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Die Stimme · 1936-08-18 · Heft 573 (18.8.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 573 (18.8.1936)
Date
1936-08-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 573 Wien, Dienstag, 13. August 193* 30. Av 3*9* V.6.B. 20S 9. Jahrgang Wir melden t Aufgaben einer jüdischen Vertretung. M. L. Perlzweig über den Aufruhr in Palästina. * Neueste Daten über die Palästina- Einwanderung. * Neuer Prozeß gegen Fleischhauer in Bern. Nach der Olympiade Die Olympiade ist beendet, und nun kann der deutsche Nationalsozialismus sich wieder frei bewegen. Es war gelungen, aus der sportlichen Veranstaltung eine ungeheuerlich angelegte Weitpropaga.nda. für das Dritte Reich zu machen, und dieser politische Plan trat auch so stark hervor, daß er den Grundgedanken des Festes des öfteren übertönte. Man hat gesagt und geschrieben, daß die Olympiade die Verbrüderung der Jugend fördere, die in dem Gleichklang des Sportes und der körperlichen Übung einer einigenden Verbindung der Völker dient. In Wirklichkeit ist man von einem solchen Ziel, wenn es auf solchem Wege überhaupt erreichbar ist, weiter entfernt als je. Der grausige Lärm des spanischen Bürgerkrieges dröhnte in den Festjubel hinein. Die Jugend sowohl, die ihre Rekordversuche vorführte, die Zuschauer und die Millionen von Menschen, die an den Radioapparaten lauschten— sie alle stehen im Schatten von Vorgängen, die den Weltfrieden als zumindest gefährdet zeigen, und wenn die Dinge sich weiter so entwickeln, wird allen klar werden, daß kein Weltfest der Wirkung eines Mobilmachungsbefehls standhalten kann. Diese Olympiade sollte auch für Deutschlands innere Verhältnisse eine 'Atempause bedeuten. Es ist nicht ganz klar, ob diese Erwartung erfüllt Wörden Hst Die deutsche Presse war vollständig auf die Berliner Sportfeier eingestellt, und das Propagandaamt verstand es vorzüglich, ein „einig Volk von Brüdern“ zu spielen. Aber doch ging die Handhabung der Rassengesetze unverändert upd hemmungslos weiter. Eine ganz große Anzahl jüdischer Unternehmungen meldete sich als „in andere Hände übergegangen“, Zuchthausstrafen wegen versuchten ' Verkehrs regneten, die aus Spanien heimgebrachten Juden wanderten ins Konzentrationslager, während anderseits, die Öffentlichkeit mit Mitteilungen über jüdische Hetze in Spanien gegen das Dritte Reich überschüttet wurde. Und, um dieses Vorgehen irgendwie zu erklären, rückte das führende Organ des Dritten Reiches, der „Völkische Beobachter“, aus, - um darzulegen, daß sich die, Rassenpolitik gegen keine andere Rasse kehre, mit Ausnahme der jüdischen, die. den Bolschewismus über die Welt.gebracht hat. Wie es mit dieser Bewegung sich verhält, weiß man: Der Bolschewismus;, der aus dem großen Krieg entstanden ist, hat doch nur dem General Ludendorff zu danken, daß er zur Macht kam, .indem unter deutschem Schutz Lenin und Trotzky nach Rußland reisten. Der Bolschewismus ist in seinen Anfängen eine - durchaus arisch-russische- Angelegenheit, und die Juden1 spielen eine sehr untergeordnete Rolle, bis auf Trotzki, dem es die . Deutschen nicht verzeihen können, daß er die russische Armee, aus dem Chaos neu schuf. Die Argumentation des „Völkischen Beobachter“ ist dazu bestimmt, die alte neue Politik nach der Olympiade v.orzubereiton. Den Juden in Deutschland drohen jetzt neue, womöglich noch schwerere Bedrückungen, die um so ungehemmter . vor sich gehen werden, als die Aufmerksamkeit der Welt jotzt abgelenkt wird. Der Völkerbund ist weiter in seiner Geltung herabgesetzt, und auch das Memorandum der acht amerikanischen Vereinigungen, das die Möglichkeit einer Intervention juristisch beweist, wird wirkungslos bleiben, so wio der heroische Selbstmord des armen Stephan Lux, dessen Brief Minister 'Eden gelesen und weggelegt hat 1.. Es ist auch zu bezweifeln, ob der jüdische Weltkongreß, Jüdische Vertretung in Genf konstituiert Der jüdische Weltkongreß in Genf ist Freitag abends zu Ende gegangen. Er hat eine aus zehn Mi‘gliedern bestehende Exekutive gewählt, die sich als ständige repräsentative Vertretung des