Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 575 (25.8.1936)
- Date
- 1936-08-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIB STIMME Nr. 575 T Wien, Dienstag, 26. August 1936. Eine Lehre der Olympiade Die Olympiade hat in der Hauptstadt 'der Rassentheorfe stattgefunclen. Dio im Dritten Reich herrschende und von dort ausstrahlende Doktrin besagt, daß die germanisch-nordische Rasse allen anderen überlegen sei, daß sie an der Spitze aller Leistung marschiere, daß alle Erfolge der romanischen und slawischen Völker nur den in ihrem Blut enthaltenen nordischen Elementen zu danken sind, und daß aus all dem die germanisch-nordische Rasse das Recht ableite, die minderwertigen farbigen Rassen zu beherrschen und die noch minder-; wertigere jüdische (semitische) Rasse zu vertilgen. Spricht abeT schon die Tatsache, daß die Juden, vornehmlich des deutschen Sprachkreises, von 33 Nobelpreisen, die für geistige Spitzenleistung verliehen werden, nicht weniger als 16 auf sich vereinigt haben, gegen diesen Hochmut, so hat die eben abgelaufene 'Olympiade in einem sensationellen Ausmaß diese nordische Theorie an der [Wurzel gefaßt. •'Die sportliche Spitzenleistung, der neue Gott dieser am deutschen Wesen genesenden Welt, wird durch die Vereinigung körperlicher, geistiger und seelischer Komponenten bedingt. Sie setzt eine Unsumme von Erziehungsarbeit, von [Willenskraft und Disziplin voraus, und 'das rein physische Moment muß durch psychische Bedingungen, durch Geistesgegenwart, blitzschnelles Erfassen der Situation, durch Intelligenz beherrscht werden. Das sind alles Eigenschaften, die durch Beschluß nationalsozialistischer Parteitage als Erbe und Privateigentum der germanisch-nordischen Rasse erklärt worden sind. Im Vertrauen auf diesen Besitz hat man sich von dem Gedanken der griechischen Olympiade — die immer nur eine interne hellenische Angelegenheit war — entfernt und gehofft, die Überlegenheit der nordischen Germanen bei einer überdunensioniertenj überorganisierten Völkerschati urbi et orbi zu demonstrieren. Aber da kamen ‘die amerikanischen Neger und - trugen die Goldmedaillen für Leichtathletik davon; die Japaner waren die besten Schwimmer, ein Japaner siegte im Marathonlauf, der antiken Großtat des griechischen Patriotismus; ein arabischer Ägypter war der beste Stemmer (neben ihm ein Jude aus Wien, der die einzige Wiener Goldmedaille brachte), die Inder siegten eklatant im Hockey. Das ist ein Ergebnis, 'das die Anbeter der arisch-germanischnordischen Einzigartigkeit aufs bitterste verwunden mußte, das aber auch das Europa außerhalb des Dritten Reiches nachdenklich stimmen muß. (Denn die Angelegenheit hat; aiioE eine sehr weitreichende politische Bedeutung. Die Weltherrschaft der Weißen steht schon seit dem Kriege auf sehr schwankender Grundlage. Farbige Truppen wurden gegen Weiße herangezogen und lernten die Gloriole der Herrsoherrasse näher kennen. Von europäischen Offizieren wurden die Farbigen im Gebrauch der europäischen MassenmordmaSchinen unterwiesen, von Europäern wurde die Industrialisierung des Orients geschaffen, die langsam ein Absatzgebiet nach dem anderen den verachteten Rajah-Völkem in die Hände spielte. Das hat nicht nur eine Verlagerung der Weltwirtschaft [herbeigeführt, sondern auch das Selbstgefühl der Unterdrückten gesteigert, die mit der europäischen Technik vertraut gemacht wurden. Wenn ihnen nunmehr auf dem Wege der modernen Nachrichtenvermitthmg gesagt wird, daß ihre Kinder als voll gleichwertige Sportgenossen sogar Spitzenleistungen vollbringen — wie muß das in Japan, in Indien, in den Negervierteln von Nordamerika, in Liberia und Uganda wirken? Und wie muß in Verbindung damit der Haß gegen Europa steigen, wenn man in der weiten Welt draußen erfährt, daß die aufständischen spanischen Generäle