Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 562 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5R2 — Wien, Freitag, 10. Juli 19% Dil STIMM! Seit« 5 Richard Beer-Hofmann A m 11. Juli wird der Dichter 7Q Jahre alt „Wir sind erwählt!' Gedanken zu einem Thema Richard Beer*Mofmanns Von Dr. Alfred Werner In eitlem Aufsatz zum Gedächtnis Chaim Naohman B i a 1 i k s (Sommer 1934) gibt Martin Bub er eine Legiem.de aus dem Talmud wieder, die Aufschluß über Dinge zu geben scheint, die Nichtkundngen bisher dunkel gewesen sind: An der Leiter, die auf die Erde gestellt ist und deren Haupt an den Himmel rührt, sieht Jaakob „Boten Gottes“ aufsteigen, niederschreiten. Diese Boten sind die himmlischen „Völkerfürsten“, jeder der Schirmherr einer Nation. Ihr Auf- und Niedersteigen ist der Gang der Völker durch die Geschichte, deren Auf- und Niederstieg. So schaut Jaakob den Fürsten Babylons, den Fürsten Mediens, den Fürsten Griechenlands, den Fürsten Roms auf- und niedersteigen. Da ruft er Gott zu: „Wie es für diese einen Abstieg gibt, so würde es auch für mich einen Abstieg geben.“ Gott antwortet ihm mit der großen Ermutigung: „Wenn du aufsteigst, wird es für dich keinen Nioderstieg geben.“ Jaakob aber glaubt «nicht und steigt nicht auf. Nun redet Gott ihm zu: „Da du nicht geglaubt hast, werden deine Kinder den Reichen dieser Völker verknechtet sein.“ Verstört fragt Jaakob „Soll das für Weltzeit gelten?“ Da spricht der erbarmende Gott ihm die jeremianisohe Tröstung (Jer. 30, 10): „Fürchte dich nimmer, mein Knecht Jisroel, laß dich nimmer bestürzen! Denn, wohlan, ich befreie dich fernher, aus ihrer Gefangenschaft Land den Deinen.“ Nun folgt auf den jeremianischen Spruch eine merkwürdige Aufzählung: „Aus Babylon umid Medien, aus Griechenland und Rom, aus Gallien und Spanien und ihren Nachbarländern.“ Danach setzt die propbe tische Verheißung wieder ein: „Dann kehrt Jaakob heim und ist still und ist sorglos und keiner scheucht ihn auf. Denn ich bin bei dir, dich zu befrein.“ Und die Gottesrede schließt mit dem unüberbietbar deutlichen Wort: „Züchtigen nur will ich dich, um dich m läutern von deinen Verfehlungen.“ Ist es nicht, als würfe dieser Midrasch ein Btrahlenbündel in das unentwirrbare Tiefldunkel der Gesetzhaftigkeit jüdischer Geschichte, und als fiele einer der Lichtstrahlen auch auf das Lebenswerk Richard Beer- Hofmanns? So gibt es auch eine — die Stelle in „JaakobsTraum“, die gleich sam alles Licht auffängt und weiterspiegelt in die fernste Zukunft. Als der Erzengel Jaakob die Äuserwähltheit verheißen, Sa mael, der gefallene Engel, den Jüngling vor dem Geschenke warnt und in düsteren Farben das Erdenschicksal malt, das ihn erwarten würde — als die Engel dem Widersacher empört ein „Du lügst!“ entgegenßchleudern, dringt hell die milde Stimme Gottes, klar und ruhig, durch das Tosen, das vor ihr verstummt: „Wahr ist Sannaels Wort! Wenn andere, kniend, zuan Erbarmer flehen, Üb’ ich Erbarmen — wie der Herr am Knecht! Doch du — sollst aufrecht vor dem Vater ßtehen, Erbarmen — weig’re iohl Fordere du — dein Recht! Um meinen Namen magst du Un-Erhörtes dulden — Doch, noch in Martern, fühl’, daß ach dich nie verwarf! loh will ja nur — mein Sohn — mich dir so tief verschulden, Daß ich — zur Sühne — mich erhöh’n vor allen darf!