Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 560 (2.7.1936)
- Date
- 1936-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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NY. 56Ö — Wien, Donnerstag, 2. Juli 1036 Olt STIMM! Seit« ft KINDERHEIM v\\\\\\\\\\\\\\m Alt-Aussee Erstklassig geführt Dr. Else Herzko- Freistadt, Wien, XIX., Krottenbachstraße 105 Tel.« B13-8-72 Weltkongreß der jüdischen Frontsoldaten Im Großen Wiener Musikvereinssaal wurde am 27. Juni der II. Weltkongreß jüd iß eher Frontkämpferorganisationen in Anwesenheit von ungefähr 100 Delegierten aus 16 Staaten eröffnet. Außer den Delegationsmitgliedern hatten sieh Vertretungen der fremden Staaten eingefunden, deren jüdische Frontkämpfer Organisationen zu dem Kongreß nach Wien gekommen waren. Der Saal war in den Farben Österreichs und der auf dem Kongreß vertretenen Länder, auch Palästinas, geschmückt. Nachdem die Bundeshymne gespielt und die Landesfahnen aufgezogen wurden, sprach Direktor Jakob Feldhammer einen von Alfred Winzer verfaßten Prolog, worauf der Führer des Bundes jüdischer Frontsoldaten Österreichs, Hauptmann a. D. Siegmund v. Friedmann, die Festgäste begrüßte und zuerst der vielen Kameraden gedachte, die im Weltkrieg an allen Fronten in treuer Pflichterfüllung ihr Leiben für ihre Heimat hingegeben haben. Et gedachte auch der Opfer, die in dien Wirren in Palästina als jüdische Helden gefallen sind. Der Bundesführer stellte „mit Bitternis im Herzen“ fest, daß auch diesmal eine VertretungderjüdischenFrontsoldaten Deutschlands fehle. Daß die Verhältnisse es gerade diesen Frontsoldaten nicht gestatten, an dieser großen Zusammenkunft jüdischer Frontkameraden aller Länder teiizunehmen, zeige die ganze Tragik des jüdischen Lebens in Deutschland. Aber auch das werde nicht ewig dauern, schon jetzt treten mannhafte Stimmen auf, die sich gegen das Wiiten wenden. Die jüdischen Frontkämpfer fühlen es als ihre Pflicht, hier entsprechend entgegenau- PENSION LEHNER mrrttrr ja pintaS BAD-ISCHL, BRENNERSTRASSE 19 Streng rituelle Küche mit eigenem Schächter Großer schattiger Garten, schöne Baikone, Solbäder im Hause, erstklassige Küche PREIS VON 7 SCHILLING AUFWÄRTS wirken und Maßnahmen zu beraten und zu beschließen, die nicht nur für die Frontkämpfer, sondern darüber hinaus für die jüdische Gr e m eins ch af t r ichtunggebend sein sollen. Wir wollen und können nicht untätig zusohauen, wie sich ein Teil der Welt, durch Emissäre des Nationalsozialismus verhetzt, ansohickt, Juden und Judentum anzugreifen. Beinahe 300.000 Juden sind im Weltkriege in den Reihen der kämpfenden Armeen der verschiedenen Fronten gefallen — unter ihnen die mehr als 12.000 jüdischen Gefallenen das deutschen Heeres; sie fielen für ihre Vaterländer, aber auch dafür, daß ähre Anf gehörigen und ihre Nachkommen als Vollmenschen und Vollbürger mit allen Pflichten und allen Rechten angesehen werden. In einem großen Lande werden die Namen gefallener Juden aus Heldenidenkanälern und Gedenktafeln herausgekratzt. Man schämt sich der gefallenen Juden, man will, daß die heranwachsende Jugend vergißt, daß Juden einst für ihr Vaterland starben. In der wirtschaftlichen Not, die 'dem Frieden f olgte, suchte man den Juden ziuim Sündembook zu stempeln, man machte ihn für den Ausbruch des Krieges, für den unvorteilhaften Frieden, die Arbeitslosigkeit usw. verantwortlich. Für viele ist der Judenhaß mehr ein Geschäft, als der Ausfluß einer Überzeugung. Die Gleichberechtigung der Juden — von Deutschland nicht zu reden — ist vielfach ein Fetzen Papier, ohne Kraft und Bedeutung. Der Kongreß muß eine große Manifestation des fasten Willens der jüdischen Frontsoldaten werden, wie ein Mann a.ufzustehon und mit allen Mitteln die Pest des Antisemitismus zu bekämpfen. Wir werden aber auch gegen jene Juden auftreten, d i e durch ihr Benehmen und durch ihre Handlungen