Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 579 (8.9.1936)
- Date
- 1936-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 570 — Wien, Dienstag, 8. September 1936 Salt« 3 Ml tllMMI Erinnerung an einen tolen Kommissär Von M. y. Ben Gavriel Einige Stunden, ehe diese Zeilen geschrieben wurden, kam nach Jerusalem die Nachricht, daß aus einem fahrenden Zug eine Bombe in eine der belebtesten Straßen von Tel-Aviv geworfen wurde. Dies, nachdem gestern in Haifa vier Juden, vorgestern irgendwo anders zwei Juden, an jedem Tag der Woche ein paar Mens'] fcn aus dem Hinterhalt erschossen wurden. Auf die Frage: „Lat die Polizei jemand gefaßt“, bekommt man die Antwort.: „Ja, einen Toten und e.-jehs Verwundete“ Diese blutig-groteske Antwort stellt die Situation, in der sich Palästina befindet, eindeutiger und treffender dar, als sie jeder Langatmige Bericht schildern könnte Sie zeichnet aber auch die seelische Haltung der jüdischen Bevölkerung und nicht zuletzt den völligen Mangel an Vertrauen zur englischen Verwaltung des Sicherheitedienst.es. Rund achtzig Menschen wurden in den letzten Monaten aus dem Hinterhalt ermordet, friedliche Menschen, die, weiß Gott, weder Angriffsabsichton hatten, noch auch aktive Partisanen irgend einer agressiven politischen Idee waren: Bürger, Männer, Frauen, Kinder, Zivilbevölkerung, mit einem Wort MmvHieu, die nichts anderes verbrochen haben, als <' ' sie einem Volk angehören, das sich sein Heim aufbauen will und im Schatten seines Weinstockeis, nebenbei auch im kargen Schatten englischer Verpflichtungen, sein Leben leben will. * Die Politik will nicht, daß ein Mörder gefangen werde, weil das Gericht dann dem Zwang, ihn zum Tod zu verurteilen, nicht mehr ausweiohen könnte. Und ein vollstrecktes Todesurteil kann die Politik des Pferde interessiere, verhalf den Menschen zu Ruhe und Ordnung, ohne daß seine Polizei mehr, als es in einem Kolonialland Sitte ist, schießen mußte. Nach diesem, irgendwo in England begrabenen Hochkommissar, der kein Politiker, aber ein Administrator mit fester Hand war, ruft nun die Straße im jüdischen Palästina. Die Jahre haben die Erinnerung an diesen, dem Mann der Straße stets unnahbar fern gewesenen General verklärt. Auch heute regiert ein General, aber dieser General, der, dies sei ausdrücklich betont, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, ein Mensch mit ganz außerordentlichem. menschlichem Einfühlungsvermögen ist, dieser General hat gebundene Hände. Die Politik, sei es die Außenpolitik des British Empire, sei es die Innenpolitik des Landes Palästina —- was übrigens fast dasselbe ist — bindet seine Hände und bindet mithin auch die Hände der Exekutive. So ist es möglich, daß täglich Menschen erschossen werden, daß Nacht für Nacht die gleichen jüdischen Siedlungen angegriffen werden, und so ist es möglich, daß das Prestige der englischen Verwaltung und das des englischen Militärs, trotz der sich nun häufenden Opfer auch in englischen Militäruniformen, in Palästina auf ein sehr geringes Maß zusammengeschmolzen ist. Diese englische Cunctator-Politik ist eine Politik des Selbstmordes, denn jede der vielen täglichen Nachrichten aus Palästina, die in die Presse der arabischen Länder gelangen, sagen den Millionen in den Dörfern und Städten des arabischen' Ostens nicht mehr und nicht weniger, als daß England, das große und mächtige England, nicht fähig, ist, in einem kleinen Land wie Palästina Ordnung zu machen, daß trotz der Anwesenheit eines ziemlich großen Heeres der zivile Bürger Freiwild und der uniformierte Soldat Zielscheibe ist für .Schützen aus den Bergen, die nicht ihr Gott, sondern der Gott des Cclomial-Office schützt, der in die Augen der verfolgenden Soldaten den Staub palästinensisch-englischer Politik streut, * Es wird einmal die Zeit kommen, da auch dieses Stück palästinensischer Geschichte untersucht werden wird. Es wird kaum zu unseren Zeiten geschehen, denn die Königliche Kommission, die über uns verhängt