Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 562 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIB 8YIMMI Nr. 562 — Wien, Freitag, 10. Juli 1906 IVerwöhnte Strohwitwer treffen sich im bekannten Restaurant W. Spritzer (NBhe Dianabad). Vorzüglich«, abwechslungsreiche Mittag. I 3 Er I Mm I und Abend-Menüs, schdn ab S 1*60, Speisen & la cart* II., Hammer-Purgstall'GaSSe 7 und alle Orientalischen Spezialitäten am Rost und Spieß Telephon A*s*s-4t Rechte. Drückt euch nicht vor den Pflichten.“ Die inntre Unaufrichtigkeit der Argumentation steht hier nicht zur Debatte. Hier kommt es nur auf die Gefahr an, die in dieser Argumentation liegt, und zwar natürlich auf die innere, nicht auf die äußere. Und insoweit kommt alles darauf an, zu erkennen, daß eine solche Gefahr bei der Gegebenheit der jüdischen Situation in der Welt immer akut ist, stets immanent vorhanden ist. Es ist absolut unzulässig, ihr nur von Fall zu Fall zu begegnen oder ihr nur von Fall zu Fall auszuweichen. Wer das tut, der fällt auf einem Umwege — auch wenn er sonst ein sehr bewußter Jude ist — wieder in genau die Haltung zurück, der er sich durch seine innere Entwicklung entzogen hat: in die opportunistische Haltung des Assimilanten, in eine Betrachtung der jüdischen Situation nicht von einem generellen Gesichtspunkt aus, sondern von den kleinen und kleinsten Tedlausschnitten her. Der Assimllant läßt sich nur zu gerne überreden, daß seine Stellung als Staatsbürger von Brasilien ihm einen Generaldispens von der Teilnahme am jüdischen Sektor des Lebens erteilt. Er hat sich mit Begeisterung durch die Auffassung der brasilianischen Umwelt vom Wesen des. Staates und des Staatsbürgers überreden lassen; einer Auf- IJeden Sonntag billige Ferien-Sonderfahrtea u mit der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung I n.ctt Polen, Czemowltz I Abfahrten: 12., 19. Juli I Anmeldungen ausschließlich Reisebüro B „Marlenbrücke“, 1. RotenturmstraBe 26 B Telephon R 24-2-86/87 ja fass-ung, die dahin geht, daß der Staat die sakrosankte Ausdrucksform für die hundertprozentige nationale Zugehörigkeit, sei. Er schließt davor die Augen, daß die Umwelt ihm selbst gegenüber von diesemstarren und .mechanischen Prinzip keinen Gebrauch macht und sich nur dann auf diese Formel besinnt, wenn sie etwas von ihm will, wenn er ihr irgendwie nützlich sein kann. Aber gerade an dieser Stelle liegt für uns das spezifische Problemgewicht der Galuth. An ihr scheiden sich die Geister unwiderruflich. Unsere innere jüdische Situation in der Welt deckt sich keineswegs ohne weitere^ mit der Umweltsituation. Es ist unser historisches Schicksal — und man kann es nur im ganzen akzeptieren oder im ganzen ablehnen —, daß in jedem Augenblick Diskrepanzen auftreten können; daß immer Situationen denkbar sind, wo das Interesse der jeweiligen Umwelt auf keine Weise mit der Verpflichtung des Juden gegenüber dem jüdischen Volke und dem jüdischen Schicksal, sogar mit der Verpflichtung des Juden gegenüber Prinzipien der Menschlichkeit und der Menschenwürde, in Übereinstimmung gebracht werden kann. In der eindeutigen Stellungnahme zu diesen Konflikten vollzieht sich für den Juden der Galuth überhaupt ein wesentlicher Teil seines jüdischen Bekenntnisses. Sein Bekenntnis zum Judentum ist erst dann —• im Rahmen der Galuth — eine nationale Realität, wenn er die Möglichkeiten und die Gefahren solcher Konflikte in sein Leben einkalkuliert und mit ihnen von vornherein rechnet, das heißt von vornherein entschlossen ist, ihnen nicht auszuweiohen, sondern aus ihnen in jedem Falle die Konsequenz zu ziehen. Auch wenn die Juden in Brasilien alle Rechte hätten — die eie nicht haben; und die Brasilianer wissen das sehr genau —, gibt cs Situationen, in denen ihr Judentum diesen formalen und mechanischen Austausch von Rechten