A n t i s e m 11 i sm u s e r % e u g e n. Besondere Bewegung ging durch den Saal, als die Fahne Palästinas hochging und Hauptmanm Friedmanin der Vorgänge in Palästina gedachte, wo friedlich arbeitende Juden in ihrem Aufbauwerke von verhetztem Elementen gestört worden* I Feldmarsohalleutnant We iß v. T i h a n y 1 überbrachte sodann als der älteste der österreichischen Frontsoldaten die Grüße der alten österreichisch-ungarischen. Armee. „Diese Armee“, sa^te er, „hat keine Judenfragc gekannt. Die alten österreichischungarischen »Soldaten haben nur brave Soldaten gekannt im Dienste und brave Kameraden im Frieden in und außer Dienet.“ Am Sonntag vormittags erfolgte in Gegenwart der ausländischen Delegierten eine Kranzniederlegung am Sange des ermordeten Bundeskanzlers Dr. Dollfuß durch eine Abordnung des Bundes jüdischer Frontsoldaten Österreichs, worauf sich die Delegierten in die Ehrenhalle des österreichischen Heldendenkmais am äußeren Burgtor begäben, um auch dort einen Kranz niederzulegen. Um 10 Uhr vormittags fand auf der Jüdischen Abteilung dee Zentralfriedhofs eine Heldengedenkfeier statt. Am Nachmittag wurden Kommissionssitzungen ahgehalten. Am Montag begaben sich die Delegierten nach Baden, wo »sie durch den Bürgermeister von Baden, Minister a. D. Josef Kollmann, und der Stadtvertretung empfangen wurden. Dienstag vormittags fanden Empfänge bei verschiedenen Gesandtschaften und ein Empfang durch den Bürgermeister von Wien, »Schmitz, statt, ebenso Empfänge durch verschiedene Regierungsstellen. Mittwoch abends fand im Großen Musikvereinssaal ein Festkonzert statt, bei dem Jaromir Weinberger als Gastdirigent bei der Uraufführung seiner Kompositionen mitwirkte. An die österreichische Judenheitl Zwei Jaihre steht in Erez Israel unsere Siedlung „Mischmar Hascharon“. Fern von den Stätten nüchterner Geschäftigkeit, mitten in arabischer Gegend, baut dort eine Gruppe religiöser österreichischer Jugend in heiligem Ernst an eigener Scholle. Die im Galuth unstillbare Sehnsucht nach einem Leben werktätiger Arbeit in voller Erfüllung unserer heiligen Gesetze entfachte das reine Feuer ihrer erfolgreichen Tat, und heute steht Mischmar Hascharon schon am Beginn seiner Blüte. Diese junge österreichische •Siedlung ist durch ihre vorgeschobene Lage einer der vordersten Posten des Jischuws. Juden Österreichs! Diesen Menschen müssen wir in diesen schicksalsschweren Tagen beistehen. Die Stunde fordert: Statt gefährdeter Zelte und Baracken feste und gesicherte Bauten! Sicherung der Siedlung und ihren Ausbau zur Aufnahme derjenigen unserer Kinder, die, von den gleichen hohen und heiligen Idealen getragen, mit der gleichen ernsten und glühenden ■Sehnsucht hinstreben. Allen Juden Österreichs gilt der Ruf. Mischmar Hascharon ist ein Werk, das uns allen teuer ist. Es ist ein religiöses Werk! Es ist ein Palästina-Werk! Es ist ein österreichisches Werk! Jeder fördere es nach seinen Kräften. AKTION FÜR MISCHMAR HASCH ARON — OBERRABBINER Dr. D. FEUCHTWANG, Großrabb. I. Friedmann (Husyatin), Oberrabb Dr. I. Taglicht, Rabb. J. Babad (Rösch Reth Din) und alle Rabbiner Österreichs. In allen Tempeln und Bethäusern Österreichs wird beim Thora - Aufruf am Schabbath, den 4. und 11. Juli, für Mischmar Hascharon gespendet. (Adresse: Oberrabbiner Feuchtwang-Aktion für Mischmar Hascharon, Wien, II., Schiffamtsgasse 15.) Das Pogromurteil von Radom Am 26. Juni hat das Distriktsgericht in Radom das Urteil in dem am 2. Juni begonnenen Prozeß gegen 43 Christen und 14 Juden gesprochen, die angeklagt waren, an den blutigen Unruhen, die sich am 9. März d. J. in dem benachbarten Städtchen P r z y t i k ereigneten, teilgenommen zu haben. Derjüdische Hauptangeklagte Schalom Jechiel Lesko, etwas über 20 Jahre alt, wurde zu 8 J a h r e n s c h w eren Kerkers, der ebenso junge Elieser Kerszenzweig zu 6 Jahren schweren Kerkers, der 