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Die Stimme · 1936-07-07 · Heft 561 (7.7.1936) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 561 (7.7.1936)
Date
1936-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seltd 2 DIE STIMME : Nr. 501 — Wien*' Dienstag, 7 Juli 1036. Dr» David RofhbYunt * Abschied von Feudifwang Leise, um den schlafenden Oberrabbiner nicht zu erschrecken, leise und unhörbar hat sich der Tod an sein Bett geschlichen. Und er setzte dem Leben des gütigsten Mannes ein Ende, dem jemals die geistige Führung der Wiener Judengemeinde anvertraut war. Denn unter den hervorragenden menschlichen Eigenschaften, die den heimgegangenen Oberrabbiner zierten, war die Güte dominierend. Nicht nur die Güte, die sich in der Stunde der Not hilfreich einstellt, die der Quelle des Erbarmens und Mitleids entspringt, die in dem inneren Bedürfnisse wurzelt, im Unglück zu helfen, sondern jene große, edle, himmlische Güte, mit der er alles, was im Judentum atmete und lebte, umfangen hat. Darin glich er jenen legendären Gestalten im Chassidismus, von deren grenzenloser Liebe zu jedem einzelnen Volksgenossen Epigonen erzählen. Er gab, schenkte, tröstete, beriet, richtete auf, niemand verließ enttäuscht sein Haus, keiner klopfte vergebens an seiner Türe. Jedem leuchtete sein schönes und edles Gesicht entgegen. Er konnte ein Freund sein wie selten einer. Seine Volkstümlichkeit, die an jene seines Vorgängers auf dem Thron des Wiener Oberrabbinates grenzte, ist auf diese Herzensgüte in erster Reihe zurückzuführen. Leise und jählings überfiel ihn der Tod. Hat sich der Sensenmann nicht vor diesem mutigsten aller Rabbiner gefürchtet? Hatte er doch eine Welt von Feinden in die Schranken gewiesen, in die Schranken gefordert! Von der Rednertribüne und der Kanzel stieß er seinen Schrei in die Welt hinaus, wenn menschliche Niedertracht, tierische Leidenschaft uns mit höllischem Haß angegangen ist. Er war kühl und unerschrocken, vom heiligen Zorn entflammt, und trat frei und "offen und männlich unseren Volksfeinden entgegen. Er war kein Beschöniger und kein Vertuscher, kein Leisetreter und Kompromißmacher, wenn es um Existenz und Ehre des jüdischen Volkes ging. Er hatte einen guten und klaren Blick für das reale Leben und wußte genau, daß kein Volk kampflos zu seinen natürlichsten Rechten gelangen kann. Deswegen war er immer für die' Erhebung der Stimme, für den Protest, den er selbst feierlich im gefüllten Gotteshaus ertönen ließ. Lautlos kam der Tod, denn er mochte das Wort des Oberrabbiners nicht erklingen hören. Dieses schöne, klare, warme, wahre Wort, das er als gottbegnadeter Kanzelredner verkündete. Seine Predigt war nie banal, nie trocken und auch nicht salbungsvoll, aber immer belebend, erbauend, bekehrend und erquickend. Er sprach ruhig, elegant, ★ 3 schöpfend aus einer unversiegbaren Rethorik, aus der Quelle seines breiten Wissens, seiner großen allgemeinen Bildung und der tiefen Kenntnis jüdischen Schrifttums. Seine Predigten waren lebendig, aktuell und füllten die Gotteshäuser. Unvergeßlich bleiben seine Ansprachen, wenn der Versöhnungstag zur Rüste ging. Da ging ihm sein großes jüdisches Herz über und die Tränen ergossen sich über das schöne Gesicht des Oberrabbiners. Jeder nahm etwas von dem gespendeten Segen des Mannes in dem weißen Kittel mit. Keiner von den lebenden Rabbinern der zweitgrößten Judengemeinde auf dem Kontinent hat sich so offen unc. mutig zum Zionismus bekannt wie er. Er war dem Rufe Herzls gefolgt, stanc treu dem unvergeßlichen Chajes zur Seite in