Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 557 (19.6.1936)
- Date
- 1936-06-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Soft« 6 Olt STIMMI Nr. 557 — Wien, Freitag, 19. Jufti ¥008 Das Gift der Bücherschreiber „Entscheidung über Palästina" In der „Salzburger Chronik“ vom 10. Juni befaßt sich Minister a. D. Dr. C z e r m a k mit der Lage in Palästina. Der Autor zeigt eine überraschend gute Kenntnis der Verhältnisse. Er kommt zu folgenden Feststellungen: „Es ist bezeichnend, daß die Juden während der Wochen des Kleinkrieges im Lande außerordentliche Fortschritte auf verschiedenen Gebieten gemacht haben. Die bedeutsamste Errungenschaft dürfte wohl die sein, daß viele Regierungsämter, vor allem die aus Jaffa, nach Tel-Aviv übersiedelt wurden. In Jaffa sind nur mehr die Ämter für die Forstwirtschaft, Gesundheitswesen und für Hafenangelegenheiten. Von Bedeutung ist der kürzlich gefaßte Beschluß, an der seichten Küste von Tel- Aviv, an der sich’ bisher bloß ein ungeheures Strandbad befand, mit großem. Aufwand einen Hafen zu errichten. Infolge der Unruhen in Jaffa wurde im Mai zum ersten Male die Ladung eines Transportschiffes vor Tel-Aviv gelöscht. Diese erstmalige Verwendung von Tel-Aviv als Hafen gestaltete sich zu einem spontanen Volksfest für die jüdische Hauptstadt. Der Stadtrat von Tel-Aviv hat beschlossen, 51 Prozent der Anteile der neugegründeten Tel- Aviver Hafenbaugesellschaft zu üiber- . nehmen. Die englische Regierung ist durch die Vorgänge in Palästina zweifellos der Erfüllung ihres Versprechens aus dem. Jahre 1917, der Errichtung einer Heimstätte für Juden, ja der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina, wesentlich näher gekommen. Der arabische Widerstand ist im Begriffe zusammenzubrechen. Ob er noch einmal aufflammen wird, ob insbesondere die Araber in Palästina nochmals die Kraft aufbringen werden, sich dem rasch wachsenden Druck entgegenzustemmen, ist fraglich.“ EHEMALIGER GEWERBETREIBENDER möchte alle Arbeiten, welcher Art immer, auch Aushüfsarbeiten, annehmen. Schomre Schabbos. Ferdinand Benedik, II., Novarag. 32/42 Karl Kraus Karl Kraus, der 62 Jahre alt gestorben ist, hat seine letzten Jahre in ziemlicher Vereinsamung und Verlassenheit verlebt. Ehedem war der Kreis, der sich um ihn scharte, bedeutend an Zahl und Einfluß, und dieser großen Gemeinde fanatischer Freunde stand eine wahrscheinlich noch größere ebenso erbitterter Gegner gegenüber. Wer in der Zunft der Schreibenden etwas gelten wollte, mußte zu Karl Kraus Stellung nehmen, zu diesem leidenschaftlichen Temperament, dessen Inteüektaalität sicherlich fesselte. War er ein Reformator oder ein Satiriker? Ist seine „Fackel“ nur vom Standpunkt der Sprache oder der Soziologie zu werten? Die Frage, die einmal so viele Debatten ausgelöst bat, ist heute schon obsolet. Es hat sich alles, was einmal rings um Kraus wichtigschien, so gründlich gewandelt, daß Kraus in die Einsamkeit fallen mußte. Übrig bleibt von ihm nur die Leistung für die Sprache, die Erinnerung an den Eifer, mit dem er gewisse ühle Erscheinungen der Journalistik verfolgt hat, ephemere, kleine und kleinliche Dinge, vergessen und zerstoben, übrig bleibt sein Verdienst um Nesüroy, Raimund, Wedekind — und für uns Juden die Art, in der er sich aus dem Judentum entfernte, der Selbsthaß des innerlich unfreien extremen Geistes, der die Spur, von wannen er kam, verwischen will. Er hat den Zionismus mit einer Handbewegung, mit seiner „Krone für Zion“ (für die er sich freilich später schämte) äbzutun vermeint, aber es ist anders gekommen. Sein Ehrlichkeit«- und Wahrscheinlichkeitafanatismue hat vor der jüdischen Erneuerung halt gemacht. Er hat sie