und Pflichten nicht anerkennen darf, ohne die Grundlage ihrer jüdischen Existenz zu vernichten. Das führt gewiß oft zu Nachteilen und äußeren Schäden. Aber mir scheint, als sei die zeitgenössische Judonschaft — darunter leider auch viel Jugend, deren Leberisrisiko doch ein viel geringeres ist als das von älteren und materiell verwurzelten Menschen — etwas wehleidig geworden, etwas schwächlich und empfindsam, gegenüber dem, was sie mit der gelassensten Miene von der Welt tragen müßte. Wenn wir unß schon historisch orientieren wollen, so dürfen wir uns auch dessen erinnern, daß frühere Generationen den Judentums ganz andere Opfer auf sich genommen haben als den zeitweiligen Ausschluß aus dem Sportbetrieb. Fragt einmal die Brasilianer selbst, wieviel Juden sie früher lebendig verbrannt haben. Und heute drohen sie ja nur — welcher humanitäre Fortschritt! — mit der Suspendierung. Aber ich weiß, daß in einer Zeit, wo man nur noch Bücher lebendig verbrennt, auch solche Strafe eine Exekution bedeutet, zugleich eine Diffamierung und Herabsetzung. Aber sie liegt genau auf der Linie dessen, was ich oben sagte: sie ist ein Teil des Risikos, das mit einem Leben in der Galuth verbunden ist, und ihr sehr stolzes und bewußtes Ertragen ist ein Teil jener Entscheidung, mit der allein ein Jude sich vor seinem Judentum und in 6 ein er Umwelteituation behaupten und legitimieren kann. Ich weiß, welche Verantwortung ich auf mich nehme, wenn ich Urnen diese Dinge in dieser Form sage. Und selbst wenn ich statt dieses Weges einen Ausweg wüßte, das heißt: eine unehrenhafte Nebenentscheidung, ein Kompromiß, der auf den Charakter abfärbt, würde ich ihn nicht nennen, um dem Weg nichts von seiner Sauberkeit zu nehmen. Mit krummen Entscheidungen erziehen wir keine geraden Menschen. Neben dem „Nein“, zu dem meines Erachtens jeder Jude gegenüber solchem Verlangen der Umwelt verpflichtet ist, kann nur noch eines gesagt werden: es kann und muß der Versuch.gemacht werden.— gleichgültig, ob man an seine Wirksamkeit glaubt oder nicht —, der Umwelt diesen Konflikt begreiflich zu machen. Man muß ihr zumuten, sich einmal selbst in diese Situation hineinzudenken. Vielleicht entschließt sie sich dann, gerade und objektiv zu urteilen. Und wenn sie es nicht tut, weil sie es nicht will — es kann keine Rede davon sein, daß sie es nicht könnte, denn sie hat schon kompliziertere Dinge begriffen —, dann ist das eben jüdisches Schicksal. Man muß es bekennen und durch die Tat leben. Jede solche Entscheidung legt einen Grundstein für unsere Zukunft. wSiwtHflifewil Beratung des Araber- Komitees Jerusalem, 7. Juli. (JTA.) Der Oberste Arabische Ausschuß berät in einer plötzlich eimberufenen Sitzung über die Frage, ob der Streik fortzusetzeo sei oder nicht. Es wird ©ine Erklärung vorbereitet, in der die politischen Forderungen der Araber formuliert sind. In der Erklärung soll zum Ausdruck gebracht werden, daß die arabische Bevölkerung durch ihr bisheriges Verhalten gezeigt habe, daß eie bereit sei, die größten Opfer zu bringen; sie werde von ihren Forderungen nicht lassen, doch werde die arabische Bevölkerung aufgefordert werden, den Streik auf zu geben und den Kampf nach neuen Richtlinien, die in einem ' Aufruf därgelegt werden sollen, Jföttzufiihren. Die Entscheidung kann in jedem Augenblick fallen. . - Die Insassen des Konzentrationslagers in Sarafend haben den Hungerstreik aufgegeben, nachdem die Regierung sich bereit erklärt hatte, den Plan, das Lager in eine Abteilung für Prominente und in eine für Untergeordnete zu teilen, fallen zu lassen. $reMauer Sauerbrumt $n offen SfpDtfjefcrt, 25toßetten, ßeöenfc» mittelgefdjäften unb ©aftftätten etfjältlicf) Wer finanziert die arabische Aktion? London, 9. Juli. Im Unterhaus hat gestern der Kolonienminister Ormsby-Gore mitgeteilt, daß