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Die Stimme · 1936-07-28 · Heft 567 (28.7.1936) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 567 (28.7.1936)
Date
1936-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 567 — Wien, Dienstag, 2'<. Juli 1036 Seite 3 OIE STIMM! Weltpolitische Aufgaben des Judentums Von Fr. W. Foerster Professor F. W. Foerster, der große moderne Pädagoge und Ethiker, einer der besten Kenner der europäischen Politik, Verfasser der Werke: „Jugendlehre“, „Politische Ethik“, „Christentum und Klassenkampf“, „Mein Kampf gegen das militaristische Deutschland“ und andere, stellt uns anläßlich des ersten Jtidischen Weltkongresses den nachfolgenden Artikel zur Verfügung. „Nicht vergißt Gott des V ölkermörders“ — dieses Aeschylos-Wort hat (mich während des Kriegeis stets mit einem Schauer vor unabwendbaren Gerichten erfüllt, die früher oder später über diejenigen kommen müssen, die mehr als 14 Millionen Tote und unermeßliche Zerstörungen auf dem Gewissen haben. Einen ähnlichen Schauer habe ich gegenüber der Art empfunden, wie die deutschen Juden, die seit Jahrhunderten mit unserem Volke verwachsen sind, in seiner geistigen Entwicklung eine große Rolle gespielt und am Ausbau seiner wirtschaftlichen Weltstellung einen geradezu entscheidenden Anteil gehabt halben, von einem Tug zum andern als minderwertiges Pack aus allen Stellungen und Besitztümern gejagt wurden, so daß ihnen nur der Hungertod oder die Flucht in ein gänzlich ungewisses Schicksal in der Fremde übrig blieb. Die barbarische Art, wie sich die Abstoßung und Ausstoßung des jüdischen Elements vollzogen hat, die furchtbare Härte der Entehrnug, das absolute Absehen von aller Rücksicht, die einer so langen und ^ntimen Zusammenarbeit geschuldet war, das muß sich als unsühnbarer Fluch am deutschen Volke rächen, muß sich verhärtend und verrohend in allen seinen eigenen Lebens Verhältnissen aus wirken und ihm in 1 letzter Konsequenz eines Tages das gleiche Schicksal bereiten, das es selben den Juden «»uferlegt hat. Kein Zweifel: In dem jahrzehntelangen moralischen und geistigen Niedergange des deutschen Volkes seit den großen Erfolgen äst die Austreibung seiner jüdischen Mitarbeiter dasjenige Knankheitssymptom, das die Größe dieses Verfalls am grellsten und erschreckendsten an den Tag gebracht hat. Es handelt sich nicht nur um äußere Austreibung, Mißhandlung und Beraubung. Nirgends in .der Welt ist seit Jahrzehnten der Jude mehr verleumdet, nirgends ist seiner Geistesanlage, seinem Schrifttum, seiner Geschichte radikaler aller Wert für die Menschheit abge,sprechen worden, als im neueren Deutschland. Während man sich bisher nur darauf beschränkt hatte, alle Übel der großkapitalistischen Erwerbsgesellschaft dem Juden zuzunechnen, ging die Rassen philos ophie eines H. St. Chamberlain darauf aus, den Nachweis zu erbringen, daß alle große kulturelle Leistung nur vom arischen Genius komme, und daß der semitische Einfluß diie.se Kultnrkraft stets nur gelähmt, zersetzt und lirregelübrt habe. Das ist alles von Grund aus falsch. Ganz im Gegenteil ist die Wechselwirkung von arischem und semitischem Geist geradezu providentiell, das Semitentum äst von jeher dem Arier tum als ein Gegengewicht gegen seine ganz besonderen Gefahren gegeben, und wo dieses Gegengewicht fehlt, da verfällt der arische Geist allen Gefahren seiner Einseitigkeit. Wo das Arier tum nur auf sich selbst angewiesen bleibt, ist es geneigt, sich entweder in abstrakter Geistigkeit, weltferner Spekulation und bloßem Schönheitskultus z.u verlieren, oder das Leben kurzsichtig realistisch, ganz ohne höhere Zielsetzungen auzupacken und in der bloßen Machttedhnik unterzuigehen. Die Trennung zirischen Geist und Leben ist die Tragik der arischen Begabung. Wir haben in Deutschland eine Zeit, des weltfremden Idealismus gehabt und fast unvermittelt darauf einen ganz gottlosen Kultus der realen Machtinteressen. Im jüdischen Genius liegt nun gerade die entgegengesetzte Tendenz, nämlich das thookratisclio Tdeal der das reale Loben durchdringenden Gottheit, wie dies schon in dem leidenschaftlichen Opfergebet zutage tritt: „Schaffe, Gott, deinen Tempel auf Erden, ewiger Gott, schaffe ihn bald, schaffe ihn jetzt!