Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 573 (18.8.1936)
- Date
- 1936-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 578 — Wien, Dienstag, 18. August 1936 Seite 3 Der Primat des Zionismus Es gibt heute kaaim ein jüdisches Haus, das nicht durch einem Verwandten oder einen Freund mit Erez Israel verbunden wäre. Führt schon diese Tatsache dazu, daß der einzelne Jude heute an den Ereignissen in Palästina einen legeren Anteil nimmt, als es zur Zeit der Unruhen des Jahres 1929 der Fall war, so sorgt die allgemeine Galuth-Situabion dafür, daß Palästina heute weit über die Zionisten hinaus im Zentralpunkt der jüdischen Interessen steht. Daran kann der Umstand nichts ändern, daß es noch immer kleinliche Menschen gibt, die abseits stehen, und pathologische Politikaster, die es schon immer gewußt haben, daß es in Palästina sohdefgehen wird und die mit schlecht verhehlter Schadenfreude die Ereignisse mit dürren Worten registrieren oder sie hämisch glossieren. Schließlich hat jedes Volk seine Narren und seine schlechten Charaktere. Wir 'naben sie auch. Man soll ihnen aber nicht die Ehre an tun, ihnen zu viel Aufmerkmkeit zu schenken. Was heute nottut, das ist: immer aufs neue und tagtäglich den Juden begreiflich zu machen, daß die Unruhen in Eie« Israel nichts anderes sind als eine Etappe auf dem Weg zur Normalisierung unseres Volkes in Erez Israel und in der Galuth, eine Episode in unserem Freiheitskampf, bei dem eben Opfer fallen müssen. Keine Nation hat sich bisher die Freiheit errangen, ohne daß die nationale Gemeinschaft Opfer an Gut und die Volksgenossen Blutopfer gebracht hätten, und auch uns Juden bleiben diese Opfer nicht erspart. Das begreifen heute auch schon die großen jüdischen Massen, die mit ehrfürchtigem Erstaunen auf die heldenmütige Haltung des Jischuw blicken. Damit darf es aber nicht sein Bewenden haben. Die jüdischen Massen müssen sich zu der Erkenntnis durchringen, daß das jüdische Palästina mehr für sie sein muß als ein Gegenstand offener oder heimlicher Sympathie. Der einzelne Jude muß fühlen, daß mit jeder jüdischen Scheune, die in Palästina von Terroristen in Brand gesteckt wird, und mit jedem Baum, der entwurzelt wird, er ärmer geworden ist, seine Zukunft und die seiner Kinder gefährdet wird. Jeder jüdische Flüchtling, der aus einer arabischen Gegend flüchten mußte, in der er und oft Generationen seiner Ahnen ruhig gesessen sind muß den Juden in der Galuth daran erinnern, daß auch er einmal vielleicht zum Wa.nderstab wird greifen müssen. Wo wird er dann Schutz und Obdach suchen? Bei denen, die politisch abgewirtschaftet haben und einmal von Ansiedlungsmöglichkeiten in Kuba, dann in Ekuador faseln? Oder bei denen, die zwar kein Programm haben, dafür aber, um ihre Daseinsberechtigung darzutun, sich a.n den Zionisten reiben wollen? Man kann von diesen Menschen sagen, was Bismarck einmal einem Journalisten sagte, der freimütig eingestand, er mache nur deswegen Opposition, weil er auch leben wolle: „Diese Notwendigkeit sehe ich nicht ein.“ Wir verstehen sehr gut, daß in der heutigen Zeit., die das politische Wirken der Juden auf ein Minimum herabgedrückt hat, so mancher Jude ein neues Betätigungsfeld sucht. Außerhalb des jüdischen Lagers kann er es nicht finden und so gefällt er sich in einer Überkompensation im jüdischen Lager. Dort, wo es sich um persönlichen Geltungsdrang oder um Verteidigung materieller Interessen handelt, ist es wohl kaum erfolgversprechend, den Menschen ins Gewissen zu reden. Denen aber, die Gefahr laufen, gleißnerischen Worten auf den Leim zu gehen, muß man Tag für Tag ins Gehirn hämmern, daß die Zionistische Organisation keine Partei ist, sondern eine Bewegung, die nicht zeitgebunden ist, sondern auf der richtigen Erkenntnis des jüdischen Gesichichtsablaufes beruht und die einzige Trägerin der jüdischen Zukunft ist. Und man muß Tag für Tag neu verkünden: Wer nicht das Gefühl hat, daß Zionist sein bedeutet, gleichsam auf einer