Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 560 (2.7.1936)
- Date
- 1936-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 560 — Wien, Donnerstag, 2. Juli 1936 Dil STIMM! Seite I HERZLS TODESTAG Theodor Herd ist am 3. Juli gestorben. Nach dem jüdischen Kalender ist es der ^O.Tamus (dieses Jahr der 10. Juli) TTf.. Pur em Merzt-Institut Von Dr, Oskar Grünbaum Andere Völker verstehen es, Ihre Großen so zu ehren, daß deren Verdienste auch dem, kleinsten Schulkind geläufig sind. Die Art und Weise, wie es bei uns Juden mit Theodor Herzls Ehrung durch die „da>nkbare Nation“ amsieht, wird das Kopfschütteln künftiger jüdischer Historiker hervormfen. Zweiunddreißig Jahre sind es jetzt seit Herzls Tod umd seine Gebeine sind noch immer nicht nach Erez Israel überführt worden. Man wende nicht ein, daß wir jetzt „andere Sorgen“ haben. Die werden wir immer haben. Die Erfüllung des letzten Wunsches des toten Führers darf aber nicht unsere geringste Sorge sein. Mit dieser Feststellung aber soll es nicht sein Bewenden haben. Seit Jahren wird die Idee propagiert, im, Erez Israel ein Herzl- Institut zu gründen. Bis heute aber wurden zur Venoirklictmng dieser Idee keime praktischen Schritte unternommen, obwohl das Herzl-lnstitut dazu berufen sein soll, ein Pantheon des zionistischen Schrifttums und eine Stätte zionistischer und allgemein politischer Forschungsarbeit zu werden. Das Herzl-lnstitut soll zunächst einmal edles, was Herzl geschrieben hat und was über ihn geschrieben wurde, vereinigen. Diese Bestände sollen durch die Unterlassenen Schriften der Freunde Herzls (Nordau, Wolfsohn, Kremenezky, Sokolow usw.) und durch alle Dolmmente der Vorläufer Herzls und seiner Nachfolger vermehrt werden. Das Herzl-lnstitut wird die jetzt verstreuten Dokumente aufzunehmen haben. Die Bestände des Archivs der zionistischen Weltorganisation, der NaiiondlbibUothek und des Herd-Zimmers und des in Wien befindlichen Herzl-Archivs sollen im Herzl-lnstitut vereinigt werden und ebenso alle Herd-Reliquien, die sich in der Welt noch zerstreut vorfinden. So wird eine sinnige Ehrung Theodor Herzls erfolgen und der Forschung eine Fwndgrube eröffnet werden. Das Herzllnstitut wird berufen sein, kulturell, politisch und soziologisch ein Zentrum des geistigen Lebens in Erez Israel zu werden. So wird das jüdische Volk nicht mir eine längst fällige Dankesschuld dem toten Meister gegenüber abstatten, sondern gleichzeitig auch der Erforschung der Geschichte des Zionismus und des jüdischen Volkes überhaupt eine vielverheißende Grundlage geben. Darüber hinaus soll das Herzl-lnstitut die Möglichkeit geben, den christlichen Freunden Theodor Herzls und des Zionismus eine Dankesschuld abzustatten. Um die Herzl- Halle, die der Forschung gewidmet ist, sollen sich Räume gruppieren, die Balfour, Lorenz Oliphant, Hechler, Suttner, Großherzog Friedrich von Baden, Henri Dwnant, Masaryk, Lloyd George usw. gewidmet sein sollen. Das Herzl-lnstitut soll das vornehmste GescMchtsforschungsinstitut des JiScJmw überhaupt werden. Die Idee des Herzl-lnstitut in dieser Form stammt von Dr. Tulo Nussenblatt. Der Testamentsvollstrecker und Freund Theodor Herzls, Direktor Moriz Reichenfeld, ist ein warmer Verfechter und Befürworter des Herzl-lnstituts, das auch die Zustimmung des Wiener Herzl-Komvtees und zahlreicher Herzl-Freunde in der ganzen Welt gefunden hat, insbesondere in Amerika. Ein besonderer Förderer der Idee war Sokolow. Warm setzen sich für das Institut verschiedene jüdische imd wichtjüdische Persönlichkeiten ein. ln erster Reihe Bürgermeister Dizengoff, der am liebsten das Institut in Tel-Avw aufbauen möchte. Dann Lord Melchett, der sich m einer Zuschrift folgendermaßen äußert: „Der Gedanke eines Herzl-lnstituts ist zweifellos eine großartige Konzeption itnd verdient die Unterstützung aller aufrichtigen Zionisten“ Chefrabbi Dr. J. L. Ländern schreibt aus Johannesburg: „Ein Herzl-lnstitut wird überall und selbstredend in Südafrika bereitwilligst unterstützt werden.