jüdischen Volkes erklärt. Der Kongreß hat eine Reihe von Resolutionen angenommen, in denen vom Völkerbund Schutz und Sicherheit für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland, insbesondere Arbeits- und Aufenthaltsrecht in allen Ländern und Verbot der Ausweisung an Deutschland verlangt wird; ferner wird gegen eine geplante Sperre der Einwanderung nach Palästina Stellung genommen und der Ausbau des Nationalheims gemäß dem Wortlaut und Sinn des Mandates gefordert. Schließlich erklärt sich der Kongreß für die Fortführung des Boykotts deutscher Waren als der einzigen Waffe des Judentums in seiner Verteidigung gegen den Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus. (Näheres im Innern des Blattes.) Gesen die Einwanderunsssperre! Nach Meldungen, die gestern aus Londoner gutunterrichteten Kreisen hier eingetroffen sind, besteht im Kolonienministerium die Absicht,, noch vor der Abreise der königlichen Komission die jüdische Einwanderung nach Palästina bis auf weiteres zu sperren. Angeblich soll die Orientreise des Ministers Ormsby Gore mit dieser Absicht Zusammenhängen. Es heißt auch, daß der Minister in Kairo eine Zusammenkunft mit der aus London zurückreisenden arabischen Delegation haben wird. Die Unterbrechung der Einwanderung würde, ob sie nun nur für die Dauer der Untersuchung der Kommission oder für einen weiteren Zeitraum verfügt wird, einen feindseligen Akt. der Mandatsgierung gegen das ganze j ü d i sehe V o 1 k b ö d ett t ö n. Diö eine solche Maßregel nicht zu dulden undAktionen der Exekutive, die der Verteidi- Kiugheit und ,B;e-6''0n.ri..e.nh.jöi,t. dö^^.In. der Nähe der Haifaer Gartenvorstadt Jischuw. . hat. während dör ganzen Dauer der Unruhen die Stellungder britischen Behörden gestärkt. Dies ist wiederholt anerkannt worden. Obzwar der Jischuw stark'genug gewesen wäre,- aus eigenem die Ruhe herzustellen, hat er doch durch seine Ruhe dazu beigetragen, daß schwerwiegende Komplikationen in Palästina und den Nachbarländern vermieden werden konnten. Der Dank dafür ist, daß England die jüdische nationale Heimstätte perrt und dies in einem Zeitpunkt, wo tausende verzweifelter Menschen vertrieben sind und in der Welt unnherirren müssen. Die Sperrung der Einwanderung ist die Kapitulation der Weltmacht England und des Völkerbundes vor den arabischen Terrorbanden, hinter denen die arabischen Führer stehen, deren Kampf sich gegen Europa und insbesondere-gegen England richtet. Das zionistische. Aktionskomitee, das am 25. d. M. in Zürich Zusammentritt, wund zu dem Plane Englands Steilung zu nehmen haben. Die zionistische Öffentlichkeit der ganzen Welt steht in ihrer Entschlossenheit, Aktionskomitee am 25. August in - Zürich Wie berichtet, tritt das zionistische Aktionskomitee End^ dieses Monats in Zürich zusammen. Die Beratungen beginnen am 25. August und werden im Gebäude der Tonhalle abgehalten werden. An diese Konferenz schließt sich eine Tagung des A d m i n i s t r a t i o n s - A u sschüs|es der Jewish Agency, der für den 2. und 3. September nach Zürich einberufen ist. sie zurückzuweisen, hinter der Exekutive. Die zionistischen Parteien Österreichs werden heute abends in einer Sitzung der Vorstände Protest gegen den Plan erheben und erklären, daß sie alle gung des jüdischen Rechtes gelten, mit aller Kraft unterstützen wollen. Es geht um die Sache des ganzen Volkes und England wird einsehen lernen, daß sich niemand über unser letztes, über unser von Europa besiegeltes Recht hinwegsetzen darf. Am Freitag acht jüdische Tote Jerusalem, 17. August. (JTA.) Der 14. August war einer der blutigsten Tage seit Beginn der Unruhen. Acht junge Juden fielen arabischen Anschlägen aus dem Hinterhalt zum Opfer. Damit erhöht sich die Zahl der jüdischen Opfer auf 67. Nöwej Schaanan wurde ein Auto, in dem sich drei jüdische Hilfspolizisten und ein Mädchen befanden, von Arabern aus dem Hinterhalt unter Feuer genommen. Zu Beginn der Beschießung lief der Hilfspolizist Goldhaber, obwohl erheblich verletzt, zu der benachbarten Polizeistation, um Hilfe herbeizuholen. Als er kurz nachher mit der Polizei eitraf, waren die