höheren Warte zu stehen, die altneuen Ideen Herzls zu verkünden und ihnen und einzig und allein ihnen mit aller Kraft zu dienen, der war nie Zionist und stehe er noch so lange in der Bewegung. Wer nicht das Gefühl hat, daß nur der Zionismus das jüdische Leben normalisieren kann, daß nur der Zionismus die Judenfrage lösen kann, wer seine Kraft darauf verschwendet, der politischen Tagesmode nachzulaufen und von ihr das Heil zu erwarten, dem ist der Sinn des Zionismus nicht aufgegangen. Künftige Geschichtsschreiber werden es übel vermerken und als Mangel politischer Reife, vielleicht als Galuth-Komplex registrieren und auch als Mangel an zionistischer Propaganda, daß Jahrzehnte nach Herzl und Jahre nach dem Aufschwung des Nationalsozialismus, nach den gewaltigen Erfolgen des Aufbauwerkes in Erez Israel noch immer nicht das ganze jüdische Volk im zionistischen Lager stand. Künftige Geschichtsschreiber würden es auch nicht verstehen, wenn in diesen Tagen, wo ein Anschlag auf unser Recht auf Erez Israel, auf die letzte Chance des jüdischen Volkes, von der Macht droht, die sich vor den Nationen der Welt feierlich verpflichtet hat, die Wiedererrichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk zu fördern, nicht das jüdische Volk wie ein Mann aufstehen würde, um seinen Protest in die Welt hinauszuschreien und noch mehr: Alle seine moralischen und materiellen Kräfte für Erez Israel einzusetzen. Wer heute, in dieser tragischen Zeit, aus Indolenz oder Ressentiment abseits stehen bleibt oder Nadelstichpolitik treibt, bürdet sich eine Verantwortung vor dem jüdischen Volk und vor seinen eigenen Kindern auf, die er nicht wird tragen können. Wir brauchen heute jeden Juden, und jeder Jude wird früher oder später zu uns kommen müssen. Diese lebensnotwendige Selbstverständlichkeit, jedem Juden begreiflich zu machen, war stets das Alpha und Omega der zionistischen Arbeit, und ist es heute mehr denn je. Was hier gesagt wurde, ist nicht mehr als eine Wiederholung des politischen ABC des Zionismus. Wenn diejenigen Juden, die es lesen, wachgerüttelt werden und die Reihen der zionistischen Kämpfer verstärken, hat diese Korrepetition ihren Zweck erfüllt. Die Krise des Herzens Von M. y. Ben Gavriel (Jerusalem) Was augenblicklich in Palästina ge-1 Jischuw über Nacht in eine Krise des schieht. ist, von welchem Standpunkt immer Herzens gestürzt wurde, deren Einzelheiten man es betrachtet,' eine entwicklungsgeochichfcliche Katastrophe, gleichgültig, ob ihre politischen Ergebnisse nachher mit positiven Vorzeichen in der Historie des einen oder des andern Volkes — oder beider Völker, was ja auch möglich ist — versehen werden können. Die Tatsache, der ökonomische Umwandlungsprozeß itta Schoße des arabischen Volkes und der des Aufbaus des jüdischen Palästina in ihrem Zusammenstoß zu explosiven Äußerungen führte, stellt, vom objektiven Standpunkt aus gesehen, auf alle Fälle eine menschliche Katastrophe dar. (Ganz , abgesehen davon, daß der Zusammenstoß einen auf beide Völker wirkenden, in seinen Ausmaßen heute noch gar nicht absehbaren wirtschaftlichen Rückschlag bedeutet.) Die Juden in Palästina sind noch nicht bereit, die historischen Hintergründe des Ereignisses zu sehen. Die Aktualität von Blut und Kampf ist zu nahe und zu gewaltig, um mehr sehen zu lassen, als der Soldat im Schützengraben sieht: das Geschehen, das nackte aktuelle Geschehen, das sich in der Reichweite seines Auges entfaltet. Damit ist die Bildung einer Mentalität, ist die Voraussetzung einer Stellungnahme zu dem Geschehen erschöpft: wir sind angegriffen worden, wir müssen uns wehren. Dies alles ist vom menschlichen Standpunkt, vom Standpunkt des zutiefst beleidigten Rechtsgefühls zu verstehen, aber stellt keine konstruktive Kategorie, keine Geistes- und Gefühlshaltung dar, die aus dem Tiefpunkt der Katastrophe wieder aufwärts führt, selbst wenn sie vereinigt ist mit dem, dem Selbsterhaltungstrieb entsprechenden Willen, als „Antwort auf den