Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 572 (14.8.1936)
- Date
- 1936-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Z Nr. 672 — Wien, Freitag, 14. August 1838 KURHÄUSER KflLTEHLEUTGEBEH fl. G. CHEFARZT PROF. DR. ALOIS STRASSER sämtliche Kuren und Diäten. Idealer Aulenthalt fQr Kranke und Erholungsbedürftig«. Auskünfte: Kaltenlentgeben, Tel. Nr. 3, nachmittags: StadtbUro, Tel. Nr. U 45-4-31 wandorer — in der Hauptsache fünf Punkte, die die Vertreter der Judenschaft bei ihrer Auseinandersetzung mit der Königlichen Kommission vorzulegon haben werden: 1. Die Regierung hat gegen den Artikel gehandelt, der ihre Verantwortlichkeit dafür ausspricht, „daß das Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen gestellt wird, welche die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte sichern.“ Der Artikel nimmt ausdrücklich Bezug auf die Formel der Präambel „zugnisten der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“, die noch durch die Versicherung verstärkt wird, daß England „das Mandat im Namen des Völkerbundes akzeptiert“. 2. Sie hat den Artikel 6 unwirksam gemacht, wonach die Verwaltung die jüdische Einwanderung unter geeigneten Bedingungen erleichtern und in Zusammenarbeit mit der (in Artikel 4 als öffentliche Körperschaft eingesetzten) Jewish Agency die geschlossene Ansiedlung von Juden a.uf dem Lande, mit Einschluß der nicht für öffentliche Zwecke erforderlichen Staats- und Brachländereien, fördern soll. Statt dessen hat die Regierung den Vorwand der Aufnahmefähigkeit des Arbedtsmarktes eingeführt und die Staatsdomänen und Brachländer, die Lord Plrumer den gedienten jüdischen Legionären zugesagt hat, ihnen bis heute vorenhhalten. 3. Der Artikel 11 legt der Regierung die Verpflichtung auf, eine Bodenordnung einzuführen, welche auf dfie Förderung der geschlossenen Siedlung der Juden Rücksicht nimmt. Das Bodienverkaufsgesetz, das jeden Verkauf von der Zustimmung der Regierung abhängig macht und die Zurückhaltung eines für den persönlichen Bedarf des Verkäufers notwendigen Teiles vorschreibt, ist das genaue Gegenteil dieser Verpflichtung, da es durch die Einrichtung von arabischen, fideikommissarischen Enklaven die geschlossene jüdische Siedlung sprengt. 4. Die Artikel 13, 14 und 15, die die Sicherung der heiligen Stätten betreffen, werden nicht gegenüber den Juden beachtet, denen der freie und ungehinderte Zugang zur Elagema/uer verwehrt wird. 5. In Artikel 25 wird bezüglich des abgetreunten Transjordanien eine Ausnahme im Sinne des Artikels 18 statuiert, der jeden Unterschied in der Behandlung der fremden Staatsangehörigen bei Ausübung von Handel, Industrie, Gewerbe usw. verbietet. Trotzdem besteht in Transjordanien, das widerrechtlich abgetrennt, aber dem Oberkommfissär von Palästina unterstellt wurde, ein ausdrück- ■ Hohes Einwanderungs- und Bodemka/ufsverbot für Juden. Faßt man diese fünf Punkte ins Auge, so sieht man, daß die Mamdatsregieruing überall dort mit ihrer politischen Taktik ednsetot, wo das Streben der Juiden nach Sicherung und Ausbreitung der Kolonisation sichtbar wird. Alle diese Akte, die gegen jeden Sinn des Mandats, so wie es gedacht war und auch von seinen Urhebern interpretiert wurde, sind darauf äbgesfceilt, den Juden den Weg zur Selbstbestimmiung und zur Eigenpoliitik abzuschneiden. Die Lage der Juden auf dejr ganzen Welt hat sich derart gestaltet, daß eie unter gar keinen Umständen darauf verzichten können, ihre Einwanderung nach dem einzigen Land, das ihnen gesetzmäßig oftenstehen muß, selbst zu regulieren, ihre Verbindung mit dem Boden zu festigen und so viele Menschen als möglich in die Landwirtschaft edinzugliedern. Wenn sie nicht eimwandera können, wenn sie den freien Boden nicht erhalten und . wenn ihnen die geschlossene Siedlung obstruiert