übrigen Insassen des Autos alle bereits tot.. Es sind dies die drei jüdischen Hilfspolizisten Hammermann, Weiser und Schüller und die 25jährige Bronker Colin. Eine sehr tragische Begebenheit ereignete sich am gleichen Tage in Safed. Während das jüdische Viertel von Arabern heftig beschossen wurde, schleuderte einer der arabischen Marodeure in die Wohnung des 36jährigen jüdischen Bürgers Alter Unger eine Bombe, die explodierte und fürchterliche Zerstörungen anrichtete. Der Familienvater Alter Unger, sein fünfjähriger Sohn und eine achtjährige Tochter wurden sofort getötet, eine neunjährige Tochter starb kurz darauf an den Verletzungen. Eines der Kinder war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Das zweite Kind wurde, wie . später festgestellt wurde, durcheineGewehrkugel, das dritte Kind durch einen Bombensplitter tödlich verletzt. Mutter und Großmutter der Kinder wurden ebenfalls verletzt. Zum Zeichen der Trauer und des Protestes' über diesen bestialischen Angriff auf Kinder wie auf die jüdische Bevölkerung von Safed überhaupt waren sämtliche jüdischen Institutionen und Geschäfte in Safed am Freitag geschlossen. Bei der Bestattung der Familie Unger, die noch am gleichen Tage erfolgte, spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Am Abend des Freitag wurde in Jerusalem ein offizielles Communique veröffentlicht, in welchem der High Commissioner Sir Arthur Wauchope die Ereignisse in Safed, besonders die Tötung von Kindern, beklagt. Im Hinblick auf die dauernde Unsicherheit, unter der die Juden in Safed leben, haben 92 Safeder Juden, die amerikanische Staatsangehörige sind, an den amerikanischen Konsul in Jerusalem ein Telegramm mit dem Ersuchen um Schutz geschickt. Die polnischen Juden telegraphierten an den polnischen Konsul in Jerusalem um Schutz. Der amerikanische und der polnische Konsul begaben sich sofort zum High Commissioner und erhoben Vorstellungen wegen der unsicheren Verhältnisse im Lande, durch die ihre Staatsbürger in Lebensgefahr geraten. In mehreren Orten 0 b e r g a 1 i 1 ä a s kam es zu Schießereien und Bombenwürfen. Angegriffen wurden die jüdischen Siedlungen Beit Zera, Mischmar Haemek und andere Emek-Siedlungen, ebenso jüdische Siedlungen im Scharon, f Der Bürgermeister von Hebron Nasr El Din wurde deswegen erschossen, weil er die Vermittlungsaktion des Emirs Abdullah unterstützt hatte. AsseSat Haniwcharim einberufen Jerusalem, 16. - August. (JTA.) Die Nat-ionalveammimilung . der Judemheit Palästinas (Aesefat Hamwohariin) ißt für den 17. August au einer außerordentlichen Tagung nach Jerusalem einberufen worden. der sich eine Exekutive gegeben hat, die nötige Entschlossenheit aufbringen wird, um in Genf nachhaltig aufzutreten und eine Katze eine Katze zu nennen. Das Judentum kann nur auf einora Gebiet helfend eingroifen, indem es seine Position in Palästina mit Zähnen und Klauen verteidigt und sie* aufebaut. Die Kommission wird, wenn überhaupt, erst im Spätherbst nach Palästina kommen. Der Terror dauert ungeschwächt weiter und zeigt den Unterschied zwischen der. jüdischen und der arabischen Auffassung von Ordnung. Das ist für unsere politische Stellung und für unsere innere Kräftigung von großem Wort. Die Zahl der jüdischen Todesopfer steigt weiter, aber auch das kann uns nicht voranlassen, die Haltung zu ändern. Die jüdische Nationalversammlung, die dieser Tage in Tel-Aviv Zusammentritt, wird einhellig verkünden, daß sich der Jischuw nicht beugt- und daß er die Pflichten erfaßt, die ihm als dem Exponenten des 17-Millionen-Volkes der Juden erwachsen. Die arabische Berufung auf eine angebliche Volksabstimmung, die niemals stattgefunden hat, kann niemandem imponieren. Wohl aber veranlaßt sie lins, von neuem zu erklären, daß wir kein Abgehen vom Mandat dulden und daß England alle Konsequenzen erwägen muß, die bei einem Kuhhandel eintreten können. Wir bleiben auf unserem Recht, und wir schaffen aus unserer Kraft, die einzig mögliche, die nationale Hilfe für die Juden der ganzen Welt, zunächst für die Opfer der deutschen Politik.

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