“ Nun gilt es aber, diese schöne Idee in die Tat umzusetzen. Der Zionistische Landesverband für Österreich geht daran, ein int erfraktionelles Komitee zu bilden, das den ganzen Fragenkomplex behandeln und die eheste Erbauung und Erhaltung des Instituts in die Wege leiten soll. Die Erbauung des Herzl-lnstituts wird jüdischen Arbeitern, Handwerkern und Architekten Arbeit geben. Wird das Institut einmal eröffnet werden, Schon frühzeitig machte sich Herzl Gedanken über Leben und Tod. Wir können ohne Übertreibung sagen, daß er schon in seiner Jugend sein frühes Ende ahnte. Lainge noch vor seiner zionistischen Tätigkeit zitierte er gerne die Worte Heyses: „Bangend, er könnte über Nacht Hinfahren, ehe das Werk vollbracht.“ Aus dieser in ihm wachen Ahnung heraus entwickelten sich seine jugendlichen Grübeleien über den Zweck des menschlichen Daseins, über Leben und Tod. Viele Frajgmemte aus der Jugendzeit beweisen das. Eine literarische Arbeit aus jener Zeit heißt: „Jäger Tod“. Gedanken ähnlicher Art durchziehen später das Wirken und Leben Herzls. Er will dem Tod, diesem sicheren Ereignis, den ihm innewohnenden Schrecken nehmen, indem er ihn als Mahnung, Ansporn, ja auch als Korrektiv in sein Dasein einschaltet. So vollzieht sich in Herzl der Übergang, die Wandlung seines Lebens vom Traum zum Kampf. In dein letzten dreizehn Jahren seines Lebens sieht Herzl im Tode ein „Ausruhen auf rosigem Ebbegrund und zugleich eine bewußtlose, wunschlose Auflösung in besonntem Grenzlosen“. Mit achtzehn Jahren erlebte Herzl den Tod in der nächsten Umgebung. Pauline, die knospenerblühte Schwester wurde vom Tode jäh hinweiggerafft. Herzl hat seine merkwürdige Stimmung aus jener Zeit in einer autobiographischen •Skizze festzuhalten versucht. Sie entstand einige Jahre später, als er das Grab seiner Schwester in Budapest besuchte und die Erde, die seine Schwester bedeckte, mit Tränen tränkte. Da erblühte in seinem Herzen eine wunderbare Blüte der ewigen Treue und Liebe. Seine Gefühle und seine Trauer wurden verklärt. Er selbst erlöst. Die Inschrift auf dem Grabe Paulinens (in Budapest), von Herzl verfaßt, lautet: „Hier ruht Pauline Herzl, mustergültig in ihrem Tun, unvergeßlich ihren tiefgebeugten schmerzerfüllten Eltern Jakob und Jeanette Herzl. „Sie starb in ihrer schönsten Jugendblüte im Älter von 18 Jahren am 7. Feber 1878, um für immer in der Erinnerung aller derer, die sie kannten, geliebt und beklagt fortzuleben“ Das Erlebnis des Todes grub in "der Seele Herzls eine ewige Furche ein. Und wenn auch das Leben in seiner Fülle bald Herzl umrauschte — er blickte oft, in Freud und Leid, über die Grenze hinaus, die wir das Ende nennen. Er selbst verflocht in sein dichterisches Werk — uind nicht nur in die von ihm benannten „Philosophischen Erzählungen“ — eine eigenartige Philosophie über Leben und Kampf, Tod und Traum. Schopenhauer überwand er in seiner Seele durch Shakespeare. — Beide kannte er gründlich. Der Dichter in ihm verdrängte den Philosophen. „Wir sind aus dem Stoff wie zu träumen“, wiederholte er oft nach Shakespeare, und rang sich zur Auffassung durch: Wir wären nur Gäste auf dieser Erde. Es sind das in Wirklichkeit urjüdische Gefühle und Gedanken, besungen von Propheten, Psalinisten und althebräischen Dichtern. Unter dein Einfluß eines Sonderschioksals