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Die Stimme · 1936-06-23 · Heft 558 (23.6.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 558 (23.6.1936)
Date
1936-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Dil STIMM! Nr. 558 — Wien, Dienstag, 23. Juni 1936 Keine Kantone! Von Dr. Max Kollenscher, Tel-Aviv. Die Weltpresse beschäftigt sich mit Recht sehr stark mit dem Palästina-Problem. Die Quellen aber, aus denen sie gespeist wird, liegen, von dürftigen amtlichen Berichten abgesehen, fast ausschließlich auf judenfeindlichem Gebiete. Überdies heben die Nachrichten nur selten die charakteristischen Vorgänge hervor und lassen die notwendige Präzision vermiss«n. Deshalb sei es einem palästinensischen Juden gestattet, einige Tatsachen festzustellen und, soweit es jetzt schon möglich ist — denn wir stehen noch immer mitten in den Ereignissen —, zu ihnen Stellung zu nehmen. Man nimmt als Beginn der Unruhen gewöhnlich den 19. April an, den Tag, an dem die ersten Morde an Juden begangen wurden. Mit dieser Datierung wird sich die objektive Geschichtsforschung nicht begnügen. Der erste Abschnitt liegt bereits viele Monate zurück. Er setz tmit einer wohlorganisierten Hetze in der Presse und in den Versammlungen der Araber ein, die sich in gleicher Weise gegen die Juden und gegen die englische Mandatsregierung gewandt hat. Die lokale Regierung hat trotz vieler Warnungen von jüdischer Seite gegen diese unerhörte Hetzpropaganda nichts unternommen. Sie hat die Herde der Unruhen personell und sachlich gekannt, sie hat gewußt, wo sich die arabischen Waffenlager befinden, sie hat die Presse gelesen und Berichte über die Versammlungen entgegengenommen. Trotzdem hat sie nicht nur nichts dagegen unternommen, sondern durch ständige Betonung ihres Wunsches nach einem Legislative Council mindestens den Anschein erweckt, als wollte sie den Wünschen der Hetzer entgegenkommen. Die Ereignisse seit dem 19. April stellen keinen Kampf zwischen Juden und Arabern dar. Sie bilden vielmehr nur eine ununterbrochene Kette von arabischen Verbrechen, begangen an jüdischem Leben und Eigentum. Die Juden haben den Kampf gegen die Araber nicht aufgenommen. Sie haben sich nicht einmal zur Wehr gesetzt — geschweige denn irgendwie angegriffen. In den letzten Wochen ist das Morden durch planmäßiges Sengen und Brennen seitens der Araber verstärkt worden. Häuser sind in Brand gesetzt, blühende jüdische Felder vernichtet, tausende von Bäumen ausgerissen, worden. Ein Kulturwerk, in das Jahrzehnte hindurch der Fleiß jüdischer Pioniere gelegt war, an dem fast die gesamte Judenheit mit materiellen Opfern beteiligt war, ist von barbarischer Hand in rohester Weise an vielen Stellen vernichtet worden In bewundernswerter Disziplin haben die Juden sich von jeder tätigen Reaktion und besonders von jeder Provokation ferngehalten. Sie haben trotz des Abscheus, den sie gegen das Treiben ihrer Nachbarn haben mußten, trotz ihrer Opfer an Gut und Blut, die sie als einzelne und als Nation haben bringen müssen, ruhiges Blut bewahrt und haben es ihrerseits abgelehnt, ausgleichende Gerechtigkeit zu üben. Gern sind die Juden in Palästina bereit, sich bewaffnen zu lassen, ordnungsgemäß in die legalen Formationen der Polizei und des Militärs einzutreten und für ihr Land und ihr Volk ihr Leben einzusetzen. Sie stehen der Mandatsregierung nicht nur zur Verfügung, sondern kämpfen um das Recht des Waffengebrauches. Sie lehnen es aber ab, als illegale Freischärler ihr Volk den größten und schwersten politischen Gefahren auszusetzen. Der Sieg dieser politischen Klugheit ist eines der größtem Ereignisse der Unruhen von 1936. Daß man jetzt Angriffe auf jüdische Siedlungen unterlassen hat, ist eine Folgeder Erstarkung der jüdischen Position. 