27jährige Jizchak Friedman zu 5 Jahren schweren Kerkers, zwei weitere jüdische Angeklagte zu je 10 Monaten, zwei zu je 8 Monaten, vier zu je 6 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Drei jüdische Angeklagte wurden freigesprochen. Von den christlichen Angeklagten wurden drei zu je einem Jahr, fünfzehn zu je 6 Monaten, sechs zu je 8 Monaten, einer zu 10 Monaten Kerker verurteilt. Achtzehn christliche Angeklagte wurden freigesprochen. Das Urteil gegen die christlichen Angeklagten erfolgte wegen allgemeiner Teilnahme an den Unruhen. Der Mord an dom jüdischen Ehepaar Josef KURHÄUSER KAITEHLEUTSEBEH fl. C. ~ CHEFARZT PROF. DR. ALOIS STRASSER Sämtliche Kuren und Diäten. Idealer Aufenthalt für Kranke und Erholungsbedürftige. Auskünfte: Kalteuleutgeben, Tel. Nr. 3, nachmittags: Stadtbüro, Tel. Nr. ü 45-4-34 und Chaja Minkowski blieb demnach unge sühn t, obwohl eine Reihe Angeklagter der direkten Teilnahme an diesem bestialischen Doppelmorde und der blutigen Mißhandlung der sechs Kinder des Ehepaares Minkowski beschuldigt und durch Nachbarn Minkowskis als die Täter erkannt worden waren. Die Juden haben provoziert... In der Begründung des schweren Urteils gegen Lesko und Kierszenzweig stellte das Gericht fest, daß die von Lesko abgegebenen Schüsse die Bauernschaft zu weiteren Unternehmungen gegen die Juden provozierten; immerhin gab das Gericht zu, daß die Aufeinanderfolge der Ereignisse, das heißt Ursache und Wirkung bei dien einzelnen Delikten nicht mehr feststellbar ist. Auf die Judenschaft hat das Urteil einen deprimierenden Eindruck gemacht. In der Geschichte der jüdischen Martyriologie werden die Vorgänge in Przytik und das Urteil des Gerichtes in Radom auf einem besonderen Blatt vierzeichnet sein. Einer der jüd|schea Verteidiger stellte in seinem Plädoyer fest, daß es im zaristischen Rußland hunderte Progrom-Prozesse gab, daß aber niemals, wie jetzt im Falle Przytik, die Mißhandelten vor Gericht gestellt wurden. Monate des Terrors Die jüdische Gemeinde von Przytik stand viele Monate lang unter einem Boykott.- terror sondergleichen, die Behörden, die oftmals von den Juden zu Hilfe gerufen wurden, schritten gegen die Terroristen nicht ein. Auf den Wegen, die zur Stadt führten, und vor jedem einzelnen jüdischen Geschäft in Przytik selbst standen T e r r o r p o s t <e n, die die Christlichen Käufer daran hinderten, jüdische Läden zu betreten oder auch nur aus dem Dorfe mitgebrachte Lebensmittel an Juden zu verkaufen. Die Folge war, daß die jüdische Kaufmannschaft und Handwerkerschatf nicht nur wirtschaftlich vollkommen ruiniert wurde, sondern auch keine Lebensmittel für sich und diie kleinen Kinder beschaffen konnten. Answärtige jüdische Gemeinden ließen auf geheimen Wegen Milch und andere Nahrungsmittel nach Przytik schaffen, um die kleinen Kinder nicht verhungern zu lassen. Sehr oft kam es auch zu blutigen Angriffen auf die jüdischen Einwohner von Przytik. Nationaldemokratische Hetze Die Ereignisse waren durchaus nicht die Folge eines gespannten Verhältnisses zwischen den Przytiker Juden und der bäuerlichen Umgebung. Bis zum Beginn des Boykott-Terrors waren die Beziehungen der Juden zu ihren christlichen Nachbarn sogar sehr gute, bis der berüchtigte nationaldemokratische Agitator Karc z a k die christliche Jugend und die Bauernschaft gegen die Juden zu organisieren begann, sie mit Waffen versorgte und durch Verbreitung blutrünstiger Legenden gegen die Juden die Bauern immer mehr in eine Stimmung des Blutdurstes brachte. Mehrere Tage vor dem blutigen 9. März wußten die Juden von Przytik, daß gegen sie ein Pogrom vorbereitet wird. Sie schickten immer wieder Delegationen nach Radom und baten die zuständigen Behörden um Sicherheitsvolkehrungen. Sie wurden abge wiesen. Auch telephonische licttungsrufe blieben urigehört. Als am 9. März d. J., einem Jahrmarktsjüdisches Kinder-Ferienheim »ATID« in Spital am Semmering (820 m) für 6- bis 16-jährige Inhaber u. pädagog. Leiter A. Taglicht Modernes, gepflegtes Heim, ständige arzt« lleho Aufsloht, Sport, Gymnastik, Schwimmen, eigene Bibliothek, Heimkino, vorzügliche rituelle Verpflegung, Maetu. Diätkuren. Fremdsprachige Konversationsgruppen. Anmeldung, Prospekte, Photos usw. im Wiener Sekretariate, IX, Sohwarzspanierstr. 