Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 580 (11.9.1936)
- Date
- 1936-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. 580 — Wien, Freitag, 11. September 1036 DIS STIMMI 8«ft« 3 Ein sauberer Wahlaufruf Es ist -bisher noch iiiiobt einmal bekannt, welche Gruppen sieb tim Mandate bei den Wahlen in die Wiener Kultusgetneinde bewerben werden, und es besteht offenbar bei der jüdischen Bevölkerung das Bedürfnis, wenigstens von den hohen Feie rtagen dem Lärm des Wahlkampfe« fernzuhalten. Die „Union Österreichischer Juden“ will es aber anders. Diese, ach so religiöse Gesellschaft, beeilt sich, »schon jetzt einen Wahlaufruf zu veröffentlichen, der uns einen Vorgeschmack davon gibt, wa.s die jüdische Öffentlichkeit von dieser Seite in den nächsten Wochen m erwarten hat. Schon dieser erste Wahlaufruf enthält eine derartige Häufung von Schmähu ng o n, Denunziationen, Verdächtigungen und geradezu verbrechecherlßchcn D u mni hei t en, daß man zum Schluß kommen muß, daß ein seliger Haß diie Menschen, die hinter diesem Aufruf stehen, des letzten Restes von Besinnung und Verantwortungsgefühl beraubt hat. Die Anzeigen der „Union“ an den Bürgermeister vom Wien, in welchen die Auflösung des Wiener Kultusvonstamdos und die Ein- »Setzung eines Regierungskommissärs in der Kultiusgemieiiiide verlangt wurde, in welchem die derzeitigen Mitglieder des Kulbusvorstandes als eine irreligiöse, für die Bedürfnisse des Kultnus nicht sorgende, eine öde nationalistische Politik treibende Gesellschaft denunziert wurden, deren Staatstreue angezweifelt werden müsse, sind noch nicht vergessen. Die jüdische Öffentlichkeit denkt mit Ekel und Empörung daran, daß in einer dieser Anzeigern die auch von dem ehemaligen imiomstischen Vizepräsidenten Dr. Josef Ticho unterfertigt waren, dem Bürgermeister ivon Wien „von der Zurückdrängu\ug des in Österreich beheimateten, positiv-religiösen und vaterländisch f ü h lenden Teils dW Wiener israelitischen Kultu'fgemeinde“ durch die Zionisten erzählt wurde und daß sich die „Union Ö-sterreiähischer Juden“ iin dieser Eingabe dem' Bürgermeister von Wien im Gegensatz zu den verleumdeten Zionisten als die „Organisation aller Wiener Juden, die auf diesem positiv-religiösen und vaterländisch-österreichischem Boden stehen“ angebiedert hat. Es ist aber auch die Antwort des Magistrats der Stadt Wien nicht vergessen, die wie eine verdiente Ohrfeige auf einen verlogenen, verleumderischen Mund niedergeklatscht ist. Wir erinnern daran, daß der Magistrat in seiner Antwort ausdrücklich festgestcllt hat, daß dio jüdische Gemeimdeschule, die von den Unionistcn als „nationalistisch“ angeprangert wurde, in religiösem Sinne geführt wird, ja daß sogar die Zahl der Roligionsstunden über Ersuchen der Kultusgemeinde vom Unterrichtsministerium erhöht wurde, daß der Kultus Vorstand die Zahl der Bibelschiulen von 21 amf 34 vermehrt und dio Subventionen an die Tempel- und Bethausvereine bedeutend erhöht hat. Gegenüber den frivolen Pausohalverdäcbtigungen der „Union“ hat der Wiener Magistrat festgestellt, daß die Beschwerden, die sonst nicht gerade an Wortkargbeit gelitten haben, keinerlei konkrete Angaben darüber enthalten haben, in welchen Fällen der Kultus Vorstand für dio Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Geineinde mitgliedcr nicht genügend vorgesorgt haben soll. Trotz dieser Feststellungen durch eine objektive öffentliche Behörde wiederholt nunmehr der Wahlaufruf der „Union“ die alten Verdächtigungen. Wiewohl gegenwärtig den Tempel- und Rethausvereincn ungefähr da« Zehnfache dessen an Subventionen ausbezahlt wird, was sie unter der Alleinherrschaft der Union erhalten haben und wiewohl gerado für das Jahr 1936 trotz der krisenhaften Zustände die Subvention für diese Vereine schon in Abwesenheit der Uniionwstc« um weitero 20.000 Schilling erhöht wurde, spricht der Aufruf von den unter der „jüdisch-nationalen Vorherrschaft so notleidenden Tempel- und Bethansvercinen“. Wir linden in dem Aufruf auch wieder dio frivolen Beschuldigungen, daß