sind dieso zum Gemeingut unzähliger Generationen von Juden geiworden, so wird es jüdischen Wissenschaftlern eine Existenzbasis bieten und der stelze Bau wird Zeugnis oblegen von der Dankbarkeit des jüdischen Volkes gegenüber Theodor Herzl und seinen Fremden, Die Freunde des Herzl-lnstituts haben nun das Wort. An ihrer Energie liegt es, wie lange die Idee ihrer Verwirklichung wird harren müssen. Das traurige Beispiel der Herzl-Überführung darf keine Nachahmung finden. In spätestens zwei Jahren muß die blau-weiße Fahne am Herzl-lnstitut hochgezogeen werden. Wenn ihr wollt, wird auch das kein Märchen sein. Und in Herzl erwachte, vom persönlichen Schicksal geweckt, die ebenso fühlende und in Verbannung geratene jüdische Seele. Bei der Niederschrift des „Judenstaates“ erlebt Herzl in glühender Krise Todesgedankein. Er überwindet sie und wirft eine Brücke vom Tode zum Leben hinüber. Der Staatsmann entwirft den Plan, bei der Wanderung ins eigene Land die Särge der Lieben mitzunehmen. „Schiff der Särge!“ So wird selbst der Tod dem Leben nutzbar gemacht. Vor der ersten politischen Audienz im April 1896, die für Herzl den ersten großen Erfolg bedeutete, •empfindet Herzl, daß vieles von diesem Moment abhängt: „Dennoch darf ich auf dieser Höhe nicht schwindlig werden. Ich werde an den Tod denken und ernst sein.“ So willkürlich den Gedanken an den Tod herbeirufen kann nur ein Mensch, dem dieser Gedanke allzusehr vertraut war. So war Herzl. „Es gebührt sich, auf den Tod vorbereitet zu sein. Ich will keine Redensarten machen. Was ich den Juden war, wird eine kommende Zeit besser beurteilen, als die große Menge der Gegenwart .“ Mit diesen Worten leitet Herzl sein literarisches Testament vom Februar 1897 ein. In den Werken, Feuilletons, Tagebüchern und Briefen Herzls kann man unzählige sich allgemein auf den Tod und insbesondere auf seinen eigenen Tod beziehende Bemerkungen feststellen. Im Juni 1902 starb Jacob Herzl — der Vater Theodors. Herzl eilte nach Wien. Das Begräbnis fand in Stille, ohne Reden und ohne Blumen statt. Die Inschrift auf dem Grabe enthält nach dem Wunsche Herzls nur die Geburts- und Sterbedaten. Die Inschrift, wie auch die ganze Gruft hat Herzl, wie ich auf Grund des Briefwechsels mit dem die Arbeiten ausführenden Unternehmen feststellen konnte, selbst gewählt und bestimmt. Einen prunkvollen Entwurf seines Freundes, des Architekten Oskar Marmorek, verwarf Herzl. Und auf das Grab des Vaters hätte jenes Epitaph hingehört, das Herzl dem Andenken seines Vaters in den Tagebüchern zollt: „Wie viel bim ich ihm schuldig geblieben, obwohl ich keim schlechter Sohn war“ „Was war er mir für eine Stütze fort und fort, was für ein Ratgeber.“ „Wie ein Baum ist er neben mir gestanden. Jetzt ist der Baum weg “ Und noch eine andere Inschrift schwebte Herzl für das Grab des Vaters vor. In einem Briefe aus dem Jahre 1903 an eine Tante (Rosalie Rosenfeld in Groß-Becskerek) heißt es: „Auf die Gruft kommt die Itächrift: Haus Jacob Herzl.“ Auch für sich selbst wußte Herzl eine Grabschrift. Verärgert über das Verhalten der reichen Juden, die den armen nicht helfen wollen, vermerkt er unter dem 1. Mali 1900: Ich weiß jetzt eine Grabschrift für mich: „Er hatte eine zu gute Meinung von den MwS* In dieser Zeit fühlte sich Herzl krank. Wenn es auch Tage der Ehrung gab, gab es aber noch viel mehr Tage des Ärgers und der Sorgen. Im selben Monat, am 23. Mai 1900, verfaßte Herzl ein Testament. Er fühlt sich also besonders krank. Im nächsten Monat, im Juni, erleidet Herzl mitten im Gespräch einen Anfall von Gehrmanämie. Ähnlich ergeht es ihm im Juli, wie dem hier zitierten Briefe an Direktor M. Reichenfeld zu entnehmen ist: „Mein Unwohlsein der vergangenen Woche hat mir wieder den Gedanken des Todes nähergeiegt. Wenn ich unter meinen Freunden Umschau halte, so bist Du derjenige, dem ioli die Sorge um das künftige Wohl meiner Angehörigen a/m ruhigsten anvertraue.