Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 577 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 577 — Wien, Dienstag, 1. September 1936 Seit« 3 Dil SfIMMI Stalins Pogrom Die derzeitigen Herren des Kreml haben sich mit, einer oinzigen Salve ihrer hauptsächlichsten politischen Gegner entledigt. Ein Militärgerichtehof führte den ihm erteilten Auftrag aus und 16 Leute, die in der politischen Vorbereitung des Bolschewismus eine wichtige Holle gespielt hatten, erleichterten das Werk. Sie waren angeklagt, im Auftrag des fern in Norwegen sitzenden Trotzki eine terroristische Verschwörung betrieben zu haben zu dem Zweck, Stalin, Worosohilow und andere führende Personen des gegenwärtigen Kurses durch Mord zu beseitigen und so der Machtergreifung Trotzkis den Weg zu bahnen. Die Sache klingt reichlich unwahrscheinlich. Trotzki, Kamcnow, Sinowjew, die Ideologen der Weltrcvolution, die jederzeit den individuellen Terror abgelehnt haben, sollten jetzt gerade diese Form gewählt haben, um sich durohzusetzen? Gewiß nimmt das Sowjetrußland Stalins in diesen letzten Monaten eine tiefgehende Wandlung seiner innenwie außenpolitischen Grundlinien vor. Es ist auf der einen Seite von Japan, auf der anderen von Deutschland bedroht und beginnt sich den Westmächten, dem kapitalistischen England und dem noch immer stark in der Demokratie verankerten Frankreich anzunähern. Es macht nach innen durch eine europäisch schillernde Erweiterung des Wahlrechtes Konzessionen an die neuen Freunde und zeigt auch den Kulaken- Bauem freundlichere Züge. Ansonsten ist Sowjetrußland unverändert militaristisch, und dies in einem noch weiteren Ausmaß als der Zarismus. Es befolgt hierin fast auf den Buobstaben getreu die Pläne, die Trotzki aufstellte, als er an die Reorganisierung der Armee schritt und diese bis zu einer bis heute in Europa, auch, nicht in Deutschland erreichten Höhe der Ausbildung und Sohlagfertigkeit entwickelte. Es ist nicht glaublich, daß der in der Verbannung grollende Trotzki in dieser Zeit, da das ganze Werk der Revolution von 1919 angegriffen ist, mit so drastischen nnd dabei wirkungslosen Mitteln wie der physischen Beseitigung der Machthaber einzugreifen versucht. Der Prozeß ist durchgeführt worden — in der in Rußland für solche Unternehmungen schon üblichen und zu einer Gewohnheit gewordenen technischen Revue. Mikrophone waren aufgestellt und das ganze große russische Reich lauschte den Erzählungen der Angeklagten, die alles bestätigten, was fleißige Untersuchungsrichter zusammengetragen hatten. Sie gestanden die Mordpläne, gestanden einer nach dem anderen, daß sie Opfer der Überredungskünste Trotzkis gewesen seien, daß sie bereuten und jedes Urteil schon im Vorhinein akzeptierten, ja auf Verteidigung verzichteten. Sinowjew selbst nannte sich einen faschistischen Hund. Fürwahr eine Komödie mit blutigem Abschluß! Dabei waren Sinowjew und Kamenew schon im Jänner 1935 wegen derselben Anklage — es handelte sich um die Ermordung des Generalsekretärs Kyrow — zu zehn und fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden, befanden sieh seither im Kerker und konnten keine Konspiration betreiben! Am wenigsten mit .Trotzki, der sich doch seit 1929 außer Landes befindet! Eine Aufklärung dieser Rätsel wird wohl niemals erfolgen, es sei denn, daß im Verfolg einer großen politischen Katastrophe die Archive der GPU eich öffnen und aufzeigen worden, wie der Kampf gegen die „Intellektuellen“ — und das ist nur eine andere Bezeichnung für Juden — geführt worden ist. Das Auffallendste an diesem ganzen Prozeß und seiner Liquidierung ist nämlich, daß die 18 Angeklagten