Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 579 (8.9.1936)
- Date
- 1936-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 579 — Wien, Dienstag, 8. September 1936 muß man gerechterweise* und dankbar anerkennen, daß ein gewichtiger Teil der öffentlichen englischen'Meinung auf unsere Seite trat. Nur so war die Wendung möglich, die sich in den letzten Tagen ankündigt, Ormsby Gore scheint sich Wauchopes Einfluß zu entwinden, wie aus seinem Brief an Weizmann hervorgeht, Nuri Pascha erhielt einen deutlichen Wink, daß seine Intervention unerwünscht ist, die Einwanderung soll offen bleiben, englische Verstärkungen gehen nach Palästina und werden das Land pazifizieren, das binnen 24 Stunden zur Ruhe gebracht worden wäre, wenn Wauchope energisch zugegriffen hätte. So stehen die Dinge heute. Es muß aber nachdrücklichst davor gewarnt werden, sich der trügerischen Hoffnung hinzugeben, daß nun alles wieder in Ordnung ist. Schwere Tage stehen uns noch bevor, und "wenn wir soweit sein werden, um in politischer Beziehung Ordnung geschafft zu haben, dann kommt noch die schwere Arbeit des Wiederaufbaues und der Stärkung des Jischuw, um die Wiederkehr der traurigen Ereignisse unmöglich zu machen. Heute schon aber kann eine heilsame Lehre aus den Geschehnissen gezogen werden. Wir müssen erkennen, daß unsere Propaganda geringfügig und schlecht war. Wir müssen auch erkennen, daß der heroische Kampf des Jischuw eine bessere Propaganda für die zionistische Bewegung bedeutet, als die Prosperity mit ihren .Bodenwucherern, Orangenzionisten und Zertifikatisten. Daraus ergibt sich, daß die Propagandaarbeit in der jüdischen und christlichen Welt verhundertfacht werden muß. Jeder Zionist muß ein Propagandist sein. Das entfernteste jüdische Haus muß von unserer Propaganda erfaßt werden und in der christlichen Welt muß unaufhörlich für unsere Ideen geworben werden, deren Verwirklichung die einzig mögliche gerechte Lösung der Judenfrage gewährleistet. Ohne Geld kann aber keine großzügige Propaganda geführt werden. Ohne Geld kann der Jischuw seine Sicherbeitsvorkelmmgen nicht ausbauen und sich nicht für alle Eventualitäten rüsten. Ohne Geld können in Palästina nicht Vorratshäuser und Kühlhäuser gebaut werden. Ohne Geld kann man die durch die Unruhen hervorgerufenen Schäden nicht beheben, nicht Häuser, Straßen und Spitäler bauen und;nicht Boden für die unbedingt notwendige Ausdehnung unserer landwirtschaftlichen Kolonisation kaufen. Unsere Parole für die nächsten Jahre lautet: „Sicherheit und Wiederaufbau!“ Der Jischuw ist unsere Front. Die jüdische Front im Lande unserer Väter hat standgehalten. Sie wird’es auch in Zukunft tun, aber nur, wenn die Galuth sie stützt. Sie muß Menschen und Geld geben. Die Menschen sind mobilisiert. Ungezählte tausende Chaluzim brennen darauf, ihren Brüdern im Lande unserer Sehnsucht beizustehen. Das Geld muß erst mobilisiert werden, noch in diesen Wochen. Der Jischuw hat die Feuerprobe bestanden. Jetzt ist die Reihe an der Galuth. Der Keren Bizzaron ruft. An jeden Juden ergeht der Ruf. Wir verlangen von dir nicht Leben und Freiheit, nur Geld. Gib rasch und du gibst doppelt. Gib und sammle! Du sammelst nicht für andere. Du sammelst für dich, für deine Kinder, für dein Volk. Die österreichischen Juden sind hiemit auf gerufen. Sie müssen der Welt beweisen, daß der Geist Herzls in ihnen lebt. „Sicherheit und Wiederaufbau!