wird, wenn dagegen durch Duldung einer illegalen Infiltration bauranischer Luftmenschen die arabische Bevölkerung künstlich vermehrt wind, dann entsteht jener Zustand, der in der Instruktion an die Kommission, als Unters« ichungsgogenstand uims ehr lob en wi r d: zu überprüfen, in welchem Ausmaße aus der Handhabung des Mandats Grund zu Beschwerden entstellt. Die Mandats regier n.ng hat ihre Praxis auf dem Wege des gosetzgebenictan Rates politisch umtemraniereu wollen. Der Plan ist durch die Waffen der arabischen Schützlinge vereitelt worden. Die Kommission wird aber diese Vorgeschichte der Unruhen zu erwägen und auf ihre volle Regierung dies Mandabsgesetzes zu überprüfen halben. Sie wird sieh auch an die nun einmal bestehende Tatsache halten müssen, daß es in Palästina außer den Arabern auch noch Juden gibt, daß die Juden das Land aus seiner Verwahrlosung gehoben und daß sie jene Werte geschaffen haben, aus denen England seine Überschüsse eimbeimst und aus denen die palästinensischen Araiber die Vorteile ziehen, mit denen sie vor der Umwelt paradieren. Die Juden haben sich nicht au verteidigen und nicht zu entschuldigen, sie haben anzmk lagen. Einstweilen allerdings kann Radio Jerusalem weiter täglich ankündigen, daß wieder jüdische Kolonisten und Wächter ermordet, englische Soldaten getötet, Bomben gegen jüdische Institute geworfen und Bätume vernichtet worden sind. Soll etwa die Abreise der Kommission verhindert werden? Minister Ormsby Gore, der sich jetzt in Alexandrien befindet, wind möglicherweise selbst in Jerusalem nach dem Rechten seihen müssen. Die Generaldebatte in Genf Ehrung für Stephan Lux Der erste Redner in der Debatte, Rabbiner Dr. Hugo Stransky, gedachte der heroischen. Tat des jüdischen Journalisten Stefan Lux, der, um für den Gedanken der Freiheit und der Gerechtigkeit zu wirken, angesichts der Völkerbomdvereammlung seinem Leben ein Ende machte. Zur Ehrung des Märtyrers Stefan Lux erhoben sich alle Anwesenden von ihren Sitzen. Der Flüchtlingskommlssär Nelll Malcolm eigriff nachher das Wort und versicherte, ei werde alles in seiner Macht Stehende tun, um das Schicksal der Flüchtlinge zu ver- Der Vorsitzende des Schweizerischen Israelitischen Gemeindeverbandes, Sally Meyer (Zürich), warnte den Kongreß davor, einen vorgefaßten Standpunkt gegen die Assimilation einzunebmen. Für zahlreiche Juden, sagte er, sei die Diaspora kein vorübergehender Zustand, sondern eine unumstößliche Tatsache, weil sie sich mit dem Lande, in dem sie wohnen, unzertrennlich verbunden fühlen. Es sprachen weiter Rabbi Edward I srael aus Baltimore, Dr. Mayer-Ebner, Rumänien, öberrabbiner N u r o k, Lettland, I. N a i d i t c h, Paris, und Berl Locker, Palästina. Naiditoh schlug die Gründung einer Internationalen Jüdischen Bank für Wirtschaftshilfe an die Juden in verschiedenen Ländern mit dem Sitz in London und Filialen in jenen Ländern, wo Juden unter wirtschaftlicher Diskriminierang leiden, vor. Fiir die Juden in Rußland Beantragt wurde, daß der Kongreß unter Berufung auf die Sowjetverfassung von der Sowjetregierung fordern solle, daß diese den Juden alle beschlagnahmten Synagogen zurückgibt und alle wegen Erteilung religiösen Unterrichts verhafteten Juden freiläßt. Der Politische Ausschuß befaßte sich mit diesem Antrag. W. Latzky-Bertoldi, einst Minister der ukrainischen Regierung, empfahl dem Politischen Ausschuß die Annahme folgender Forderungen, die dem.. Kongreß als Resolution und der Exekutive als Richtlinie bei ihren Ver.handlu hg en ml t der russischen Regier un g dienen sollen: 1. Allen Juden, die Rußland verlassen wollen, soll die Erlaubnis zur Auswanderung erteilt werden. 2. Der hebräische Unterricht soll legalisiert und hebräische Literatur ins Land gelassen werden. 