400.000 Juden, die sich im Lande befinden, sind schon an sich, auch wenn sie Gewehr bei Fuß stehen, eine Machtposition. An sie können sich zwar Meuchelmord und Brandstiftung im einzelnen heranschleiohen, einen planvollen Angriff von Masse gegen Masse aber haben die Araber nicht mehr gewagt. Dieser ihr Besitzstand hat die Juden in ihrer Gesamtheit gesichert und geschützt. Seine Verstärkung bedeutet den besten Schutz vor Gefahren der Zukunft. Man hat von jüdischer Seite daraus die Konsequenz gezogen, immer dichter z.usammenzurücken, die Orte und Stadtteile mit gemischter Bevölkerung zu verlassen und sich in rein jüdischen Zentren zu konzentrieren. In Zeiten der Unruhe ist diese Entwicklung nur allzu natürlich. Aber das, was die Not gebot, darf nicht etwa als Tugend durchgeführt werden. Sonst würde man das Land praktisch in jüdische und arabische „Kantone“ zerteilen — eine Entwicklung, die in letzter Zeit mehrfach in der politischen Diskussion erörtert worden ist, die aber tatsächlich der B al f o u r-D ek 1 a r a t i o n und dem Mandat auf das schärfste widersprechen würde. Diese Entwicklung würde nämlich dem jüdischen Volke, dem durch die Macht der Tatsachen für seine nationale Heimstätte heute noch das Ostjordanland entzogen ist, nicht einmal das ganze Westjordanland belassen. Sie würde ihm auch hier noch die arabischen Kantone entziehen. Dieser Verzicht kann den Juden nicht zugemutet werden, si« dürfen ihn sich nicht gefallen lassen. Es darf im Lande Israel keinen Platz geben, der den Kindern Israels versperrt bleiben müßte. Alle Orte im ganzen Lande haben di« Bestimmung zu erfüllen, zur nationalen Heimstätte für das jüdische Volk zu werden. Noch immer stehen wir unter dem Druck des arabischen Terrors, der vor keinem Verbrechen zurückschreckt. Noch immer sind wir nicht sicher, daß weitere Blutopfer nicht werden gefordert werden. Der arabische Streik dauert fort, auch wenn seine Front bereits etwas brüchig geworden ist. Die wirt schaftlichen Opfer, die von der Judenschaft gebracht werden mußten, sind erschreckend groß. Wenn auch, was man fordern muß die Regierung die Aufruhrschäden in vollem Umfange ersetzen sollte, so bleiben die Kul turen nach den Verwüstungen an den ge schädigten Steilen um Jahre zurückge worfen, so bleibt der Schaden, de dieKrise d e r Wi r t s c h af t zuge fügt hat, unendlich groß. Trotz dem wir Juden in Erez Israel dies alles nicht nur wissen, sondera täglich und stündlich erleben und empfinden, sind wir nicht nur nicht niedergedrückt, sondern in gehobener Stimmung. Für uns waren die Geschehnisse keine Überraschungen und wir dürfen sagen Nichts Neues unter der Sonne. Die letzten Opfer, die unser an Opfer so gewohntes Volk gebracht hat, das Blut unserer Mär tyrer, haben uns nur um so stärker und fester mit dem Volk und seinem Land« ver blinden. Durch die Intensivierung unserer inneren Solidarität, durch die Fortschritte in unserer politischen Stellung sind unsere Ver lüste ausgeglichen. Wir werden mit Ehren aus dem Kampfe hervorgehen, der gegen uns geführt wird, und mit einer Stärkung der nationalen jüdischen Heim stätt e. SU fite dU fCtdUeUe Zeitung.! Eine starke und große jüdische Presse ist eine Lebensfrage für den Weitere Jüdische Todesopfer Jerusalem, 18. Juni. (Palcor.) Auf einen nach Tel-Aviv fahrenden Autobus wurde gestern nachmittags bei Mikveh Israel ein Bombenanschlag verübt. Die Bombe wurde aus einer arabischen Orangerie geschleudert, flog in den Autobus, und explodierte im Schoß von Israel Schpater, dem 28jährigen Leiter der Lampenfabrik „Leviathan“. Schpater, dessen Unterleib auf grauenhafte Weise zerrissen wurde, starb nach wenigen Minu t e n. Der 34jährige Simon Blatt wurde schwer verwundet, während ein weiterer Fahrgast leichte Verletzungen erlitt; sie