ist, hat ja andere Aufgaben. Und dann werden sich die an menschlichen Dingen interessierten Zeitgenossen erschüttert fragen, wie es kommen konnte, daß in dem Land, wo einst das menschliche Weltgrundgesetz proklamiert wurde, das primitivste Recht des Menschen, das Recht auf das Laben, in derart unmenschlicher Weise dem Moloch Politik zum Opfer gebracht werden konnte. Dies zweitausendfünfliundert Jahre nach den Propheten, neunzehnhunderteechsiMKldreißig Jahre nach Christus, rund dreizehnhundert Jahre nach Mohammed und zweihundertundsiebenundachtzig Jahre nach jenem Engländer Gerrard Wi.nsta.nley, der das Wort aussprach: „Aber Abel wird nicht immer erschlagen werden!“ Herbstneuheiten In allen Modefarben Schilling 9-80, 1S--, 15‘- Felnster Haarfilz 19--, 23’-, Biber 28’- II., Taborstraße 39 XIV., Siechshauserstraße 39 XVII., Kalvarienberggasse 34 Kuhhandels verderben, weil all die Kerker- Strafen, die jetzt wegen Waffentragens verhäaigt werden, nichts tun und dann, wenn irgend ein Abkommen geschlossen sein wird, durch ein in dieses Abkommen eingesohlossenes Amnestieverfahren annulliert werden. Da man aber einen Gehängten nicht vom Galgen annullieren kann, müssen Unschuldige weiter bluten, solange oben, bis der Pakt geschlossen oder a/ber zumindest ein zur Vcrtragsuntersclirift berechtigter arabischer Vertreter gefunden sein wird. Daß ein solcher heute nicht existiert, daß die Einigkeit der arabischen Parteien nur nach außen vollkommen ist — was, wenn schon nichts anderes, die Ermordung des Bürgermeisters von Hebron dokumentiert.hat—,und dau die Terrorbanden heute längst nicht mehr in der Hand der arabischen politischen Parteien sind, — nun, dies sind Dinge, die nicht allein die Regierung weiß. Sie hofft aber noch immer, daß ein Wunder geschehe, hofft noch immer, daß der wirkliche Gentleman Wauchope durch eine gentlemanliko Ansprache im Radio die zukünftigen Verhandlungspartner und die waffentragenden Gentlemen in den Bergen, die Frauen wie Hasen abschießen, zu geutlemanliken Vorgehen bewegen werde und läßt es zu, daß ihr Militär die Initiative den Banden nicht aus der Hand nimmt, läßt zu, daß weiter Waffen und Munition ins Land kommen und findet keine Entschuldigung dafür, daß ihr C. I. D. (das Detekbivbüro) noch immer nicht die Fährten der Terrororganisationen zu lesen vermag. Unter den Tausenden von Arabern, die man verhaftete, unter den von den Banden drangsalierten arabischen Dörflern, soll sich kein einziger befinden, der über OrganisaV'm i Versteck der Banden etwas aussagt? Dies wäre ein geschichtliches, in aller Historie unbekanntes Unikum, denn koin Volk der Wolt besteht ausnahmslos aus Helden, die Kerker und Drangsal auf sich nehmen, ohne auch nur mit einem Wort sich zu verraten. * Vier High Commissicnere hat Palästina bis heute gehabt. Drei davon waren Zeugen blutiger Tage. Ein einziger von ihnen, der alte Militär P1 u m o r, dor kein Diplomat war, führte das Land ohno Blut und ohne Katastrophen. Von ihm wird erzählt: Als einst eine Delegation arabischer Extremisten Forderungen an ihn stellte und orklärto, daß sie, im Falle der Ablehnung, nicht die Garantie für Ruho und Ordnung übernehmen könne, brach Lord Plumer die Unterredung mit den Worten ab: „Die Garantie für Ruhe und Ordnung, meine. Herren, übernehme ich!“ Und tatsächlich, der alto Lord, von dem man sagte, daß er sich in erster und letzter Linie nur für Internationaler Kongreß der LICA Paris, 3. September. Am 19. und 20. September tagt in Paris ein Kongreß der „Federation Internationale des Ligues contre VAntis6mitismus“. Diese Organisation umfaßt mehr als 300.000 Mitglieder in verschiedenen Ländern und arbeitet mit verwandten Organisationen zusammen. Den Aufruf für den Kongreß haben eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten des internationalen Lebens unterzeichnet, darunter Romain Rolland, Emile Vandervelde, Camille Huysmans, Leon Jöuhaux, Sonja Brantimg, Roger Baldwin, Heinrich Mann und Andr6 Philip. Aul der