die Liste der letzten jüdischen Politiker darstellen, die sich noch an zumindest ideologisch führender Stelle befunden haben. Schon seit Wochen berichteten deutsche nationalsozialistische Blättor voll Freude über die Fortschritte der antijüdisobon Strömung in Rußland und auch Beobachtungen von anderer neutralor Seite stimmton mit diesen Meldungen tiberein. Der Bolschewismus hat das Judentum als Volk oder wie man draußen sagt, als gegenrevolutionäre Schicht zerstört. Er hat ihm jede nationale Bewegungsfreiheit genommen, die meisten Synagogen enteignet, den Unterricht in der hebräischen Sprache verboten, die Zionisten in Sibirien interntert. Die „Republik Biro Bidschau“ ist oinc für amerikanisch-jüdische Mäzene aufgestellte Potemkinade. In der bölschewikischen Bewegung, der sich anfänglich starke Sympathien der vom Zarismus gepeinigten jüdischen Bevölkerung zugewendet hatten, ist der jüdische Anteil trotzdem ein sehr geringer gewesen. Der „jüdische Bolschewismus“ oder das „holschewikiischc Judentum“ ist eine ad hoc vorgenommene Erfindung des deutschen Nationalsozialismus. Der revolutionäre Elan wurde von Deutschen, Letten, Tataren und Georgiern sowie von deutschen und ungarischen Kriegsgefangenen getragen. Den Juden wurde vom Bolschewismus, wie das nun einmal so jüdisches Schicksal ist, die Rolle des Blitzableiters zugeteilt und jeder neue innere Mißerfolg rief zunächst eine verstärkte Aktivität des Judenhasses hervor, für die die Grundlagen von der „Jewsekzia“ geliefert wurden. Immer mehr wurde die Ausschließung der noch an leitender Stelle verwendeten Juden — die mit dem Judentum nur mehr die Abkunft gemeinsam hatten, ansonsten nichts von ihm wissen wollten — betrieben und der Moskauer Prozeß ist das Schlußprotokoll dieser Entwicklung. Die letzten, die man dem Bolschewismus noch Vorhalten konnte, sind tot. Dieser Prozeß trifft sich gerade mit, der Verlängerung der Dienstzeit im Dritten Reich, die von der „Nationalsozialistischen Korrespondenz“ in folgenden Worten begründet wird: „Eiue ziffernmäßig kleine, aber im Solde ihrer rassischen Verfilzung einen mächtigen Einfluß ausübende internationale Hetzgruppe versucht, die Welt in das Chaos des kommunistischen Zusammenbruches zu stürzen ...“ Dieses Zusammentreffen ist grotesk. Es vollzieht sich zur selben Zeit, wo Stalin die Führung der Sowjets radikal jaden rein gemacht hat. In einem gewissen Sinne entspricht sein Vorgehen den Ereignissen des 30. Juni 1934 in Deutschland. Er hat nur ein Gerichtsverfahren vorgegaukelt. Reisen nach Italien LIRE-SCHECKS der ■■■■■% JA fl Touristenverkehrsbüro der Riunlone Adriatica di Sicurtä Ges. m. b. H- U I WIEN, I., Tegetth off Straße 7 * Telephon R 20-5-90 Serie Die Tagung des Aktionskomitees Das Aktionskomitee hat neben seinen Beratungen über die politische Situation auch sein übriges Programm erledigt. Es wurden die Referate angehört, es wurden aber auch wichtige organisatorische Fragen der zionistischen Organisation besprochen. Nachstehend unsere Telegramme: Ständige politische Kommission der J. A. Zürich, 30. August. (JTA.) Die Allgemeinen Zionisten der Gruppe B haben mit den Vertretern der Judenstaatspartei und des Misrachi einen politischen Block gebildet, der sich für die Schaffung einer ständigen politischen Kommission zur Unterstützung des politischen Departements der Jewish Agency einsetzt. Diese politische Kommission soll volles Entscheidungsrecht Zusammenarbeit mit Zürich, 28. August. (JTA.) Im weiteren Verlauf der Generaldebatte gab die Mehrzahl der Redner der Bereitschaft zur Zusammenarbeit m/it der Königlichen Unfcersuchungskommission für Palästina, wenn