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Die Stimme · 1936-08-14 · Heft 572 (14.8.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 572 (14.8.1936)
Date
1936-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 Oll IT1MMI Nr. 572 — Wien, Freitag, 14. August 1936 Samuel Oppenheimers Aufstieg und Sturz Von Dr. Ernst Benedikt Es Ist Jetzt beinahe auf den Tag 236 Jahre her, da spielte sieh auf dem Bauernmarkt au Wien eine seltsame Szene ab. Ein stattliches Haus wind vom Pöbel gestürmt, die Fenster werden mit Steinen krachend eingeworfen, die Möbel, Gold und Silber auf die Straße geschleudert, Geschäftsbücher und Briefschaften werden zerrissen und die Fetzen in alle Winde zerstreut Die städtische Burg-wache, wenige Schritte davon entfernt, sieht diesem Treiben'ruhig zu und erst, als das Vernichtungswerk vollendet ist, erwacht sie aus ihrer Gleichgültigkeit, scharfe Schüsse verjagen die Angreifer. Jetzt fahren am Petersplatz sogar Kanonen auf, eine starke Besatzung wird in das verwüstete Haus gelegt und noch in der Nacht holen sie die Rädelsführer des Aufstandes, einen Kaminfeger und einen Sohwertfeger, aus den Betten. Kurzerhand werden sie hingeriohtet. Es war das Haus eines Juden, des Samiuel Oppenheimer. .. Wer war dieser Samuel Oppenheimer und warum hat man die Furie der Pogromisten gegen ihn entfesselt? Er war, finanziell und wirtschaftlich, einer der stärksten Mithelfer, den Österreich je besessen hat. Wenn das einmalige Genie des Prinzen Engen, die todesmutige Tapferkeit der Soldaten Siege erfocht, die heute noch die Herzen höher schlagen lassen, nie wären diese Siege erfochten worden, nie hätte die Katastrophe der österreichischen Finanzen überwunden werden können, ohne die Aktivität dieses Hauses und ohne das Wirken Samuel Oppenheimers. Die Leistungen Oppenheimers Es ist nicht leicht zueammenzufasfeCn, welche Summen insgesamt von 1074 bis 1703, das heißt also bk «um Tode Oppenheimers und »um Bankrott seines Hauses, im Verlaufe von dreißig Jahren der furchtbarsten Kriegsnöt ftlr die Armeen aufgebracht wurden. Die Proviantiieferüngen und Darlehens Vermittlungen sind auf mindestens drei Millionen Gülden zu berechnen, die Vorschüsse auf aehtimdsiebzig Millionen. toi Jahre 1703 bescheinigt der Kaiser, daß Samuel Oppenheimer seit dem Beginn des Erbfolgekrieges über acht Millionen Gulden beschafft hat. Dies in einer Zeit, dä Prinz Eugen über, die Heeresverwaltung geschrieben hat: „Kein Geld, kein Volk, kein* Maga^n, keine Munition, keine Anstalt, kein Ernst, kein Eifer, keine Sorge un-d doch gleichwohl kriegführen, triumphieren nud Thron und Szepter samt Land und Leuten gewinnen wollen — das sind Contradictoriä.“ ln einer Zeit ferner, da dieser selbe Prinz Eugen den Zustand der Armee mit den Worten schildert: „Die Offiziere kaufen von ihrem Gehalt Schuhe und Strümpfe für die Mannschaft, und sie selber leben elender öla man ober Bettler...“ , Ein gefundener Handel" Unter dem Alpdruck dieser Krise ist es Oppenheimer, der Munition und Proviant zu finden weiß. Ihm ist es zu danken, daß immer wieder die Vorräte ergänzt werden. Aber schon ain Anfang seiner Wirksamkeit sind zwei Umstände für «eine Arbeit und demgemäß auch für sein ferneres Schicksal entscheidend. Nämlich das enorme Risiko seiner Operationen und die Danklos igkedt, ja die Gehässigkeit, denen er begegnet. Es ist Februar 1077, gerade im Augenblick des schwersten Kampfes um Philippsburg, da fragt ein Armeeoffiziant mit dem schönem Namen Lauaser in Wien am, ob derr „Hebräer“, der im letztem Feldzuge Lebensmittel für sechzigtausend Täler geliefert hat, noch etwas zu fordern habe. In diesem Falle wisse „Jemand“ ein Mittel, den Rest zu konfiszieren. Die Hofkam/taer nennt dem Vorschlag einen „gefundenen Handel“ und als säe ersucht wird, Oppenheimer endlich für Mumtionslioferungen zu bezahlen, so bekommt der Funktionär, der dieses Ersuchen, verfaßt hat, es ist Graf Brenner, die Aufforderung, sich mit eben demselben Lausser gegen Oppenheimer zu verbinden, mit aller Vorsicht freilich, um den „Kredit?