Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 573 (18.8.1936)
- Date
- 1936-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIB STIMM! Nr. 573 — Wien, Dienstag, 18. August 1936 Erfolgreiche Arbeit des Weltkongresses Ständige Weltorganisation des Judentums Genf, 16. August.. (JTA.) Der am Samstag, 8. August, begonnene Erste Jüdische Weltkongreß ging am Freitag, 14. August, zu Ende. Die Polizeibewachung des Kongreßgebäudes wurde heute verstärkt, nachdem am Mitternacht eine schweizerische antisemitische Gruppe turbulente Manifestationen veranstaltete, wobei „Nieder mit den Juden! Nieder mit den Sowjets!“ gerufen wurde. Es kam zu einem Straßenkampf zwischen Antisemiten und Sozialisten. Dr. Stephan Wiese erhielt aus der Schweiz und aus Deutschland Drohbriefe. In einem aus Berlin eingetroffenen „Amerikanische Schwarze Legionäre, die an der Olympiade teilnehmen« Unterzeichneten Brief heißt es, die Juden werden ihren Kampf gegen Hitler, der ein großer Führer ist, teuer bezahlen; sie täten gut, rechtzeitig Amerika zu verlassen. Der Kongreß wählte in seiner letzten Sitzung eine Zentralexekutive, der er die Ausarbeitung des Statuts über die Organisation des Kongresses und die Schaffung einer Judentumsorganisation übertrug. In einer Reihe von Resolutionen findet die sehr ersprießliche und zielbewußte praktische Arbeit, die der Kongreß geleistet hat, ihren Niederschlag. An den Völkerbund! daß das jüdische Volk die ihm vom Nationalsozialismus aufgezwungene Herausforderung aufnimmt und sich mit der Boykottbewegung als einer spontanen Waffe zu seiner Verteidigung solidarisiert Er ruft die jüdischen Gemeinschaften in der ganzen Welt auf, den Boykott der Waren und Dienste Deutschlands im legalen Rahmen und Innerhalb der Grenzen der Gesetzgebungen der einzelnen Länder als eine Maßnahme zur Verteidigung der jüdischen Ehre fortzuführen. Der Kongreß fordert alle Juden ln de« Welt auf, die Herausforderung des Nazis« mus aufzunehmen und sie wirksam zu he« antworten, bis der deutschen Judenheit die volle moralische, bürgerliche und juridische Gleichheit zurückgegeben wird und die Haßpropaganda zur Diffamierung von Ehre und Geschichte des jüdischen Volkes aufhört. Solidarität mit allen Verfolgten Genf, 15. August. Eine an den Völkerbund gerichtete Resolution des Weltkongresses, die einstimmig angenommen wurde, hat folgenden Wortlaut: „I. In Anbetracht dessen, daß der Minderheitenschutz nicht nur eine Vorbedingung der inneren Festigung einzelner Staaten, sondern auch des Weltfriedens bildet, daß der Völkerbund die Garantie des Minderheitenschutzes in manchen Staaten übernommen hat, daß die Völkerbundversammlung am 21. September 1922 einmütig folgende Resolution angenommen hat: ,J>ie Vcrswmnlung drückt die Hoffnung aus, daß die Staaten, die dem Völkerbund gegenüber durch keinerlei die Minderheiten betreffende rechtliche Verpflichtung gebunden sind, nichtsdestoweniger in der Behandlung ihrer rassischen, religiösen und sprachlichen Minderheiten ein mindestens ebenso hohes Maß von Gerechtigkeit und Toleranz, beobachten werden, wie es von den Verträgen und von den die permanente Aktivität des Rates bestimmenden Grundsätzen gefordert wird,“ ■ flaß die Völkerbund Versammlung neuerlich' am 11. Oktober 1938 einmütig ohige Resolution wiederholt hat, daß jedes Mitglied des Völkerbundes - mit Ausnahme Deutschlands sich bereit erklärte, folgender Resolution zuzustimmen: ist der Ansicht, daß sen von Staatsangehörigen „_ werden müssen, die sich von der Majorität der Bevölkerung durch Rasse, Religion oder Sprache unterscheiden,“ wendet sich der Erste Jüdische Weltkongreß