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Die Stimme · 1936-07-21 · Heft 565 (21.7.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 565 (21.7.1936)
Date
1936-07-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 0» STIMM! Nt. 565 — Wien, Dienstag, 21. Juli 1986 Hör«/ Israel! Haifa, Mitte Juli. Wenn man auf der Landkarte Palästinas die Orte aufsucht, aus denen den letzten Pressenachrichten zufolge Überfälle auf Polizei und Militär erfolgt sind, so wird man feststellen, daß es zumeist jene Gegenden sind, in denen die Araber fast nichts von der jüdischen Konjunktur profitiert haben. Weder sind in diesen Gebieten Ländereien an Juden verkauft worden, noch konnten die Fellachen infolge mangelnder jüdischer Nachbarschaft Geld für Taglohnarbeit erhalten, noch konnten sie von den allgemeinen Kulturarbeiten, Assanierungen, Bewässerungen, Waldpflanzungen usw. irgend einen Nutzen haben. Es ist doch merkwürdig: Dort, wo Araber im täglichen Kontakt mit Juden waren, zeigen sie weder Angriffslust noch Raubgelüste; dort kocht die arabische Volksseele nicht. Und gerade dort, wo man von jüdischer Immigration nichts spürt, dort arbeiten die Terroristengruppen mit Erfolg. Die Überfälle werden zumeist von illegalen arabischen Einwanderern ausgeführt, allerdings mit stillschweigender, aber tatkräftigster Vorschubleistung und Unterstützung seitens der Dorfbevölkerung in einigen bergigen Distrikten. Das ist kein Volksaufstand, das ist nicht einmal ein Aufruhr, das sind kleine Gruppen von 4 bis 10 Leuten, die sich nach der Methode der mazedonischen Komitatschis irgendwo in den Hinterhalt legen und die vorbeifahrenden Autos plötzlich mit Gewehrfeuer überschütten. Diese Gruppen sind die ausführenden Organe einer arabischen nationalen Jungpartei, die Taten aufweisen, Erfolg erzielen will, um größeren Anhang im arabischen Lager selbst zu erhalten. Man macht in Nationalismus. Das tut unter der Jugend seine Wirkung. Man arbeitet mit Geld, das vom radikalsten Flügel der arabischen Parteien verteilt wird. Woher dieses Geld kommt? Min Allah. Es ist da und wird verteilt. Es ist das fünftemal, daß ich solche Unruhen in Palästina miterlebe. Jedesmal waren es andere Triebkräfte, andere Gründe und Ursachen, aber immer die gleichen Argumente und die gleichen Methoden. Im Gegensatz zu der allgemein herrschenden Meinung werte ich die plötzlich entstandene Unruhe mit den bekannten Aktionen, Streiks, Überfällen aus dem Hinterhalt, Terrorakten usw. nur als Generalprobe und wie ich glaube, als gelungene Generalprobe. Sie waren eigentlich mit ihren Vorbereitungen noch nicht fertig, aber das Beispiel Syriens und die unerwartete Gelegenheit, den Prestigeverlust Englands in Abessinien und Ägypten auszunützen so verlockend, daß man früher losschlug. Überraschend für die Leiter selbst, ging alles wie am Schnürchen. Sie haben einen ausgezeichneten Informations- und Spionagedienst, Hunderte von guten Propagandisten, gute Organisatoren des Terrors und der Feme, schlaue Politiker und eine primitive, leicht zu belügende Bevölkerungsschicht mit Urinstinkten vor sich. Wir sollen es uns für die Zukunft merken. Unsere Gegner lernen schnell und gründlich wie seinerzeit die Japaner. Als vor einem Jahre eine Waffensendung am Zollamte in Jaffa entdeckt wurde, da gab es in der arabischen Presse nach dem Prinzip „Haltet den Dieb“ einen Sturm der Entrüstung. Heute sieht die Mandatsregierung, wie gut die Araber bewaffnet sind. Daß sie bereits im Besitze von Gangstergewehren sind, die automatisch 75 Schuß abgeben, ist der beste Beweis, daß sie sich