auch unter gewissen Voraussetzung e n, Ausdruck. Einige Vertreter der Allgemeinen Zionisten sind der Meinung, daß d i e Zusammenarbeit verweigert werden sollte, falls es zu einer Einstellung der Einwanderung komme. Nur eine kleine Minderheit lehnt in allen Palästina betreffenden politischen Fragen besitzen. Um die zionistische Einigung Zürich, 30. August. (JTA.) Die dem Weltverband der Allgemeinen Zionisten (Gruppe B) angehörenden Mitglieder des Aktionskomitees bemühen sich, im Hinblick auf den besonderen Ernst der politischen Situation, einen Zusammenschluß mit den in der „WeltVereinigung“ (Gruppe A) organisierten Allgemeinen Zionisten herbeiznttihrein. der Kgl. Kommission jede Zusammenarbeit mit der Kommission grundsätzlich ab. Die allgemeine Aussprache über politische Fragen wurde mit einer zweistündigen Rede des Vorsitzenden der Palästinaexekutive der Jewish Agency, David Ben G u r i o n, abgeschlossen. Ben Gurten antwortete den Vertretern aller Gruppen, die zu Worte gekommen waren, und gab nochmals in nüchterner und leidenschaftsloser Weise einen Überblick über die aktuellen Hauptprobleme. Sinken der Arbeitslosigkeit in Palästina Zürich, 30. August. Die Exekutive der Jewish Agency bat dem Aktionskomitee ©inen Bericht über die vom Jischuw getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vongelegt. Die Zahl der jüdischen Arbeitslosen in den Städten Palästinas wird in dem Bericht auf 6000 im Monat Februar und auf 4000 im gegenwärtigen Augenblick geschätzt. Die größte Zahl der Arbeitslosen entfällt aiuf Tel-Aviv. Es sind zwei Fonds geschaffen worden; der eine für die Finanzierung jüdisch-öffentlicher Arbeiten, der andere für Arbeitslosenunterstützung. Jedes der über 60.000 Mitglieder der Histadruth und des Poale Misrachi hat sich verpflichtet, den Ertrag von zwölf Arbeitstagen dem Anbeitslosenfonds „Tiwjon Haawoda“ zuzuführen. Die Zeichnungen für diesen Fonds betragen bisher 80.000 Pfund. Davon sind 30.000 Pfund bereits bar eingezahlt worden. Es wurde die Gesellschaft „Bizzur“ zur Förderung jüdischer öffentlicher Arbeit ins Leben gerufen. Zu dem eingetragenen Kapital von 50.000 Kund haben die Jewish Agency und die Histadruth je 15.000 Kund beigetragen. Mit Hilfe dieses Kapitals konnten Darlehen zur Durchführung von Arbeiteprojekten mit einem Gesamtkostenaufwand von 273.000 Pfund gewährt werden. Gleichzeitig hat die Jewish Agency auch Verhandlungen mit der Palästinaregierung über den Bau neuer Straßen zur Verbindung der jüdischen Kolonien untereinander angenommen. Die Durchführung dieser Arbeiten wird 800 jüdischen Arbeitslosen Beschäftigung geben. Zahlreiche jugendliche Arbeiter werden aus den Städten in die landwirtschaftlichen Siedlungen überführt. Aus Tel-Aviv allein sind 400 männliche und weibliche Jugendliche in die Kolonien gegangen. Wirtschaft Palästinas ungebrochen Zürich, 80. August. Eiieser Kaplan erstattete vor dem Aktionskomitee einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftliche und finanzielle Lage im Lande sowie über die finanzielle Lage der Jewish Agency. In den letzten zwei Jahren hat die Exekutive der Jewish Agency aus den Mitteln des Keren Hajessod 250.000 Pfund für landwirtschaftliche Kolonisation ausgegeben, nicht eingerechnet die für diesen Zweck von der Deutschen Abteilung der1 Agency investierten 150.000 Pfund. Mit bo-j sonderor Genugtuung stellte Kaplan fest, | daß trotz der Unruhen die Siedlungen, mitj denen der Keren Hajessod ab>''v<'hlo-,trin hatte, ihre Schuld au ihn ab tragen. Die Verhandlungen über die Erhöhung des Kapitals der Anglo-Paleetine Bank konnten erfolgreich durchgeführt werden, so daß das