* im Reiche nioht zu schädigen. Graf Brenner antwortet mit offensichtlicher Entrüstung, schon im vorigen Jahre habe man einen Anschlag gegen Oppenheimer geplant und keine Handhabe gegen ihn gefunden. Jedenfalls sei jetzt, wo man mit der Hilfe seines durchaus unentbehrlichen Kredits PhilQippöbuag erobern wolle, der Zeitpunkt nicht geeignet, gegen ihn vorzugehen. Man wallte sich also gerne von dem Juden helfen lassem, aber gleichzeitig wünschte man sich ein probates Mittel, um den Helfer ins Unglück zu stürzen... Dabei verschärfte sich ohnehin die Bedrängnis Oppenheimers von Jahr zu Jahr. Die Kontrahenten, die ihm ihre Waren verkauften, forderten bare Vorschüsse, während er sich selbst mit den Anweisungen der Hofkammer auf die Erbländer begnügen mußte, Anweisungen, die zum größten Teil überhaupt nicht, zum Teil erst nach Jahren realisiert werden konnten. Es nützte nichts, daß der Hofkriegsrat den Redchsvkekanzler Grafen Königseck an die ,,bekannten der kaiserlichen Armada geleisteten nützlichen Dinge“ Oppenheimers erinnerte und die Begleichung seiner Forderungen mit dringenden Worten empfahl. Alles, was ihm die Hofkammer bewilligen kann, ist ein Wartegeld von fünfhundert Gulden... Aber etwas anderes wird ihm zuteil, nämlich die Verhaftung, obwohl er sich erbietet, das ganze Proviantwesen im Reich auf seine Rechnung zu nehmen und hunderttausend Zentner Mehl und jedes erforderliche Quantum Hafer nach jedem beliebigen Orte am Rhein, an der Weser, an der Mosel und in Schwaben zu senden. Im SchiCksalsjähre 1683 werden plötzlich Oppenheimer, sein Sohn, sein Sekretär und sein ganzes Personal in Strengen Arrest gebracht, so zwar, daß man ihm nicht einmal Timte, Feder und Papier gewährt; daß er höchstens ein- oder zweimal die Woche mit seinem Advokaten zu verhandeln vermag. Er selbst Ist überzeugt, daß dieser ganze Prozeß und seine Haft nur den Zweck verfolgen, ihn an der Durchführung seiner Kontrakte zu hindern. Und trotz der Haft bestand die Regierung unter scharfen Drohungen darauf, daß Oppenheimer seine Verpflichtungen, die er im Jahre 1682 übernommen hatte, erfülle, Der Kampf um Wieh Rmt als die Türkennot zu/m Gipfelpunkt aufwuohs, mußte man wohl oder übel den Häftling fredgOben, und CS gelingt Oppenheimer, ächtzigtäusend Zentner Mehl und weitere zwanzigtausend Zentner Hafer für die Armee zu beschaffen, die Wien befreien und die Zerstörung des christlichen Abendlandes verhindern Söll. Markgraf Herrmann von Baden übernimmt die Bürgschaft für den Vorftohuß, den man ihm bewilligt, und er schreibt an den Hofkammerpräsi/denten die denkwürdigen Worte: „Wann nun aber jener Jude schon lang und jedesmahle für einen Ehrlichen Mann gekennet; also tragen kein Bedenken, dergestalt für jenen gutzuaprOohen, daß ich, Wann er mamquioren sollte, hierunter um bomeldte 80.0ÖÖ Tbaier gutstehen wolle.