“ Am stärksten ist wohl der Unterschied der hebräischem Gottes Vorstellung von der indischen religiös-philosophischen Spekulation. Der hebräische Geist sucht die Wirklichkeit Gottes nicht jenseits aller Dinge, sondern er entdeckt sie überall in der eigenen Volksgeschichte: die geschichtliche Führung des eigenen Volkes, der geheimnisvolle Zusammenhang von Volksschuld und Volksunglück ist ihm der Schlüssel zur Wahrheit einer andern Welt. Nur hier finden wir den geschichtlichen Gang als einen Heilsplan aufgefaßt, nach welchem der Abfall von den göttlichen Gesetzen gestraft wird bis ins dritte und vierte Glied. Vergleicht man damit etwa Thukydides Geschichtsschreibung, so fehlt dort jede metaphysische Auffassung des geschichtlichen Geschehens; für den Hellenen gehört die Gottheit in die Mythologie, nicht in die Geschichte: die Welt der Götter und die Welt der Historie sind zwei getrennte Gebiete. Das hebräische Volk in seinen größten Vertretern erlebt seine eigene geschichtliche Erfahrung in ganz anderer Spannweite und Tiefe als die andern Völker, es erfaßt die verborgensten Verkettungen zwischen „Ihr allein erachtet es für eine Schande, denen unterworfen zu sein, zu deren Füßen die Welt liegt. Welches Heer, welche Waffen flößen euch solches Vertrauen ein? Auf der bewohnten Erde ist alles römisch.“ Das war die Meinung des herodianischen „Königs“ Agrippa II. vor der Zerstörung des zweiten Tempels. So sprachen damals die „Friedfertigen“ und die „Besonnenen“ und so sprechen sie heute noch. Sie schwingen die Friedenspalme und sie wollen — so sagen_ sie — nur das Beste für die Juden. Sie sind die reinsten Altruisten. Das ist das Gesicht, das sie den Juden zeigen, ln der gleichen Zeit aber, wo sie sich als die Friedfertigen und selbstlosen Volkstribunen geben, versuchen sie im Trüben zu fischen. Die Machtgier treibt sie und sie biedern sich der jeweils herrschenden Macht an. Vor Verleumdungen und Denunziationen schrecken sie nicht zurück. Das ist ihr tägliches Handwerkzeug in ihrem kläglichen politischen Konzept. Das war so in der Zeit, da der jüdische Staat von den römischen Legionen zertrümmert wurde, und so ist es bis heute geblieben. Wie sagte doch Rabbi Ben Akiba? „Alles ist' schon dagewesen.“ — Alles ist schon einmal dagewesen. Auch die Wiedererrichtung des jüdischen Staates. Wir saßen an den Strömen Babels und weinten, wenn wir an Zion dachten. Und endlich kam der Tag der Befreiung und der Rückkehr ins jüdische Land. Aber damals — so wie heute — gab es Schwierigkeiten und Ränke seitens der „Widersacher Judas und Benjamins“ und Sanballat und Tobia verhöhnten die Juden, die die Mauern Jerusalems wieder auf bauten, indem sie sagten: „Was machen die elenden Juden nur? Wollen sie die verbrannten Steine aus dem Schutthaufen wieder lebendig machen? Kommt nur ein Fuchs darüber, so reißt er die Mauer ein!“ Und als damals die Ammqniter und die Samaritaner und andere Fremde Jerusalem überfallen 'wollten, da bewaffnete Nehemia die Arbeiter und „viele arbeiteten mit der einen Hand, während die andere die Waffe hielt“. Auch heute droht der äußere Feind und unsere Samaritaner wollen sich an uns reiben. Wieder einmal arbeiten wir im Lande der Väter, in der einen Hand die Kelle, in der anderen Hand das Schioert. Wieder hat ein neues Kapitel der jüdischen Geschichte begonnen. Wiederum ist es nur ein Teil des Volkes, der die jüdische Fahne hochhält. Einmal war es Moses, der uns in das uns verheißene Land geleitete, gegen den Willen derer, die Sehnsucht hatten nach den Fleischtöpfen Ägyptens, einmal Esra und Nehemia, die Jerusalem wieder erbauten gegen den Willen der Halbjuden, und Schuld und Schicksal, es erkennt die politische Realität der geistig-sittlichen