auf eine größere Auseinandersetzung vorbereiten. Mit weih? Nicht mit uns Juden. Wir sind eigentlich für die arabischen Demagogen nur ein Vorwand, um völlige „Unabhängigkeit“ zu erreichen. Das gibt auch die Erklärung für die sonst gänzlich unverständliche Haltung des Emirs Abdallah von Trans j ordanien und der Araber von Syrien und Ägypten. Diese würden ein unabhängiges, arabisches Palästina nicht gerne sehen und weil sie politisch klüger und vorsichtiger sind, und nebstbei auf die gute materielle Lage der palästinensischen Araber neidig, unterstützen sie diese Bewegung nicht, aus Angst vor einer Hegemonie der palästinensischen Araber in der arabischen Welt. Daß dem so ist, beweist der letzte Schritt unseres Mufti. Plötzlich hat er eine Bedrohung der religiösen Interessen der Mohammedaner, wohlgemerkt, der religiösen Interessen und nicht der wirtschaftlichen und politischen, erfunden, weil er damit hofft, auch die Masse der anderen Mohammedaner vor den politischen Wagen der palästinensischen Araber zu spannen. Die palästinensischen Araber sind aber echte Levantiner. Die wirkliche arabische Kultur kam von jenseits der Grenzen aus Damaskus und Ägypten. Dieser levantinische Zug zeigt sich seit 17 Jahren immer krasser. Der Advokat Samuel bezeichnete ihn ganz richtig als, Januskopf. Niemals waren die Araber Paj lästinas aufrichtig genug, das jüdische Naj tionalheim wirklich abzulehnen. Zu: angenehm waren die großen Vorteile beim Verkauf der Ländereien, bei Absatz der Landesprodukte, bei Ausnützung der Baukonjunktur, beim Vermieten der Wohnungen, Geschäftslokale und Magazine, zu günstig die Gelegenheit, die eigene Jugend bei Eisenbahn, Post und Telegraf, bei den Stadtverwaltungen und bei der Regierung in guten Stellungen unterzubringen. Für den jetzt führenden mohammedanischen, jungarabischen, radikalen Flügel aber geht die Entwicklung zu langsam; sie wollen „Tempo“ im Erreichen ihrer Ziele haben. Jetzt haben sie genügend Material. Die Straßenräuber und Banditen werden taxfrei zu Helden gestempelt, die durch eine englische Militärkugel Getöteten sind Märtyrer und die aufgewühlten Instinkte werden zur Stärkung der eigenen Position im arabischen Lager benützt. Außerdem hat man eine Gelegenheit, die „verläßlichen“ Dörfer, Gruppen und Personen von den für die „nationale“ Sache unverläßlichen zu trennen. Also eine Probemobilisierung der eigenen Kräfte, eine Manöverübung. Aber England weiß, woran es ist. Die auf Schwäche hinweisende Langmut und Geduld der Palästina-Regierung, dieses Zögern, Verhandeln, Warnen, Drohen, diese Befehle an Militär und Polizei, bei Zusammenstößen mit der Menge in die Luft zu schießen, ist keine Schwäche des Mandatars. Es ist unklug anzunehmen, daß die Regierung nicht genau von allem unterrichtet war, daß das Criminal Investigation Departement und der in- und ausländische Intelligence Service nicht funktioniert haben, oder daß die Mandatsregierung mit den vorhandenen Polizei- und Militärkräften die Unruhen am 17. April nicht hätte im Keime ersticken können. Sie wollte nicht. Angeblich, weil sie mit den Gefühlen von Millionen Mohammedanern außerhalb Palästinas rechnen mußte. An dieses Märchen glaubt kein Schuljunge in Palästina. Englands Zuwarten bei Risiko eines weiteren Prestigeverlustes im nahen Orient kann verschiedene Gründe haben. Vielleicht will England eine Begründung für ein erhöhtes Truppenkontingent in Palästina und läßt zu diesem Zweck die Araber frech und frecher werden. Vielleicht will die Regierung Palästinas die Demaskierung der wirklichen arabischen Kräfte provozieren