“ Diese letzten Zeilen lassen uns keinen Augenblick darüber im Zweifel, worin für Beer-Hofmann die von der Bibel verheißene Äuserwähltheit Israels besteht: In einer unvergleichlich harten Erziehung, die Gott diesem Stamme zuteil werden ließ — zum Heil derVölker. Darüber heißt es im „Kusari“ des spanisch-jüdischen Dichters und Religionsphilosophen Je hu da Halevi: „So ist die Beziehung Gott zu uns, wie das Verhältnis der Seele zum Herzen — und in diesem Sinne hat der Prophet gesagt: ,Nur euch habe ich erwählt von allen Geschlechtern der Erde, darum werde ich au emch ahbde& alle eure Sünden.1 ... Die Leiden, die uns treffen, tragen dazu bed, unsere Lehre zu befestigen, uns zu läutern und die Schlacken von uns auszuscheiden; durch unsere Läuterung und sittliche Vervollkommnung ruht der göttliche Geist auf der Welt... Im Sinne dieser Vervollkommnung wurde das Gebet eingeführt: ,Verbreite, Ewiger, unser Gott, die Furcht vor dir über alle deine Geschöpfe* und zum Schluß: ,Die Frommen mögen es sehen und sich darüber freuen.* “ Kein Zweifel dürfte darüber bestehen, daß das Paahnenwort von der Äuserwähltheit Israels nicht im hochmütigen Sinne von uns angewendet werden darf, daß diese Erwählung uns nur Pflichten auferlegt, aber uns keine bevorzugte Stellung gewährt. „Nur euch habe ich erwählt von allen Geschlechtern der Erde, darum werde ich an euch ahnden alle eure Stindeta“, sagt der Prophet Arnos. Wie hätte Israel die tausendjährigen Leiden ertragen können ohne das Bewußtsein, sie demütig als Strafe für die Vernachlässigung seines geschichtlichen Berufs hinnehmen zu müssen?! Was ist die ununterbochene, unzerreißbare Kette von Propheten, Sehern, Denkern, Dichtern, Träumern, von den ältesten Zeiten bis in unsere Gegenwart anderes als ein Zeugnis dafür, daß die Aufgabe Israels, den Völkern Gottesfurcht und 'Sinn für irdische Gerechtigkeit einzupflanzen, noch längst nicht beendet ist... Aber nur den Wenigsten ist der Sinn vom Traume Jaakobs in Fleisch und Blut übergegangen — die Mehrzahl derer vom Stamme Israel denkt darüber immer noch in den Denkformen, die es den anderen Stämmen entliehen, darin gleich den Mannen Davids, die, voll Dünkels und Überhebung, die sittliche Größe der Erscheinung ihres Mitstreiters nicht ahnen („Der junge David“) Zornig wendet David sich gegen dieses Mißverstehen: „ ,Die Grenzen weiten* und .Tribut* erpressen ,Fuß auf den Nacken setzen* — ,starker Herr sein* — An Prunk besaufen sich — die Brunst eich kitzeln Pfui! — Sklaven träumen so! Was sich im Tiefsten Herr weiß und frei, träumt — noch an Ketten — anders!“ Ein besseres, reineres Geschleoht ersehnt sich David, will er sich heranziehen: „Eins, das nicht froh wird, wenn es Quai ringsum weiß — Nicht atmen kann, wenn Fron daneben keucht Das nicht nach Herrschaft giert — sieh nicht verwirft An Glanz und Macht!11, („Knabe, verschenk dich nicht an Glanz und Macht und Herrlichkeit!“ hatte Saraael Jaakob gewarnt!)1 Und als einer zornig einwirft: „Warum nicht Glanz und Macht?! Der Herr hat doch mit eigener Hand die Kinder Jisroela aus Miizrajüm ausgeftihrt —“ weist David ihn zurecht: „Und hat mit eigener Hand die Kinder Arams Aus Kir geführt — aus Kaphtor die Pelisch tim — Wie — säe — nicht anders gelten wir vor Gott!