Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 580 (11.9.1936)
- Date
- 1936-09-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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§•!!• 4 OIB STIMMI Nr. 580 — Wien, Freitaff, 1t. September 1938 Die Juden und die Rcni^ensfraklen Während des Röntgenkongresses kam in einer Gesellschaft von Kongreßteilnehmern — es waren gemischt, österreichische und ausländische Ärzte, Juden und Christen — das Thema Antisemitismus zur Sprache. Primarius Dr. Jonas Borak griff wirkungsvoll mit folgender Reminiszenz an den verstorbenen Röntgenforscher Dr. Guido Holzknecht, seinen Lehrer, in die Diskussion ein; „Durch eine von mir gemachte, zunächst eigentlich nur scherzhaft gemeinte Bemerkung angeregt, meinte Holzknecht, die Juden nähmen in der Welt eine analoge Stellung ein wie die Röntgenologie in der Medizin. Die Menschen sagen, die Juden drängten sich vor, und wollen darin eine große Gefahr sehen, weil die Juden die Welt angeblich zum Rationalismus und Materialismus verleiten und die Völker ihrem wahren Volksgeist entfremden. Vertreter der verschiedenen medizinischen Disziplinen bekämpfen ebenso die Röntgenologie, weil sie die ärztliche Tätigkeit angeblich mechanisiere und die Ärzte dem wahren Geist der Medizin entfremde. Hinter all dem steht in Wahrheit nichts anderes als die Furcht vor der Konkurrenz und das Gefühl verletzter Eitelkeit. Die Analogie geht soweit, daß man, wie sonst von jüdischer Frechheit gesprochen wird, in ärztlichen Kreisen nicht selten den Ausdruck ,Röntgenologische Frechheit‘ hört, wenn nämlich einem jungen Röntgenologen das Unglück passiert, eine falsche Diagnose einer Autorität eines anderen medizinischen Gebiets aufzudecken. Jeder fühlt sich berechtigt, über die Leistungen und die Gefahren der Röntgenologie ein Urteil abzugeben, auch wenn er durch keinerlei fachliche Kenntnis beschwert ist, ja nicht einmal Gelegenheit gehabt hat zum Studium der Röntgenologie •— ganz wie bei den Juden: auch gegen sie schreien die Ignoranten am lautesten. Natürlich hat die Röntgenologie auch ihre Schwächen, natürlich gibt es auch besser und weniger gut ausgebildete Röntgenologen. Bei sich selbst aber finden die Ärzte der anderen Disziplinen menschliche Schwächen eben menschlich und die Grenzen der Wissenschaft sind ihnen in ihrem Fach etwas Natürliches. Wehe aber, wenn einem Röntgenologen etwas passiert! Gleich wird das ganze Fach, wird die ganze Röntgenologie für Fehler und Irrtümer eines Einzelnen verantwortlich gemacht: wiederum ganz wie bei den Juden, die alle miteinander verdammt werden, weil es auch schlechte Menschen unter ihnen gibt. Man liebt es, den Röntgenologen einen Photographen -zu nennen, ebenso wie alle Juden einfach als Krämer hingestellt werden. Die Röntgenologen zeigen angesichts dieser Lage mehr Solidaritätsgefühl als andere Berufsgruppen, ebenso wie die Juden, weil sie ständig angegriffen werden, sich gemeinsam verteidigen müssen. Beiden wird auch das übelgenommen. Lange hat man der Röntgenologie die Gleichstellung mit anderen medizinischen Disziplinen allgemein verweigert und es ist interessant, daß sie in denselben Ländern, in denen auch die Juden am schwersten um ihre Gleichberechtigung zu kämpfen haben, auch heute noch ihre Anerkennung nicht erreicht hat, z, B. in Deutschland oder in Polen, während sie im Norden, im, Westen und im Süden, mit den übrigen medizinischen Fächern gleichgestellt ist, wie die Juden mit den anderen Völkern** Die Kollegen des Erzählenden hörten mit