wurden ins Hadassah-Krankenhaus in Tel-Aviv eingeliefert. Polizei und Militär durchsuchten die Gegend, ohne Spuren der Täter zu finden. Die Beisetzung Schpatters fand heute um 5 Uhr morgens am Friedhöfe von Tel-Aviv statt. Rabbi U s i e 1 im Namen des Rabbinats, Alexander Ziskind Rabinowitz, P i n k a s als Vertreter des Stadtrates, R e m e z als Vertreter der Histadruth, G uralsky namens des Industriellen-Verbandes, hielten die Grabreden. Sämtliche Red ner unterstrichen die Notwendigkeit, dem Jischuw die Möglichkeit zum Selbstschutz zu geben und Chauffeure und Arbeiter, welche durch gefährliche Gebiete fahren müssen, zu bewaffnen, um die Festnahme der Angreifer zu ermöglichen. Nach einer Meldung der J. T. A. heißt der bei Mikweh Israel Getötete nicht Schpater, sondern Josef Schefter. Er soll aus Wien stammen. Ben-Yehuda, das 30. jüdische Opfer der Unruhen, wurde heute vormittags vom Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem nach Ataroth geschafft. Bei Zvi hielt im Vorhof des Krankenhauses eine Ansprache, in der er den Pioniergeist und die Tapferkeit der Siedlungen im Jerusalemer Gebiet rühmend hervorhob, die in diesen schweren Tagen ihre Position mit Kraft und Würde verteidigt haben. Ben Yehuda war einer der Gründer von Ataroth. Jerusalem, 19. Juni. (JTI.) Auf einen jüdischen Autobus wurde bei J a z u r in der Nähe von Jaffa eine Bombe geschleudert, die explodierte. Ein Jude wurde getötet, andere wurden verletzt. Bis jetzt zählt man also 33 jüdische Todesopfer seit Beginn der Unruhen. Gegen Säuglinge ... Jerusalem, 20. Juni. Gestern nachts steckten Araber das WIZO-Kinderheim Talpioth in Jerusalem in Brand. Ein Wächter mit Hilfe von Militär aus einem anliegenden Lager löschte das Feuer. In dem Heim sind über hundert Kinder im Alter von sechs Monaten bis zu zwei Jahren untergebracht. Sprengungen in Jaffa Jerusalem, 18. Juni. (Palcor.) In der Altstadt von Jaffa wurden heute vormittags 20 Häuser in die Luft gesprengt. Die Explo sioneen konntn bis nach Tel-Aviv gehört werden. Unter den zerstörten Häusern be fidet sich auch eine Synagoge, die seit den Unruhen von 1929 nicht mehr benützt worden war; die Thorarollen sind noch ge stern aus der Synagoge geschafft worden. Militärwachen auf Lastautos patroullieren durch die Straßen. Im Hafen von Jaffa ist gestern ein Kriegsschiff stationiert worden, von dem aus die Altstadt nachts mit Scheinwerfern beleuchtet wurde. In den Straßen von Jaffa herrscht Ruhe, mit Ausnahme der Ajjami- Straße, wo Ansammlungen von Arabern durch Militär auseinandergetrieben wurden. Hausdurchsuchung bei Nashashlbi Wie Palcor erfährt, wurde im Hause von Pahri Bey Nashashi’bi einer Durchsuchung vorgenommen, bei der ein Revolver und 600 Patronen gefunden wurden. Ferner entdeckte man wichtige Dokumente, welche möglicherweise Hinweise auf Beziehungen Nashashibi zum Ausland enthalten. Pahri Bey Nashashibi, der sich gegenwärtig, nach seiner Verbannung in Aujat-el-IIafir, im Krankenhause in Bersaba befindet, war Sekretär der Jerusalemer Stadtverwaltung, . als Rajib Bey Nashashibi Bürgermeister von Jerusalem war. Sympathiestreik In Syrien Beirut, 19. Juni. Die arabischen Führer haben, um ihre Sympathie mit der arabischen Bewegung in Palästina zum Ausdruck zu bringen, für heute den Vorkehr der städtischen Bahn eingestellt. Die Typographen streiken, so daß die Zeitungen nicht ersehe!