“ Das ist die Parole unserer Opferaktion. Unsere Opfer müssen beispielgebend sein. Nur durch Geldopfer können wir unseren neuen Makkabäern danken und gerechtfertigt dastehen vor den gefallenen jüdischen Märtyrern in Erez Israel. Und noch eine Parole muß zur Tat werden: Für jeden ermordeten Juden 1000 neue Dunara Boden und 1000 neue organisierte Zionisten in Österreich! Schwere englische Verluste in Palästina Jerusalem, 4. September. Leben gekostet. Fünf weitere Reisende wur- Die angekündigte verschärfte Aktion der den schwer verletzt. Sei dem Anschlag Ist Terroristen hat bereits In den letzten Tagen der Zugsverkehr zwischen Haifa und Lydda eingesetzt. Die Engländer hatten schwere unterbrochen, so daß Haifa vom regel- Verluste. Es mußten wiederholt Flugmäßigen Zugsverkehr vollstänzeuge in die Kämpfe eingreifen. # abgeschnitten ist. Bei Tulkarem wurden in einem Gefecht ein Abbruch de« f rhlff orcf rollst? britischer Offizier, ein Korporal und ein Ma- * fnü!*f Offizier und zwei Soldaten wurden verwundet 3 Waggon Zitrusfrüchte aus Petach Tikwa, Bei Bala fiel ein britischer Soldat, zwei Rechowot und Chedera eingetroffen. Im Zu- Offiziere und zwei Mann wurden verwundet, sammenhang damit hat sich das Gerücht ver- Ein Flugzeug mußte starten und erst durch Ä * 1?!£ aia t, a?’ die Beschießung aus dem Maschinengewehr Streiks stehen, weif si? fürchten, “die* Arbeit des Apparates gelang es, die Araber zu zerder neuen Ausfuhrsaison zu verlieren, streuen. Das Flugzeug mußte notlanden. Seine D>n.A..lliA. e,-.r Bemannung wurde von den Arabern ange-1 griffen. Ein Fliegerofflzier und sein Begleiter1 T , . , K 0 , . . Trp. . ... , . . . fioip« a„» amw oi a „«,1. Tel-Aviv, 5. September. (JTA.) Mit Rücksicht eien. Auf Seite der Araber sind zehn Mann au! dje aahlrelchen Bombenanschläge, die üi gefallen. Sechs Häuser des Ortes Bala, aus letzter Zeit auf die zwischen Tel-Aviv und denen geschossen worden war, wurden von Bajlt Wegan verkehrenden Autobusse verübt den britischen Truppen demoliert. wurden, hat die Autobuskooperative für den An, Tag .,«,,, d,ra 4. S« ward«, MTÄÄ U"'e die Engländer fast an derselben Stelle wieder angegriffen. Wieder mußten Flugzeuge in das | Munltfoit llt Weintraubenkisten Gefecht eingreifen. Zwanzig Araber wurden' Jerusalem, 5. September. (JTA.) Der Komgetötet. Die meisten stammen aus angrenzenmandant des transjordanischen Grenzwachden Ländern. < korps, pik Pascha, hat die Versendung von iiKfiaKfidk ci»ii,inmn Weintrauben aus Transjordanien nach Palä- Auch jüdische Siedlungen wurden wieder slina verbotenj weil inJ den Kisten Munition angegriffen. So kam es zu Gefechten bei Neßnach Palästina geschmuggelt wird. Ziona, bei Ramalah und bei Petach Tikwah. Die Araber wurden überall mit Verlusten in die Flucht geschlagen. und Eisenbahnattentat: 2 Tote Jerusalem, 5. September. (Tel.-Comp.) Ein am Freitag verübter Anschlag von Araber-! banden auf einen Eisenbahnzug der Strecke1 Haifa—Lydda hat zwei Fahrgästen das ZAHNARZT sucht OrdFnatlonssehilfln (Anfängerin), 3. Bezirk, bei Eltern wohnhaft Unter »50 Schilling« an die Administration dieses Blattes Kundgebungen aus aller Welt New Xork, 5. September. (JTA.) Zwanzig jüdische Organisationen, unter ihnen der American Jewish Congress, die B’nai B’rith und die Hadassa, haben als Vertreter von zwei Millionen.amerikanischen Juden dem amerikanischen State Secretäry (Außenminister) Cordeil Hüll einen Protest gegen; die englische Politik in Palästina überreicht. In der Protestkundgebung der großen amerikanischjüdischen Verbände wird der englischen Regierung der Vorwurf gemacht, daß eie an der Fortdauer der Unruhen in Palästina die Schuld trage. Der Ordenspräsident der B’nai B’ritb, A- M. Cohen, veröffentlicht ein© Erklärung, in der vor einer etwaigen Einstellung der. jüdischen Einwanderung nach Palästina als einem äußerst verhängnisvollen Schritt gewarnt wird. Die Zionisten Italiens an England Rom, 5. September. (J. T. A.) Der Sekretär der Zionistischen Organisation Italiens, Professor Dante Lattes, übergab dem englischen