Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 562 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 OIE STIMME Nr. 562 — Wien, Freitag, 10. Juli 1036 CH. N. BIALIKS TODESTAG Am 21. Tamus jährl sich zum zweitenmal der Todestag des Dichters Ch. Von Dr. David Rolßblum Als ßialik die Augen schloß, war die Trauer um seinen Tod ungewöhnlich. Kreise, denen sein geschriebenes Wort geleuchtet hatte, das gesprochene, erklungen war, fanden überhaupt keinen Trost. Aber auch die seine Werke nicht gelesen, seinen Worten nicht gelauscht haben, waren in weiten und weitesten Fernen wie von einem Elementarereignis, das unabwendbares Unheil stiftet, erfaßt, als sie die Trauernachricht ereilte. Ganz Palästina weinte. Dort war ein Schmerz ausgebrochen, der in einer solchen Breite und Tiefe in dem neuen Jischuw noch nicht wahrgenommen wurde. Tn den Nachrufen, in welchen Männer des Wortes und der Feder dem Unglück der Nation Ausdruck verliehen, -wurde der Versuch unternommen, die Massenwirkung, die des großen Dichters Tod auslöste, zu erklären. Er war — hob man hervor — beschwingter Poet, Sprachenerneuerer, gewaltig im Ausdruck und Vision, Erzähler und Essayist, Schöpfer ewiger Gedanken, Retter der Agadah, Heber von geistigen Schätzen alten undältesten Schrifttums aus der Versenkung, Erklärer 'und Deuter, Vater von bleibenden Einrichtungen, Redner von unfehlbarer Überzeugungskraft, Kenner der Psyche dev Nation von unvordenklichen Zeiten her, Prophet mit einer an Ezechiel grenzenden Phantasie und einer an Jesaias gemahnenden Gewalt des Wortes. Dann kamen Schilderungen seiner Persönlichkeit. Er war hilfreich, edel und gut. ein feiner Freund und Berater, ein Helfer und Führer junger Talente, ein demütiger Mensch und stolzer Jude. Für sich ein Gottergebener, für sein Volk ein Himmelstürmer. In Zeiten, in denen er Not gelitten, kam keine Klage über seine Lippen. Er trug sein Gottesgnadjentum nicht wie eine Krone, er trug es wie ein Schicksal. Sein Leben war von innerer Schönheit, sein Erdengang ein Symbol der Demut. Ein Jahr war vergangen und die Literatur kam zu Wort. Schriftsteller von Ruf und Bedeutung, jeder nach seinem Fach und seiner Disziplin, unterzogen Bialiks Werke einer analytischen Kritik. Da fiel etwas auf, sprang ins Auge. Das war das Verhältnis zu den Schöpfungen des Meisters. Es war ein Verhältnis j grenzenloser Verehrung, leddenschaft-' licher Liebe. Jeder Vers, jedes Wort wurde geliebkost. Wie wenn ein Kenner einen Edelstein bewundert, sich an seiner Farbe, Reinheit, Glanz, an seinem Schliff nicht satt sehen kann. Oh, diese Klarheit, dieses Licht! Diese Sternchen und Facetten! Für jeden Gedanken wurden Assoziationen in der alten Literatur, angefangen von den* Bibel bis zum jüngsten Midrasch, gesucht und gefunden. Die Syntax wurden bewundert und auf verborgene, in vergilbten, längst vergessenen Folianten schlummernde Parallelstellen zurückgeführt. Und das gilt nicht bloß von der „Feuerrolle“, welche Bialik für seine größte Schöpfung hielt und die Deutungen von zahllosen Gesichtspunkten zuläßt, sondern schon von seinem ersten Gedicht „An den Vogel“, das der feinsinnige Börnste in, der Bialik im Leben nahestand, einer liebevollen, tief empfundenen und geistreichen Besprechung erst in der letzten Zeit unterzogen hat. Nun sind zwei Jahre seit dem Tode des Dichters verflossen. Ein solcher Zeitraum hat noch immer für den Schmerz der Massen Verjährung bedeutet. Bagt doch sogar die Heilige Schrift, das Volk sei wie Gras, das rasch verwelkt. Da zeigte sich das Wunderbare. Das Volk hat ihn nicht vergessen. Palästina hat seiner gerade im letzten Jahr, in den letzte MojQ&te mit begofiteSE gedacht. Die Selmsucht nach ihm ist groß, wird immer größer. Sein Abgang wird immer fühlbarer, er fehlt überall. Man glaubt, wenn er noch am Leben wäre, das erlösende Wort würde da vielleicht fallen. Vielleicht wäre er dein Volke in der Heimat eine Feuersäule in diesen ‘dunklen Tagen. Vielleicht hätte sein klares Auge, sein göttlicher Geist den verborgenen Ausweg aus der Wirrnis entdeckt. Diese tiefste Verbundenheit des Volkes in der Heimat mit der Persönlichkeit Bialiks kann doch nur eine einzige Erklärung finden. Diese Erklärung kann heute, zwei Jahre nach dem Tode des großen Nationaldichters nur geahnt, empfunden und angedeutet werden. Begründen, genau analysieren, breit verständlich