gar nicht verstanden und so hat er seine sicherlich reichen Gaben vertan für enge Nichtigkeiten. Aber er hat doch auch den Juden in sich nicht ausschalben können. „Die letzten Tage der Menschheit“, dieses Buch, das ihn allein überdauern wird, sind, so sehr an manchen Stellen antisemitelt wird, doch letzten Endes der zornige jüdische Protest gegen Schlacht und Schlachten, gegen die Hyänen hinter den Helden. Und um dieses Werkes willen muß Kraus manches vergeben werden, was er geschrieben hat und was dann in der oder jener Form in der Presse des antijüdischen Janhagels seinen Niederschlag ge&odgft Wenn man sich mit den böswilligen Anschuldigungen gegen das Judentum befaßt, so bleibt man meist an den Vorgängen im politischen und sozialen Leben haften. Was so täglich in der rein literarischen Sphäre geschieht, bleibt meistens unbeachtet, sei es weil es an einer systematischen Kontrolle mangelt, sei es, weil man dieses Treiben für unerheblich ansieht. Aber man muß sich dessen bewußt sein, daß auch hier ein großer Teil zu der Vergdfbung der Seelen beigetragen und so eine Stimmung erzeugt wird, die sich dann in Akten der Gesetzgebung oder der Regelung des gesellschaftlichen Lebens kund tut. Wenn man zum Beispiel an die Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus denkt, so muß man bedenken, daß ihnen eine lange mit allen Formen literarischer Tätigkeit betriebene „geistige“ Vorbereitung des Feldes vorangegangen ist, in der die seelische Bereitschaft des deutschen Volkes, Exzesse dieser Art zu dulden und schließlich mitzumachen, bergestellt worden ist. Es wird auf allen Saiten gespielt und man beachtet gewöhnlich nur Zeitungen, Versammlungsberichte und Aufsätze. Daneben gibt es aber auch noch die Art des Romans, die belletristische Verseuchung, die oftmals noch weit tiefer in die Massen eindringt als die rein politische Argumentation. Da ist in London G. K. Chesterson gestorben, ein ungemein populärer Bücherfabrikant. Alle großen Blätter widmen lange Spalten ihrer Literaturrubrik dem Wirken dieses Schriftstellers, dessen Kriminal- und Abenteuerromane in Millionen von Exemplaren nicht nur ins englische Publikum gegangen sind, sondern durch Übersetzungen auch in Frankreich und im deutschen Sprachkreis eine sehr große Verbreitung gefunden haben. Dieser Chesterton hat auch einen der antisemitischesten Romane geschrieben, den „Brunnen ohne Boden“, in dem er die bösartigsten Bemerkungen über Judentum und Zionismus anbringt, obzwar 'sie mit dem Gang der Handlung in gar keiner Verbindung stehen. Ja, wenn man die Handlung überdenkt, so ließe sie sioh leicht als Schmähung der englischen, nichtjüdischen Gesellschaft auffassen und verwenden. Da ist ein General, der irgendwo im Taurus die Türken geschlagen hat und nun ffloccis Scüwaez u* Wien* Nächste Woche, Freitag, beginnen auf der Bühne des Wiener Bürgertheaters die Vorstellungen der Truppe des New-Yorker jüdischen Kunsttheaters, Herr G o 1 d f 1 i e s, der Direktor der Wiener Jüdischen Kühstlerspiele, dessen Verdienste um das jüdische Theater nicht genug gewürdigt werden können, ist der Veranstalter des Wiener Gastspieles der New-Yorker jüdischen Schauspieler. Morris Schwarz, der Direktor des Kunsttheaters, weilt seit Mittwoch in Wien. Nächste Woche werden die Proben auf der Wiener Bühne durahgeführt, die Morris Schwarz persönlich leitet. Im Hotel Imperial, wo er Quartier genommen hat, gibt ein Besucher dem andern die Türklinke in die Hand. Künstler, Journalisten und Freunde, die er während seiner früheren Besuche in der österreichischen Hauptstadt erworben hat, wollen ihn sehen und sprechen, von seinen Plänen, von seinen Ideen hören. — Ich bin mit