Kapital der Bank jetzt 1 Million Pfund gegenüber 300.000 Pfund vor einem Jahr beträgt. Kaplan behandelte ausführlich die wirtschaftliche Lage des Jischuw während der Unruhen. Dank der festen Haltung des Jischuw sind die Versuche, ihn ausziuhungern, mißlungen. Das wirtschaftliche Leben ist nicht 1 a h m g e 1 e g t, die Aufbauarbeit wurde nicht für einen einzigen Tag unterbrochen. Obwohl eine schwere wirtrV'i'p" ■iou nicht zu leneuen ist. RÖMER ab Dienstag, den 1* September ■ Tägl. 4 u. 8 Uhr, Sonnu, Feiertage: 9,5 u.8 Uhr ■■ MhiinaliiNlt 11) I Variete - Stars |jj I 1 Tag« vornu« Kartenverkauf kann von einer Krise doch nicht die Rede sein. Der Jischuw hat, so sagt Kaplan zum Schluß, die ihm auf erlegte Probe glänzend bestanden; die Juden in der Diaspora aber haben ihre Pflicht noch nicht e r f ii 111. Jeder Jude muß »seine Solidarität mit dem Jischuw bekunden. Ussisehkin referierte Uber die Tätigkeit des Keren Kajometh, dessen Einkommen im laufenden Jahre 400.000 Pfund betrug, was eine 16%ige Erhöhung gegenüber dem Vorjahre bedeutet. In der Liste der Beiträge steht Amerika an erster Stelle, Deutschland arbeitete glänzend, während Palästina im laufenden Jahre 85.000 Pfund aufgebracht hat. Ussisehkin bemerkte, daß die palästinensische Judenheit durch allzu zahlreiche Verpflichtungen gegenüber dem Keren Kajemetih, Keren Hajessod und jetzt auch gegenüber dem neuem Aufbaufomds überbürdet ist.' Vor Schluß der Sitzung ergriff Präsident Dr. Ghairn Woizmann noch einmal das Wort und erklärte, daß die Exekutive ununterbrochen sämtliche ihr zu Gebote stehenden Mittel und Beziehungen anwende, um eine Eineteilung der jüdischen Einwanderung in Palästina zu verhindern. Dr. Weizmann gab seinem unsrechütterten Vertrauen in den Sieg des Zionismus' trotz aller Schwierigkeiten Ausdruck und appellierte an die Bewegung, die Arbeit mit voller Kraft weiter zu führen. Ussisehkin schloß sich dem an. Der Vorsitzende der Palästina-Exekutive David Ben Gurion beleuchtete in einer zweiten politischen Rede die Methoden der britischen imperialen Politik und die komplizierten Probleme der jüdisch-arabischen Beziehungen. Er nahm zu sämtlichem im Laufe der Diskussion 'berührten Fragern Stellung. Im zweiten Teil der politischen Debatte ergriffen das Wort Dr. B. Schmonak, A. Harzfeld, Rev. J. K. Goldbloom, Dr. F. Bernstein, R. Stricker und M. Jaari. Für junge Studentin gesucht Kost und Wohnung in gutem — zionistisch gesinntem — Hause. Zuschriften mit Preisangabe erbeten unter Chiffre: „Bürgerliches Heim Nr. 6356“ an die Administration dieses Blattes. Botschafter Isidor Straus zuräckgetreten Paris, 28. August. (JTA.) Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Paris, Isidor Straus, der bekanntlich Jude ist, gibt aus Gesundheitsrücksichten seinen Posten auf. Botschafter Straus ist zu seinem jetzigem Amt am 16. März 1933 von Präsident Roosevelt, mit dem er durch persönliche Freundschaft verbunden ist, berufen worden. Er hat seinen Posten am 1. Juni 1933 angetreten und hat trotz seines unbefriedigenden Gesundheitszustandes bis jetzt auf ihm ausgeharrt. Rabbi Morris Margolies gestorben New York, 28. August, (JTA.) In Belmar, New Jersey, ist Rabbi Morris S. Margolies, einer der ältesten Rabbiner Amerikas und Gründer des Verbandes orthodoxer Rabbiner in Amerika und Kanada, gestorben. Er wurde 1851 in Kroza in Rußland geboren. Seine Studien absolvierte er an den Jeschiwot von Kroza und Bialystok. 1877 war er Rabbiner in Sloboda (Polen). Von 1889 bis 1906 war er Oberrabbiner der orthodoxen jüdischen Gemeinde von Boston, seit 1906 Rabbiner der Synagogengemeinde „Kehiilat Jesehurun“ In vr, y,.r|.