“ Schon nach wenigen Wochen, am Tage, da die Schlacht vor Wien beginnt, ist auch die Sendung des Getreides am richtigen Ort. Flöße und Zillen, Handgranaten und Bomben, Musketen, Pulver und Lunten, das alles hilft dem Heere auch bei der Verfolgung dös geschlagenen Gegners, und wieder ist Oppenheimer im Vollgefühle seiner Macht und seines Arbeitswillens. Selbst ohne Angabe der Quantität übernimmt er Verpflichtungen, ohne förmliche Dokumente, unter den traurigsten Verhältnissen, mitten durch einen wahren Dschungel voe Zöllen und Mauten schickt er, was er erraffen kann. Man schmeichelt ihm, man widmet ihm „freundliche Grüße“, ihm, der als verachteter Jude immer noch dem Leibzoll unterworfen ist. Voll Angst fragt man das Anmeekommando, was er denn von den fünfzigtausend Zentnern Mehl und den fünf zehntausend Maltern Hafer bereits geliefert habe, die Futtemot richte die Kavallerie zugrunde, er solle sich um Gottes willen nur beeilen, sonst drohe dem Staat das größte Unglück. Selbst der Kaiser bestätigt: „Die guten Dienste so dieser Jud dem gemeinen Wesen bdshero geleistet...“ Alles kommt von Oppenheimer Nicht nur Kleidung, Bewaffnung, Verpflegung, Transportmittel, Zugtiere für die Artillerie und den gesamten Train sind ihm überlassen, auch die Versorgung der Spitäler, die Utensilien des Schiffs- und Brückenbaues, ja, Soidvorsohüsse, Kautionen für Verbündete, Ehrengeschenke und Pensionen, für Offiziere kommen aus seiner Tasche. Aufs lebhafteste beteiligt er eich an der Gründung einer österreichischen Kr lege mar ine. Als der Marquis de Fleury im Aufträge des Kaisers nach Holland fährt, um Matrosen für die österreichische Flotte amuwerben, da erlegt Oppenheimer vier Tage später bereits hünderzwanzigtausend Taler für ihren Sold und ihre Nahrung. Unentgeltlich leistet er einen Vorschuß von sechzigtausend Gulden für den Bau der neuen Donauflottille, die Armierung besorgt er durch Ankauf sächsischer Geschütze. Weiter; Für die ungarieche K9nigskrönung schickt er Juwelen, Silbergeschirr und Konfitüren; für den Kaiser zum Präsent zwei kostbare Ränge. Aber auch Spezereien und „Cömeddewaren“ weiß er zu beschaffen, Die Uniformen der Hofchargen, die Livreen der Domestiken gehören zu «einem Wirkungskreis, Wenn es gilt, Bauholz für das Schloß des Erzherzogs Karl in Ebersdorf zu schaffen, wenn für den Unterhalt der verwitweten Königin von Polen zu sorgen ist, wenn Pensionen an Generäle, wie an die Prinzen Ludwig von Baden und an den Herzog von Croy zu zahlen sind oder Gnadengaben an Offiziers* witwen, Geschenke des Kaisers an Gesandte, dann ist wiederum Oppenheimer zur Stelle. Dariehenevermittlungen und Wechseige&ö'häfte werden ihm von Leopold aufgetragen, und er selbst, der Herrscher, erhält von ihm bärCS Geld als eine private Anleihe, SO im Jahre 17Ö1 die runde Summe von hunderttausend Gulden. Sehr höhe Aristokraten, wie die Grafen Kuhn und Hochburg, auch adelige Damen beteiligen sich gerne an seinen Geschäften und keiner ist ihm wohlgesinnter, keiner hilft ihm so sehr wider seine unerbittlichen Feinde am Hofe wie Prinz Ludwig von Baden, der bedeutende Feldherr und „Kollege“ Eugens vön Eavoyen. Prinz Ludwig und Kardinal Kolonitsch Prinz Ludwig droht mit seinem Rücktritt, er scheut auch den radikalsten Konflikt mit Kardinal Kolonltsöh keineswegs, dem Präsidenten der Hofkammer, der Oppenheimer zu beseitigen wünscht. Ja, er sagt geradezu, ohne seine Hilfe wäre alles zugrunde gegangen, und nur durch ihn sed Kredit zu machen, und ohne ihn müsse „alles über und über gehen und unfehlbar ein großes Unheil daraus erwachsen...