Mächte, es dringt von der Beobachtung der Geschichte a,us in die verborgensten Hintergründe des Lebens. Und eben diese Einwendung auf die Allgegenwart Gottes im konkreten Menschenschicksal ist wohl die stärkste Seite der hebräischen metaphysischen Begabung. Gerade dieses aber verkennt GliamiberiLain ganz und gar, wenn er den jüdischen Sinn für das Geschichtliche als Materialismus bezeichnet und ihn in Gegensatz zur arischen Geistigkeit rückt. Es handelt sich in Wirklichkeit keineswegs um Materialismus, sondern ganz im Gegenteil um die Vergeistigung des Materiellen, um die Einordnung des indischen Geschehens in die Gotteswelt. Was Europa auf dem Gebiete der sozialen Gerechtigkeit errungen hat, ist das Werk des jüdischen Gottes innerhalb der arischen Welt; der .hohe Prozentsatz der Juden in den modernen sozialen Bewegungen ist noch ein Reflex dieser gewaltigen Antriebe. In unserer Zeit des verblendeten Nationalismus wird völlig übersehen, daß in der höheren organischen Welt die Symbiose mit dem Fremden für die gesunde Entwicklung eines bestimmten Lebensgiang-es fast noch wichtiger ist als die Entfaltung der einmal waren es die „Eiferer“, die ihr Blut vergossen unter den römischen Schwertern, damit aus ihrem Blut neues jüdisches Leben im jüdischen Lande erstehen sollte. Tischa be’Aw. Am 9. Ab ging der zweite Tempel in Flammen auf und die Römer ließen Münzen prägen, die eine trauernde gefesselte Frau zeigten und die Inschrift: „Judaea capta — Judaea devicta.“ Das eroberte Judäa — das besiegte Judäa. Aber damals saß schön Jochanaan ben Sakkai im Lehrhaus von Jabneh und lehrte seinen Jüngern die Thora und in den ungezählten Juden, die in die römische Gefangenschaft geschleppt wurden, schlugen die tapferen Herzen Simon bar Gioras und Jochanaans von Giskala. ln dem Augenblick, wo die politische jüdische Nation von den Römern zerschmettert wurde, entstand die geistige Nation, unsichtbar zunächst, Minjahim und später Gemeinden bildend: Geknechtet und verhöhnt, auf die Scheiterhaufen geschleppt, durch die Assimilation entnervt, lebte sie dennoch. Und als sie geistig verflachte, Mischehen und Fahnenflucht das Ideal der „Friedfertigen“ und der „Besonnenen“ wurden, da kam wieder ein Jude, der die Fahne Juda Makkabis, Bar Kochbas und Ben Akibas hochhielt — Theodor Herzl und das jüdische Volk feiert dank ihm seien dritte Wiedergeburt; und wieder bekriegen uns Feinde von außen und Sanballate im Innern. Aber wenn wir in diesen Tagen der jüdischen Not in Erez Israel u$d in der Galuth gedenken und die Klagelieder des Jeremijahu lesen, schwellt uns doch Stolz das bedrückte Gemüt, stärkt uns troti allem das Gefühl, daß wir Zionisten und niemand sonst das Haus Israel erbauen. Heute, am neunten Ab, am Tage der nationalen Trauer, gedenken wir der Helden, die Jerusalem gegen eine ungeheure Übermacht verteidigten, gedenken wir der ungezählten Tausenden von Märtyrern, gedenken wir der zionistischen Märtyrer, gedenken Trumpeldors, Arlosoroffs und der Blutzeugen in unseren Tagen, die aufs neue künden, daß das jüdische Volk lebt und auf eigener Scholle in Freiheit leben will. Und wir glauben und wissen: Einmal kommt der Tag, ivo im jüdischen Lande das befreite jüdische Volk sich und der Menschheit zum Segen glücklich leben wird. Ägypter, Babylonier, Römer, Scheiterhaufen, jüdische Verräter, Nationalsozialismus? Wir leben und werden alle Feinde überleben, weil wir wollen und weil wir wissen, daß nach einem Wort unserer Weisen der neunte Ab, der Tag der größten Trauer, einmal der Tag der größten Freude sein wird..