an den Völkerbund, an das Gewissen der ganzen zivilisierten Welt mit dem Appell, daß der Minderheitenschutz in jenen Staaten, welche diese Verpflichtungen in Minderheitenverträgen und Deklarationen übernommen haben, tatsächlich angewendet und bis zur allgemeinen bindenden Einführung des Minderheitenschutzes die in der Resolution des Völkerbundes vom 21. September 1922 verankerte moralische Verpflichtung eingehalten wird. II. In Anbetracht dessen, daß seit Gründung des Völkerbundes die Praxis angewendet .wurde, vor Aufnahme einzelner Staaten in den Völkerbund ihnen die aus den Minderheitenverträgen erwachsenden Verpflichtungen aufzuerlegen, wie dies zum Beispiel mit Litauen, Lettland, Estland, Albanien und Irak der Fall gewesen ist, spricht der Erste Jüdische Weltkongreß die Hoffnung aus, daß in Hinkunft die Aufnah men e u er V ö.’i-’k erb-un dmitg 1 i e d e r oder die Durchführung einer Aenderung 'der öffentlich-rechtlichen Stellung von Mandatsgebieten abhängig gemacht werden wird von der Zusicherung, unter Garantie des Völleerbundes, daß d e r jüdischen Minderheit wie auch ,fDie Versammlung ist der Ansicht, daß allen anderen Minderheiten zum" die in der Resolution I nieder gelegten | mindesten solche Rechte zuerkannt werden, Grundsätze, die die Empfehlung van 1922 wie solche in den Minderheitsverträgen entbestätigens ohne Ausnahme auf edle Klas-1 halben sind.“ Für die deutschen Flüchtlinge Aufenthalts- und Arbeitsrecht für alle Flüchlinge Genf, 15. August. Der Jüdische Weltkongreß hat einmütig eine Resolution zur Frage der Flüchtlinge aus Deutschland angenommen, in der ausgeführt wird: Es muß eine allgemeine Legalisierung des Der Erste Jüdische Weltkongreß dankt Aufenthaltes sämtlicher aus Deutschdam Völkerbund dafür, daß er unter seiner Aegide ein Kommissariat zur Regelung der rechtlichen und politischen Verhältnisse der Opfer des deutschen Nationalsozialismus, der aus Deutschland vertriebenen politischen und um ihrer Rassezugehörigkeit willen verfolgten jüdischen Flüchtlinge eingesetzt, hat. Der Kongreß grüßt den früheren Flüohtlingskommissar James MacDonald, der, obwohl er mangels der nötigen Kompetenzen an einer erfolgreichen Wirksamkeit verhindert war, durch seinen ergreifenden Abschiedsbief das Gewissen der Welt wachrüttelte. Der Kongreß hat aus der Ansprache des neuen Flüchtlingskommissars Sir Neill Malcolm an den Kongreß mit Befriedigung vernommen, daß auch er von dem gleichen Geiste beseelt ist. - Der Kongreß hofft, daß der Hohe Kommissar diesem Geist auch Eingang bei den Regierungen verschaffen wird, deren Vertreter in der Septembertagung des Völkerbundes über das endgültige Statut für die Flüchtlinge beraten werden. . Der Erste Jüdische Weltkongreß hat von dem vorläufigen Statut für die Flüchtlinge aus Deutschland Kenntnis genommen, das am 4. Juli 1936 beschlossen wurde. Obwohl anzuerkennen ist, daß das Statut durch seine bloße Existenz eine Verbesserung des bisherigen Zustandes der völligen Rechtlosigkeit der Flüchtlinge darstellt, so befriedigen seine Bestimmungen nicht. Der Weltkongreß beauftragt seine Exekutive, in Fühlung mit der Zentralorganisation der Deutschland-Flüchtlinge alles zu tun, um auf den Völkerbund im Sinne einer Verbesserung des provisorischen Statuts Einfluß zu nehmen, Im einzelnen fordert der Kongreß von den Staaten: lanid vertriebener Menschen stattfinden, damit nicht weiterhin Tausende unschuldig verfolgte und gehetzte Menschen -illegal und politischer Willkür ausgesetzt durch die Welt irren müssen. Der Kongreß verlangt auf das dringendste, daß die im. provisorischen Statut noch immer vorgesehene