maurisch-arabische Soldaten gegen die spanische Regierung zu Hilfe gerufen haben! Wie muß es wirken, daß eine Handvoll arabischer Aufrührer seit vier Monaten einer englischen Armee in Palästina so zu schaffen macht, daß ein Ende des Treibens nick! abzußebea feäß Welche Wellen einer rotglüh enden Bewegung schlagen dies«'*" Ereignisse iri dem asiatisch-afrikanischen Kolondalgebiet? Was in Palästina geschieht, ist ein klarer Verrat. Die Juden sind dafan, sich dort ein neues Heim zu zimniem. Die europäischen Völker haben ihre, Zustimmung gegeben und das Werk sogar unter ihren politischen Schutz gestellt. Eine europäische Macht ist mit dem Auftrag betraut worden, das Unternehmen der Juden zu fördern. Tatsächlich haben die Juden den Bereich europäischer Gesinnung erweitert, das verödete Land in den Weltverkehr eingeführt. Die Konsumkraft von fast einer halben Million europäisch gesinnter Menschen . kommt auch dein europäischen Arbeitsmarkt zugute und sie zeigt eine natürlich steigende Tendenz der Entwicklung. Die jüdische Siedelung in Palästina. könnte bisher als eine friedliche Expansion Euro: pas aufgefaßt werden. Aber die Art, wie England, der Mandatar Europas, sein Amt ausfiihrt, wie es die Kulturarbeit der Juden den Elementen der Wüste preisgibt und sie für angebliche Macht- Interessen verhökert, ist eine neue Bresche in den Primat der weißen Rasse. Die Geisteshaltung der deutschen Nationalsozialisten, die in ihrer zitternden Angst vor dem jüdischen Genie bis zu den Nürnberger Gesetzen vorgegangen ist, hat auch auf England abgefärbt. In London gibt es antisemitische Krawalle, in Palästina sehen antijüdische Beamte, eid- und pflichtvergessen, zu, wie jüdische Arbeiter, Handwerker,' Kinder von arabischen Mordbuben gemeuchelt, wie Getreide und Wälder verbrannt werden. Der Araber ist gegen den Juden gehetzt worden und er wendet sich gegen Europa. Wir schreiben uns diesen Verrat tief ins Gedächtnis, und wir und der Orient nehmen, davon Kenntnis, daß der weißen Rasse unter dein Einfluß des Nationalsozialismus sogar die primitivste Solidarität abhanden gekommen ist. In dieser Erkenntnis bestärkt uns auch das Ergebnis der Olympiade. Die Lehre aus Berlin wird schicksalsschwere Bedeutung gewinnen. Die Ermordung Professor Billig* Jerusalem, 23. August. Levi Billig, Professor an der Hebräischen Universität für arabische Literatur, wurde in seiner Wohnung erschossen aufgefunden. Daß es sich nicht um eine verirrte Kugel, sondern um ein Mördattentat handelt, beweisen die Pulverspuren am Fenster, die darauf schließen lassen, daß die Kugel vom. Fenster aus abgezielt wurde. Professor Billig saß, als die Kugel ihn traf, an seinem Schreibtisch. Er arbeitete an einem neuen Werk über die Geschichte der arabischen Literatur. Die Kugel traf ihn in den Kopf. Das vor ihm liegende arabische Buch und Manuskript waren mit Blut bespritzt. Professor Billig, der im Alter von 39 Jahren stand, war aus London gebürtig. Er studierte am Jewish College und in Cambridge und wurde im Jahre 1926 Mitglied der Hebräischen Universität, wo er als Autorität in der Wissenschaft des Islam galt. Der Mord an Billig wurde mit einem. Dum-Dum-Geschöß verübt, denn sein Kopf war vollständig zerschmettert. Die Hebräische Universität war zum Zeichen cler Trauer, um Prof. Billig den ganzen Tag üiber geschlossen. An der- Bestattung nahmen der gesamte Lehrkörper und die Studentenschaft der Universität teil. Der Kanzler der Hebräischen Universität Doktor Judah Leib Magnee hielt dem Toten die Trauerrede und sagte, Menschen, die in diesem Lande leben und Einfluß üben, tragen die Verantwortung für dieses vergossene wertvolle Blut. Es soll nicht vergeben und vergessen werden. Am offenen Grabe sprach noch der Orientalist Prof. Fritz Goitein. Die Redner erinnerten daran, daß Professor Billig nicht das erste Opfer aus dem Körper der Hebräischen Universität sei, sondern daß bereite ein Dozent der Universität und eine Reihe von Studenten, die als Hilfspolizisten Dienst taten, von arabischen , „Helden des Hinterhalts“ umgebracht wur- :d$n. ..