und die wirklichen Absichten der Bewegung wissen, vielleicht braucht es die Unruhen, um eine neue Interpretation der Ba'lf our-D eklaration begründen au können, vielleicht alles zusammen, wer kann es wissen? Für uns Juden aber ist eines sicher: Es handelt sich um die Bedrohung der wichtigsten englischen Position im Mittelmeer, nicht um die jüdische, für das Land so segenbringende jüdische Immigration oder um den Landkauf. Das Interesse Englands erfordert das Erhalten einer Militärmacht von 20.000 Mann in Palästina zum Schutze der Mossul öilinie, des Hafens von Haifa und des Weges nach Akaba (östlicher Schutz des Suezkanals). Darum ist die Parole unserer Führer, keine Vergeltungsmaßreg e 1 n zu ergreifen, unsere unschuldig Ermordeten nicht zu rächen, sondern ruhig weiter zu arbeiten, die momentan einzig richtige gewesen, die in bewunderungswürdiger Einhelligkeit vom ganzen Jisohuw befolgt wurde. Wir erkennen die Fehler der arabischen Aktion, werden uns aber hüten, sie in Presseartdkeln zu verlautbaren. Wir haben entschieden die stärkeren Nerven und wollen weder taktische noch politische Fehler ‘begehen. Wir gehen aiuf Wache und haben sogar den Mut, uns durch scheinbare Zaghaftigkeit unpopulär zu machen. Wir hoffen, daß Großbritannien schließlich doch gegen die Terroristen siegen und seine Interessen schützen wird. Wir glauben nicht, daß die Mörder unserer Toten die verdienten Strafen erhalten werden, wir kennen bereits das System der Milde, der mildernden Umstände der Kommissionen und der Amnestien. Wir erwarten nichts von der kommenden Kommission, die beiden Bevölkerungsteilen „gerecht“ werden soll. Es kann sein, daß wir sogar einige politische Vorteile ernten werden, nicht so sehr als Belohnung für unsere „Bravheit“ oder als Strafe für die Araber, sondern vielmehr, weil es den Interessen Englands dienlich sein wird. AJber — Fortschritt im Ausbau unseres nationalen Heims erwarten wir nur von unserer eigenen Kraft, von der eigenen Arbeit und Anstrengung, von der Beharrlichkeit und Ausdauer des jüdischen Volkes und seiner Führer und von der materiellen Hilfe, die wir vom jüdischen Volke in der Galuth erhalten werden. Werdet ihr uns verlassen, dann wird es böse werden. Nur dann wird unsere Pflichterfüllung und unser Einsatz von Leben und Eigentum Sinn und Wert gehabt haben, wenn ihr uns mit eueren Kräften bis zum Äußersten unterstützt. Wir brauchen tüchtige Menschen und Geld. Geld für verschiedene Zwecke: Namentlich für die Fonds, für die jüdischen Flüchtlinge, für die Wiedergutmachung der Schäden, für die Bewachung jüdischen Eigentums, für den Informationsdienst, für den Wiener Kibbuz, für den Ankauf von Wachhunden, für Verbesserung der sanitären Verhältnisse, wir brauchen Geld für produktive Zwecke, für Erhaltung und Sicherung des Bestehenden und für wichtige Neuanschaffungen. Ein in diesen Tagen affichiertes, sehr gelungenes Plakat des Keren Kajemeth zeigt einen abgebrochenen Baum und unten sieben neu gepflanzte junge Bäume. Das wird die Antwort des Jischiwu sein: Sieben Bäume werden wir für jeden vernichteten Baum pflanzen. Das jüdische Volk möge 100.000 Pfund für jeden unserer Toten nach Erez Israel werfen. Wir haben heute am Jahrestage Theodor Herzls das 44. Tatenopfer. Spontan und schmoll sollen die Sammlungen gemacht werden. Machet Sammlungen statt Versammlungen. Euer freiwilliges Geldopfer wird im Koionialraanisterium mehr Eindruck machen als eure billigen Proteste. Bedenket, wir müssen die Positionen halten für eure Kinder, für eure Enkelkinder, für das ganze jüdische Volk. Wollt ihr eure