Interesse zu. Allgemein fand mm die Analogie überraschend. Dr. Borak fügte noch hinzu: „Man kann die Analogien noch weiterspinnen, sie stimmen auch ,ex contrario*. So hat ein Judenfreund, Professor Nothnagel, der Präsident des Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus war, Dr. Holzknecht seine Klinik zur Errichtung des ersten röntgenologischen Laboratoriums in Wien zur Verfügung gestellt, während ein zweiter judenfreundlicher großer Gelehrter Österreichs, Professor Wagner- Jauregg, als erster beim Unterrichtsministerium die Gleichstellung der Röntgenologie mit den anderen medizinischen Disziplinen beantragt hat. Der Antrag ist allerdings bis heule nicht erledigt... Die Analogie zwischen der Stellung der Röntgenologie unter den medizinischen Fächernso schloß Dr. Borak, „ist nicht zufällig. Sie entspringt einer gemeinsamen Ursache. Es ist der gleiche Geist der Unduldsamkeit, der allem, was andersartig ist, feindselig gegenüber steht, es ist der gleiche 'Aggressionskrieg to ft» drückung der Schwächeren und in ihren Leiden findet, es ist der gleiche Ausdruck einer inneren Unbeherrschtheit und damit ein Zeichen des Mangels jener echten seelischen Kultur, deren Wesen nach Freud in dem Streben besteht, immer größere menschliche Gemeinschaften Hebend zu umfassen." Zionistische Bezirkssektion, II., Praterstraße 13 Wie alljährlich veranstaltet die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt im großen Saale des Hotel Central, II., Taborstraße 8a, einen feierlichen Gottesdienst. Kartenverkauf täglich von 9 Uhr vorm, bis 9 Uhr abends, auch Samstag, den 12. Sept., von %8 Uhr bis 1/310 Uhr abends \Jou* Bau du 1/Kaüu (Nehemia 3; 4.) Den Gefallenen in Erez Israel Endlich zur halben Höhe gelungen die mächtige Mauer rings um die heiligte Stadt! Alle Lücken verschloß fröhlicher Eifer der Heimgekehrten aus finsterer Knechtschaft —• wie sie lachten des Spotts ihrer Feinde im Land! „Werdet ihr Juden lebendig machen den Schutt, den verbrannten „Jedes Fiichslein zerreißt euren steinernen Damm!“ Bald aber wurde Zorn aus dem Höhnen, aus Spotten Erbitt’rung, und es scharte sich wild vor dem Bauwerk der Neid: Araber, Samaritaner, der Abschaum von Ammon, von Asdod schwangen die Waffen, im Sturm zu berennen die Stadt. Viel verzagten schon — doch Nehemia erhob seine Hände hell zum Gebet und es kam eiserne Kraft ihm von Gott. Jeden befahl er zur Arbeit und jeder behielt in der Rechten griffest sein Werkzeug, doch links hielt er das rächende Schwert, Tag und Nacht, und Nächte und Tage; es schützte die Mauer Gott — und vergossenes Blut wurde den Ziegeln zu Kitt. — Höher wuchs stündlich das Werk, und die Widersacher erblaßten: wie eine Zwingmauer fest trotzte dem Schicksal das Volk! i Alfred Werner dessen Dauer das Gesetz mit vier Tagen beinißt. Der arme Mann muß also bis zum Freitag warten. Da er aber, selbst wenn er konfessionslos wäre, an den drei nun fob genden Woohemfeiortagem die Banken natür* Hob nieiht belästigen wind, kann er den Wechsel, der, sagen wir, am ersten dies Monats fällig war, erst am zwölften zahlen, vorausgesetzt natürlich, daß nicht am elften ein jüdisches oder ein ohristUchee Fest begonnen hat. Wenn nun au oh derartig glückliche Konstellationen niioht allzu oft eintreten, läßt sich der Wechselgläubiger dooh zumeist überzeugen, daß man den Schuldner auch dio andern, im Gesetz nicht angeführten Feiertage, dio man ohne Anstrengung finden kann, nicht verderben darf, so daß oin Wechsel in Palästina viel von seinem in Europit gewohnten Schrecken