12/3, Tel. A 26-3-73 i tag, sich diie Nationaldemokraten von Przytik und ein Teil der Bauernschaft der Umgebung zu einem bewaffneten Zuge formierten und gegen die von Juden bewohnten Straßen zog, traten sich die jüdischen jungen Leute zusammen, um den Exzedenten den Zutritt zu diesen Straßen zu verwehren. Die jungen Juden wurden aber von der Polizei, diie gegenüber den antisemitischen Exzedenten machtlos war, vertrieben. So stand der jüdische Teil von Przytik ganz schutzlos da. Die bewaffnete Horde strömte in die jüdischen »Straßen: und richtete ungeheure Verwüstungen an. Als das Haus des Schneiders Lesko gestürmt wurde, gab der junge Schaiom Jechiel einen Schuß ab. An den anderen Stellen der Stadt schoß der schwer bedrängte Kerszenzweig, An einer dritten Stelle fiel der mit den exzedierenden Bauern mitziehende 53jährige Stanislaw Wieszniak, durch einen Schuß getroffen, tot hin. Nunmehr gerieten die Exzedenten in einen Paroxismus der Bestialität. Diese gipfelte in der Ermordung des Ehepaares Minkowski und der Marterung ihrer Kinder. Tante Mary’s Sommersonnenhelm Prein an der Rax, Tel. 4 (Semmering) (Kinder von 3 bis 17 Jahren I) Idealste Höhenlage I Erstrangig! Altbewährt 1 Strandbad, Sport, Sprachen, auch hebräisch. Ferialunterricht. Verblüffende Erfolge mit schlechtessenden Kindern. In- und Auslandsreferenzen. Prospekte: Kinderheim „Tante Mary“, Wien, IX., RoBauerlände 29. Tel. A 11-3-14. Pogromhetze in Rumänien Bukarest, 26. Juli. (JTA.) Die Spannung in Bukarest nimmt angesichts der andauernden Übergriffe antisemitischer Elemente zu. Die Straßenpolizei wurde durch Militärpatrouillen verstärkt. Die Behörden haben feststellen können, daß etwa 5000 antisemitische Jugendliebe aus verschiedenen Provinzstädten auf Anordnung der Führer der antisemitischen Parteien in Bukarest eingetroffen sind, um hier einen planmäßigen Angriff auf die jüdische Bevölkerung durchzuführen. Besonders beunruhigend hat es gewirkt, daß trotz der scharfen Zensur ein Artikel im „Universal“ erscheinen konnte, der offen zu einem o rganisierten Pogrom aufruft. Wegen der außerordentlich gespannten Lage haben die Behörden die Abhaltung einer cuzistischen Massenkundgebung in Bukarest, ebenso Kundgebungen anderer Gruppen und Parteien, verboten. Tätliche Mißhandlungen von Juden Ami Mittwoch und am Donnerstag wurden Juden und jüdisch aussehende Passanten in der Nähe dos cuzistischen „B lauen Hauß e ß“ aufgegriffem und in das Parteihaus geschleppt, ohne daß Polizei einseihritt. Auch gegen die öffentliche Verbrennung nichtantitsemitiecher Zeitungen in verschiedenen Teilen der Stadt wurde nichts unternommen. Ein solches Autodafe fand a/uck vor dem Gebäude des Außenministeriums statt. Der Präsident der Union rumänischer Juden, Dr. Wilhelm F i 1 d e r m a n n, befand sich am Nachmittag im Bibliothekssaaile des Justizpalastes. Plötzlich ertönten im Korridor Hilferufe. Er stürzte zur Tür lind sah, wie Studenten und rechtsgerichtete Anwälte jüdische Anwälte mißhandelten. Dr. Fildemnann versuchte, durch den Korridor die Staatsanwaltschaft zu erreichen, um die Vorfälle zur Anzeige zu bringen. In diesem Augenblick stürzten die Studenten mit Stöcken und Fäusten auf ihn los. Er verteidigte sich, bis (ihn ein heftiger Hieb gegen das Knie zu Fall brachte. Mit schwerer Mühe gelang es Dr. Fiilderrnann, sich den Angreifern zu entziehen. Er erreichte den Voiharuilungssaal des Kasßationshofes, wo er den Richten* qqoo, dien Vorfällen Mitteilung machte,