3. Die Verfolgung von Zionisten 6oll i aufhörem, die verhafteten und verbannten Zionisten sollen freigelassen werden. 4. Die Regierung soll die Organisierung jüdischer religiöser Gemeinden mit juridischem Rechten, die Errichtung religiöser Schlachthäuser, Mazzoth-Bäokereien und anderer religiöser Institutionen durch die Gemeinden erlauben. 5. Erlaubnis zur Schaffung jüdischer Seminare zwecks Ausbildung von Rabbinern und Lehrern. Dr. S. Margoshes erklärte, die Lage der Juden an den Vereinigten Staaten bilde einen Silberstreif an der Wolke des Weltantisemitismus. Die antisemitischen Gruppen in den USA. haben keine größere Bedeutung. Der Kongreß veranstaltete eine erhebende Gedächtnisfeier für Nahum Sokolow, Leo M o t z k i n, Bemard S. Deutsch, Reichsrabbmer Angelo Sacerdoti und Dr. VictoT Jacobson. Judenelend in der Gallith Genf, 11. August. Die sachlichen Beratungen des jüdischen Weltkongresses, begannen am Sonntag,: den 9. August, mit einem. Referat des jüdischen Soziologen und Statistikers Jakob Lestschinsky über die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa. Drei große Naohkriege er eigniss e — so führte er aus — haben die ökonomische und rechtliche Lage der jüdischen Maseen in der Mehrzahl der europäischen Länder in einer Weise radikal geändert, diaß die Frage der nationalen Existenz des jüdischen Volkes ganz neu gestellt ist. Der Sieg 'der mittel ständischen Ideologie und des mittelständischen Wirtschaftssystems gebar einen ökonomischen Nationalismus, der zur Hinausstoöung der jüdischen Massen aus ihren wirtschaftlichen Positionen und zu ihrer Isolierung innerhalb der Gesellschaft geführt hat. Der Zerfall der großen Nationalitätenstaaten (Rußland und Österreich) stellte die jüdischen Minderheiten zahlreichen nationalen Mehrheits- Völkern gegenüber, die in einem rapiden Tempo einen Prozeß der Kommerzialisierung, Urbanißieining, sowie Schaffung einer eigenen' nationalen 'Mittelschicht durchwachen und in der jüdischen Mittelschicht eine scharfe Konkurrenz sehen. Die ungeheuer schnelle und intensive Assimilation der jüdischen Massen in Sowjetrußland, wo sie absolute wirtschaftliche und juridische Gleichberechtigung genießen, hat erwiesen, daß auch bei faktischer Gleichberechtigung die Existenzfrage der Juden als Volk weit von einer Lösung entfernt ist. Mittelstand — Träger des Antisemitismus Dor nationalistisch gestimmte Mittelstand war auch im liberalen 19. Jahrhundert der ak t i v e ,T r äg er der antisemitischen B o w e g u n g; wo nun der Mittelstand zur Macht gekommen ist — das ist der Fall in Ländern, wo fünf Millionen Juden leben (Deutschland, Österreich, Polen, Rumänien, Litauen, Lettland) — geht der Prozeß der Entrechtung und der grausamen Ausschließung vor sich. Die Besserung des Schicksals dieser fünf Millionen entrechteter und ökonomisch ruinierter Juden muß die Hauptsoige des Jüdischen Weltkongresses sein. Von den 500.000 Juden, die anfangs 1933 in Deutschland gelebt haben, verblieben dort noch 400.000; 130.000 zerstreuten sich über mehr als 60 Länder. Abgesehen von der ungeheuren Auswanderung sind 20 bis 22 Prozent aller deutschen Juden auf Wohltätigkeit angewiesen. In Polen, Rumänien, Litauen und Lettland wurden gesetzliche Beschränkungen gegen die Juden nicht eingeführt, aber faktisch werden die Juden auf vielen Gebieten eingeschränkt. mobel-winter für tielegenheltskJtifc Wien, VIII., Stadtbahnvfadukt 23 bei Lerchenfelderstraße Telephon: A 21*5*31 Die Tragik der Jugend Das Resultat ist eine ungeheure Deklassierung und Verarmung der jüdischen Massen. In Litauen und Lettland sind 25 Prozent, in Polen und Rumänien 85 Prozent der jüdischen Bevölkerung auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Die jüdische Jugend erstickt in dem neugesohaffenen sozialen und kulturellen Ghetto. Die jüdischen Massen versuchen, in die