seinem Kampfe gegen die Assimilation. Nicht erst als Zionismus Trumpf und Mode wurde, und nicht erst, als Opportunität die anderen bekehrte, schloß er sich der Volksbewegung an. Sein Zionismus war ideal und lag in der Ideologie einer jüdischen Weltanschauung, die Altes mit Neuem, Vergangenheit und Zukunft zu einem ganzen Untrennbaren vereinigte. Zionismus war ihm die Erfüllung einer großen Verheißung, die eintreten muß. Zionismus war ihm Glaube, prophetische Weissagung, Gottes Wort. Wiewohl Feuchtwang seinem ganzen Wesen nach im Leben wurzelte und für die Anteilnahme an der Gestaltung der öffentlich-jüdischen Geschehnisse prädestiniert war, beschäftigte er sich auch wissenschaftlich und schrieb manches wertvolle Buch. Er arbeitete mit an den Monumenta Judaica und schrieb fachmännisch über Bibel und Babel. Er war Assyriologe von Fach und verfaßte eine Arbeit unter dem Gesichtswinkel dieses Spezialfaches, eine Arbeit über die Rolle Ruth. Eine Unzahl von Aufsätzen über wissenschaftliche Themen und Tagesfragen stammen aus seiner Feder. Sein Stil war lebendig und innig. Er schweifte nie vom Thema ab, blieb immer sachlich, und was er zu sagen hatte, verstand er schön zu sagen. Denn er war ein Ästhet in allem und jedem. Feuchtwangs plötzlicher Tod hat die Wiener Juden in tiefe Trauer versetzt und die Freunde mit Bestürzung und Wehmut erfüllt. Die Kunde von seinem Abgang wird weit über die Grenzen Österreichs ernste Anteilnahme bei unseren Volksgenossen wecken. Und in der historischen Heimat, am Karmel und am Jordan, am Strande des Toten Meeres und des lebendigen von Tel-Aviv und Haifa wird man seiner Liebe zu Zion in Rührung und Dankbarkeit gedenken. r * Dr. Feudifwangs Lebenslauf Dr. David Feuchtwang wurde am 27. November 1864 in Nikolsburg als Sohn des dortigen Rabbiners geboren. Er studierte in Wien und Berlin und wurde 1892 Nachfolger seines Vaters in Nikolsburg. Seit 1903 war er in Wien als Rabbiner tätig: zunächst im Tempel im 18. Bezirk (Schopenhauerstraße). Im Jahre 1933 erfolgte seine Ernennung zum Oberrabbiner von Wien. Dr. Feuchtwang veröffentlichte unter anderen in Buchform: „Nachum im Lichte der Assyriologie“, „Sechs Bände Kanzelreden“, „Zur Aufklärung über Babel und Bibel“, „Das Hebräische und. wir“, „Das Wasseropfer und die damit verbundenen Zeremonien“, „Der Tierkreis in der Tradition und iim synagogalen Ritus“. ^Studien zum Buche Ruth“, „Über den Sabbat“ usw. Der leiste Weg des toten Oberrabbiners Sonntag Nachmittag wurde die Leiche aus der Sommerwohnung der Familie des Oberrabbiners in Pötzleinsdo-rf abgeholt, um in die Stadtwohnung in der Wipplingerstraße gebracht zu werden. Auf diesem Weg wurde der tote Oberrabbiner in Vertretung des Präsidium« der Kultusgemeinde von den Vizepräsidenten Stricker und E h r 1 i c h, Amtsdirektor Löwen herz und Amtsleiter Freistadt, ferner von Oberrabbiner T a g 1 i c h t, Rabbiner Schwarz, Rabbiner Babad, Prof. K raafi, jfowerziajrat Theodor Lasen er, Vertretern der Bnei-Bnith-Logen und dem gesamten Vorstand des Bethausvereine für den XVIII. Bezirk begleitet. Der Zug hielt kurze Zeit vor dem Schopenhauer-Tempel, in dem Dr. Feuchtwang etwa dreißig Jahre lang gewirkt hat. Dann wurde der Sarg in die Wohnung gebracht, wo die rituelle Waschung erfolgte. Bei der Leiohe halten allgemeinzionistösche Ohaluzim die Ehrenwache. Das Begräbnis Der Zug mit der Leiche des Oberrabbiners wird sich vom Seitenstettcntempel durch die Kohlmessergasse und die Rotenturmstraße Über den Franz-Josefs-Kai bis zur Aspernbrilcke bewegen. Hinter dem Leichenwagen geht