großem Vergnügen wieder nach Wien gekommen — so erzählt er — denn mein Gastspiel im Jahre 1924 war ein wirklich großes künstlerisches Erlebnis für mich. loh habe damals im jüdischen „Morgen- Journal“ in New York nicht weniger als sechs lange Artikel über meine Eindrücke in der Kunststadt Wien veröffentlicht. Diese Stadt versteht das Theater, in dieser Stadt hat man sofort den Kontakt mit dem Publikum, um ihn nicht wieder zu verlieren. — Wir fangen hier mit , Jos ehe Kalb“ an. Es ißt ein eigenartiges Stück, das mit eigenartigen künstlerischen Mitteln zum Ausdruck gebracht wird. Die Uraufführung war im Jahre 1938 am Jüdischen Theater in New York, aber das Stück ist heute noch so frisch und lebendig wie am Tag der Uraufführung. Der Roman von I. Singer, nach dessen Handlung das Theaterstück geschrieben worden Ist, umfaßt 600 Seiten, das Manuskript des Theaterstücks hat nur 52 Seiten Dialog. — Sie wundern sich, daß ich die Kürze des Dialogs als besonderen Vorzug eines Theaterstücks hervorhebe? Sehen Sie, als die Konmit Ehren überhäuft wird; aber den Plan zu seinem Feldzug hat er 'seinem Generalstabsofflzier gestohlen, der ausgleichende Gerechtigkeit übt und die Gattin des Feldherrn zum Ehebruch verführt» Der Gatte soll von dem Offizier vergiftet, und dann in einen tiefen Brunnen geworfen werden. Aber der Mordanwärter erwischt selbst den vergifteten Kaffee... Das ist die Geschichte, in deren Beginn sich zwei Briten über die Juden unterhalten; ein. jüdischer Bankier in Bagdad soll die englischen Minister bestochen haben, so daß sie den zionistischen Staat unter Englands Schutz gestatten. Dem Herrn Chesterton, Gott hab’ ihn selig, waren die Juden zuwider, und so schrieb er diesen Roman als Emballage für seine Antipathie. Aber diese Britengeschichte, an deren Schluß auch ein jüdischfranzösischer Arzt, sehr unsympathisch dargestellt, aber doch nur Episodenfigur, auftaucht, besagt dem denkenden Leser, daß englische Minister bestochen werden, daß ein englischer General einen Kriegsplan gestohlen hat, daß die Frau eines Generals den Mann betrügt und daß ein englischer Offizier einen Giftmord begehen will. Aber es ist doch schon so, daß die Leser nicht denken und für eine Analyse keine Vorliebe haben. Sie lesen so weiter und es bleibt ihnen das im Gedächtnis, um dessentwillen der Autor 'seinen Roman geschrieben hat. Denn, daß er etwa die britische Gesellschaft, die regierende wie die militärische, herabsetzen wollte, ist nicht anzunehmen. Das gleiche gilt auch von einem anderen englischen Vielschreiber, dem Herrn Philipps-Oppenheim. Er bat eine ganze große Bibliothek von Kriminalromanen angefertigt, die sehr hohe Auflagen erlebt haben und gleichfalls in mehreren Sprachen übersetzt worden sind. In fast jedem dieser Betrugs- und Mordgeschichten tritt ein Jude als der Träger der niedrigsten und gemeinsten Gesinnung auf. (Er wechselt darin mit dem Deutschen ab.) Der Jude ist dcT Hehler, der Wucherer, der Betrüger schlechtweg. Überflüssig zu betonen, daß diese Gesellen an ihrem Judenhaß dick und fett verdienen. Antisemitismus nährt gut» da fühlte ich, daß sich das Theater umstellen muß. Im Tonfilm wind geredet und geredet und das macht ihn langweilig. Das hat er vom alten Theater gelernt. Dieses alte Theater ist aber auch unmöglich geworden. Das neue Theater mnß mehr auf den Ausdruck als a.uf das Reden gestellt sein. Die ‘ Aufführung von ,.Josche Kalb“ ist eine Synthese verschiedener Knnsfcmittel, von Musik, Farben, Beleuchtung und selbstverständlich dramatischem Ausdruck und dramatischer Aktion. In alle diese Dinge ist der Dialog hineingebaut. — Wir spielen so, daß auch der alles versteht, deT den Dialog nicht verfolgen