“ Der Zeitraum der schleichenden Krankheit, gekennzeichnet durch die Unlust und Energielosigkeit, dauerte bis in den Herbst dieses Jahres hinein. Zu jener Zeit veröffentlichte Herzl in der „Neuen Freiem Presse“ ein hier besonders beachtenswertes Feuilleton, gewidmet einer ihm in die Hand geratenen Sammlung von „unbeholfenem und inhaltsredohen“ Inschriften, vorzüglich Grabinschriften, unter dem der Sammlung entlehnten Titel „Marterl“. In diesem Aufsatz zieht Herzl Betrachtungen über Tod und Leben, über Trauer und Zeremonie. Unid da wir bereits den zeitlichen Zusammenhang der Niederschrift dieses Aufsatzes mit seinen persönlichen Erlebnissen kennen, wissen wir auch, daß sich hier Herzl von der Seele schrieb. Nur einiges sei hier aus diesem Aufstaz erwähnt: „Den Gedanken des Todes sollten wir immer mit uns tragen, weil nichts so geeignet ist, uns die Genüsse zu parfümieren und die Schmerzen zu erleichtern “ „Es gehört mit zur Unfreundlichkeit und Unliebenswürdigkeit der großen Städte, daß sie den unabweislichen Tod weit hinaus in die Bannmeile drängen.“ „Beschämend ist die Trauerlosigkeit des Aufwandes um das Begräbnis herum, deren dumme .Einteilung in Klassen nicht zum Herzen spricht. An einem frischen Grabe sollte man nur weinen und schweigen.“ Diese Gedanken haben merkwürdige Ähnlichkeit mit jenen, die im oben erwähnten, kaum einige Monate desselben Jahres früher niedergeschriebenen Testamente Herzls enthalten sind. Die Mitteilung über jenes Testament, das mit anderen Dokumenten eine bedeutende Rolle für die. Wahl des Ortes der Beisetzung Herzls in Palästina spielt — verdanken wir Direktor Reichenfeld. Aber auch ähnliche Gedanken finden wir im Testamente aus dem Jahre 1903, worin Herzl für sich ein Begräbnis ärmster Klasse und ohne Reden wünscht. Und ich glaube im Recht zu sein, wenn ich für das Erforschen der Wünsche Herzls, die sich auf die Art der Beisetzung beziehen könnten, Vorschläge, den Aufsatz „Marterl“ — sinnreich zu verwerten. Einen großen Teil seines Feuilletons „Marterl“ widmet Herzl den Inschriften auf Kindergräbern. Kein Wunder, daß ihn, den zärtlichen Vater unid Verfasser der bezauberndem Kiniderfeuiletons, diese Inschriften besonders rührten. Eine Inschrift auf einem Kimdergräbe erzählt ihm vom ewigen Blühen, bei einer anderen möchte er ann liebsten gleich mitweinem. Und nicht anders ergeht es uns selbst, wenn wir die letzte Inschrift lesen, mit welcher Herzl seinen Aufsatz schließt. Herzl nennt sie die Inschrift der Inschriften, und sie ist auf einem Kindergrabe in Axarns zu lesen: ln diesem kleinen Gräbelein, Da liegt mein kleines Hänselein. Dreißig Jahre später ging von dieser Weit, einsam, verlassen und gebrochen, der tdefveramlagte Hans Herzl. In Bordeaux auf dem jüdischen Friedhof fand er endlich seine Ruhe, er, Hans, das Kind Theodor Herzls. Seinem kleinen Hänselein hat Herzl keine Grabinschrift gewidmet. Und wenn er es hätte tun müssen, er könnte dean Steinmetz, wie ex es von der Mutter in Axarns glaubte, auch keine andere und' bessere Inschrift schluchzend vorsagen: In diesem Meinen Gräbelein, Da liegt weiß arm* Rftüsfegfe «ifiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiniiiiiiiiiiiniiiiiniiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiininiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiinniiniiinniiniiiiinntm fec&u*$cUci(tci* l/Ot* U&vzl Tulo Nussenblatt