Möglichkeit einer Ausweisung von Flüchtlingen nach Deutschland im endgültigen Statut absolut ausgeschlossen wird, da eine Auslieferung an deutsche Behörden für jeden Flüchtling schwerste Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Ausweisungen von Flüchtlingen solen überhaupt nur in engsteus begrenzten Fällen möglich sein. Der Kongreß weist mit ganz besonderem Ernst darauf hin, daß jede Regelung der Flüchtlingsfrage unzulänglich ist, die nicht die Gewährung der Arbeitsberechtigung an die Flüchtlinge vorsieht. Er fordert daher die Anerkennung des Rechtes auf Arbeit für die Flüchtlinge in allen Ländern. Der Erste Jüdische Weltkongreß stellt an die Regierungen und gesetzgebenden Körperschaften aller Staaten das dringende Verlangen, daß sie grundsätzlich die Anwendung der Rassegesetzgebung des Dritten Reiches in ihren Ländern ni cht dulden. Diese Gesetzgebung stellt nicht nur für die Flüchtlinge eine Einengung ihrer menschlichen Handlungsfreiheit dar, sondern sie bedeutet gleichzeitig für die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung aller Länder den Zwang, sich dem rassepolitischen Diktat des Dritten Reiches unterzuordnen. Der Kongreß drückt seine Sympathie und Solidarität mit allen anderen Gemeinschaften und Klassen, die in Deutschland aus politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Gründen verfolgt werden, aus "und appelliert an alle Freunde der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, sich im Interesse der A-ufrechterhaltung der Errungenschaften der Zivilisation zum Kampf gegen die von Deutschland ausgehende antisemitische Seuche zusammenzuschließen. Der Kongreß lenkte insbesondere die Aufmerksamkeit des Völkerbundes auf die zersetzende Propaganda, die der Nationalsozialismus gegen die Juden in der ganzen Welt führt; diese Propaganda gefährdet den inneren und äußeren Frieden aller Länder. Der Völkerbund und sein Institut für geistige Zusammenarbeit mögen sich der großen Gefahr bewußt werden, die in der antisemitischen Propaganda des deutschen Nationalsozialismus liegt; denn der Nationalsozialismus bekämpft im Judentum gleichzeitig die hohen moralischen Errungenschaften der Menschheit, er bedroht den Frieden der Welt und untergräbt die Grundlagen moderner Zivilisation. Professor Georg Bernhard richtete einen herzbewegenden Appell an den Kongreß, den Völkerbund aufzurufen, nicht nur einen legalen Status der deutschen Flüchtlinge zu schaffen, sondern auch den Flüchtlingen beizustehen, daß sie in den Ländern ihres Aufenthaltes eine Existenz finden. Schutz den Juden In Rußland Der Kongreß beauftragte die Zentralexekutive, mit der Sowjetregierung in Fühlung zu treten, damit der Ausübung der jüdischen Religion und der Betätigung der religiösen Funktionäre keine Schranken auferlegt werden, die Verfolgungen der Zionisten aufhören und den Juden, die auswandern wollen, besonders denjenigen, die nach Palästina gehen wollen, Erleichterungen gewährt werden. Neue Ovationen für Masaryk und Benesch Vor Kongreßende wurden der Tschechoslowakei und deren Präsidenten Masaryk und Dr. Benesch eindrucksvolle Ovationen bereitet, an denen sich sämtliche Delegierten beteiligten. Bekämpfung des Antisemitismus Genf, 15. August. Gemäß einem Antrag von Professor Horace M. Kalten beauftragte der Kongreß Seine Exekutive, eih zentral es B u rea u zur Be k ä m pfung des Antisemitismus einzürichiten und zu diesem Zweck einen Fonds zu schaffen. Der Kongreß nahm ein Jahresbudget In Höhe von 15.000 Pfund (75.000 Dollar) an, wozu Amerika 50 Prozent, England zehn. Prozent, Frankreich 7 Prozent, Polen fünf Prozent, den Rest andere