zunächst die Familie, dann folgen die Rabbiner mit dem Präsidium der Kultusgemeinde und dem Kultusvorstand, die Vertreter der Regierungsstellen und anderer Behörden, schließlich die Korporationen und die Deputationen. Die Trauerrede bei der Feier 5m Tempel wird Oberrabbiner Taglicht, halten, die Trauerrede im Friedhof Rabbiner Doktor Schwarz, der Nachfolger des Verstorbenen im Schopenhauertempel. Ferner wird an der Bahre auch dier Schwiegersohn Dr. Feuchtwangs, der Rotterdamer Oberrabbiner Davids, sprechen, der mit den übrigen in Jeden Sonntaff billige Ferieii-Sonrierfahrten mit der Cxernowitwsr Allgemeinen Zeitung naoh Polen. Czcrnowltz Abfahrten: 12., 19. Juli Anmeldungen «ueeehMeßllch Reisebüro „Marlenbrtlcke“, I. Rotenturmstraße 26 Telephon R 24-2-86/87 Holland seßhaften Familienmitgliedern Montag früh in Wien eiingetroffen ist. Für den Vorstand der Kultusgemeinde und aller ihrer Institutionen wird Präsident Dr. Desider Friedmann, der seinen Kuraufenthalt unterbricht, von dem verstorbenen Oberrabbiner Abschied nehmen. Die kantoralen Funktionen werden die Oberkantoren Margolies, Matgas und Fischer versehen. Politischer Beirat der Palästina-Exekutive Jerusalem, 5. Juli (JTA.). Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die Exekutive der Jewish Agency sich damit einverstanden erklärt, daß zur Unterstützung ihres politischen Departments ein aus Mitgliedern aller zionistischen Parteien bestehender Beirat gegründet werde. Der neue Beirat soll zweimal monatlich zusammentreten. Die nächsten IRUT-REISEN nach POLEN u. CZERNOWITZ am 12. und 19* Juli IRUT, I., Karlsplatz 1. Tel. U 44-5-79 Prager A.-C.-Berattsng verschoben Die Zionistische Exekutive hat bekanntlich die europäischen Mitglieder des Zionistischen Aktionskomitees zu einer eintägigen Beratung für den 5. Juli nach Prag eingeladen. Wie wrir erfahren, ist diese Beratung verschoben worden; Ort und Zeit derselben werden noch bekanntgegeben werden. Die ordentliche A.-C.-Session wird im Verlaufe des August abgehalten werden. Datum und Ort sind noch nicht festgesetzt. WT Kongreß der Agudas Jisroel London, 2. Juli (JTA.). Die Exekutive der Agudas Jisroel hat für die Zeit vom 4. bis 6. August den Zentralrat der Organisation und den Rabbinischen Rat zu einer „Knessio Mechino“, einem Vorbereitungskongreß für die im nächsten Jahr in Jerusalem zusammentretende Knessio Gedaulo (Weltkongreß der Agudah), nach Marienbad einberufen. Die Marienbader Konferenz wird sich u. a. mit einem Antrag, die gesamte Palästinaarbeit in Jerusalem unter der Leitung von Dr. Isaac Breuer zu konzentrieren, und mit der Verlegung der Keren-Hatora-Zentrale von Wien nach London zu befassen haben. MOBEL-WINTER für Geiegenheitskäufe Wien, VIII., Stadtbahnviadukt 23 bei Lerdienfelderstraße Telephon: A 21-5-31 Die Genfer FlUchtlingskonferenz Genf, 5. Juli (JTA.). Unter dem Vorsitz des Vertreters Uruguays wurde am 2. Juli in Genf die von dem Völkerbundhochkommissar für die deutschen Flüchtlinge, Generalmajor Sir Neiil Malcolm, einberufene zwischenstaatliche Konferenz der Regierungen eröffnet, welche das Rechtsstatut für die Flüchtlinge aus Deutschland ausarbeiten soll. In der Konferenz sind 15 Staaten vertreten. Das Hauptreferat hielt Sir Neiil Malcolm. Es wird erwartet, daß das Rechtsstatut für die Flüchtlinge noch während der Tagung unterzeichnet werden wird. Das Statut soll auch die Frage der Versorgung der Flüchtlinge mit Pässen, die ihnen Freizügigkeit gewähren, lösen; ebenso verschiedene Fragen der Arbeitserlaubnis, beziehungsweise Arbeitsbeschaffung. Der