machen, wird man sie erst in Jahrzehnten, vielleicht noch später, können. Wenn Generationen erstehen, die unser verzweifeltes Ringen, unsere Not, unser zerrissenes Leben und Streben mit abgeklärtem Auge seihen und verstehen werden. Bialik hat am lebendigen Leben des jüdischen Volkes mitgewirkt. Vielleicht hat er es sogar dort, wo er mit ihm in Berührung kam, selbst lebendig und sinngebend gestaltet. Nicht für den Augenblick, sondern für die Ewigkeit. Er hat überall das Judentum, wo es unter der Schwelle des Bewußtseins schlummerte, geweckt. Er hat' die tote Tradition wieder zum Leben gebracht. Die Literatur war bis zu seinem Eintritt Forschungsgebiet. Er hat sie aktuell gemacht. Was war die Agadah vor der Verkündung seines „Kinus“-Gedankens? Merk wort für eine Predigt, Heute ist sie in Palästina lebendiger Stoff eines fortgesetzten Lebens, Tummelplatz kindlicher Unterhaltung und gelehrter Erklärung zugleich. In Odessa und Warschau hatte er ein Forum für alte und junge Schriftsteller geschaffen. Aus diesem Gefühle, Lebensdränge heraus hat er die hebräische Sprache redend, wahr, deutlich lind klar und reich gemacht. Deswegen konnte er, nur er, der Lebendigste seines Volkes, dieser halbtoten Sprache, als was sie bestenfalls in der Welt angesehen war, immer wiederum neue ungeahnte Schätze erschürfen. Alle seine Werke atmen, leben, daher die so vielfältige und häufige Vertonung seiner Verse. Dieses Streben nach Leben kam erst in Palästina zur höchsten Entfaltung. Dort wurde seine innere, stoßende, nach Befreiung ringende Kraft erlöst. Er stürzte sich ins Leben und riß die anderen mit. Er schuf Lebendiges und Bleibendes auf allen Gebieten der nationalen Erneuerung. Er wurde von allen nationalen Instituten sozusagen angefordert. Vom Nationalfonds, Gründlingsfonds, der Universität, ja sogar von charitativen Vereinigungen, weil er überallhin Aktualität und Frische brachte. So kam es, daß alles, was lebendig werden wollte, nach ihm die Hand ausgestreckt hat. Denn er war die Inkarnation nationalen Lebens. Dazu befähigte ihn nebst seinen göttlichen Eigenschaften die reale Klugheit, die abgeklärte Weisheit, die sich so wunderbar m.it der zeitweise ausbrechenden Rebellion seines Genies vertragen hat. Die Stadtverwaltung von Tel-Aviv holte gerade so seinen Rat ein wie die Habimah, das Rabbinat, die Schule, die Turnerschaft, die Kolonien, die Hauserbauer, Orangeriebesitzer und in erster Reihe natürlich die geistigen Arbeiter. Die Kinder auf der Straße kannten ihn, grüßten ihn, küßten seine Hände. Er hat den Sabbath selbst den Ungläubigen in der Heimat wiedergegeben. Der Karneval wurde nach seinen Ratschlägen arrangiert. Er ist in Palästina ein Lebenssymbol geworden. So wurde er zum Vater des Jiscliuw. Und die Erinnerung an einen verstorbenen Vater steigt um so liebevoller, um so schmerzlicher bei den verwaisten Kindern auf, als sie seines Rates, seines tröstenden Wortes gerade in einer Stunde entbehren müssen, in der sie ihrer .so dringend bedürfen. In dieser Richtung ist die Lösung des Rätsels von der großen Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Chaim Nachman Bialik zu suchen. Diese Sehnsucht wird noch lange ungestillt bleiben, bis sie sich in ein reines pietätvolles Gedenken wandeln wird. Zum Einsammeln der Aggada Bruchstücke aus einem Essay von Ch. N. Bialik Die schriftlich niedergeiegte hebräische Aggada ist die wesentlichste Literaturform, die viele Jahrhunderte hindurch in der jüdischen Nation die Welt der freien Schöpfung des Volkes sowohl wie der Einzelnen beherrscht hat. Ihrem Wesen nach ist die Aggada keine zufällige und vorübergehende literarische Erscheinung, sondern die klassische Schöpfung unseres Volksgeistes, eine Schöpfung, die Früchte bringt zu ihrer Zeit und deren Stammgut bleibt für alle Geschlechter. In ihrer Hauptsache und im großen Ganzen ist sie fürwahr eine der größten Offenbarungen des Geistes der Nation und ihrer einzelnen Menschen. Wie viele Geschlechter und Individuen haben bewußt oder unbewußt ihre hervorragende Schöpferkraft und den ganzen Reichtum ihres Geistes in sie versenkt; wie viele Geschlechter haben sich mit ihrem Aufbau und ihrer Ausgestaltung gemüht, bis sie zu einer reichen Welt für sich wurde, einer wunderbaren und einzig dastehenden Welt mit ihrer besonderen Anmut und Schönheit; in einer solchen Schöpfung wird