Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 576 (28.8.1936)
- Date
- 1936-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 67Ä — Wien, Freitag, 28. August 1086 Oll tTIMMI Sette 3 Judentum auf dem Balkan I. Interview mit Oberlandesrabbiner Dr. Alkalay von Jugoslawien Wer aus weniger glücklichen Staaten! nach Jugoslawien kommt, wo die Juden minide* stens formal volle Gleichberechtigung besitzen, der empfindet das blühende jüdische Leben hier in seinem vorbildlichen Aktivismus mit froher Genugtuung. Nach Sarajevo, der Stadt jüdischer Tradition und jüdischer Gegenwartsarbeit — die mehrere tausend Plätze fassende sepbardisohe Synagoge ist eine Phantasie aus kostbarem Marmor — beeindruckt uns die Hauptstadt Belgrad als Zentrum der zusammenfließenden kulturellen und geistigen Strömungen. Hier, wo sich altscrbische Einflüsse am stärksten erhalten haben, kam man den Juden von jeher mit vorbildlicher Humanität, mit gegenseitiger persönlicher und gesellschaftlicher Hochachtung entgegen. Es ist bekannt, daß König Alexander, nach dessen .Vater ein Palmenhain in Palästina hm i.-umt wurde, bei wichtigen Anlässen sich gern des Rates seiner jüdischen. Freunde bediente. Zu diesen Ratgebern und Freunden gehörte — von ihm zum Senator ernannt — >'»berlaudesrabbiner Dr. Alkalay, in weit 11 Kreisen, auch der nichtjüdischen Bevölkerung, als eine der klügsten, hervorstechendsten Persönlichkeiten des Königreiches hochgeehrt. In dem sehr repräsentativen Jovreski. Dom (Jüdisches Haus) empfängt mich der Oberla.nidesraibbiner und eine eineinhalbstündige anregende Erörterung eröffnet uns, von historischen Anfängen ausgehend bis zur Darlegung der gegenwärtigen Situation, ein umfassendes Bild über das jugoslawische Judentum. Sephardim und Asdihenaeim „Die Geschichte unseres Judentums ist die Geschichte der Juden in den Ländern, aus denen Jugoslawien zusammengeformt wurde. Wir müssen zwischen zwei großen Landesteilen mit ganz verschiedenen kulturellen Schicksalen unterscheiden lernen. Die eine Gruppe umfaßt Altserbiien, Südserbien, Bosnien, Herzegowina und Dalmatien, die zweite die Wojwod'ima, Kroatien und Slowenien. Leidende ann Grade beaffttfgan, daß die denkbar beste Wirkung emielt wird durch DIANA- Franzbranntwein mit Menthol Anwendung: AeuBerllch zu Einreibungen, Umschlägen, Abwaschungen; Innerlieh als Mund* und Gurgelwasser, ferner zu verschiedenen anderen Zwecken. Ein Versuoh Überzeugt, ln jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie auedrUchllch „Diana" und nahman Sla nur „Diana". Minderwertige Hach* ahmungen sind energisch xurUdauwatsan. Im ersten Teil herrschen die Sepbardim (Spaniolem genannt) vor, die als mehrhundertjährige Untertanen des alttürkischen Reiches in der orientalischen Sphäre aufgegamgem sinid. Der zweite Teil, mit beträchtlichem Übergewicht unserer Asohkenasim, war österreichisch-ungarisches Territorium und dadurch den mitteleuropäischen Kulturein Güssen zugänglich. Die Judenheit im heutigen Jugoslawien blickt auf eine bedeutungsvolle Tradition zurück. So wird uns zuverlässig berichtet, daß schon der Apostel Paulus in Saloniki Israeliten vörfand, als er seine Tätigkeit dort entfaltete. Erste jüdische „Gemeinsamen“ sind im vierten und fünften Jahrhundert naohzuweisen. Auch im Bereich von Byzamz haben die großen Soliner Ausgrabungen klargolpgt, daß ein Teil der Bevölkerung dieser alten Handelsstadt jüdischen Glaubens gewesen sein muß. Verschiedene Gegenstände, beispielsweise Sabbatihleuohter, können nur von Israeliten stammen. Die Vertreibung der Juden aus Spanien brachte den alt.türkisohen Landiesteilen bedeutenden Zuzug. Ein Strom von Sephardim flutete nach Konstantinopel und Saloniki, um sich von dort aus — Iskib, Monn tir als erste Stationen — über das ganze Land zu verteilen. Jüdische Gemela/wesen waren dar Landesrabbiner Alkalay mals natürlich nur in größeren Städten möglich. Beide Gruppen sind in ihrer Entwicklung völlig unabhängig voneinander. In dem Raum zwischen der Wojwodina bis zur bosnischen Grenze, der sogenannten Militärgrenze, durften im alten Österreich früher keine Juden wohnen. Erst das Freiheitsedikt des fortschrittlichen Josef II. schuf Ausnahmen. Ihm ist das langsame Heranwaohsen blühender jüdischer Gerne Inden, wie Novisad, Sombor, Subotica, Vinkovci, zu verdanken. Leider haben durch dio Zeitentwicklung andere Städte an Glanz verloren. So leben heute in Maribor, wo einst Isaless wirkte, nicht mehr als zwei jüdische Familien.