bei der Fürsorgetätigkeit der Gemeinde von parteipolitischen Gesichtspunkten ausgegangen wind. Als einer der übelsten Stänkerer in der letzten Sitziung dos . Kiultusvorstandes, der die Unionistcn noch; beige wohnt haben, diese Beschuldigung j vorbrachte und aufgefordert wurde, be- stimmte Fälle für diese Beschuldigung anzuführen, fing er so kläglich zu stammeln an, daß sich selbst die Unionistcn ihres Kollegen geschämt haben. Von einer geradezu verbrecherischen Dummheit zeugt es aber, wenn die „Union“ in Ihrem Aufruf sich als Vorkiimpferin der „wiener-österreichischen Richten g“ ausgibt, und darüber Klage führt, daß die Kultusgemeinde heute den „j üdisc-h nationalen G h e 11 o p o 1 i t ik e r n ausgeliefert und überfremdet i s t“. Da« sind die Denunziationen aus den Anzeigen an den Bürgermeister in neuer Ausgabe. Hiebei kommt allerdings auch der Humor auf seine Rechnung. Von den elf aus dem Kultus Vorstand davongelaufenen Unionistcn sind nicht weniger als n e u n außerhalb des Gebietes dies heutigen Österreich geboren und erst in reiferem Alter nach Wien oingewandert. Ihr früherer Präsident kam ans einem tschechischen Dorf, der frühere Vizepräsident Dr. Josef Ticho aus Bosikowitz, ihr neuester Theoretiker Dr. Stieglitz aus Cernauti, ihr gegenwärtiger Finanzreferont ans Pod- Namn,•um-Juden, die scheinbar in der Union die Führung an sich gerissen haben, den rüdesten Antisemiten die Argumente für ihre Beweisführung. Aus den) Aufruf erfahren wir auch, daß mit, dem Einzug der Unionistcn in die Kultusgemeinde wieder „unantastbare Korrektheit und j ü d i s e h - ö s t c r r o i c h is c h c T r a d i t i o n“ in dio Iiultusgemcinde ein ziehen werden. Auch hier wiederum der Geist eines widerlichen Denunziantentums. Was der gegenwärtige Kultusvorstand in der Verwaltung der Wiener jüdischen Gemeinde geleistet hat, wird sich auch durch die übelsten Wahlaufrufe nicht auslöschen lassen. Hierüber wird die jüdische Öffentlichkeit von uns noch genügende Aufklärung erhalte«. Die „j ü d i e c h - ö s t e r r c i c h i s c h e Tradition“ der Union und ihre „j ü d i s c hwi euer is che“ Richtung, die wir schon oben zur Genüge charakterisiert haben, »stehen auf derselben Stufe. In diesem Aufruf zeigt sich wiederum die Union als Totengräber der jüdischen Einheit. Glücklicherweise entspricht ihre Kraft nicht ihrem bösen Willen. Dieser Aufruf ist der würdige Abschluß der Kampagne, welche die Union in den schweren Tagen der Kämpfe des Jisohuw in Palästina gegen den Zionismus geführt bat. Voll Schadenfreude verfolgte sie die werden darf“, ist damit, die Stellungnahme der Union zur weltumspannenden zionistischen Bewegung und zu Palästina genügend charakterisiert. , In einer Zeit der höchste Not sind die Union-Juden dem Jisohuw in den Rücken gefallen. Die ganze jtidischo Welt verfolgt mit regster Anteilnahme und brüderlichem Mitempfinden den Kampf der Juden in Erez Israel um unser Recht auf das jüdische Land. Die größten Geister unter allen Nationen und auch in England erheben das Wort für unsero gerechte Sache. Nur der Union ist es Vorbehalten geblieben, in dieser allen Juden ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung heiligen Sache nicht nur abseits zu bleiben, sondern ins arabische und antisemitische Horn zu stoßen. Es gibt auch auf der ganzen Welt sonst keine jüdische Organisation, die sich einer so niedrigen Kampfeevveiso bedient wie die Union. In Deutschland wurde eine jüdische Reiohsvertretung geschaffen. Sie konnte erst in dem Augenblicke gegründet werde«, als man sich entschloß, die Naumann-Juden auszus oh alten. Auch die österreichische jüdische Gemeinschaft wird erst den Frieden finden, bis die österreichischen Ableger der Naumann-Juden aus dem öffentlichen Leben verschwinden werden. Gerade jetzt ist die Gelegenheit geboten, leichtverdaulich Kunerol ist vollständig :reine$'\Fet¥ aus Kokosnüssen, esJstTnahrhaft, leicht verdaulich/unbegrenif. haltbar und kann* von51 jedem!Strenggläubige*n ohne*;Bedenken zur Zubereitung* von Milch- und