die Hoffnungen auf eine Beendigung des Streiks enttäuscht worden sind. Er äußerte sich auch über die a u s 1 ä n d isehe.Propaganda in Palästina und teilte mit, daß diesbezüglich eine diplomatische Aktion im Gange ist. Auf verschiedene Anfragen erklärte der Minister, daß der Mufti von Jerusalem für „gewisse religiöse Funktionen“ von auswärtigen Stellen Remunerationen beziehe. MOBEUWINTER für Celegenheitskäufe Wien, VIII., Stadtbahnviadukt, 23 bei lerdienfelderstraBe Telephon: A 21-5*31 Syrische Araber gegen Streik und Terror Jerusalem, 7^ Juli. (JTA.) Riad Sblach, ein hervorragendes Mitglied der nach Paris entsandten syrischen Delegation, hat in einem Schreiben den Obersten Arabischen Ausschuß Palästinas aufgefordert, den Streik und den Terror in Palästina einzustel-, lern Er erklärt, die. Brüder der palästinensischen Araber im Ausland empfänden Scham über diesen.. .wilde,n Terror,, durch den die Welt, den Eindruck gewinnen könnte, daß! die Araber jeder Kultur ermangeln. Pie Folgen des Aufruhrs Jerusalem, 9. Juli. In «einer am 7. Juli an diio Bevölkerung Palästina« gehaltenen Ruridf unkanspraohe machto der High Commiflsioner Sir Arthur W a u c h o pe die Aufrührer für die Not der armen Bevölkerung allein verantwortlich und, kündigte S t e u e r e r h ö li u n g e n an, die sich infolge der Verminderung der Staatseinnahmen als nötig erweisen, was sich wiederum — so führte der High Commissioner aus — auf die Lebenshaltung der Bevölkerung ungünstig auswirken werde. Er wies ferner auf die Unmöglichkeit ärztlicher Behandlung infolge der Unsicherheit der Landstraßen hin; den Ärzten sei es nicht möglich, Kranke aufzusuohen, wodurch vor allem die Ausbreitung der Augenkrankheit-en, besonders bei Kindern, gefördert wird. Viele dieser Kinder seien dadurch zu lebenslänglicher Blindheit verurteilt. TREFFPUNKT O DER STROHWITWER im Restaurant Barsthak II., Gr. Schiffgasse 3, Tel. A 46-4*39 Ltsftpostverblndiing Palästina nach Europa Jerusalem, 7. Juli. (JTA.) Palästina hat jetzt fünfmal in der Woche eine. Luftpostverbindung nach Europa und zugleich die schnellste Postverbindung, die es je von dort nach Europa gegeben hat. Außer dem bis- - herigen dreimal wöchentlich ’ verkehrenden Flugdienst der Imperial Airways wird zweimal wöchentlich eine Maschine der holländischen K. L. M. fliegen, die den Weg nach Amsterdam in VA Tagen zurücklegt. Diese neue Verbindung geht jeden Dienstag und Samstag nachmittags aus Palästina, so daß also, wenn die angekündigte Fahrzeit eingehalten wird, die Sendungen bereits am zweitnächsten Tag ln Europa sind. Stephan Lux zu Grabe getragen Genf, 7. Juli. (JTA.) Die Bestattung des jüdischen Schriftstellers Stephan Lux, der auf so dramatische Weise seinem Leben im Genfer Völkorbundsaal ein Ende machte, um gegen die an ti jüdischen Greuel in Deutschland zu protestieren, 'fand am Montag Vormittag auf dem Israelitischen Friedhof in Veyrrier bei Genf statt. Grabreden hielten der Genfer Rabbiner S. Poljak o w, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Genf, A. Meyer, und der Korrespondent des „Manchester Guardian“ beim Völkerbund Robert Dell als Vorsitzender des Internationalen Verbandes der beim Völkerbund akkreditierten Journalisten. Zum Begräbnis waren die Gattin und das 12jährige Töchterchen Lux* aus Prag eingetroffön. Stephan Lux war seit der Abgabe des tödlichen Schusses am Mittag bis Eintritt des Todes um 9 Uhr abends bei Besinnung. Er sagte den ihn befragenden Journalisten, er habe seine Tat als Judo mit klarer Absicht begangen, um den Völkerbund und die Welt auf das Märtyrertum der Juden in Deutschland aufmerksam zu machen. Er wünsche unbedingt zu sterben, um durch seiriM Tod den wohl überlegten Protest zu besiegeln, Der CLUB EREZ ISRAEL gratuliert herzlichst seinem Mitgliede Frau Dr. Gitia Wortsmann anläßlich