Angriff mit doppeltem Eifea* neu aufzubauen“. Nein, dies ist nicht der Weg, der zu neuem Aufstieg führt, welcher nicht von neuen, in ihrem Zeitpunkt beinahe errechenbaren kritischen Situationen immer wieder bedroht ist. Diese Katastrophen der Zukunft aber müssen gar nicht von außen kommen, sondern können aus uns selbst entwachsen, aus „inneren Konstellationen“, deren Wenden wir kontrollieren und verhindern — könnten, wenn, nun wenn — und dies gilt zum Teil auch von den „äußeren Konstellationen! — wir erkennen, daß > Geschehen dieser Tage einen historischen Augenblick darstellt, nicht anders wie die erste Landnahme Palästinas, nicht anders wie diie Zerstörung des Tempels und » Exil — um zwei Pole des Kreises zu wählen — einen historischen Augenblick, weil er bestimmend sein muß für die Zukunft Palästinas, des Zentrums des Judentums (und wahrscheinlich über kurz oder lang auch der Judonheit). Ich meine damit nicht die Krise politischer oder wirtschaftlicher Art, die die Unruhen mit sieh brachten, sondern historisch deswegen, weil, wir Palästinenser, weil der denkende Teiil des wiir noch gar nicht erfassen können, da die Distanz noch zu gering ist, die aber schon heute eine Gewißheit mit geradezu schmerzlicher Deutlichkeit in unser Gehirn prägt: die Gewißheit, daß das Geschehen dieser Tage von uns mehr fordert, als wir bisher Judentum, Palästina und der Idee des Zionismus gaben. Wohl mußte das Geschehen dieser Tage über uns kommen — wenn auch vielleicht in ganz andern Formen, wenn wir, gestehen wir es uns doch ein, unsere Politik anders betrieben hätten, ich will nicht sagen, klüger, denn Klugheit in der Politik hängt, zumeist mit Fuchs' verstand zusammen, der etwas Unethisches an sich hat, aber doch aufgeschlossener, übersichtlicher und weitsichtiger — wohl mußte dieses Geschehen kommen, aber hätte uns gefaßter vorgefunden und hätten die Gewißheit gehabt, daß es nach menschlichem Ermessen das letzte dieser Art gewesen wäre — eine Gewißheit., die heute ferner ist als je — wenn wir nicht in den letzten Jahren, dem Opium der Prosperity und den, den. Geist und die Herzen , einlullenden Versprechungen eines überraschend schnellen wirtschaftlichen (und politischen) Aufschwungs verfallen wären. Billige IRUT-Reise nach Polen und Czernowitz am 23. August 1936 Rückfahrt: 30. August und 13. September IRUT, I., Karlsplatz 1, Tel. U 44-5-79 misch und politisch möglicherweise sehr wichtige, seelisch aber erschütternd gefährliche Wiederholung jener Szene am Fuße des Berges Sinai unterbrach, da das Volk rief: „Das sind deine Götter, Yissrael. die dich heraufführten aus dein Lande Mizrayim.“ * Wir müssen diese Krise der Herzen mit einem uneingeschränkten Sieg über das Laissez faire der letzten Jahre der trunkenen Selbstzufriedenheit abschließen. Die Menschen, die vor Eintritt der Prosperity in den verklungenen Jahren der heroischen Armut, das Antlitz der Gesellschaft formten, müssen wieder die Oberhand bekommen über die Outsider, die nur eine Chance in allem geschichtlichen Geschehen suchen, die persönliche Chance. Es ist eine niederträchtige Lüge, die niederträchtigste, die je im Judentum ausgesprochen wurde, wenn man sagt, es gehe heute nur darum, das Nationalheim aufzubauen, nachher, wenn alles gefestigt sein wird, werde ma.n sich um seine Inneneinrichtung kümmern. Nein, man baut kein Haus, ohne den Plan bis ins letzte Detail von vornherein festgelegt zu haben. Wir müssen heute schon wissen,, wie das Haus des jüdischen Volkes aussehen wird, bis in den letzten Grundzug müssen wir es wissen, denn ein einmal erbautes Haus kann in seinen Grundlagen nicht mehr geändert werden und das Haus des jüdischen Volkes kann nicht so gebaut werden, wie das irgend eines andern Volkes, es ist kein Zufall, daß wir gerade nach Palästina gingen, sondern der Ausdruck einer historischen Verpflichtung, Wir halbem dem Goldenen Kalb der Pro. sperity die Jahre des Pionierdenkens, die Ideale der Vergangenheit geopfert, umtanzten