Tagesordnung stehen folgende Punkte: Der Antisemitismus als'Produkt des sozialen Verfalls. Antisemitismus und Rassenhaß in den verschiedenen Ländern (wirtschaftliche Unterdrückung, Numerus clausus, Pogrom) — Organisation des Kampfes gegen Antisemitismus und Rassenhaß durch eine Union von Juden und Nichtjuden. — Praktische Hilfe für die Opfer der Rassenverfolgung. — Gleichstellung der wegen konfessioneller oder wegen Rassenverfolgung aus ihrem Heimat- oder Wohnland geflüchteten Personen mit den politischen Flüchtlingen. Alle jüdischen und nichtjüdischen Organisationen, die mit den Bestrebungen der Liga' sympathisieren, - wurden aufgefordert, an dem Köngreß teilziinehmen. Gefahr in Ungarn Von unserem Korrespondenten. Budapest, 6. September. Die schwere soziale Krise scheint auch in Ungarn Folgen zeitigen zu wollen, wie man sie anderwärts erlebt hat und wie sie sich noch in verschiedenen anderen Ländern vorbereiten: die Radikalisierung des politischen Lebens nach rechts mit dem dazugehörigen aggressiven Antisemitismus. Wohl haben verschiedene Bewegungen, die sieh an den Nationalsozialismus, seine Ideen und Methoden anlehnten, wie die Pfeilkreuzier und die Sensenkreuzler, keinen Erfolg gehabt, weil in der ungarischen Bevölkerung selbst, namentlich bei den Bauern, keine Neigung für derartige Dinge besteht, doch diese Bewegungen sind alsbald von einer viel gefährlicheren Aktion abgelöst worden, die ohne Mobilisierung der kochenden Volksseele, methodisch und mit den wirksamen Mitteln des administrativen Apparates die gleichen Ziele verfolgt. Diese Aktion kommt aus der Regierungspartei selbst. Es hat sich innerhalb dieser Partei und innerhalb des Ministeriums eine Gruppe herausgebildet, die sich „Partei der nationalen Einheit“, nach dem ungarischen Namen abgekürzt „Nep“ nennt. Ihr Programm ist die Diktatur, die Gleichschaltung und der Antisemitismus. Ministerpräsident Gömbös (der Übrigens schwer leidend ist) gehört nicht zu der Gruppe, ebenso lehnt Innenminister K o z m a das Programm der „Nep“ ab. Trotzdem gelingt es den Leuten, sich im Staatsapparat durchzusetzen. Sie legen vorläufig auf die Erringung ausgesprochener politischer Positionen weniger Wert, ihnen kommt es darauf an, zunächst einmal die Verwaltung mit ihrem Geist zu d u r chdr ing en. Auf geheimnisvolle Weise gelingt es ihnen, schritt- Stern sehe Lehr- und Erziehunssanstalt I., Werdertorgasse 12, Tel. U 28-1-97 Volksschule f. Knaben u. Mädchen (9 Uhr Schulbeginn) / Oeffentlichkeitsrecht / Hauptu. Fortbildungsschule, Tagesheim, Internat, Sport, Fremdsprachen, Musik Einschreibungen tlglich von 10 bis 12 und 4 bis 6 Uhr weise ein durchgreifendes Revirement in der Beamtenschaft durchzusetzen. Beamte, die ihnen nicht günstig gegenüberstehen, werden von beute auf morgen pensioniert und neue Leute, hundertprozentige Anhänger der „Nep“-Aktion kommen an ihre Stelle. Das macht nun selbstverständlich die Beamten, die. grundsätzlich gegen die Aktion sind, ängstlich und kopfscheu, sie fürchten um ihr Brot und laufen scharenweise zur „Nep“ über. In fast allen Ämtern sitzen schon Vertrauensleute und Spitzel der Bewegung und mancher Beamte hat ein unvorsichtiges Wort innerhalb einer Woche mit der vorzeitigen Pensionierung zu büßen gehabt. Die Unsicherheit, die durch die Erkrankung des Ministerpräsidenten Gömbös in die ungarische Politik gekommen ist, fördert selbstverständlich noch derartige Unternehmungen. Die „Nep“ wird täglich stärker und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, daß sie, von unten in den Staatsapparat eindringend, auch die Kommandohöhen des Staates erobert. Vorstellung emigrierter Künstler. Am 12. September 1996, abends 8 Uhr, findet im Caf6 „Edison“, VIII., Alserstraße 9 (Theatersaal) ein „Bunter Abend“ statt. Mitwirkende sind bekannte jüdische Künstler aus Deutschland. Kaufet SCHULBUCHES neu und antiquarisch in der BÜCHERSTUBE RATH & Co. Wien, II., Taborstraße 90 a. Tel. R 45-305 gnlcaur und Umtausch ant. Bücher zu höchsten