Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-07-07 · Heft 561 (7.7.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 561 (7.7.1936)
Date
1936-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3053752-3054243-3054317--5999-3061798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^Stimme Aus dem Inhalt: Die Leichenfeier für Oberrabbinet* Feuchtwang. Prager zionistische Konferenz verschoben. Die Kämpfe in Palästina. Nr. 561 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Dienstag, 7. Juli 1936 17* Tamus §696 9. Jahrgang Neue Palästina-Debatte im Unter haus. / Oberrabbiner Feudilwang gestorben Die Wiener Judenschaft ist in tiefe Trauer versetzt. Der allverehrte Oberrabbiner Doktor David Feuchtwang ist Sonntag, den 5. Juli, um %9 Uhr vormittags, in seiner Sommerwohnung in Pötzleinsdorf einem Herzschlag erlegen. Um J/27 Uhr früh wurde sein behandelnder Arzt Dr. Sammet gerufen, da sich Dr. Feuchtwang nicht wohl fühlte, aber alle ärztliche Hilfe blieb vergeblich. Um %9 Uhr schloß Dr. Feuchtwang für immer seine gütigen Augen. Die Todesnachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der sommerstillen Stadt. Die überaus große Liebe und Verehrung, die der Dahingeschiedene in allen Kreisen der Bevölkerung genossen hatte, fand beredten Ausdruck in zahllosen teilnahmsvollen Anfragen bei der Kultusgemeinde. In den jüdischen Vierteln bildeten sich überall Menschenansammlungen. Man sah Frauen und auch Männer weinen. Sofort nach Einlangen der Todesnachricht begab sich das Präsidium der Kultusgemeinde mit Amtsdirektor Dr. Löwenherz, Rabbiner Josef Babad und Amtsleiter Freistadt ins Trauerhaus, um die nötigen Anordnungen für das Begräbnis zu treffen. Dr. Feuchtwang, der im 72. Lebensjahre stand, hinterläßt eine Witwe, mit der er in glücklichster Ehe gelebt hatte. Ein Sohn, Dr. Benno Feuchtwang, lebt in Palästina, ein zweiter Sohn, Wilhelm Feuchtwang, in Holland; eine Tochter ist mit dem Oberrabbiner von Rotterdam Dr. Davids verheiratet. ilSt Ein Fürst in Israel... Von Dr. Oskar Grünbaum Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft die Wiener Juden die Nachricht, daß unser geliebter und verehrter Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang plötzlich gestorben ist. Noch nicht drei Jahre sind es her, seit ihn der Kultusvorstand zum Oberrabbiner ernannt hat. Glück und Stolz erfüllte damals sein Herz, daß gerade er dazu auserkoren war, nach Chajes als Oberrabbiner die Kanzel besteigen zu dürfen. Nur verhältnismäßig kurze Zeit war es ihm gegönnt, sein hohes Amt auszuüben. Aber sie hatte genügt, daß alles, was in Wien positiv jüdisch eingestellt war, mit Verehrung an seinen Lippen hing. Hatte er bei seinem Amtsantritt gebangt, ob er ein würdiger Nachfolger von Chajes werden würde — die öffentliche jüdische Meinung hat seine Wahl als eine glückliche bezeichnet. Dazu trugen vor allem seine persönliche Güte und Mildtätigkeit, seine bedingungslose Frömmigkeit, seine glänzende Rednergabe, sein Mut in der Verteidigung jüdischer Interessen und jüdischer Rechte und sein offenes und ehrliches zionistisches Bekenntnis bei. Dr. Feuchtwang nahm jeden gefangen, dem er gegenübertrat. Seine schlanke, aristokratische Gestalt, sein wahrhaft priesterliches Antlitz, seine gütigen und klaren Gelehrtenaugen, die feurig blitzten, wenn er seinen schönen Mund für die Rechte des jüdischen Volkes und des jüdischen Palästina öffnete, vereinigten sich zu einem harmonischen Bild eines wahrhaft königlichen Priesters. Sah man ihn auf der Kanzel, so mußte man denken: So muß der Hohepriester dagestanden sein, wenn er am Jom Kippur den heiligen Namen Gottes aussprach. Dieser öffentlichen Haltung entsprach sein privates Leben. Er lebte an der Seite seiner heißgeliebten Gattin ein wahrhaft jüdisches Leben. Seine Liebe gehörte seinem Volke und dem zionistischen Aufbauwerk, das er als organisierter, aktiver Zionist mit allen Kräften förderte. Er war Zionist mit allen Fasern