[, ..v -. ... ■ .... . ,. Schwere Verluste der Araber Jerusalem, 23. August. Die Araber haben in den letzten Tagen. schwere Verluste zu verzeichnen.. Im Distrikt Samarja bei Wadi Ahara fielen in einem mehrstündigen Gefecht mit englischen Truppen 32 Araber. Dieses Gefecht ereignete sich am Donnerstag, dem gleichen Tag wie das Gefecht bei Chedera, in dem bekanntlich 15 Araber fielen. Am Donnerstag haben die Araber also 47 Mann verloren. Die Engländer machten einige Gefangene, darunter einen europäisch gekleideten Mann, der offenbar der Führer der Bande war. Er * weigert sich zu sprechen. Zweifellos will er., damit verhindern, daß seine Nationalität erkannt werde. Ein arabisches M ädchen wurde bei einer.Bombenexplosion in einem Raus in Jaffa getötet. Ein Araber fiel in einem Gefecht mit der transjordanischen Grenzwache Amtliche Verlustliste: 280 Tete Jerusalem, 23. August, (JTA.) In einer amtlichen Statistik wird die Zahl der bis zum Abschluß des vierten Monats nach dem Ausbruch der Palästinaunruhen getöteten und verwundeten Juden, Engländer und Araber bekanntgegeben. Die Zahl der unmittelbar durch arabische Attentate getöteten Juden betrug bis zu diesem Zeitpunkt 68 (heute bereits 79). Bei militärischen Operationen sind 130 Mohammedaner und 6 Christen gefallen. Die Verluste der englischen Truppen betragen elf Mann. Von der arabischen Polizei sind sechs Mann gefallen. Sechs Personen (Juden und Araber) sind durch unglücklichen Zufall von Truppen getötet worden. Insgesamt sind in den ersten vier Monaten der Unruhen 227 Personen umgekommen. Bedeutend höher ist die Zahl der Verwundeten, die bei den Juden allein 200 ausmacht. Von den verwundeten Juden stehen 98 in Krankenhausbehandlung. Verurteilt: 204 Juden, I500 Araber 204 Juden sind im Laufe der Unruhen verurteilt worden. 46 Juden, die verhaftet worden waren, sind freigesprochen worden und 49 Juden warten noch auf die Aburteilung. Von den Arabern wurden 1493 verurteilt, 614 freigesprochen, 284 warten noch auf die Aburteilung. Das Begräbnis der Kranken« Schwestern Jerusalem, 23. August. Am 19. August wurden in Tel-Aviy die beiden ermordeten jüdischen KrankeJiHcJiwostern . unter ungeheurer Beteiligung dbr jüdischen Bevölkerung zu Grabe getragen, Auch die Reglerungsinfititutionen waren vertreten. An der Spitze des Zuges . marschierte die. 3 ü d is c ih e Polizei von T e 1 - A v i v. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Auf der Spur der Mörder Wie. verlautet, ist die Polizei über die Identität der Mörder der beiden Krankenschwestern unterrichtet. Der Verband jüdischer Frauen Palästinas hat an die Organisation' des Roten Kreuzes ein Telegramm wegen der Ermordung der jüdischen Krankenpflegerinnen gerichtet. Der Pflegerinnen verband bei der Hadassa hat Protesttologramme an den High Comißsioner, an den Internationalen Pflegerinnemvetiband in Genf und an die amerikanischen Pflegerinnenverbände versendet. Verurteilte Juden . Arh 31. Juli wurden,' wie seinerzeit gemeldet, die jüdischen Wächter Aron Nehama und Chaim Taafam wegen unbefugten Waffenbesitzes zu 7 und 6 Jahren Zuchthaus verurteilt, Das Appeliationsgerfüllt in Jerusalem hat jetzt das Urteil gegen Nehama bestätigt, während Tzafams Strafe auf 5 Jahre ermäßigt wurde. Drei Bürger aus Tiiberias, Josef Nachmani 'Gubermann, Josef Abu Lafia und Mordechäi Goldzweig wurden ohno Angabe eines Grundes ins Konzentrationslager geibracht. Räumung der Altstadt von Tlberias In cler Altstadt von Tiberias wurde eine große Zahl von Bombenanschlägen verübt. Die jüdischen Einwohner haben daraufhin den Stadtteil geräumt. Etwa die Hälfte von ihnen hat sieh nach Haifa be- ‘geben. Ausnahmszustand in Jaffa auf« gehoben Der 21st.