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Die Stimme · 1936-09-16 · Heft 581 (16.9.1936) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 581 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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NV. 581 — Wien, Mittwoch, 16. September 1936 DIB STIMM! Seit« 3 Sorge, Hoffnung, Arbeit In das Jahr 5697 Von Krieg und Kriegslärm voll war das Öibgelaufeno Jahr. Es begann mit der Vo: bereitung des aibcssinisohen Kolonial' krieges und es schließt im Zeichen des Massenmordes in Spanien. Der Völkerbund äst ziu einem fleischlosen Schatten geworden, und mit seiner Demütigung sind atio alle Ideen, die ihm einstmals in der Blüte seiner ersten Tage so hohe Autorität geschenkt hatten, nur mehr geisternde Gespenster geworden. Menschliche Solidarität, internationales Denken, Bekenntnis einer übernationalen Kultur gehen unter im Stampfen der Rtietungefabriiken. Es gibt im Herzen dieses europäischen Kontinents einen großen Staat, der sogar den G edanken des Friedens und Freundschaft unter Strafe stellt! Der von der Uniformierung der Körper zur Uniformierung der Gehirne schreitet und beide auf Krieg und Eroberung drillt zum Zwecke einer nur von Gladiatoren getragenen Weltherrschaft. Und was in diesem Staat ersonnen wird, um die Phantasie der Massen und insbesondere der Jugend auf Schwächere, Friedlichere abzulenken, das zwingt auch die romantische Sehnsucht anderer Völker in den Bann, bereitet sie für einen atemlosen Amoklauf vor, an dessen . Ende nur das Chaos stehen kann, der Untergang Europas, auf den heute Millionen und Millionen im Orient mit griffbereiten Händen warten. In diesen Wahnsinn sehen wir Juden hinein. Wir sind sein erstes Opfer geworden. Oberrabbiner Dr. Ohajes hat einmal von den Kerkerländern gesprochen. Di Wortes Sinn besteht heute kaum mehr. Denn Kerker setzt die wenn auch harte Anwendung des Gesetzes voraus. Was aber heute sich ereignet, vollzieht sich außerhalb jeder Gesetzlichkeit, deren Urgrund doch immer die Anerkennung der Gleichheit ist und bleibt. Was 6doh gegen die Juden, ob nun als Einzelwesen, als Gemeinschaft, als Minderheit, zuträgt, geht von ihrer Verleugnung als Menschen aus, drückt sie zu Heloten herab, deren Existenz und Leben nicht dem Gesetz, sondern der Duldung und bestenfalls . der Gnade anheimgegeben werden soill. Wir haben an der Aufwärtsentwicklung der Menschheit teilgenommen, Wesentliches, Bestimmendes, Formendes beigetragen. Darum empfinden wir es doppelt tief, daß dieser heutige Zustand eingetreten ist. Wir verneinen ihn, wir werden ihn keine Sekunde lang anerkennen und wir werden ihn bekämpfen; wir klagen nicht über würdelosen Undank, sondern wir stellen uns auf unseren- Stolz, der in unserer Geschichte begründet ist, auf die Tatsache unseres Seins, auf den Adel unseres geistigen und ethischen Besitzes. Wir finden uns nicht ab, wir streichen nicht die blauweiße Fahne. ist und uns nur grenzenlosen Haß eingetragen hat. Inmitten der Nationalitätenkämpf © am Ausgang des 19. Jahrhunderte ist im Judentum der zionistische Gedanke, die Idee der resurrectio oarnis, neu aufgelobt. Der politische Zionismus ist die erste Reaktion des sich neu fühlenden jüdischen Volkes gewesen, nicht auf den Antisemitismus, sondern auf das Unnatürliche, Absurde der Situation einer Gemeinschaft, die in sich die Kraft verspürt, nach den Sternen zu greifen, aber fremd unter Fremden geworden ist, nicht durch ihren Willen, sondern durch das Gesetz der Beharrung. Wir haben uns bemüht, die anderen zu verstehen; wir haben ihnen gleich werden wollen, ihre Nöte, ihre Feste mitzuleben. Aber sie haben uns nie verstanden und sie wollen uns nicht verstehen. Was sie vorgeben, von uns zu wissen, ist Entstellung und Lüge, ist Fälschung und böseste Aufbauschung kleinlicher Dinge zur Pauschalbesohuldigung. Der Wille zur Assimilation war vorhanden, bei uns, aber nicht bei den anderen. Sie haben die