seines Herzens, seit es eine zionistische Bewegung gab. Als Herzl, mit dem er befreundet war, starb, setzte er es gegen den Willen des damaligen Kultusvorstandes durch, daß er bei der offiziellen zionistischen Trauerfeier im Großen Musikvereinssaal sprechen konnte. Der damalige Oberrabbiner Dr. Züdemann aber blieb dem Begräbnis Herzls und der Trauerfeier fern. — — — Es gab keine zionistische Feier in Wien, bei der er nicht das Wort ergriff oder zumindest anwesend war, und er strahlte vor Glück, als Bialik in Wien weilte. Es gab keine Predigt, bei der er nicht Palästinas gedachte. Erst kürzlich sprach er begeistert Worte wehmutsvollen Gedenken bei der Sokolow-Gedächtnisfeier des Zionistischen Landesverbandes und in der nächsten Woche sollte er bei dem Gedächtnisgottesdienst zu Ehren Herzls und Bialiks sprechen. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Für immer ist sein Mund verstummt, und seine Kanzel, auf der er seinem großen Vorgänger Chajes nacheiferte, ist verwaist. Gleich Chajes sprach er fast immer zu den Ereignissen des Tages von einer hohen, sittlichen Warte aus. Schonungslos geißelte er die Unnatur des Nationalsozialismus und schonungslos geißelte er den Antisemitismus in allen seinen Erscheinungsformen. Unvergessen ist seine mutige Rede gegen die Ritualmordhetze, die durch Christian Loges Buch inszeniert wurde und unvergessen sind seine tapferen Reden gegen den Antisemitismus in Österreich. Donnerstag, den 2. Juli hat er zum letztenmal öffentlich gesprochen. Die Hakoah-West eröffnete ihr neues Heim in der Gumpendorferstraße. Dr. Feuchtwang weihte das Heim, in dem er die Mesusah anbrachte. In seiner Festrede sagte er dann, daß jedes neue zionistische Heim eine Bereicherung des jüdischen Lebens in Wien bedeute und in diesem Fall insbesondere, weil es ein Heim für die jüdische, kämpfende Hakoah- Jugend sei. Was Feuchtwang bei diesem Anlaß sagte, war sein politisches Testament. Nach einem geistreichen und launigen Wortespiel über „Goal“ und „Golus“ sagte er, es sei seine tiefinnerste Überzeugung, daß das Judentum, wenn es im Geiste Herzls für seine geistige und körperliche Renaissance kämpfen werde, die traurige Gegenwart überwinden und einer schönen Zukunft entgegengehen werde. Das war sein politisches Testament. Niemand dachte, als er freudig bewegt, kraftvoll und begeisternd von dem blau-weißen Rednerpult aus zu den Hakoahnern sprach, daß es seine letzte Rede sein sollte. Daß diese Rede aber dem zionistischen Ideal und der jüdischen Zukunft geweiht war, macht uns sein Hinscheiden schmerzvoll und trostreich zugleich. . Er starb nicht, ohne vorher noch seinem zionistischen Glaubensbekenntnis Ausdruck zu verleihen. Er wird uns überall fehlen, denn er war ein grundgütiger Mensch, ein Eiferer und Mahner, ein mutiger jüdischer Kämpfer. Ein Fürst in Israel ist gefallen. Sein Andenken wird uns ein Segen sein. Die Trauer der Gemeinde Das Präsidium der Kultusgemeinde erläßt die folgende Traueransage: Die Wiener Jüdische Gemeinde beklagt aufs tiefste erschüttei't den Heimgang ihres Oberrabbiners Sr. Ehr würden Herrn Dr. David F euch tw a n g, der am 5. Juli 1936 im 72. Lebensjahre jäh aus dem irdischen Leben abberufen wurde. Eine Persönlichkeit, ausgezeichnet durch hohes Wissen und durch edle Eigenschaften des Herzens, rastlos und unermüdlich bis zum letzten Atemzuge bestrebt, dem Judentume und„,seiner Lehre zu dienen, ist unserer Gemeinde entrissen worden. Die Leichenfeier wird am Dienstag, den 7. Juli 1936, um 9 Uhr vormittags, an der Stätte seiner Wirksamkeit, im Tempel der Inneren Stadt, 1., Seitenstettengasse 4, abgehalten werden. Die irdische Hülle des Verblichenen wird am gleichen Tage, um 11 Uhr vormittags, auf dem Zentralfriedhofe (I. Tor) in dem von der israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe bestattet werden. Der Vorstand der Isr. Kultusgemeinde Wien. Wien, 5. Juli 1936.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.