kann. Wir haben in Paris, London, Holland und Belgien gespielt und überall hatten wir den größten Erfolg auch beim nichtjüdisohen Publikum. In Holland waren vielleicht 80 Prozent der Besucher des Theaters Christen. — Das Stück spielt wohl im chassidisahen Milien und behandelt ein ohassidisches Problem, dem Kampf der zwei herrechenden rabbindschen Schulen von Galizien und Russisch-Polen. Trotzdem hat man überall gefühlt, daß darin universelle Probleme sich spiegeln: ich könnte Ihnen eine Menge Aussprüche von hervorragenden geistlichen Persönlichkeiten zitieren, die der Meinung waren, daß dieses Stück eine eminente Propaganda für den Geist der Mensohenversöhnung daxstellt. — Mit Begeisterung gehe ich an die Arbeit in Wien — so schließt Morris Schwarz die Unterredung. — loh werde mich freuen, wenn auch diese Theaterstadt, deren Meinung mir maßgebend ist, das Stück, in dem bo ungeheuer viel Arbeit und. Hingebung liegt, bestätigt —ei— Sevilla Pastor, Erna Siegler und Muniu Pastor sind zu längerem Kuraufenthalt nach Karlsbad abgereist. (lllllllllllllllllllllllllllliillllHHHIHIIIIlIHlllllHllltlllHllllllllllllllllillll1 In jedes jüdische Haus „Die Stimme" Morris Schwarz als Nischewer Zadifc in dam Stück „Josche Kalbt(. Neben ihm Chajm Weizmann. I. Kleine zionistische /rAjMV Bücherei vy/ Soeben erschienen: Olgerd Boczkowski: Das Nationalproblem. 100 Seiten. Preis . . . . S 2.-* Dr. Arthur Bergmann - Adolf Pollak: Die zionistischen Fonds. 50 Seiten S l.~r* Adolf Pollak: Keren Kayemeth Leisrael. 32 Seiten. Preis ...... S —ß0 Demnächst erscheinen: Dr. Felix Weltsch: Allgemeiner Zionismus. 25 Seiten. Preis . . . . S —.50 Prof. Sal. Goldelman: Das arbeitende Palästina. 30 Seiten. Preis-. . . . S —.60 Michael Assaf: Die arabische nationale Bewegung. 50 Seiten. Preis , . . S 1.—> II. Zionistischer Fernunterricht Neue Folge. Erscheint gedruckt. 12 Kurse in 40 bis 50 Vorlesungen. Jeden Monat drei bis vier Vorlesungen. Programm: Nationalproblem und Judentum, Zionismus und zionistische Bewegung, Palästina und das Aufbauwerk. Preis S 15.— für den ganzen Schulgang. Bestellungen und Geldüberweisungen ans Zionistisches Landeskomitee, Wien, L, Marc- Aurel-Straße 5. Jüdische Kulturstelle I, Franz-Josefs-Kai 3, Tel. R 28-2-56. Neueintritt jederzeit möglich, Jahresbeitrag S 3.50 einschließlich Halbmonatsschrift „Die Garbe“. Außer Kunststellenkarten steht den Mitglieder unsere prächtige Leihbibliothek der Jüdischen Volkshochschule zur Verfügung. I., Franz-Josefs-Kai 3, Tel. R 28-2-36. Jüdisches Kulturtheater I., Franz-Josefs-Kai 3, Tel. R 28-2-36. Sonntag, 21. Juni, 17 Uhr, Nachmittagsvorstellung von Cederlund und Dahlbergs Schauspiel „Die Grenze“, deutsch von Albert Ganzert. Regie: Walter Steiner. Oie Arbeit des Keren Kajemeth Prof. Dr. Ludwig-Braun-Hain. Die WIZO Österreich hat für diesen Hain zwanzig Bäume gestiftet. Das Komitee zur Ehrung des Verewigten, dem die führenden Persönlichkeiten des Wiener Judentums angehören, wendet sich dieser Tage an die Prof. Braun Nahegestandenen wogen Stiftung von Bäumen zwecks Errichtung des Haines, durch welchen dem Verewigten — in seinem Sinne — ein lebendes Denkmal errichtet werden soll. Kurorte-Aktion des KKL. Alle Gg., welche heuer österreichische Kur- und Badeorte aufsuchen, werden ersucht, denn KKL ihre Adressen bekanntzugeben. Rabatt-Sektion des KKL — Asca. Die vor einer Reihe von Jahron existierende Rabattsoktion des KKL ist letztens wieder^ erstanden. Die Verwaltung liegt in den Händen der „Jüdischen Kunststelle“, I., Kai 8. httüMti dabl flWiftlm« rrVif. dem TheBißT IlilllUlllllilllllll Eine Reihe erstklassiger Firmen aller Branchen ist ihr. angeeohlQ&sen, die Käufer teilen