Emanzipation nur für das Individuum ausgesprochen, nicht aber für das Volk,,und wir sind durch den Zionismus dazu Renegaten, die sich in den Dienst der Selbstvemichtung gestellt haben, sich nicht aufgeben und es will sich auch nicht zu einem . . * Pufferstaat in Biro-Bidschan, in dem zukünftigen rassisch-japanisch en Aufmarschterrain, umbilden lassen. Vielleicht dringt auch in diese traurige Abgeschiedenheit die Kunde vom neuen Palästina und erzeugt dort neue Kräfte des Widerstandes. Daraus — nebst anderen Momenten — wird die weiter feindliche Einstellung der Sowjets zum nationalen Judentum erklärlich und die Entsendung kommunistischer Propagandisten nach Palästina, die dort gemeinsam mit deutschen Agenten, arabischen Brandstiftern und englischen Kolonialoffizieren das sich erneuernde Judentum abwürgen sollen. Der deutsche Nationalsozialismus hat vorgegeben, daß er nur das geistige und kulturelle Eigenleben des deutschen Volkes vom jüdischen Einfluß reinigen wollte. Diesen jüdischen Einfluß hat es nie gegeben; aber selbst wenn er bestanden hätte, so würde dies in nichts die Roheit und Wildheit des deutschen Vorgehens erklären oder rechtfertigen. Das Judentum Deutschlands war nichts als das Sprungbrett für den Anlauf Hitlers und heute ist es — gedemütigt, ausgeraubt, verarmt und verfabmt — einj Objekt, auf das alle sich regende Oppodiese Be- [ sition abgelenkt wird; es ist aber auch als | Rioliterspruch Wartenden die Achtung: dies um so mehr, als die Leichenfeier für Gustloff in Deutschland zu einer rhetorischen Explosion des Führers Anlaß gegeben hat, in der er den politischen Mord als jüdische Übung hinstellte. Als hätte es nie einen Rathenau oder Erzberger gegeben, nie die Leute von Potempa. Die Tat Frankfurters hätte vielleicht die Gewissen in Europa wecken sollen, aber sie hat dies nicht erreicht, ebensowenig wie der Akt des jüdischen Emigranten Lux, der sich im Angesicht des Völkerbundes selbst den Tod gegeben hat. In unserem Herzen hat er sich sein Denkmal gesetzt, a/ber seine Briefe sind so, als hätte er sie nie geschrieben. Wir sind in Österreich zu stark in der Nähe des deutschen Nationalsozialismus, als daß er sich nicht fühlbar machen würde. Immerhin besteht die Tendenz, die Verfassung, die gleiches Recht festsetzt und in die der Minderheitsschutz eingebaut ist, zu achten. Doch ist hier der wirtschaftliche Verfall nicht zu verkennen und auch die traurige Erscheinung der Kinderlosigkeit und der Vergreisung nimmt bedenkliche Formen an. Nicht nur bei uns, sondern in ganz Europa. Erschwerte Arbeitsmöglichkeit, wachsende Verfolgung der Massen, die große Weltkrise Garantiert Kunerol ist vollständig reines Fett <ius Kokosnüssen, es ist nahrhaft, leicht verdaulich, unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen für den Festtagstisch verwendet werden. Das Verschluß- [sfegel der Packung gibt lhnen die Gewißheit, daß Kunerol unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn!Bezirk$rabbiners S. Ehrenfeld £u Mattersburg hergestellt wird. HKHM Das100% reine Kokosnußfett Nur echt in Originalpackung! Dieses Jahr setzte auch die Vorbereitungen für einen ganz großen Krieg fort. Die Gefahr geht ins Breite und Tiefe. Die Spannung gellt vom Zentrum Europas aus und sie steigert sich zu Entwicklungen und Dingen, die schließlich auch den Menschen, die ernstlich und ehrlich den Frieden wollen, über den Kopf wachsen können. Es sind übernationale, weltanschauliche Gegen- ' sätze herausgebildet worden, ein ungoahnter Einbruch des Irrationalen in die realistische Politik. M^sonstiimniungen, die sich mit dien Begriffen Nationalismus und Sozialismus nicht mehr docken, ringen miteinander und drohen das geistige Europa in Stücke zu sprengen. Wir sind mit Europa durch zwei. Jahrtausende gegangen. Aber dio letzten. drei, vier Jahrzehnte sind eine harte, blutige Unterweisung für uns gewesen. Wir haben mitgoarbeitot an der. Erhöhung der Gesittung; wir