Pflicht vernachlässigen, vom J.ißclmw in Erez Israel aber Pflichterfüllung bis zum Äußersten verlangen? Sch’mah Israel! Das sind die letzten Worte jedes zum Tode Verwundeten, der im Spital der Badassah sein Leben aiushaucht. Also: Höre, Israel!! G... tib. NaHum Sokolow: KOWED 'Aus dem 1. Band seiner „Ausgewählten Schriften“» Warschau 1912, übersetzt von Dt. Helene Sokolow. Von Reb Schlojme Halperin wurde schon längst in der Stadt -erzählt, daß es schlecht , um ihn bestellt sei. Zwar hatte er nie ein großes Vermögen besessen, aber er machte stets gute Geschäfte. Nur seine letzten Geschäfte waren ihm nicht geglückt. An dem Getreide, das er fürs Militär geliefert, hatte er Geld zugelegt. Auch bei dem Kasernenbau ging es nicht besser. Und bei der Eisenbahnunternehmung hatte er weder zugelegt noch verdient. Den Leuten gegenüber ließ Reb Schlojme Halperin Bich aber nichts merken, und er gab sich immer noch für den reichen Mann aus. In der Synagoge, auf der Straße und in seinem Hause benahm er sich ganz wie früher. In der Stadt jedoch munkelte man immer mehr davon, daß das Messer Reb Schlojme bereits an der Kehle eitze. Nut manche glaubten, daß dort, wo einmal Reichtum gewesen sei, sich noch lange von den Resten zehren ließe. Aber bei Reb Schlojme Halperin gingen auch die Reste bereite zu Ende. Reb Schlojme Halperin zahlte aber noch wie in den guten Zeiten seinen Gemeindebeitrag, auch Almosen verteilte er noch wie ein reicher Mann. Einmal wurde im Bet haus zu einem wohltätigen Zweck Geld gesammelt, und man verabredete untereinander, Reb Schlojme bei dieser Sammlung zu verschonen. Er traf aber den Geldsammler auf der Straße und hielt ihn mit fester Stimme an: „Weshalb habt Ihr mich vergessen?* Der Angeredete wurde rot und blaß vor Verlegenheit und stammelte einige unverständliche Wort«« Bald danach kam er aber mit noch einem anderen Manne zu Reb Schlojme Halperin und holte sich von ihm eine reiche Gabe. . So ließ Reb Schlojme in seinem Stolze nicht nach, und er zwang die Leute im Städtchen, ihn auch weiterhin als den reichen und vornehmen Mann zu betrachten. Einmal kamen Leute zu Reb Schlojme, um für eine dringende Sache zu sammeln. Jeruchom, der Synagogendiener, behauptete, ganz bestimmt gesehen zu haben, wie eine Magd mit zwei silbernen Leuchtern sich durch die Hintertreppe aus dem Hause heimlich zum Pfandleiher schlich. Sie kam ohne die silbernen Leuchter zurück, und bald danach verließen die Geldsammler das Haus. Jeruchom erzählte es den Leuten im Beth-Hamidrasch hinter dem Ofen wieder, und der Schadchen fügte hinzu, er wisse ganz genau, daß bei Reb Schlojme Halperin zu Hause schon lange kein Fleisch mehr gegessen werde. Fleisch gäbe es nur noch, wenn Gäste da wären. Jakob Sohmul, der Makler, lachte ihn aber aus: „Du bist wohl dumm! Bei Reb Schlojme ißt man kein Fleisch mehr? Mag es richtig sein, daß seine Geschäfte etwas verwickelt sind, aber zu Fleisch wird es immer noch reichen. Ich wünschte, wir hätten so viel wie er.“ Jakob Schmul ahnte aber nicht, daß er mit seinen Worten keinen Segen auf sich heraufbeschwor, denn Reb Schlojme Halperin aß nicht nur kein Fleisch mehr, er hungerte ganz einfach. Reb Schlojme einigte sich mit seinen Gläubigem und versprach ihnen, einen kleinen Teil der Schuld zu bezahlen. Er brachte jedoch nicht einmal den versprochenen kleinen Teil mehr auf. Da schloß Reb Schlojme Halperin einen Vergleich mit dem Hunger. Ein starker Esser war Reb Schlojme nie gewesen, aber er aß manche Sachen gern. Wenig und gut — das war sein Prinzip. Mit dem Rauchen und Trinken verhielt es sich