Botschafter eine vom Landesausschuß der Zionistischen Organisation angenommene Resolution, in der die englische Regierung aufgeforclert wird, getreu zur Balfour-Deklaration, zum Palästina-Mandat und zu den verschiedenen Versprechungen bisheriger Regierungen zu stehen und den Aufbau des jüdischen Nationalheiraszuförclern. Eine Einstellung der Einwanderung oder irgend eine andere Benachteiligung des großen und opferreichen jüdischen Aufbauwerkes, heißt es weiter, würde Belohnung an Terroristen und Bestrafung friedlicher Arbeit er bedeuten. Die Histadruth an die englische Asbelterschaft London, 4. September. (JTA.) „Daily Herald“ teilt mit, daß die British Labour Party von der Jüdischen Arbeiterpartei Palästinas und dem Allgemeinen jüdischen Arbeiterverband ein Telegramm erhalten habe, in dem die englische Arbeiterschaft aufgefordert wird, mitzuhelfen, daß die Gefahr, von der die Judenheit Palästinas bedroht ist, abgewendet werde. Der Führer der Arbeiterpartei, Major A 111 e e, hat vor der Kabinettssitzung am Mittwoch eine Besprechung mit dem Kolonienminister Orms-by-Gore abgehalten und ihm den Appell der palästinensischen Arbeiterschaft zur Kenntnis gebracht, der unter anderem lautet: „Seit Uber vier Monaten ist Palästina einer. Tprrorherrschaft; der arabischen Führer mit dem Mufti von Jerusalem an der Spitze unterworfen. Uber 80 Juden wurden ermordet, Frauen, sogar Krankenschwestern, kaltblütig erschossen, hunderte Juden verwundet und etwa 20 englische Sodaten getötet. Viele Zehntausende jüdischer Bäume wurden vernichtet, Felder und Häuser verbrannt, Verkehrsmittel hei Eisenbahnen und Autoverkehr zerstört. Die Notverordnungen der Regierung, in denen strenge Strafmaßnahmen vorgesehen sind, bleiben zum größten Teil toter Buchstabe. Wir hören mm, daß die Regierung trotz wiederholter gegenteiliger Erklärungen im Parlament bereit sein soll, durch Einstellung der jüdischen Einwanderung der Gewalt zu weichen. Die Einstellung der Einwanderung würde von den Juden als Beweis dafür angesehen werden, daß die Regierung sie für Fremde hält, deren Einwanderung von dem guten Willen der Araber abhängig ist; die Juden der ganzen Welt würden darin einen Vertrauensbruch sehen, der ihre Sympathien England entfremden würde.“ Die Amerikanisch-Christliche Konferenz an Baldwln London, 6. September. (JTA.) In dem Telegramm, das die Amerikanisch; Christliche Konferenz für Palästina an den englischen Ministerpräsidenten B a 1 d w i n gerichtet hat, beißt es wörtlich: „Wir Unterzeichneten amerikanischen Bürger christlichen Glaubens fordern von der Regierung Großbritanniens, festzuhalten an den Bestimmungen des Paläs tinamandahs, da« von den Völkern der Welt durch den Völkerbund ihrer Obhut anvortraut wurde. Die Balfour-Deklaration, auf der das Mandat beruht, hat die Bekräftigung durch das Volk der Vereinig ton Staaten erhalten; dies wurde von jedem Präsidenten seiit dem Weltkrieg und in Resolutionen, die von beiden Häusern des Kongreße es einstimmig angenommen wurden, öffentlich zum Ausdruck gebracht. Die dem jüdischen Volk gebotene Möglichkeit, sein Nationalheim in Palästina zu errichten, ist von der aufgeklärten öffentlichen Meinung Amerika« nicht nur als gerecht und sittlich, sondern auch als durch das Völkerrecht unwiderruflich garantiert anerkannt worden. Wir weisen darauf hin, daß die angelsächsische religiöse Tradition hier und im Auslande ln der Rückkehr der Juden nach Palästina die Erfüllung biblischer Prophezeiung sieht. Das jüdische Volk nat die Grundlage des Nationalheims auf friedlichen Wegen und mit außerordentlichem Eifer und Energie gelegt. Es hat Möglichkeiten für die Einwanderung neuer Menschen in großer Zahl geschaffen, und was sie errungen haben, ist von unschätzbarem Nutzen für die gesamte Bevölkerung Palästinas. Für die gepeinigten heimatlosen Juden ln der ganzen Welt ist Palästina zur einzigen Zufluchtsstätte geworden. Es ist unsere Überzeugung, daß Einste!