Länder beisteuern sollen. Der Kongreß nahm die ihm vom Emigrationsausschuß unterbreiteten. Resolutionen einmütig an. Eine dieser Resolutionen sieht Verhandlungen mit den Regierungen und den permanenten Körperschaften des Völkerbundes, darunter des Internationalen Arbeitsamtes, vor, damit die durch die Einwanderungsgesetzo den jüdischen Wanderern auferlegten Härten gemildert werden. Die Exekutive des Kongresses wird beauftragt, eine Kommission von Finanzexperten! zur Vorbereitung der Bildung einer jüdischen Migrations-Bank zu bilden. Die Bank solle 'sich mit der Liquidierung. des Eigentums der Emigranten befassen und soll als Clearing house für Geld-Transfer zwischen! Aus- und Einwanderungsländern dienen. Weltverband der jüdischen Jugend Genf, 15. August. (JTA.) Die Weltkonferenz jüdischer Jugendverbände hat die Gründung eines Weltverbandes der jüdischen Jugend proklamiert. Dem Verband gehören bereits jüdische Jugendorganisationen aus 18 Ländern, u. a. den Vereinigten Staaten, Kanada, Palästina, Polen, der Schweiz, Rumänien, an. Sitz der Exekutive ist New; York, Zweigbureaus werden in Jerusalem, Paris und Warschau bestehen. Stephan Wise Präsident des Exekutivkomitees Genf, 16. August. Der vom Weltkongreß eingesetzte Exekutivausschuß besteht aus zehn Mitgliedern. Sein Präsident ist Step h e n W i s e. Es wurde ferner ein fünfziggliedrlger Verwaltungsausschuß eingesetzt, der unter dem Vorsitz von Nahum Goldmann steht, und ein zehngliedriger Zentralrat unter dem Vorsitz von L i p s k y. Der jüdische Weltkongreß wird alle zwei Jahre zusammentreten. Die neue Terrorwelle In Palästina Jerusalem, 16. August. (JTA.) Dio arabische Terrorwolile ist jetzt im Norden wiie im Süden zu spüren. In Tiberias kam es wiederum zu schweren Unruhen. In dar Altstadt wurden Juden von Arabern überfallen, jüdische Wohnungen wurden mit Steinen bombardiert. Einem jüdischen Polizisten wunde das Gewehr entrissen. Bei Einbruch der Dunkelheit zerschlugen die Araber dio elektrischen Lampen und warfen an verschiedenen Stellen der Stadt Bomben. Eswurde aber nicht viel Schaden ungerichtet. Der jüdische Hilfspolizist Tuwia Rubin o w i t z wurde bei Rumat Koersch, als sich zum Wachdienst begab, von Arabern aus dem Hinterhalt angeschoseen. Er wurde in das Hadassa-Krankenhaua in Tel-Aviv gebracht, wo er den Verletzungen erlag. Er ist der 50. jüdische Toto bei den Unruhen. Am 14. August wurde dor Bürgermeister von Hebron, ein Araber, erschossen. E« kam zu einem Zusammenstoß, bei dem mehrere Araber verwundet wurden. Der Ersto Jüdische Weltkongreß erklärt,1 Aus verschiedenen Teilen des Landes troffen Nachrichten Über ein Auflodem der Kämpfe ein, die Araber haben überall Verluste. Auf der Strecke Haifa—Lydda entgleiste ein Zug. Eine Reihe jüdischer Plantagen wurde verwüstet, Wälder wurden in Brand gesteckt. Die Irak-Petroleumleitung wurde in der Nähe von Zemach abermals beschädigt, das außströmende öl wurde ange zünd e t. Der durch dio beiden Zugsentgleisungen der letzten zwei Tage verursachte Schoden wird auf 30.000 Pfund geschätzt. In den Außenbezirken von Jerusalem und auf dem Berge Kanaan kam es wiederum zu Schießereien. Bei S a f e d wurde die Rinderherde eines Juden von Arabern geraubt. Bei N a b 1 u e wurde ein britischer Korporal getötet, ein Soldat schwer und mehrere leicht verletzt, als ein mit Truppen besetzter Wagen umstürzte. Eine arabische Kamel« karawane wurdo an dor Grenoz von Jaffa beschossen, einige Araber wurden verletzt. Zwei jüdische Arbeiter, die, als die Schüsse fielen, aus einer benachbarten Bäckerei kamen, wurden über den Vorfall von de« Polizei veroommgiBi