Preisen. Modern« Leihbibliothek. Alle Heu- | erscheinungen. Monatsgebühr 1 S 3-10. Keine BandgebUhr, täg- 1 lieber Umtausch oder MonatsgebUhr S 1*60 und 10 g BandgebUhr. Modernes Sortiment und Antiquariat JUDAICA UND HEBRAICA Die schönsten Bar Mfzwah-Geschenkel Die Palästinaregierung als Arbeitgeber Die Palästina-Regierung ist bei weitem der größte Arbeitgeber im Lande. Nicht nur, daß sie Polizisten und Soldaten anwirbt, daß sie Postbeamte, Telephonisten und ungelernte Arbeiter in den Regierungsämtern anstellt, sie nimmt in hohem Maße die staatlichen Eisenbahnen und Häfen und andere öffentliche Institutionen in Anspruch. Im gleichen Maß mit der bevorstehenden Erweiterung der außerordentlichen Ausgaben für die Aufbauarbeit während der nächsten Jahre wird auch die Zahl der einzustellenden Arbeiter steigen. Die wirtschaftliche Tätigkeit des Landes ist demnach aufs innigste mit dem Arbeitebesohaffun'gsprogramm der Regierung verbunden. Vor den Unruhen zählten die Polizei, die transjordanische Grenzpolizei und die Armee insgesamt etwa 6500 Manu. Die Abteilung für öffentliche Arbeiten nimmt Handwerker und Arbeiter nur im Bedarfsfälle auf. In den letzten sieben Monaten 1935 betrug die Zahl der beschäftigten Arbeiter etwa 1000. Desgleichen verfügte die palästinensische Eisenbahn über 10Ö0 Angestellte; die Post, der Telegraph, das Radio nsw. erfordern alles in allem ungefähr 1300 Leute. Die Verwendung von Matrosen, Hafenarbeitern, Packern, Leu oh btur mb esatzung ist stark den Umständen des Wetters und der Gezeiten unterworfen, dennoch aber sind insgesamt mehr als 3000 Personen in Haifa und Jaffa angestellt. Das. gilt für die flaue Zeit. In den Monaten der starken Importe und- Transporte sind es mehr als 5000 Menschen.' Die Regierung hat sonach die direkte Kontrolle über die Beschäftigung von etwa 17.500 Personen. Das Investifcionsprogramm für die Eisenbahn und für öffentliche Arbeiten wird im ganzen 7000 Arbeiter fordern. Von den 6500 Polizisten und Soldaten, waren bis zu den Unruhen ungefähr 5000 Araber, 1000 Engländer und 500 Juden. Bei der Eisenbahn stehen rund 3000 Araber und 300 Juden in Arbeit, in den Häfen 3000 Araber, 300 Juden. So sind rund 90 Prozent Araber und weniger als 10 Prozent Juden beschäftigt: auf einen Juden entfallen also neun Araber. Der Arbeitsapparat der Regierung ist also zum größten Teil in den Händen der Araber. Wie nützt nun die Regierung die Macht, die durch die Aufsicht über diese Arbeiterarmee in ihre Hände gegeben ist? Von welchen Prinzipien läßt sie sieh direkt oder indirekt leiten? Die Antwort lautet unbedingt so: die Beamten haben vor allem, wenn nicht überhaupt die Direktive, Arbeit so billig als möglich zu bekommen. Anstatt nun den vorbildlichen Arbeitgeber abzugeben, verweigert die Regierung ihren Angestellten Gewerkschaften, bestimmte Arbeitsbedingungen. Sie hat nicht einmal ein Arbeitsamt oder ein Amt für soziale Fürsorge errichtet! Transjordanische Araber, Hainrauer und Drusen aus Syrien und Ägypten stehen in den Lasten obenan, da sie sich bereiterklären, gegen Lohn zu arbeiten, der, wenn selbst noch so niedrig, immer noch ein Drei- bis Vierfaches dessen darstellt, was sie in der Heimat bekommen. Dann folgen die palästinensischen Araber, die mit den Arbeitsbedingungen der Regierung’ unzufrieden sind und tödliche Rivalen der eingewanderten Araber sind. Grofie öffentliche Arbeiten in Palästina Jerusalem, 3. September. (JTA.) Auf Grund der Verhandlungen, die von der politischen Abteilung der Jewish Agency mit dem Regierungsdepartement für öffentliche Arbeiten geführt worden sind, wurde ein Arbeitskontrakt für die Herstellung von 49 Kilometer neuer Straßen im Emek und in der Scharon-Ebene geschlossen. Die Arbeiten werden von der kooperativen Baugenossenschaft „Solei Boneh“ durchgeführt. Die Genossenschaft hat auch von dem Haifaer Departement für öffentliche Arbeite» den Auftrag zum Bau von Straßen zwischen Haifa und Tire und zwischen Benjamina und Chedera und zur