ündige A u s n a h m s z u s t a. n d, der zunächst über ganz Jaffa verhängt, dann aber auf die jüdischen Vierteln Florentin und Schapiro eingeschränkt worden war, ist nunmehr auch für diese Vierteln aufgehoben worden, nachdem ihre Einwohner sohärfstens gegen diese Maßnahme protestiert hatten. Über die arabische Stadt Tnlkarem wurde der Ausnahmezustand verhängt. ISOneue indische Hilfspolizisten Jerusalem, 23. August. (JTA.) Für das Schomron-Gebiet sind 120 jüdische Hilfspolizisten neu mobilisiert worden. Gleichzeitig wurden für Galiläa 60 Hilfspolizisten ausgehoben, von denen elf in Sa.fed Dienst tun. Jüdische Nationalversammlung fordert Bewaffnung der Juden Jerusalem, 18. August (Palcor.). Die von Ben Zvi eingebrachto Resolution, die von der Assefath Haniwcharim (Jüdische Delegiertenvorsammlung) angenommen wurde, umfaßt 14 Punkte. Sie beginnt mit einem Überblick über den Vor lauf der Unruhen und bringt dann dio Enttäuschung des Jisehuw zum Ausdruck über die Haitu n g .d e r Regierung und das Verhalten eines Teiles der Beamtenschaft gegenüber den Morden und anderen von Arabern begangenen Verbrechen. Dio Genehmigung der Regierung für Verstärkung der jüdischen Polizei wird gewürdigt, dabei aber gefordert, daß sämtliche Juden bewaffnet und die wegen Selbstweh r Verurteilten freigelassen werden. Der Jisehuw werde nicht auf Entschädigung für seine Opfer verzichten; erwidersetze sich entschieden einer Suspendierung der Einwanderung und sei überzeugt, daß auch die Juden in der ganzen Welt auf ihrem Rechte bestehen werden. Die Fruchtlosigkeit der Angriffe kann den Feinden nur durch das weitere Wachsen einies wohlgerüsteten Jisehuw vor Augen geführt werden. Es wird dann noch auf die für jüdische Arbeit neu gewonnenen Positionen und insbesondere den Bau des Tel-Aviv er Hafens hin^öwiesen. Zum Schluß ergeht der Aufruf an die' Juden in; der ganzen Welt: Wanket nicht in eurem Glauben und bleibt fest in eurem Willen; setztalle eure Kräfte einfttr das Wiederaufbau werk! Es wurde, wie schon berichtet, beschlossen, eine Delegation zum High Commission er zu entsenden, um dio Besorgnis des Jisehuw auszudrückön und die Wiederherstellung normaler Bedingungen zu verlangen. Ferner wurde beschlossen, in einer Adresse an das englis ch0 Vo 1k und an die Araber eine Darstellung der Situation zu geben. Zeitschrift „Palästina" Herausgeber Adolf Böhm, Wien In Nr. 8 (Augustheft) macht Dr. Ludwig Grünbaum, Jerusalem, Vorschläge zur handelspolitischen Neuorientierung Palästinas an Hand eines ausführlichen Zahlenmaterials und fordert die Gewährung von Reiohsvorzugszöllen durch England, und vom Völkerbund das Recht, Handelsverträge zu schließen. A. U1 i t z u r gibt in seinem Artikel: Die kolonisierende Tätigkeit der American Zion Commonwealth und der Keren Hajessod einen Überblick Uber die Geschichto und Tätigkeit dieser Gesellschaft, die vor einigen Jahren eine große Rolle in der Entwicklung der Haifa ßay gespielt hat. Dr. Carl Frankenstein, Jerusalem, erörtert in interessanter Weise die Probleme der Jugendverwahrlosung in Palästina und macht ausführliche Vorschläge zur Bekämpfung dieser Erscheinung. Einen heute besonders aktuellon Gegenstand behandelt Johoschua Siman mit der Entwicklung' des Hafen von Haifa und der anderen Häfen des östlichen Mittelmeeres mit Angabe von vergleichendem Zahlenmaterial. Es folgt die Rundschau mit Aufsätzen von Dr. J. Adler über Einwanderung und ein Überblick über das Filmwesen Palästinas von Dr. A. Markus, sowie die allmonatlichen Berichte über Palä s tin agr ünduuge n und das Wirtschaftisbarometer. Mit Nachrichten und Daten sowie Buchbesprechungen schließt das Heft. In jedes jüdische Haus „Die Stimme"