Kleininidustrie, in die Großindustrie einzwdringen. Da man ihnen Widerstand entgegensetzt, werden sie zu billiger Schwarzarbeit gedrängt. In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der jüdischen Arbeiter in Polen von 200.000 auf 300.000 ange wachsen, bildet aber immer noch einen kleinen Prozentsatz dor zur Anion Dickmann Dolly Dickmann Budapest geb. Frisch Statt jedtr besonderen Anzeige Arbeit drängenden deklassierten und verarmten Judanmoesen. Die katastrophale Lage der Juden in den erwähnten Ländern bringt eine Anarchie und eine Panik in das gesamte Wirtschaftsleben dieser Länder und desorganisiert und paralysiert die normale ökonomische Entwicklung. Jüdisch« Emigration und Emigrationspolltlk Dr. A. Tartakower (Lodz) referlerto über „Jüdische Emigration und jüdische Emigrationspolitik“. Er schätzte die Zahl der Juden, die auf Auswanderung angewiesen sind, um sich dem wirtschaftlieben, zuweilen auch dem politischen Druck entziehen zu können, auf jährlich 200.000, davon 120.000 allein in Polen. Die jüdische Emigration beträgt aber, da keine genügenden Einwanderungsmöglichkeiten bestehen, tatsächlich jährlich weniger ■als 50.000. Dabei geht die Mehrzahl der Auswanderer nach Palästina. Die jüdische Emigration stellt heute nicht nur ein sozialpolitischem, sondern vör allem e i n wirtschaftliches und nationales Problem dar. Die Hiifsarbeit für jüdische Emigranten ist somit zu jüdischer Emigrationspolitik umzubauon. Aufgaben einer solchen Emigrationspolitik wären: Maximale Ausnutzung der existierenden Einwanderungsmoglichkeiten; Schaffung von neuen Einwanderung»* Möglichkeiten; Organisierung und berufliche Ausbildung der Auswanderer; erneuter Übergang zur Kolonisationsarbeit Die Gefahr einer Zersplitterung und eines kulturellen Niederganges dor Emigrationsgruppen kann nur durch eine nationale Organisierung der Auswanderer sowie Aufrechterhaltung des Kontaktes zwischen ihnen und dem Volksganzen vermieden werden. Auf diesem Gebiete ist dem Jüdischen Weltkongreß eine wichtige, vielleicht sogar entscheidende Rolle zugewiesen. Ziele und Methoden der indischen Sozialhilfe In seinem Referat über „Ziele und Men thoden der jüdischen Sozialhilfe“ führte der Präsident des Verbandes jüdischer Gesellschaften in Frankreich, Dr. 1 Jefr oykin, aus, die jüdischen phüantropischen Einrichtungen seien angesichts der neuen immens en Aufgaben völlig unzureichend. Die jüdische soziale HiJfe erfordere eine sofortige Demokratisierung. Jefroykin forderte die Schaffung eines zentralen jüdischen Volksf onds, der der Verwaltung des vom Weltkongreß zu schaffenden Zentrallbüros für jüdische Sozialhilfe zu unterstellen wäre. Dieser Volksfonds soll diejenigen Judengruppen unterstützen, die; durch antisemitische Verfolgung oder internationale Katastrophen notleidend geworden sind, Öberrabbiner Feuchtwang s. A. Von 'Freut.Dr* Feuchtwang haben wir, folgenden Brief erhalten: 1Außerstandei für die zahlreichen Teilnahmsbeweise und Trostesworte der, Freunde, Verwandten und Bekannten von nah und fern anläßlich des Hinganges meines Gatten, unseres Familienoberhauptes Öberrabbiner Doktor David Feuchtwang einzeln zu danken, bitte ich, gemeinsam mit meinen Kindern und meiner Schwägerin hiemit aus tiefstem Herzen ihnen allen durch Ihre Zeitung unseren Dank zum Ausdruck bringen zu dürfen. Mit besonderer Dankbarkeit mochte ich des Trostes gedenken, der uns durch die Anteilnahme des Präsidiums und der. Rabbinen der israelitischen Kultusgemeinde sowie der P. T. Vereine und Körperschaften in unserer Trauer gewährt wurde. Frau Jeannette Feuchtwang-Dünner, Familie Hulda Politzer geb. Feuchtwang, Dr. Benno Feuchtwang und Familie, Wilhelm Feuchtwang und Frau, Erika Davids (Fam. Ob.-Rabb. Dr. A. B« N. Davids), Henriette Feuchtwanger (Fam. tk* E Feuchtwanger)?