“ Autonome Zenfralorganisafion „Welche Fortschritte oder Veränderungen hat die jüdische Entwicklung seit der Vereinigung Jugoslawiens genommen?“ „Für uns erwuchs aus diesem bedeutungsvollen historischen Schritt die Aufgabe, beide Weltanschauungen unter der Judenheit zu unifizieren. In Belgrad, vor 50 Jahren noch ein bescheidenes Zentrum, wurden 111 Gemeinden zum Landesverband (Savez) zusammengeschiossen, darunter die größten: Belgrad, Agraan, Subotica, Sarajewo, Osjek und Skoplje. Das Gesetz zur Regelung der jüdischen Angelegenheiten (1929) gab dem 1921 begründeten Gemeindebund — er umfaßt zwei Drittel aller Juden — größere Autorität. Er berechtigt ihn zur autonomen Regelung der gesamten innerjiidischen Angelegenheiten. Auch die Angelegenheiten zwischen dein Staat und der im Landesverband vereinigten Judenheit werden über den Bund geleitet und erledigt. Die Gliederung des Gerneindehmides umfaßt: Kongreß, Hauptversammlung, Zent.ral- und Exekutivkomitee. In die Hauptversammlung entsenden unsere Gemeinden ihre Delegierten, deren Zahl sich nach der- Größe der Gemeinden richtet.“ „Wie regelt sich die Stellung der religiösen Funktionäre?“ „An der Spitze steht der Oberlandesrabbiner. Er wird vom Staat besoldet und vom König unter drei gewählten Kandidaten ernannt. Sein Rang entspricht dem des Erzbischofs, des Patriarchen und des lleisul-Ulema.“ Reis-ul-Ulema und Patriarch, dem sogar der Regent die Hand küßt, sind für Jugoslawien wirklicho Kirchenfürsten, denen man eine in Westeuropa kaum vorstellbare Verehrung entgegenträgt. Man kann danach die Stellung des Grandraibbis ermessen. „Rabbiner, Kantoren und andere Funktionäre werden durch dio Gemeinden besoldet, erhalten aber vom Staat eine Zulage, die ihnen in früheren Jahren direkt, seit der gesetzlichen Regelung von 1929 über den Gemeindebund zugestellt wird. Überhaupt ist in unserem guten Verhältnis zum Staat die Anerkennung der Autonomie und die volle Entwicklung der religiösen Freiheit maßgebend. Für Jugoslawiens Toleranz spricht es, daß gleich nach der durchgeführten Verstaatlichung jüdischer Schulen im ehemals österreichisch-ungarischen Landesteil alle Lehrer übernommen und zu Staatsbeamten erklärt wurden. In diesen Schulen sind auch heute noch vorwiegend jüdische Schüler. Sarajevos Raibbinerseminar, im Rang einer Mittelschule, ist von der Regierung anerkannt worden. Auf den Befähigungsnachweis dieses Seminars hin erfolgt die Anstellung im Lande.“ Siebzigfausend Juden In Jugoslawien „Sehr interessieren würden uns einige statistische Zahlen zur genaueren Illustrierung des jüdischen Lebens.“ „Unter rund 14 Millionen Einwohnern leben in Jugoslawien 70.000 bis 72.000 Juden, darunter etwa zwei Drittel Asohkenasim und ein Drittel Sephardim. Belgrad und Sarajevo mit überwiegend Sephardim, und Agram mit einer bedeutenden aschkenasiscben Mehrheit, besitzen zwei Gemeinden. Die Agram er sephardische Gemeinde wurde erst nach dem Krieg gegründet. In unserer größten Gemeinde, Agram, wohnen 12.000 Juden, dem folgt Belgrad mit 10.000, Subotica mit 8000 und Sarajevo mit 7000 Juden.“ „Am Anfang unserer Unterhaltung wurde ganz besonders betont, daß es eine der vor- Stern sehe Lehr- und Erziehungsanstalt I., Werdertorgasse 12, Tel. U 28r1-97 Volksschule f. Knaben u. Mädchen (9 Uhr Schulbeginn) / Oeffentlichkeitsrecht / Hauptu. Fortbildungsschule, Tagesheim, Internat, Sport, Fremdsprachen, Musik Einschreibungen täglich von 10 bis 12 und 4 bis B Uhr nehmsten Aufgaben des Gern ein dpbundes sei, die beiden Weltanschauungen im Judentum in Einklang zu bringen. Sind - hier schon Erfolge festzusbcllen?“ „Sopharden und Asclikenasim' haben die vom Landesverband geschlagene Brücke gern beschriften. Besonders bei unserer jungen Generation, die auch in religiöser Beziehung zur liberalen Richtung gehört, verwischen sich die trennenden Tendenzen immer mehr.