Vertreter der französischen Regierung teilte der Konferenz mit, daß seine Regierung Anweisung zur Einstellung der Ausweisungen von Flüchtlingen gegeben habe. In Kürze wird ein Gesetz in Frankreich erlassen werden, welches Emigrant en a u s weis ungen überhaupt yerftietet, wmummmmammmm—mmmmmmmm Stephan Lux Prag, 5. Juli (JTA.). Aus den Kreisen der Prager Freunde von Stephan Lux wird dem JTA-Vertrcter mitgeteilt, daß Lux, der auf so tragische und zugleich heroische Weise sein Leben hinwarf, ein geradezu ideales privates und Familienleben geführt hat. Seine Freunde schätzten an ihm seine musterhafte Anständigkeit, seine ruhige und methodische Denkweise und seine ungewöhnliche künstlerische Begabung. In Deutschland, wohin er nach dem Kriege, als Schwerkiegsverletzter, gezogen war, brachte er sich und seine Familie durch künstlerische und schriftstellerische Arbeit gut durch und unterstützte andere, denen es weniger gut ging. Seit seiner Flucht nach der Tschechoslowakei im Jahre 1933 lebte er in Prag. Er bestritt seinen Lebensunterhalt aus Honoraren, die ihm die Zeitungen für seine feinen und von beträchtlichem Können zeugenden. Feuilletons zukommen ließen. Seine Frau reiste sofort naoh Eintreffen der Nachricht von der Tat Lux' nach Genf, doch traf sie ihren Mann nicht mehr lebend an. Vor ihrer Abreise erklärte sie journalistischen Freunden ihres Mannes, sie habe die Ahnung, daß Stephan Lux, der an sich selbst immer zuletzt zu denken pflegte, mit seiner Tat eine politische Demonstration beabsichtigt habe, einen Freitod im Namen Europas, um den Völkerbund an seine Pflichten zu gemahnen. Die Untersudhiingskommission London, 3. Juli. (J. T. A.) In der Unterhauissitzung vom 1. Juli wurden mehrere Anfragen über Palästina beantwortet. Am stärksten interessierte die geplante Entsendung der Unter-* suchungekommission nach Palästina, wobei bei dem im englischen Parlament üblichen Frage- und Antwortspiel die einander diametral entgegengesetzten Ansichten unmittelbar aufeinanderstießen. Der Minister Ormsby- Gore erklärte, er sei noch nicht in der Lage, die Namen der Mitglieder zu nennen. Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Verhältnisse in Palästina ist es jedoch vollkommen klar, daß die Kommission jetzt nicht hingehen kann. Der Abgeordnete Gallacher (Kommunist) fragte, ob der Minister der Kommission ihren Weg durch Vernichtung der arabischen Bevölkerung erleichtern wolle. Minister Ormsby-Gore: Ich muß h i e rgegen protestieren. , Die italienische Radiopropaganda Der Abgeordnete Short fragte den Kolo-* nienminister, ob die Palästina-Regierung die Rundfunksendungen in arabischer Sprache aus Bari in Evidenz halte, damit sie in Zukunft der Kommission zur Verfügung stehen. Ferner fragte der Abgeordnete, ob dem Minister der Inhalt der von der italienischen Station Bari gesandten arabischen Kundgebungen bekannt sei; ob er wisse, daß in diesen Rundfunksendungen die englischen Truppen diffamiert werden und daß sie darauf berechnet seien, die Araber zum Aufruhr gegen die Palästina-Regierung aufzureizen. Habe man hiergegen Vorstellungen erhoben? KoJoniienminister Örmsby-Gore antwortete, die Niederschriften, dieser Rundfunksendungen würden aufbewahrt. Der Charakter gewisser Rundfunkkundgebungen aus Bari sei ihm bekannt und er habe mehr als einmal vor dem Hause erklärt, daß der Außenministor Vorstellungen bei der italienischen Regierungerhoben habe. Er habe jedoch keinen Bericht über Rundfunksendungen der letzten Zeit erhalten, in denen

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