ebenso. Die Zigarre, die er rauchte, mußte von der besten Sorte sein. Der Keller in seinem Hause war stets mit Wein gefüllt. Trank er einmal, so mußte es auch der feinste Wein sein, besonders wenn Reb Schlojme Gäste bei sich bewirtete. Seit dreißig Jahren pflegte Reb Schlojme mit seiner Familie in die Sommerfrische zu fahren, und es fiel ihm schwer, diesmal darauf zu verzichten. Den Leuten sagte er aber, die Ärzte hätten ihm in diesem Jahre von einer Sommerwohnung abgeraten. In der Tat verhielt es sich aber anders — die Ärzte hatten ihm gerade in diesem Jahre den Aufenthalt auf dem Lande empfohlen, denn seine Gesundheit wurde in der letzten Zeit hinfällig. Sein Anzug war stets sauber und anständig, man merkte ihm aber das häufige Bürsten an. Die Not drang in sein Haus von allen Seiten ein und machte sich überall heimisch — auf den Gesichtem, auf den Kleidern, Möbeln und Geräten. Reb Schlojme Halperina stolz-e Haltung gab aber in nichts nach; In allen Gem'eindesacben behielt er den Vorrang, auch in der Stadt behauptete er seine Stellung. Er war noch immer der reiche, vornehme Mann, obwohl er keinen Pfennig mehr sein eigen nannte. Er war es ja auch früher nicht nur mit der Tasche allein, sondern es war vornehm der ganze Mann, vom Scheitel bis zur Sohle. Und das mußte er auch bis an sein Ende bleiben. Den „Kowed“, seine Ehre, die Achtung der Leute, gibt er nicht her. An das andere mochte er nicht denken. Geschäfte könne es einmal schlechte und ein anderes Mal wiederum gute geben. Es ginge aber keinen an, was er in seinem Hause treibe und wie er äße. Gäste zu Sabbat solle man ihm nur schicken, die seien ihm stets willkommen. Sollte man aber ihm keine Gäste zum Sabbat zuschicken, so würde er den Rücksichtsvollen gründlich seine Meinung sagen, und man würde ihn schon mit seinem Mitleid verschonen. Respekt verlangt er von den Leutenl Reb Schlojme Halperin lebt noch! Er ist zwar nach allen Seiten Geld schuldig, aber niemand wird ja für ihn die Schulden zahlen. Mit Gottec Hilfe wird er es selber tun. Das Haus ist beliehen, die Möbel verpfändet, das Gerät versetzt, es fehlt in der Wohnung das Notwendigste — aber nach außenhin, vor den Leuten muß die Würde gewahrt werden! Das Pessachfest rückte heran, und es begann das Sammeln für Mehl und Mazzoa. Reb Schlojmes Beitrag zu diesem Zwecke pflegte stets sehr groß zu sein, und außerdem verteilte er noch auf eigene Rechnung Mehl unter die Armen. Auch üeß er jedes Jahr selbst für Arme Mazzos backen. In den letzten Jahren mußte er zwar darauf verzichten, aber sein Gemeindebeitrag zu Peßach blieb ebenso hooh wie in alten Zeiten. Als die Geldsummier zu Schlojme Halperin kamen, empfing er sie liebenswürdig und würdevoll: „Ja, ja, Mazzomehl, Mehl, eine gute Tat, ja, ja.“ Er ließ sie dann für eine Weile allein zurück und verschwand im Nebenzimmer. Ein von Seufzern unterbrochenes Geflüster drang zu den Wartenden herüber. Dann trat Reb Schlojme wieder ins Zimmer, auf den Lippen ein gezwungenes Lächeln: „Nehmt es mir nicht übel, aber ich habe kein Kleingeld zu Hause. Ich wußte nicht, daß ihr kommt. Ich werde es euch morgen zuschicken .. Die Männer nickten austimmend. „Ja, ja, gewiß“ — und sie gingen. Frühmorgens am nächsten Tage schlug der Synagogendiener nur zweimal überall an die Fensterläden: „Reb Sohlojme Halperin ist gestorben!“ Jakob Schmul, der Makler, der In weltlichen Dingen Bescheid wußte, sagte im Beth-Hamldrasch hinter dem Ofen: „Reb Schlojme ist gewiß an Herzschlag gestorben. Das kommt bei reichen Leuten oft xor.“

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