“ Als aber sein Widerpart sich hartnäckig auf das gefährliche, verführerische Wort beruft: „Wir sind erwähl t!“, da schleudert David aufgebracht, in erbittertem Hohn allen Dünkel zurückweisend, Zweifel in die Brust des Allzusicheren: „Bist diu’s! — Narr! Nur solang’ du Zu tausend schweren Pflichten selbst dich wählst Bereit, dich hinzugeben, wenn es ruft- So lang': ,Er wählt“ — und keinem Atem länger?“ „Ich will euch dorten — Wo ,stark“ und schwach“ wie Schatten sind des Hauchs, ,Macht*, Jtuihm* leer schellt; — Erfaßt es doch: Zu euch Kam Wort, das über aller Tage Tun Und über aller Nächte Traum — ein Drittes — Ein wunderbares seliges Ahnen wölbt- XJn-ein-nehm-bar lat Wort! Daran will ich euch schmieden — Lebt, eins mit ihm, und —- soll auch dies einst enden - Nun — — — sterbt mit ihm auch einstens seinen Tod!. Auch für ein Volk — lohnVs nicht, bloß sich zu leben!“ Der andere, empört: Du willst uns zahm und schwach!“ Und David, in hoffnungsfrohem, strahlendem Lachem* Kann man schärfer den Dünkel, den blinden Egoismus der Völker treffen, an welchen die Welt heute bitterer leidet als an Hungersnot? Kann man sich deutlichen von „U r w i 11 e und Gewalt“ entfernen, die ja dem wahren Wesen Israels entgegengesetzt Bind, das niemals Eroberungszüge unternommen, niemals andere Völker mit Gewalt zu bekehren versucht hat, niemals — auch heute nicht — vor der nackten Gewalt den Kotau geleistet hat: „Auch Herrschaft endet, Völker schwinden ...“ („Jaakobs Traum.“) In allen Werken Beer-Hofmanns wie auch in seinem persönlichen Sein, in seiner ganzen Haltung in unserer Zeit mag man erkennen, wie ernst es ihm um die Erwählung 18 r a e 1 s ist, wie besorgt er ist, es könnte sein Volk des transzendentalen' Erbgutes verlustig werden, indem es sich an die Götzen der Welt verkauft. Dieser, mit seliger Hoffnung wie mit bedrückender Angst beladene Gedanke an Israels Äuserwähltheit ist der gemein same Nenner, der, mehr oder minder deutlich ersichfcbar, unter allen seinen Schöpfungen steht. Sein hoher sittlicher Ernst, das Wissen um die ihm zugedachte Mission, unterscheiden ihn von den meisten Dichtern dieser Zeit, die längst den Sinn für die Gleichsetzung: Poeta und vates, Dichter und Seher, eingebüßt haben. Und die Worte Bubers, die er der Erzählung des Talmuds naehfolgen läßt, sind wie ein Kommentar zu dem Gesamtsohaffen Richard Beer-Hofmanns, sind gleichsam eine nachträgliche Bestätigung der Richtigkeit der Zielgebung seines Dichterlebens: „Ein Privileg hat Israel nicht, aber es hat eine Aufgabe. Es ist eine übergeschichtliche Aufgabe, aber es ist eine Aufgabe an der Geschichte und sie kann nur erfüllt werden, indem der Erfüllende die geschichtliche Existenz auf sich nimmt. Diese Aufgabe ist die Einführung des anderen Gesetzes, des Gesetzes des Bundes, eines echten Gottesbundes der Völker, in die Geschichte, welches jenes erste Gesetz überwinde und allein herrsche. Die Israel zugedachte Aufgabe ist die messianisohe Durchsäuerung der Geschichte. Erfüllt werden kann sie nicht durch Predigt, durch Botschaft, durch Geist, also nicht durch Einzelwirkung Einzelner, sondern ihrem völkerhaften Wesen gemäß nur durch geschichtliches Darlehen des Bundwesens im Geschichtsleben eines