“ Gerade diese Unentbehrlichkeit war schwerste „Schuld“ in den Augen Seiner Feinde. Zuerst wird sein Sohn Emamuel in Heidelberg verhaftet, dann wird edn Gegenlieferänt namens Vögel gedungen, um ihn womöglich „an den Galgen m bringen“. Aber erst, als nach dem Siege bei Zenfca der Friede in unmittelbare Nähe gerückt ist, wird der Handstreich erfolgen: der Sturz des Verhaßten, der zu hoch gestiegen war. Ein Oberst von Edelack, seine« Zeichens Wechsel fälsch er, Heiratsschwindler und Zechpreller, erfindet das Märchen, er sei von Oppenheimer gedungen worden, seinen lästigen Konkurrenten Werthelmer aus dem Wege zu räumen. Oppenheimer habe es auf die Pereon des Kaisens abgesehen, Kolo- | HOFGASTEIN f I KURHAUS WESTEND g Streng ItPS unter Aufsicht der Schiffschul, Wien Thermalbäder im Haus - Wiener Küche Mäßige Preise. Geöffnet bis Ende September Ä\\\\\\\\\\\\\\M nftsch solle beseitigt und Oppenheimer statt seiner Hofkammerpräaident werden I Der Zusammenbruch Kaum ist die letzte Lieferung Getreide nach Szegedin gekommen, da werden Samuel Oppenheimer und sein Sohn Emanuel dingfest gemacht und ihr Kontor versiegelt. Zwar haben sich Männer wie Graf Breuiner, Graf Kinsky oder Fürst Dietrich- Stein trotz aller Vorurteile nicht einen Augenblick von dem „Oberst“ Edelack und seinen gefälschten Dokumenten täuschen lassen. Aber Oppenheimer war nicht mehr der, welcher er gewesen war. Eine hochnotpeinliche Untersuchung wird angestellt. Nachträglich will man durch Aufstöberung von Mängeln den langjährigen Lieferanten überführen. Der Tumult bricht los, von dem wir schon gesprochen haben, der einen großen Teil seiner Dokumente vernichtet und der Bankrott des gewaltigen Hauses, das Resultat jahrelanger Überspannung, des Mangels an Liquidität, war unvermeidlich. Und diesem Bankrott folgte sehr bald der Tod, scheinbar durch Krankheit, in Wahrheit durch Kränkung. Print Eugens Klage Welche Wirkungen der Stanz Oppenheimers zeitigte, beweist am besten ein Brief, den Prinz Eugen an den Grafen Sbanhemiberg geschrieben hot: „Der Tod Oppenheimers“, sagt er, „ist eine neue Verlegenheit. Alle Geschäftsleute sind so sehr mit dieser Affäre verknüpft, daß säe erklärt haben, sie könnten sich in keinerlei wie immer geartetes Geschäft emlässen, ehe die Affären dieses Juden nicht bereinigt sind. Man kann nicht stärker sprechen, als ich es in Wort und Schrift getan habe. Der Heilanstalt Dr. Hauser für Rheumatismus, Gicht, Gelenks- und Nervenkrankheiten Ischias-Sdinellkur Wien, I., Schottenrlng 17, Tel. A17-Ö-66 Herr — verspricht Abhilfe, aber die Aus* führungmatigelt, er schreibt ein spöttisches Billett und glaubt, schon viel damit getan zu haben. Vorn Hofkriegsrat ist Überhaupt keine Antwort zu bekommen, die Hofkammer tut nichts anderes als lügen (ne fait que mentir), das Kommissariat Ist wenn möglich noch schlechter. Also können Eure Exzellenz sehen, wie die Dinge hier verlaufen. Ich wäre schön längt V6n hier geschieden, ich kann mich überhaupt hier nicht mehr sehen, und ich möchte lieber den Rest meines Leben« in einem ungarischen Dorfe bei Schwarzbrot verbringen, als dieses Leben fortzuführen.“ Der Rest War — ein Nachlaß, der den Kindern befahl, nioht ein Grosohen dürfe bezogen werden, che nioht alle Schulden getilgt wären, damit „mein Name und meine Arbeit, die iah bis zum heutigen Tage geleistet, in Ehren mainteniere“. Der Rest ist für uus die Erinnerung ah eine Persönlichkeit voll Güte und Erbarmen, der jeden, auch den Ärmsten, als Tisohgemossön begrüßte, der auch Christen, Studenten und Dürftige niemals Ohne reiche Besohenkung entlassen hat. Der auch Gelehrte, bedrängte Glaubensgenossen, immerdar voll Eifer unterstützte. Tragisches Schicksal eines offenkundigen Genies der geschäftlichen Zielsicherheit. Eines rührend Ergebenen, der sicherlich ein gut Teil dazu beigetragsn hat, däß die Fahnen der Monarchie Triumphe haben feiern dürfen, die ln alle Ewigkeit Österreich« Namen verherrlichen. In jedes jüdische Haus „Die Stimme“

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