ihrer Promotion zum DOKTOR DER GESAMTEN HEILKUNDE Die Affäre Judith Deutsch Seit Monaten haben sich maßgebende österreichische Sportfunktionäre bemüht, von der jüdischen Schwimmerin Judith Deutsch die Zusage zu erhalten, daß sie in Berlin bei der Olympiade starten werde. Sie ist standhaft geblieben und hat immer abgelehnt. Die Drohung der Disqualifizierung hat nichts gefruchtet und die ausgesprochene Disqualifizierung hat ebenfalls ihren aus sittlichem, jüdischem Empfinden gefaßten Beschluß nicht wankend gemacht. Allgemein wird angenommen, daß diie verhängte Strafe so streng ausgefallen ist, daß sie die übrigen für den Start in Berlin in Aussicht genommehen Sportler abschrecke und mürbe mache. Es handelt sich um den Läufer König, den Ringer F i nc s u s, den Stemmer Fein, die Schwimmerin Ruth Langer und die Leichtathletin Grete Neumann. Die jüdische Öffentlichkeit aber erwartet, daß diese Sportler die gleiche Haltung einnehmen werden wie Judith Deutsch. Die Angelegiemheit Judith Deutsch hat aufgehört, eine rein österreichische Sache zu sein. Durch den Disquaiifizierungsbeschluß ist die Affäre Judith Deutsch eine Sache des Weltgewissens geworden. Noch kennen wir nicht das Weltecho. Wir fürchten aber, daß die Männer, die Judith Deutsch disqualifiziert haben, der Sache Österreichs keinen guten Dienst erwiesen haben, und wir bedauern ihren Schritt auch aus diesem Grunde. Heute kann schon festgestellt werden, daß die Presse Österreichs — abgesehen natürlich von den betont nationalen „Wiener Neuesten Nachrichten“, die b^ " haupten, die Disqualifikation Judith Deutsch’ habe „in olympischen Kreisen“ Genugtuung ausgelöst — die siebzehnjährige jüdische Schwimmerin ihrer Achtung versichert und ihre Beweggründe billigt. Wir hoffen, daß der Oberste Sportführer eingreifen und weitere Disqualifizierüngen verhindern wird. Sollte das nicht der Fall sein, dann erwartet die große Öffentlichkeit — und nicht nur die jüdische , daß die betroffenen Sportler Judith Deutsch auf ihrem Wege der Standhaftigkeit, Ehre und Sittlichkeit folgen werden. Sie werden dann zwar nicht das Lob des „Völkischen Beobachters“ ernten, und auch nicht das der österreichischen Nationalsozialisten,. die in Sonderzügen — aus purer Sportbegeisterung — nach Berlin fahren wollten, was ihnen jedoch zu ihrem eigenen Schmerze und dem des „Völkischen Beobachters“ nicht gestattet wurde. Sie Werden aber vor ihrem eigenen Gewissen und vor der Welt in Ehren bestehen. ¥ Zur Richtigstellung unrichtiger Zeitungsnachrichten soll noch festgestellt werden, daß Judith Deutsch den Trainingseid nur unter der ausdrücklichen Bedingung geleistet hat: „Falls ich bei der 01ympia.de starten sollte.“ Interessant ist ein Artikel der a m tliehen „Wiener Zeitung“, der u. a. feststellt, daß der Hakoahner König nicht starten kann, weil er türkischer Staatsbürger ist und daß ein Sieg jüdischer Sportler in der Berliner Atmosphäre unmöglich ist. Das Blatt schreibt schließlich: „Willi den Ouden, die Weltmefetorin Hollands, hat aus denselben Gründen, wie Judith Deutsch, schon vor Wochen erklärt, als Jüdin in Berlin nicht starten zu können, was sowohl vom holländischen Schwimmverband als auch vom dortigen Olympischen Komitee zur Kenntnis genommen wurde, obwohl Holland in diesem Falle auf Goldmedaillen verzichten muß.“ Diese Haltung des offiziellen Organs der österreichischen Regierung steht im einem wohltuenden Gegensatz zu den Anordnungen der Sportbehörde. Die leitenden Stellen der österreichischen Politik sehen ein, daß ein Jude aus Gründen der Ehre nicht beim Horst-Wessel-Lied defilieren kann. Dies kann übrigens auch einem christlichen Österreicher nicht zugemutet werden, wertige Tage nach dem Jahrestag der Ermordung de« Kanzlers Dollfuß. Wir wundern uns, daß diese Erinnerung in Österreich übergehen, worden ist*