Volkes. Diese Lehre unserer Überlieferung ist keine Utopie. Sie und einzig sie ist das konkrete menschliche Ernstmachen mit der Messianität in der Geschichte, wie die frühe Prophetie sie verkündigt hat. Israel ist seiner Berufung ausgewichen, und es ist dafür in die Verknechtung geschickt worden. Aber verheißen ist ihm, daß es von seiner Verfehlung geläutert heimkehren soll, nicht bloß zu einem Lande, einer Selbständigkeit, sondern zur wahren Freiheit, die es einst innegehabt und vertan hat: der Freiheit, mit der Erfüllung seiner Berufung zu beginnen.“ Jüdisches Kinder-Ferienheim »ATID« in Spital am Semmering (820 m) für 6- bis 16-jährige Inhaber u. pädagog. Leiter A. 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Von den sterngegrüßten Wipfeln Zu den Wurzeln dieser Erde Kreist und pulst der tiefste Wille, Daß die Blüte Frucht auch werde. Blüte — Frucht — und wieder Samen! Was ist Anfang, was ist Ende? Nicht um ewiges Blühen hebe Flehend du empor die Bände! Wolle nicht, daß die da droben Ewiger Salzung dich entbinden, Fliehe nicht vor Vorbeschloss’nem, Stehe still — und laß dich finden. Bebst zurück du vor dem Altern? Schreckt dich eines Wortes Hall? Sprich zwm Stein nicht: Du verwitterst! Wenn er reifet mm Kristall! Fühle selig dich verschwistcrt Du, dem Baum, dem, Stern, dem Stein! Furchtbar war’ es, ausgeschlossen Vom gemeinen Los zu sein! Sterne, die ins Weite kreisen, Kennen Unten nicht noch Oben —■ Ramn, wie Zeit — Gespinnst, Gespenster, Die die Sinne um dick woben! Blühen, Welken, Tod und Leben, Kerker, dm du dir gemauert! Brich sie, tritt hinaus im Freie, Wo dich klare Luft umschaueil! Dir zu Häupten, dir zu Füßen — Stern, der steht und Stern, der irrt! Alle Jereisen! Tritt zu ihnen! Keiner war — und jeder wird! liMiimminimuuiiiiiiiriiiniiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiimtimiiiriHiiimiiimtiiiinininiTniiiiinimiiiuiiiiiai Musikalische Neuerscheinungen Der rührige Verlag „Omanut“ in Zagreb hoi in kurzer Zeit einige wertvolle Werke jüdischer, Musik herausgebracht — eine Tat, die zweifellos -nachahmenswert ist. Als Neuling erscheint uns der Autor eines Chorwerkes „Dzunaj“ (Juni) Elisa Erich Samlaic. Der Chorsatz ist voll und wohlklingend", das Stück scheint dankbar und leicht aufführbar zu sein. Inter* essant sind die Kompositionen von Aron Marco< Rothmüller, der schon öfter Beweise, seines Talentes erbracht hat. RothmüUcr, dar, eine Zeit lang den Chor des Wiener jüdischen Gesangsvereines leitete, ist ein Schiller Alban Bergs. Sowohl die Satztechnik wie die kunstvolle Polyphonie verraten den geschulten und gebildeten Musiker. Im Trio für Violine, Viola und Cello (in memoriam Ch. N. Bialiks), besonders im „Gebet für den Toten“, ist der tief empfundene Schmerz unverkennbar und eine, echt jüdische Melodie ist in einem Fugato verankert; ähnliche warm empfundene Töne hört man aus seinem „Psalm Nr. 15“ für Gesang und Klavier (beziehungsweise Orgel). Modern und doch leicht harmonisiert, dürfte es wahrscheinlich bald, oft gesunken werden. Das dritte Werk RothmüUers gehört der Harfe. Es sind dies „Aphoristnen“, die vor allem rhythmisch mannigfaltig gestaltet sind. Für die allzu dürre Harfenliteratur wird das dankbare Stück bestimmt ein Gewinn sein. Jul. Wollsohu.