Fleischspeisen* für den ’ Festfogstisch verwendet werden. Das Verschluß- Siegel der Packung gibMhnei^jig Gewißheit, daß Kunerol unter Aufsicht Sr. Ehrwurden des*Herfti Bezirksrabbiners*S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wir#. HEUM DaslOO % rei ne Kökosnußfett Nur echt In Originalpackung! woloezyska und der Obmann de.s letzten imionistischen Klubs des Kultusvorstandcs Gcza Klingor aus einem ungarisch-slowakischen Nest usiw. Das ist dio Ge s e 11s c h a f t, welche im Gegensatz zu deu zionistischen „Ghettopolitiikern“ die „w i en erjüd i s ch e“ Richtung vertritt. Während der ganzen Zeit ihrer Herrschaft in der Gemeinde haben s i o den Religionsunterricht verwahrlost, jetzt schwätzen sie von der Erziehung der Jugend in religiösem Geiste. In ihrem Aufruf triefen sie von Religiosität, von den religiösen Institutionen der Gemeinde machen sie aber wenig oder gar keinen Gebrauch. Der Kampf gegen die „Ü'berfremdung“ durch die Zionisten ist für sie bezeichnend. Die»ses Wort ist aus dem nationalsozialistischen Arsenal geholt. Zu gleicher Zeit mit dem Wahlaufruf erschien in dein radikal-antisemitischen „Deutschen Volksblatt“ ein Artikel unter der Überschrift: „Ho raus m i t de m Numerus c 1 a u s u s!“, dev wegen der „Überfremdung“ der ver.sehiodncn Berufe, der Kunst, der Wissenschaft und des Wirtschaftsleben« durch lio Juden verlangt wird. Dio Union hat hk\ in sehr deutlicher Weise den Weg der Berliner Naumann- Judo n betreten. Diesel haben bei Hitler Ausnahmegesetze gegen \dio Ostjudon und Zionisten verlangt und haben sich zum Nationalsozialismus bekannt. Auch »rio haben den Patriotismius der Zionisten angeawefelt. So geben auch unsere Wiener Entwicklung der Dinge in Palästina. Ihre Stellungnahme zum Zionismus ist einzigartig in der jüdischen Welt. Selbst an Palästina wagt sich schon ein wahnsinnig gewordenes Denunziantentum heran. Welches Rezept hat das Union-Blatt für den Konflikt mit den Arabern? Es schreibt wörtlich: „Der Boden für den Ausgleich ist der nämliche wie überall in der Welt: d i e L i e b e zum gemeinsamen Vaterland, zur gemeinsamen Heim a t.“ Hat es den jüdischen Siedlern in Palästina an dieser Liebe bisher gefehlt? Offenbar, denn sonst wäre, wie Herr Doktor Hermann Oppenheim in dem Union-Blatt schreibt, die Entwicklung in Palästina nicht zu einem „Keulomschlag der Geschichte gegen die jüdischen Nationalisten“ geworden. An den letzten Vorgängen in Palästina sind nicht etwa die aufgehetzten Araber, die Meuchelmörder und Brandstifter schuld, sondern selbstverständlich dor jüdische ..Nationalismus“. »Schon „die geschlossene A»Siedlung jüdischer Kolonisten“ gefällt Herrn Oppenheim nicht, „dieses Produkt oines besten Falles irrealen Hirns“ wünscht die Union nicht, sie will bloß die Ansiedlung der Juden „auf Grundlago gleicher Rechte und gleicher Pflichten.“ Wenn dann an einer anderen Stelle des Blatte« gesagt wird, daß „o i n e r K o- 1 o n i o dor Engländer wegen eine hoffnungsvolle jüdische Jugend nicht von NationalpöUtikenn irregeleitet die österreichische jüdische Gemeinschaft von der politischen Verpestung durch eine Gruppe zu befreien, deren einzige« Programm in einer krankhaften Wut gegen die starke zionistische Bewegung und in einem abscheulichen Denunziantentum besteht. Wir stehen vor den Wahlen in die jüdische Gemeinde. Wer sich noch einen Funken von jüdischer Selbstachtung bewahrt hat, wird durch seine Stimmabgabe dafür sorgen, daß die Union aus der jüdischen Öffentlichkeit verschwindet. R&$cU-Ha$cUat*aU erscheint die „Stimme“ als Festausgäbe in besonders verstärktem Umfang. Sie enthält Beiträge hervorragender jüdischer Autoren aus den verschiedensten Gebieten des Schrifttums. Neben Aufsätzen über Sinn und Bedeutung des Festes Aufsätze politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Inhalts sowie einen reichen belletristischen Teil. Die Rosch-Haschanah-Nummer erscheint Mittwoch und wird unseren Abonnenten mit der Nachmittagspost zugestellt. Die Dienstagnuminer der „Stimme“ entfällt diesmal.