schreit das Herz, es bäumt sich auf. Doch cs fühlt, es sieht: endlich icieder für mich. Wieviel Blutstrümo haben wir schon in aller Welt vergossen! Wofür? Wozu? Endlich ein Tropfen wieder für mich. Wie einst. Und doch anders. Nicht mehr Opfer des Leidens nur — Opfer des Werkes, Opfer der bauenden Tat. Man denkt, man erkennt: Judontum ist wohl Dienst an der Menschheit. Doch wie? Nur indem wir unser Höchstes für das Judentum leisten. Dem eigenen Volke dienen, sein Loben und seine Seele wieder bauen, das ist die Aufgabe, das ist das Feld für unsere Kräfte, das Werk der jüdischen Gegenwart. So, nur so werden wir den Boden bereiten, den Boden des eigenen Volkes, aus dem die Jahrtausende schlummernde Saat wieder aufbrechen soll, aus dem allein wieder jene Urkräfte erwachsen können, jene Geister, die dem jüdischen Volk© und der Menschheit den Weg erhellen sollen. Das ist der Weg des Volkes. Auch die Feste kennzeichnen ihn. Sie sind nationale Feste; sie wurzeln iin alten, eigenen Volkserleben. Nur die hohen Feiertage sind anders. Sie zeigen, daß jüdisches Volkstum nicht Volkstum nur ist und sein will in engen eigenen Grenzen, daß sein Gipfel weiter hinausragt, hinoinragt in das Höchste, Allmenschliche, Allweltliche. Die Stimme des Schof ars Predigt, gehalten zu Rosch-Haschanah 5693 im Turnertempel in Wien Von Rabb. Dr. Josef Babad, Klagenfurt Diese Predigt, die vor vier Jahren gehalten wurde, besitzt noch heute ihre volle Aktualität. Alljährlich, wenn die altgewohnten Töne des Schofars die heiligen Räume des jüdischen Gotteshauses erdröhnen lassen, zieht etwas wie ein Beben, wie heiliges Zittern durch jedes wahrhaft jüdisch empfindende Herz; man ist in Erwartung der Offenbarung uralter jüdischer Heiligkeit und Religiosität. Die Sprache des Widderhornes mit seiner dreifachen Tonart wird zur mystischen Manifestation der jüdischen Volksseele, die ihrem Ringen und Leiden Ausdruck verleiht. Durch die Art der hervorgebraohten Schofarklänge - durch TEKIA, SCHEWARIM, THERUA — will uns das Neujahrsfest auch diesmal drei Grundwahrheiten verkünden, die unsere Seele aufs mannigfachste ergreifen und unser Innerstes bewegen. Zunächst erklingt die TEKIA, der langgezogene, gedehnte Ton. Es ist der lange, laute, mächtige Klang, der überraschende Weckruf des Wächters, der uns aus dem Schlafe der Gleichgültigkeit aufrüttelt und uns anzeigt, daß etwas Bedeutendes geschieht, daß ein Wendepunkt eintritt. „Hajom Harath Olam“, heute s büren -wir die Geburtswehen der Welt, denn unsere Jetztzeit steht unter dem Eindruck welterschütternder und weltumwälzender Ereignisse. „Hajom Ja'amid Bamischpat kol Jezure Olamimeiner Zeit, da alle Menschengruppen vor dem großen historischen Weltgericht stehen, das über ans die Entscheidung bringen soll „Im Ke’wanim“ — „ob wir uns weiterhin als Kinder, als rechtmäßige Erben dieser .Welt- und Wirtschaftsordnung betrachten dürfen oder „Im Ke’awadim“ — oder gar in mittelalterliche Sklaverei zurücksinken sollen. Der Schofarton ist also zugleich der wirkungsvolle Schreck- und Alarmruf, der uns zu Sammlung und innerer Erstarkung aneifert. Es ist der warnende Mahnruf des Sehers und Wegweisers, daß wir die falschen Pfade der Eigenbrötelei und des übertriebenen Parteientums verlassen und uns auf die richtige Bahn der Zusammengehörigkeit begeben, die allein uns zu unserem eigentlichen Ziele führen kann. Es ist aber zugleich auch der gebietende Haltruf des Führers auf unserem Lebensweg, der uns ermahnt, daß nun eine neue Haltestelle, ein Rosch-Haschanah, vorhanden ist, und daß die Weiterfahrt für uns von Gottes Gnade abhängt, damit wir zum Spender des Lebens innig und aufrichtig beten: „Im Ke’wanim, sind wir noch Kinder jenes auserwähltcn Volkes, dann erbarme Dich unser wie ein Vater, der seiner Kinder sich erbarmt“. „We’im Kc’awadim“, sind wir jedoch bereits ganz von jenem Sklavensinn beherrscht, der jedes höhere Gefühl erstickt und jede tiefe Regung tötet, dann „hängen wir mit Auge url Seele an Dir, bis daß Du uns hier begnadigst und bringst ans Licht unser Recht!“ Es folgt dann eine zweite Reihe von Tönen, SCHEWARIM, das ist der dreifachgebrochcnc Schall, der Seufzerton. Er erinnert uns an die Klagen und Seufzer, an das Leiden und an den Schmerz unseres Volkes, unserer Brüder und Schwestern. Und mit der Posaune seufzt jedes jüdische Herz mit über die Qualen und das Martyrium, das ein großer