unsere Erfolge in einem trunkenen Tanz der Selbetverklärung und dachten nicht mehr daran, daß Zionismus von Zion kommt, daß Palästina eabließliah und endlich nicht Klondyke ist und daß wir, als wir in dieses Land gingen, vor der Geschichte der Menschheit und vor denn Geschick des Judentums eine für ewig bindende Verpflichtung übernommen hatten. Wir machten uns keine Sorgen mehr um den Aufbau der Herzen, und wenn wir vom geistigen Bereich des Aufbaus sprächen, dachten wir nur an die Propaganda der hebräischen Sprache, ohne daran zu denken, daß wir in dieser unserer Sprache der Welt etwas anderes au' sagen haben (und auch uns selbst), als wir es in unserer unfruchtbaren Zerstreuung in den Ländern des Westens zu sagen hatten. Nicht alles Unglück dieser Tage, aber unendlich viel stammt aus diesen Bezirken, da wir im wilden Tanz um uns selbst, in dieser egozentrischen Horah, nichts dazu taten, ein Volk zu werden, das systematisch Gestern abzustreifen sich müht, das seinen Zionismus — jedes Volk, das Volk sein will, hat eine Art Zionismus mit ewig paränetischern Ziel und Mittelpunkt — in ich selbst vor allem wahr machen will. Nun ist die Krise da: Viele, die sie fühlen, erkennen nicht ihTe Hintergründe. Viole verfluchen das Geschehen, weil es die Prosperity unterbrach, einige wenige aber erkennen doch die große Chance dieser Tage: dort anzuknüpfen, wo ums die öfcono- Neues Wiener Konservatorium Musikvereinsgebäude / 27. Schuljahr / Tel. 46-4-37 Unterricht in Musiktheorie, Gesang, Klavier und allen Orchesferlnstrumenten durch erstklassige Lehrkräfte. Von den ersten Anfängen bis zur Staatsprüfung und letzten künsUerischen Ausbildung. Opern, Schauspiel und Opereltenschule StaatsprOfungskurs, Kammermusik. Kinderabteliung (für 6 bis 12j8hr. Schüler) mit eigenem, auch rhythro. Gymnastik, Kinderkammer musik, Gehörbildung und eine lebende Sprache umfassenden Lehrplan. Auskünfte und Prospekte aasschlieRilchji. Musikvereinsgebäude, I. Bcisendorferstraße 12. Daselbst an 1. September An meldungen und Aufnahmsprüfungen. den Aufbau so zu führen, daß er den Geboten dieses Landes entspricht. Darüber werden wir nicht hinwegkommen, durch keine Prosperity und durch keine Abwehr physischer Angriffe. Wir stehen zwischen Eval und Garisim, zwischen dem Fluch und dem Segen. Wir könnten zwar den Mittelweg wählen und die Entscheidung wieder vertagen, aber kein Gott, garantiert uns. daß auf diesem Mittelweg sich nicht Krisen des Herzens, die aus den Gewissensbissen emporsteigenden Krisen, derartig häufen, daß sie einst das Herz zerbrechen. * Es muß etwas geschehen, das ist sicher: es darf nicht alles auf die ökonomische Karte gesetzt werden, selbst wenn noch so viel — nebenbei — auch auf den geistigen Aufbau, den leider nur ornamentalen Schmuck des Hauses, verwendet wird. Das Gewissen darf nicht weiter unbefriedigt bleiben, der Zionismus muß, neu geweiht, aus der Sphäre der nichts verpflichtenden Versammluugsphrase in das Leben des Tages, es in allen seinen Äußerungen erfüllend, hereingeholt werden, denn der Zionismus, wie wir ihn dachten und um dessen Verwirklichung wir unsere besten Jahre in diesem Land und manche ihr Leben sogar gaben, ist mehr als Politik, mehr als Wirtschaft, mehr sogar als Geschichte: er ist Geschick. Seine Gedanken und ihre Träger müssen wieder bestimmend werden im Aufbau dieses Landes. Das Goldene Kalb der Ökonomie mag weiter herrschen in den Kreisen der vor der Zukunft und vor der Vergangenheit Unverantwortlichen, die unkritischen Herzens in den Kämpfen dieser Tage nichts weiter als die Abwehr eines Angriffes auf ihre Kalkulationen sehen. An der Bildung einer Kollektiv-Mentalität, die aus der geistigen und seelischen Krise dieser Tage zur Verwirklichung des Zionismus zurückführt, seien sie unbeteiligt, denn ihrer ist nur diese Welt, der andern aber se und jene Welt. Die Welt der greifbaren Realitäten und die Welt des Geistes, die Welt der überpersönlichen Verwirklichung und die der E