“ Der Verfasser kann diese Ausführungen aus eigener Erfahrung nur unterstreichen. Wenn heute Asclikenasim und Sephardim in allen bedeutungsvollen Fragen eine einigende, gemeinsame Linde gefunden haben, so muß aber dabei auch der ausgleichenden, verbindenden Mission des hier sehr rührigen Zionismus gedacht werden. „Eine kleine Gruppe orthodoxer Aschkenasiui hat sich dein Gemeindebund nicht angeschlossen und die autouome Anerkennung durch den Staat erwirkt.. Diese Gruppe besitzt eigene Synagogen, Rabbiner und Beamte.“ Aber auch hier existiert ein Bindungspunkt mit dem Gemeindebund, welcher die Aktionsfähigkeit. des jugoslawischen Gesamtjudentunis bedeutend erhöht. Der Großrabbiner ist gleichzeitig Präses der orthodoxen Synode, seine Autorität also unbeschränkt. Ich frage den Oberrabbiner nach der wirtschaftlichen Situation der Juden Jugoslawiens. „Unsere wirtschaftliche Lage hält sich auf durchschnittlichem Niveau. Vielleicht ist es unser Glück, daß wir, von - einigen Ausnahmen in Agram abgesehen, keine Großkapitalisten, Großgrundbesitzer und Groß- Muut'Phffe 6. bis 12. September IQ36 Technische undLandwirtsdiaftlicbe Messe bis 13. September BEDEUTENDE FAHRPREISERMÄSSIGUNGENI Messeausweise a S 6.— bei.der Wiener Messe- A. G., Wien, VIT., Messepalast. — Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) a S 2.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser industrielle haben. Der sogenannte gesunde Mittelstand konnte sich hier noch teilweise erhalten, wenn auch die Armut drückender geworden ist und unsere Wohlfahrt viel m tun bekommt.“ Juden/ Pravoslawen, Mohammedaner „Wie ist das Verhältnis zu den übrigen Nationen und Konfessionen des Landes?“ „Die Juden Serbiens teilen seit eineinhalb Jahrhunderten Freud und Leid mit dem serbischen Volk. Sie haben im Krieg und Frieden immer von neuem Beweise ihres Patriotismus geliefert. Das wurde von den Serben stets dankbar anerkannt und auch mit Gegenliebe vergolten. Mit den Orthodoxen (Pravoslawen) besteht in vielen Fällen ein herzliches Verhältnis. Den Patriarchen besuche ich jährlich einmal, um ihn zum neuen Jahre zu beglückwünschen, während kein Pessachfest ohne seine telegraphische Gratulation voriibergelit. Der Novisader Bischof Sremje Övic kann sogar Chossid von den Nichtjudien genannt Wörden. Er beherrscht das Hebräische vollkommen und liebt die Juden als Träger der Heiligen Schrift. Wir sind innig befreundet. Die! römisch-katholische Kirche steht uns kühl reserviert gegenüber. In Bosnien werden hier und dort Gegensätze zwischen den Juden und Mohammedanern fühlbar, aber es muß die korrekte Haltung der obersten Vertretung anerkannt werden. Mit dem Reisullema verbinden mach auch gesellschaftliche'Beziehungen.“ (Der Verfasser hatte. Gelegenheit, mit einigen -Herren aus denn engsten -Kreise des Reisullema angelegentlich zu debattieren. Er konnte dabei freundschaftliche Gefühle und volles Verständnis für das Judentum feststeilen.) Aber doch audt idton Antisemitismus „Aber doch bekommen auch wir schon die giftigen Pfeile des Antisemitismus zu spüren, leider sogar teilweise in der Haltung einiger Staatsbehörden, wo nichtjüdische jüdischen Bewerbern mit gleichen Kenntnissen grundsätzlich vorgezogen werden. Dagegen ist die Privatinitiative uneingeschränkt. Bömerkbaror wird der Antisemitismus eigentlich nur im kroatischen Lamdesteil.“ RESTAURANT STEFANIE ü., raborstraß« Nr. 1t "i®* Hugo und Julie Herllnger, geb. Zöllner Bekannt gut« Küche Gepflegte Getränke Aufmerksamste Bedienung Zeitgemäße Preise Reichhaltige billige Menüs sowie eile Spezialitäten / Sdhöner schattiger Gerten Billig« Klingen ind billig. Sanft, gründlich, rassig nnd preiswert lat natürlich nur SWING Die Stelle eines Pr". n kommt in dem vom „Verein zur Versorgung hilfebedürftiger israelitischer Walsen in Wien" betriebenen Knaben-Waisenhause, XIX., Probusgasse 2, Mitte September d. J. zur Besetzung. Bewerber, welche die Berechtigung zur Br* I teilung wenigstens des Volksschulunterrichtes haben und eventuell Unterricht in Handfertigkeit oder Musikunterricht erteilen können, werden bevorzugt. Bedingung ist österreichische Staatsbürgerschaft, Alter unter 80 Jahren und entsprechende Bildung. Gesuche, welche eine Darstellung des Lebenslaufes und insbesondere der Ausbildung enthalten und mit den Personaldokumenten belegt «ein sollen, sind bis 5. September d. J. bei der Direktion des Knaben-Walsenhauses, XJX., Probusgasse 2, einzureichen, wo auch etwa gewünschte nähere Auskünfte ec* Ml* »Kdejb