verloren hat. Dies /alles aber will durchaus nicht sagen, dtß Palästina nicht arbeitet. Es Ißt natürlich kein amerikanisches Tempo, dem wir biefr frönen; es ißt eben daß Tempo des MensciHm, die wissen, daß man die Feste, ohno i-i fragen, feiern muß, wie ßie fallen, Nachdruck verboten. Die Stadt der Feiertage Von M. Y. Ben Gavrißl. Jerusalem, im September, Daß man die Feste feiern muß, wie sie fallen, scheint wohl nirgends so selbstverständlich wie in Jerusalem, denn in keiner Stadt der Welt gibt es eo viel Feiertage, wie in der Heiligen Stadt. Vor allem ßlnd es die allwöchentlichen Ruhetage, welche Einschnitte im Wirtschaftsleben darstellen, Der Sonntag ißt infolge deT verhältnismäßig geringen Anzahl von Christen nur in den rein christlichen Quartieren und in den Reierungsäratern, in denen an diesem Tag nur Juden und Mohammedaner arbeiten, zu fühlen, während der Samstag den größten Teil der Stadt vollkommen verändert. Die meisten, in vielen Quartieren sogar allo Geschäfte, sind geschlossen, ßelbßfcvoretänd-/ CmaIiiaI« bei staatlich CfipilKll geprüfter Lehrerin *3ruppenu. Einzelunterricht. Mäßiges Honorar. Gisa Broczyner, II., Adambergergasse 10/3. Tel. A 45-4-63. die Stillegung beinahe des gesamten Handels und Verkehrs das Stadtbild völlig ändefi, machen eich die mohammedanischen Feief.agc in erster Linie dadurch bemerkbar,' daß sie durch Kanonenschüsse angezeige werden. Mit Sonnenuntergang — den Tal.-.-beginnt ja im Orient mit dem Abend —/fällt der erste Kanonenschuß. Im Mona R^nadhan aber wird aebtundzwanzig laÄg bei Sonnenuntergang und bei Sc aifgang geschossen, damit die Gläubi yißsen, wann sie zu fasten beginnen ifnd ivamn aufzuhören haben. Dieser Monat ■'ich ist der schwere, der Faßten® während dessen kein Muslim bei Ts; — Übertretungen auf der Straße können/11 roh lieh auch die Cinemas, und die Menschert Polizoistrafen geahndet werden —/ essen machen, feiertägig gekleidet, einander Bef suche oder sitzen, gebratene KilrbiskörnoP im Mund, vor den Toren der Häuser. Abgesehen von diesen sich jede Woche wiederholenden Feiertagen feiert aber Jerisalem nicht nur die großen Feste der Mohammedaner, der Juden und der verschiedenen christlichen Bekenntnisse, ßonjäbrn auch die zahllosen Feste der kleinen/Religionen, von denen der Europäer kaurt die Namen kennt. Dazu kommen noch Skatsfeiertage, wie Waffenstillstandstag, ä? Erinnerungvstag an die Eroberung Joruihlems durch die Engländer, der Geburtßtfi/ dcß englischen Königs und schließlich, auf jüdischer Seite, die politischen Feg©, wie zum Beispiel der Balfourtag, wähjrmd die Mohammedaner Lokalfeete, wio Ne-imussa, das Tausende von Teilnehmern nab Jerusalem bringt, feiern. Ist aber ab/lut kein plausibler Feiertag in Aussieht, d|m kommt sicherlich irgend ein Wohltätigkeit tag, da Hunderte von Kindern jeden Pa^Ftnton, der kein für diesen Tag bestimmtes Band im Knopfloch trägt, zwingen, ein,' iolohos zu kaufen. In all dieser exzesshen Festesfreudigkeit gibt es nur eine Irtritution, die unaufhaltsam weiterarbeitot, vpder Sabbate noch Feiertage oder Sonntage zur Kenntnis nimmt: die Post. Dies ia dadurch zu erklären, daß am Freitag Juden und Ohriß ton, am Sabbat die Cristen und die Mohammedaner und am Sonrag Jaden und Mohammedaner Dienst maebn. oder rauchen darf. In diese fast hoffnungslose und/inübersiohtlioho Fülle von Festen, die n/rnammedanißchen vor allem sind an keiner Termin gebunden, sondern wandern, da yßis muslimische Jahr ein Mondjahr ist, m ganzen Jahr herum — versucht eine Regierungsverordnung System zu