*- hing der Einwanderung oder. irgend eine Abschwächung der Bestimmungen des Mandats zu einer V e r min d’e’r ung des englischen Prestiges in Amerika führen müßte und in bedauerlicher Weiße andere Elemente in diesem Lande ermutigen würde, die England bereits unfreundlich gesinnt sind. Als 'aufrichtige Freunde des englischen Volkes fordern wir strengstes Festhalten an Wortlaut und Geist de® Mandats. Wir vertrauen darauf, daß das Gewissen es Großbritannien gebieten wird, einem ihan anvertrauten heiligen Auftrag treu zu bleiben. Die christliche Ehre erfordert es, daß das von England den Juden und den Völkern gegebene Versprechen gehalten werde.“ Mitunterzedohnet wurde das Telegramm u. a. von dem Vorsitzenden des amerikanischen Gefwerkscha-ftsverbandes William Green, dem früheren amerikanischen Botschafter James W. Gerard und dem früheren Kommissär der Vereinigten Staaten in England, Charles Edward Russell. MOBEL-WINTER für Gelegenheltskäufe Wien« VIII., Stadtbahnviadukt 23 bei lerdienfelderstraße Telephon: A 21-5*31 Dte Asstmilaiiim In einer jüdischen Gesellschaft wird eine lebhafte politische Diskussion geführt. Zionisten und Asslmilanten bringen leidenschaftlich ihre Argumente vor. Hartnäckig verteidigen die Assimilanten liebgewordene Illusionen, gegen die aiie Tatsachen zu schwach zu sein scheinen. Kurz und gut, die übliche Diskussion, wie sie jeder von uns so oft erlebt. Man wendet sich schließlich dem Thema Kuituswahien zu. Es wird hin und hergeraten, wer die besten Chancen habe. Eine Dame, die soeben noch ihren assimilatorischen Standpunkt kompromißlos vertreten hatte, beurteilt die Chancen der Zionisten überraschenderweise sehr günstig. Da wendet sich ein Zionist unvermittelt an sie: Wen werden denn Sie wählen? Die Dame antwortet ohne eine Sekunde des Zögerns: Natürlich die Zionisten. Für die Kultusgemeinde kann man 'doch keinen anderen wählen als die Juden... Ein neuer Sladlkibbuz Der Snif Österreich des Hechaluz Haklal Zioni hat im Hause Wien, II., Rueppgasse 8, einen Stadtkibbuz eröffnet, der der Unterbrinsrunsr und der zionistischen und beruflichen Heranbildung von Chaluzim und Chaluzoth dient. Da die Not unter der Jugend groß ist, bitten wir unsere Leser, dem Kibbuz Spenden an Geld,Kleidern, Schuhen, Wäsche und E»nrichtungsgegenstanden zukommen zu lassen. Die Spenden werden vom Zionistischen Landesverband gegen telephonischen Anruf (U 22-2-11; abgeholt und quittiert. Vor dem Nürnberger Parteitag Das Tschechoslowakische Preßbttro meldet aus Berlin: Ein Vortrag, der in Berlin von dem mit der Überwachung des Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde beauftragten nationalsozialistischen Funktionär H i nk e 1 über das Thema „Die Juden frage in der praktischen Kulturpolitik“ gehalten wurde, scheint einigermaßen den bevorstehenden nationalsozialistischen Parteitag in Nürnberg präludieren zu wollen. Hinkel feierte es geradezu als Verdienst, daß im Dritten Reich die Möglichkeit bestehe, daß die Juden auf kulturellem Gebiete ein gewisses Maß von Eigenleben bewahren dürfen. Hinkel führte nach einer Meldung dies Amtlichen deutschen Nachrichtendienstes u. a. au«: Den Juden in Deutschland wurde die Möglichkeit „erschlossen“, einen eigenen rein jüdischen Zusammenschluß zu organisieren. Der Reichsverband jüdischer Kulturbünde umfaßt heute über 100.000 Mitglieder im Reich, Ein Theater besteht außer in Berlin noch in Köln. Hiezu kommen Wandertheater, ferner ein in Berlin ansässiges symphonisch es Orchester und Orchester in anderen Städten.