haben ihm in unserem Zehn- Geiboto-Gesotz die Grundlage gegeben; wir haben dio Völker zu überzeugen versucht, daß die menschliche Gesellschaft nur in Frieden und Loyalität godeihon kann. Aber wir werden inne, daß unser Stroben, das man einstmals falsch als eine Mission gelten lassen wollte| wirkungslos geblieben freiung der Gesamtheit von uns selbst aus in Angriff zu nehmen. Wir lösen uns nicht aus der Schicksalsgemednschaft der Völker, wir ziehen die Konsequenz aus ihrem Verhalten. Und gerade in diesem Jahr, das in seinen letzten fünf Monaten den mit europäischen Subsidien vorbereiteten und genährten Aufstand der Araber in Palästina gebracht hat, ist uns der Beweis dafür geworden, wie richtig unser Weg ist. Nicht der Orient kämpft dort gegen uns, sondern der Okzident, der auch in diesem Jahre nicht aufgehört hat, inmitten seines eigenen Todesganges sein Werk der Zerstörung des Judentums fortzuführen. Seit der russischen Revolution des Jahres 1918 äst das Judentum Rußlands aus dem aktiven jüdischen Leben ausgeschieden. Es ist durch unübersteigfoare Schranken von uns getrennt und diese Abschnürung ist so konsequent durchgeführt, daß wir aus dem Ausland nichts über die innere Konstruktion von etwa drei Millionen unserer Volksgenossen auszusagen wissen. Der Bolschewismus, in Europa als jüdische Erfindung und jüdisches System angekreidot, hat uns tiefer getroffen als jedes andere Volk in Rußland, aber das russische Judentum hat doch soviel innere Kraft, daß es sich erhält, Es [will, bas auf die wenigen Geisel gedacht, und die Reden auf dem letzten- Nürnberger Parteitag künden offiziell an, daß die sich anibahnende außenpolitische Zurückweisung des Nationalsozialismus durch einen Kampf gegen das ganze Judentum, das in Bausch und Bogen als bolschewikische Gefahr diffamiert wird, paralysiert werden soll. Diese deutsche Agitation ist schon seit der Machtergreifung betrieben worden. Sie hat ihre Arbeitsfelder in ajlen Nachbarländern, in Polen, in Ungarn, in Jugoslawien, in Holland und in Belgien gefunden, wirkt auch schon in Frankreich, der Schweiz und in England. Man trifft sie in den Vereinigten Staaten und in Südafrika, in Marokko und in Spanien. Est ist verständlich, daß diese systematisch und mit aller deutschen Gründlichkeit betriebene Tätigkeit auch auf das Judentum wirkt. Wir wehren uns und wir haben gegen Deutschland die Waffe des Boykotts. Wir sind mit einer Kriegserklärung überfallen worden und wir verstehen es, wenn der jungo jüdische Student Frankfurter einen der namhaftesten Vertreter der nationalsozialistischen Vernichtungsdoktrin, den Gauleiter Gustloff, in der Schweiz erschossen hat. Wir billigen die Tat nicht, aber niemand von uns yersagt dem auf den — dies alles trifft gerade im Judentum zusammen. Unsere Jugend kann kaum mehr sich bilden und sie kann das Geleinte nicht ausüben. Der Zionismus, der in dreißig Jahren die Grundlagen für ein neues Sein geschaffen hat, ist in Palästina vor ein neues Problem gestellt worden. Es muß sein Verhältnis zu den Arabern vom Grund aus revidieren. Nicht alle Araber sind Terroristen, nicht alle lehnen die Zusammenarbeit mit uns ab. Viele dieser Araber Palästinas sind doch die Nachkommen der nach dem Untergang' des Reiches und nach den Kreuzzügen zurückgebliebenen Juden; sie 6dud islamisiert, viele von ihnen durch Europa korrumpiert, aber es muß doch der Weg zu diesem Stamme, der semitisch ist, gefunden werden. Wir haben Palästina aus der Verwüstung gehoben, unsere Arbeit hat dem Land neue Haltung geschafft, wir haben den Arabern viel gegeben und wir können ihnen noch viel mehr und viel Wertvolleres geben. Wir beido müssen Zusammenkommen. Wir lassen nicht von Palästina und von unserem Recht, das doch viel stärkere Wurzeln hat in unserer Geschichte als in irgend einem Mandat; aber wir und die Araber 'müssen uns mit idem Gedanken yertraut maoheuj

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