« Volk kann seine eigenen Probleme ohne solche Ergänzung und Erweiterung des eigenen Wesens lösen; die geschichtlichen Zusammengruppierungen und Symbiosen in Europa haben sich zweifellos aus tiefen Instinkten lind Gesundheitsgesetzen heraus geradezu pr.ovidentiell entwickelt — in Deutschland wird man das zu spät begreifen. . Das alles gilt nicht zum wenigsten auch für das jüdisch-arabische Problem; die maßgebenden arabischen Kreise haben es noch nicht begriffen, welche Hilfe ihnen von den jüdischen Einwanderern für alle ihre neuen Aufgaben kommen könnte — sie werden es begreifen, je mehr die Jndeu selber sich in ihre neuen Verantwortlichkeiten einleben. Es wurde hier hervorgedioben, daß die Behandlung der Juden durch das neue Deutschland das letzte logische Ergebnis einer fast hundert jährigen Abirrung des deutschen Geistes von seinen besten Traditionen ist. Diese Abirrung ist noch nicht an ihrem Ende. Sie kann noch riesige Verwirrung in der Welt stiften, die sich dann ' schließlich immer auch in irgend einer Form der Verfolgung des Judentums äußern wird; darum wird es von größter Bedeutung sein, daß die große jüdische Weltbewegung, die sich zur Verteidigung gegen jene Barberei und zur Fürsorge für seine Opfer organisiert bat, sich nicht bloß auf die Vertretung unmittelbar bedrohter jüdischer Interessen beschränkt, sondern sozusagen eine neue jüdische Außenpolitik von sehr weifcs ohauender Orientierung betreibt, das heißt also, ganz allgemein an diem Kampf gegen die Weltpolitik und die Weltpropaganda des deutschen Nationalsozialismus teilnimmt. Kann es etwa dem Judentum in der Welt gleichgültig sein, ob Hitler sich des europäischen Südostens bemächtigt? Dann würde doch dem Judentum des ganzen europäischen Südostens unfehlbar ein ähnliches Schicksal bereitet werden wie den deutschen Juden. Die jüdischen Hilfskassen würden zehnmal überlastet werden, das Problem der Unterbringung der Vertriebenen würde inmitten des gegenwärtigen Weltzustandes alle vorhandenen Kräfte und Möglichkeiten übersteigen. Es besteht für das gesamte Weltjudentum aller Anlaß, die' jüdische Außenpolitik in ganz neuer Weise an die Seite aller Bestrebungen zu bringen, die eine neue planmäßige Gegenwirkung und Aufklärung gegenüber dem hochorganisierten Vorgehen des Hdtlerschen Deutschland ins Auge fassen. Mir erscheint eine weit intensivere Aufklärung der öffentlichen Meinung der Welt über die wirklichen wnd unveränderlichen Ziele Eitiers und über die ganze Tragweite der südosteuropäischen Entwicklungen und ebenso eine organisierte literarische Gegenwirkung gegen die Hitlerei im Südosten als ein dringendes Gebot präventiver Politik, die der jüdischen Welt ungeheure Gelder und Verlegenheiten ersparen könnte. Wenn die eigentlichen Opfer des Hitlerismus sich dafür Dicht interessieren, wer soll es denn tun? Man sagt: „Wir haben nähere Aufgaben.“ Gewiß, es gibt sehr nahe und dringende Aufgaben. Aber bisweilen sind die weiterliegenden noch näher und dringender, weil sie mit der rechtzeitigen Verhinderung noch größeren und kostspieligeren Unheils zu tun haben. So wie man sagt, daß der Friede etwas Unteilbares ist, so ist auch die moralische und geistige Erkrankung unserer Zeit etwas Unteilbares und muß von allen, die sie erkennen und darunter leiden, in diesem Sinne bekämpft werden. Gewiß muß die besondere Not und dias besondere Unrecht bekämpft werden, zugleich aber müssen wir uns alle gesammelt gegen die großen Hauptfaktoren des Unheils wenden, die heute unsere gesamte Zivilisation bedrohen — sonst nützt alle Behamdlung der Einzelsymptome nichts, sondern alles wird eines Tages von einer einzigen großen Sturmwoge vernichtet. Palästina ist ein großes Ziel, seine Zukunft und seine Sicherheit aber ist — wie wir heute deutlich erkennen — doch aufs engste mit allen Problemen der allgemeinen Friedenssichemng, der europäischen Verständigung, der Eindämmung der deutschen Gefahr verknüpft. Kurz, das Judentum, das ausgeht, die jüdische Frage zu lösen, muß erkennen, daß gerade diese Frage keine bloße philantropische Frage oder Kolonialfrage ist. sondern mehr als alle anderen von dem Triumph der moralischen Mächte in der Ordnung der gesamten gegenwärtigen Wcltschwierigkeiten abhängt. in ihm liegenden Eigentendenzen. Kein Tag der Trauer — Tag der Hoffnung Von Dr. Oskar Grünbaum

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