bringen/Dieses Gesetz bestimmt nämlich, an w/hen Feiertagen Wechsel nicht bedCIt werden müssen. Es sind dies: acht j/ische, sieben mohammedanische, fünf kafiolißohe und ebenso viel ehristlioh-orthod;xe Feiertage, alleß in allem also nicht upiger als fünfundzwanzig, wobei aber dp rund hundertundfünfzig Sabbate, Sonn (I/O und Freitage nicht mitgozählt werden, /sil ihre Existenz sowieso eine der Gründungen des öffentlichen Lebens ist. Trotz dieser gesetzlichen. Feststellung der Feiertage hat aber dir Wechsel Schuldner doch nicht alle Hoffnpg verloren, seine Schulden sich zu korprvieron. Wenn zum Beispiel jemand an cdW Donnorstag einen Wechsel zu bezahlen hat, kann folgendes eintreten: am Donnakag zahlt er natürlich nicht, da das Geeefeihm zu diesem Zweck eine vienmdzwanzigwU ml lg e Frist ciwrä/uimt. Der folgende Tagjlhr, Freitag, ist mohammedanischer Woflhenfeiortag, Samstag wieder ist jüdisaSff Feiertag und Sonntag der der Christen; so daß erst Montag ziu zahlen wäre. nJi kann aber der Fall eintreten, daß am/Tor#bend dieses Tages ein Was kann der einzelne Zionist an den hohen Feiertagen Im Tempel für den Keren Kafemeth tun? /1. Er spende selbst f ür den ßeren Kajemeth! 12. Er beeinflusse denVorfit and, daß er die zur Thora Aufhemfenen zu Keren-Kajemeth-Spenjden veranlasse. I 3. Er erinnere die Auf g er uf ejnen an ihre Keren-Kajemeth-P flicht. I 4. Er sorge für Anbringung des ' Keren-Kajemeth-P lakats an sichtbarer Stelle. 5. Er sorge für eine kurze, aber eindringliche Aus s pr de h e an die Gemeinde über Erez Israel. Zionisten! Durch unsere Aktivität, durchunseren Glauben können wir die Lethargie des Volkes bekämpfen! Das altbekannte streng Restaurant A. Barschak II., Große Schiffgajje 3 Tel. A 46»4-39 Neu renoviert! Reichhaltige Menus von S 1*80 eufw. Hilferuf. Eine alle in stellende, vorlassone Kaufmannstochter, aus sehr frommem Hause stammend, ißt infolge langer Krankheit und schwerer Sohicksalssohlägo arbeitsunfähig geworden. Sie lebt in bitterster Not und steht vor der Belogiorung. Sie bittet um Hilfe. Die Redaktion der „Stimme“ nimmt gerne Spenden entgegen. Die besten Romane der Weltliteratur In der Leihbücherei Jüdische Volkshochschule - Jüdische Kulturstelle I., Kal 3, R 28-2-36 1‘20 monatlich I Während die jüdischen Feiertage durch | mohammedanisfc j Fest begonnen hat, Oberkantor Arnold Grußntann bringt im Belgrader Rundfunk am 14. September 1986 um 19,50 Uhr jüdische Gesänge zum Vortrag, Hotmeister fieaucht. Gute Kinderstube, Englisch, portschwlmmer, Skiläufer Bedingung. Angeb. unten »14jähr. Hauptschüler« an die Adminlstr. d. Bl. Vereinigte jüdische Volksküchen „Seudat- Sabat“, II., Krummbaumgasse 8. Postsparkassenkonto B 150.891. Aus Anlaß der bevorstehenden hohen Feiortage wenden wir uns an dio jüdischen Mitbürger mit der Bitte, durch Spenden die Aufrechterhaltung unseres Hilfswerkes der unentgeltlichen täglichen Axisspeisung von vielen Hunderten armer jüdischer Brüder zu ermöglichen. Viele Tausende sind auf unsere Hilfe angewiesen. Ein neuer Sladtklbbuz Der Snif Österreich desjHechaluz Haklal Zioni hat im H&seWien, 11., Rueppgasse 8, einen Stadtkibbuz eröffnet, der der Unterbringung und der zionistischen und beruflichen Heraiwldwig von Chaluzim und Chaluzoth dient. Da die Not unter der Jugend groß ist, bitten wir unse|i Leser, dem Kibbuz Spenden an-jela,Kleidern, Schuhen, Wüsche und Einrichtungsgegenständen zukommen zu lassen. Die Spende! werden vom Zionistischen Larpsv/erband gegen telephonischen Anruf (U 22-2-11) abgeholt und quittiert