notwendig viel Unvergängliches und Ewiges sein, das bestehen bleiben muß so wie es ist, in seinem Bild und in seiner Gestalt, als Musterschöpfung für ewige Zeiten. Ihrem Inhalt nach enthält die Aggada vieles von den Ansichten des Volkes und w statorn Meuftdue» üJbar die jiidi&chß Nation und ihre nationalen Schöpfungen, über ihr ewiges und ihr zeitliches Leben, über ihre Schicksale in Vergangenheit und Zuikuinft, über die Großen des Volkes, ihr Erleben und ihre Taten, ihren Wandel und ihre Eigenschaften, über den Menschen und die Welt, über Wissen und Glauben, über Lebensweisheit und Weltgeheimriis (oder die ewigen Fragen, wie inan jetzt zu sagen pflegt), über das „Erdenreich“ und das „Himmelreich“ u. a. m. Kurz, es gibt auf dem Gebiet des Gefühls und des Gedankens (natürlich soweit Einsicht und Phantasie in jener Zeit gelangten) nichts, womit sich nicht irgendwie die Aggada befaßt hätte. Was die Form betrifft, so fanden in die Aggada fast alle literarischen Gattungen Eingang, die auf den genannten Gebieten in jener Zeit unter den Juden im Schwange waren: Geschichten und Gespräche, Gemälde der Wirklichkeit und der Phantasie, Vortrüge und Aufsätze, Fabeln und Anekdoten, religiöse und profane Lyrik, Aufschneidereien, Scherze und Schwänke, Epigramme und Rätsel usw. Der Stil der Aggada ist, natürlich in ihren erlesensten Proben, gleichfalls zu großer Vollkommenheit gelangt. Es ist ein klarer und einfacher, leichter und flüssiger Stil, ein Stil des Behagens und der schrankenlosen Weite. Er hat viel von der Bestimmtheit unjd öeiBÄujskelli syofic L'iteratursp rache, viel von der verhaltenen, treuen, inneren Wärme der Sprache des Herzens, viel von der Bildhaftigkeit und der Hyperbolik der Volksphantasio und viel von der Prägnanz und Schärfe der Sprache der Gelehrten und. der Volkssprache. In’ einigen alten Teilen der Aggada (in den Misehnajoth und Baraithoth) ist auch noch viel von der Vitalität und Jugendfriische einer wahrhaften Volkssprache aufbewahrt; dieser Sprache Erdgeruch ist noch nicht ganz verweht, das Band der Natur bindet sie noch immer irgendwie an ihr Volk und das Volk an sie. Wer also die jüdische Nation in all diesen! ihren Wesensseiten kennen lernen will, wird, ob er nun will oder nicht, zur Aggada gehen. Dieses Literaturgebiet ist quantitativ; und qualitativ bedeutend, reich an Formen und Farben; es ist eine dem jüdischen Volke eigene Kostbarkeit, in die sich mehrere Jahrhunderte naoh dem Abschluß des Kanons der Geist des jüdischen Volkes und seine Schöpferkraft auf eine so besondere! Art und in einer originellen Weise gehüllt hat, daß sie in den folgenden Geschlechtern nicht ihresgleichen hat. Durch die Aggada tritt der Mensch, in das Haus des wahren Lebens der jüdischen Nation ein und lebt im Anschauen ihres Allerheiligsten. Er lernt den Herrn der Nation kennen und bückt auf ihre Welt, so wie sie ist, mit ihrer Ordnung und Richtung, mit dean Licht und der Luft, die ihr eigen sind, so wie sie aufgebaut und eingerichtet ist im Herzen der ganzen Nation, vom Kleinsten bis zum Größten. Denn diie Aggada ist in ihrer Gesamtheit nicht Besitztum Einzelner, sondern gemeinsames Gebilde des ganzen Volkes und alle sind an der Erschaffung ihrer Welt beteiligt. Es gibt natürlich in der Aggada auch viel Nebensächliches und Zufälliges, aber das macht wenig aus. Auf jedem Gebiet der literarischen Schöpfung wird zur Zeit, da es die Herrschaft hat, ein Plätzchen auch den Mittelmäßigen eingeräumt und denen, deren Talent gering ist, der Schar der Nachahmer und Wortejäger, deren Geistosfrtichte vielleicht für ihre Zeit einen Wert haben (und darum erwähnen wir sie lobend), aber deren Wert für dio Nachwelt gering ist. Und niemals kommt das Wesentliche, das in der Schöpfung lobt, ohne das Nebensächliche. Auch der Baum hat einen Stamm, der bestehen bleibt, Früchte, die verzehrt werden, und Blätter, dio abfallen.. Das Erlesenste und Vorzüglichste in dor Aggada — das ist ihr bleibender Stamm, ein Stamm, an dien ein jedes Geschlecht einen neuen Jahresring angesetzt hat; es ist der unvergängliche Teil darin, der nicht zu ewigem Verborgensein verdammt ist, sondern wie ein Majorat von einem Geschlecht zuin andern und von den Vätern auf die Söhne übergeht und ihnen Besitz wird. Und weil die Aggada zu ihrer Zeit; von Vätern und Söhnen mit besonderer Liebe geiaht Man eich sTändig wate