- nen konnten. Auch der Lebensmitteltransport nach Palästina ist eingestellt. * Im Zusammenhang mit der von Frankreich angekündigten Selbständigmachung der französischen Mandatsländer Syrien und Libanon soll darauf hingewiesen werden, daß eich die Lage der Juden in Syrien in der letzten Zeit, besonders seit dem Ausbruch der Unruhen in Palästina, immer mehr verschlechtert hat. Jüdische Händler und „Dorfgeher“ dürfen sich auf den Märkten nicht zeigen. In Damaskus und Aleppo wurden vier jüdische Straßenhändler durch Araber überfallen und erheblich verletzt. Im jüdischeen Viertel von Aleppo wurden an den Häusern und an der Synagoge zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen. In den Abendstunden meiden die Juden die Straßen. Viele Araber haben ihre jüdischen Angestellten entlassen. In Aleppo müssen die Juden auf Fleischgennß verzichten, weil die Schächter das Schlachthaus nicht betreten dürfen. Das Verhalten der Polizei ist wenig energisch. In verschiedenen Fällen wurden Exzedenten festgenommen, aber gleich wieder auf freien Fuß gesetzt. Aufstasndplan in Amman? London, 21. Juni (JTA.). „Daily Herald“ meldet aus Amman, der Hauptstadt von Transjordanien, daß der Emir Abdullah seinen ältesten Sohn, den Kronprinzen, im Königspalast gefangengesetzt hat, als er erfuhr, daß der Kronprinz versucht habe, einen Aufstand gegen die britische Administration zu organisieren. Bueharische Juden an der Grenze festgenommen Beirut, 21. Juni (JTA.). Die französische Grenzwache hat an der syrischpalästinensischen Grenze zwölf bucharische Juden, die sich ohne Visa nach Palästina begeben wollten, festgenommen. Die Bucharen hatten sich mit großer Mühe und unter Lebensgefahr bis an die syrischpalästinensische Grenze durchgeschlagen. Einer der Verhafteten erzählte, daß zwei weitere bucharische Juden von russischen Grenzposten bei der Überschreitung der dortigen Grenze erschossen worden sind. Eine Mahnung aus London Jerusalem, 18. Juni. (Palcor.) Nach zuverlässigen Meldungen hat das arabische Oberste Komitee von der arabischen Delegation in London telegraphisch den Rat erhalten, Gewaltakte, wie Brandstiftungen und Baumfrevel vorläufig einzustellen, da Meldungen solcher Art einen ungünstigen Eindruck bei maßgebenden Regierungskreisen hervorrufen und insbesondere im Hinblick auf die Debatten im Unterhaus eine proarabische Propaganda schwer beeinträchtigen würden. Arbeiterschaft fordert Mobilisierung der jüd. Jugend Tel-Aviv, 21. Juni (JTA.). „Dawar“, das Organ der Histadruth, fordert, daß die jüdische Jugend Palästinas mobilisiert werde, um das Land von den Terroristen zu säubern, nachdem auch die strengen Verordnungen der Regierung sich gegenüber dem Terror als wirkungslos erwiesen haben. Fleischhauer hat verdienen wollen Bern, 17. schen-Agentur Juni. Die Schweizerische Depe« teilt mit: Der reichsdeutsohe Staatsangehörige Fleischhauer, der im Prozesse um die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Sachverständiger auftrat, hatte für sein Gutachten 80.000 Schweizer Franken als Honorar gefordert. Von dem Richter der ersten Instanz war sein Honorar auf 8000 Franken herabgesetzt worden, wogegen Fleischhauer rekurierte. Das Obergericht wies jedoch die Beschwerde als unbegründet ab. Da gegen Fleischhauer noch ein Verfahren anhängig ist, empfahl der Untersuchungsrichter, das Honorar bis zum Abschluß der Untersuchung zurücku h a 11 e n. Jüdisches Kulturtheater I., Franz-Josefs-Kai 3, R 28-7-36. Donnerstag, 25. Juni, 20 Uhr 45, findet die 75. Aufführung von Cedorlund und Dahlbergs Schauspiel „Die Grenze“ statt. Deutsch von Albert Ganzert. Regie Walter Steiner. Der „Brith Zion“ Prater, II., Stuwerstraße 1, Tel. R 40-1-86 L, veranstaltet in der Zeit vom 18. Juli bis 15. August vier außerordentlich günstige Reisen nach Riccione mit dreiwöchigem Aufenthalt und reichlicher Verlegung dortselbst, und eintägigem Aufentlalt in Venedig zum Preise von S 185_(für Nichtetudenten Bahnzuschlag S 10.—). Auskünfte erteilt der Zionisticche Landesverband, I., Marc-AureLStraße 5 (U 22-2-11) und der Brith Zion“, II., Stuwerstraße 1, R- 40-1-86 L.

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