Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 552 (29.5.1936)
- Date
- 1936-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Rillt % OIB STIMMI Nr. 582 — 29. Mai 1936 Bomben, Terror, Sabotage Jerusalem, 20. Mai. Das heute nachmittags herausgegebene amtliche Communlqud meldet von mehreren Bombeiftviirfen ln Jaffa, Tuikarm, Nazareth und Safed im Laufe der Nacht und heute morgens. In Jaffa,, Beth Alpha und in der Umgebung von Haifa wurden Schüsse auf die Polizei abgegeben, die das Feuer erwiderte. Ein jüdisches Holzlager in Jaffa wurde gestern ln Brand gesteckt, während kleinere Brandstiftungen ln Belt Vegan, Mezras und Rehoboth erfolgten. Die Lage i9t heute ruhig. In Safed und Gaza wurde gestern abends der Ausnahmezustand verhängt. Nach einer Meldung ist auch fürTiberias der Ausnahmezustand erklärt worden. In Orangerien im Eme-k Chefer wurden im Laufe der Nacht 2000 Bäume entwurzelt. In einer von Khalidi geleiteten Sitzung der Jerusalemer Stadtverwaltung, bei der fünf jüdische und vier arabische Ratsherren anwesend waren, wurde beschlossen, den Vertrag auf Erweiterung der Jaffaer Chaussee nach Jerusalem mit einem arabischen Unternehmer, der sieh dem Streik angeschlossen hat, zu annullieren und ‘die Arbeit einem englischen Unternehmer zu übertragen, der Juden beschäftigt. Optiker RUDOLF HAAS & COMP. WIEN, II., PRATERSTR. 32 SPEZIALIST FÖR BRILLENOPTIK Eine „Schwarze Hand" Jerusalem, 26. Mai. (JTA.) Die arabischen Terroristen versuchten, die Verbindungen zwischen den englischen Truppenteilen zu zerstören und sie in Verwirrung zu bringen. In Nablus wurden von der „Schwarzen Hand“ Unterzeichnete Aufrufe in englischer Sprache verbreitet, in denen die Soldaten gewarnt werden, sich in den Straßen zu zeigen, „wenn ihnen ihr Leben lieb sei“. In Jerusalem wurden die Sieherungsmaßnahmen für die Regierungsgebäude und das g& AIMUIV Wohnhaus des High Cominissioner Sir Arthur Wauchope erheblich verstärkt. Die Regierung soll die vertrauliche Mitteilung erhalten haben, daß seitens der arabischen Terroristen Attentate auf den High Commissioner und andere hohe Regierungsbeamte geplant seien. Die Telephonverbindung mit Emek Chefer ist unterbrochen worden. MÖBEL-WINTER für Gelegenheltskaufe Wien, VIII., Stadtbahnviadukt 23 bei lerdienfelderstreßfl Telephon: A 21-5*31 Wieder ein Jude in Jerusalem ermordert Jerusalem, 25. Mai. (Palcor.) Heute morgens wurde auf dem Fußwege am ölberge, welcher von der Universität nach einem dem Jerusalemer Großmufti gehörenden Hause führt, ein Jude ermordet aufgefunden. George Antonius, der im Hause wohnt, erkannte Jacob Razili oder Rezmick, seit vielen Jahren in Palästina ansässig und früher bei der Histadruth in Haifa beschäftigt. Razili, der 36 Jahre alt war, war ein Pionier der Hapoel-Hazair-Bewegung. Vor zwei Jahren kehrte er nach einer im Auf- ©rcbluiicT ü&crauS toirffam Sauetbrtttitt trage der Histadruth untornommenen Reise nach Südamerika zurück. Seitdem war er als Eisenarbeiter tätig und nahm regen Anteil an der Arbeit der Histadruth. Gestern nachmittags besuchte er die Universitätsbibliothek im Zusammen-* hang mit einer Arbeit über Arlosoroff und wurde wahrscheinlich bei der Rückkehr abends ermordet. Polizeihunde auf der Spur der Täter führten zu einem verlassenen arabischen Zelt. Nachdruck verboten. Zigaretten- RAV 100 St. htllaen fCÜJV 30 Or. durchgeführt von einer anscheinend besser als die Polizei organisierten arabischen Terrorgesellschaft. Wenn man Zeitungskorrespondent ist, muß man täglich ein paarmal zur Post gehen, die gerade an der Grenze zwischen der jüdischen und der arabischen Interessensphäre liegt. Es gibt weit vergnüglichere Spaziergänge. Wiewohl die Post gegenüber der Munizipalität und der Barkleys Bank liegt, steht dort nur ein einziger — arabischer — Polizeisoldat, der mit der dümmsten Verteidigungswaffe der Welt bewaffnet ist, mit einer drei viertel Meter langen Holzkeule, einer modifizierten Miniatur- Steinzeitmcnschenkeule. Auf der Ballustrade vor der Post sitzen Araber, nur Araber, keine Europäer und keine Juden, die jeden, der keinen Tarbusch auf dem Kopf trägt, sehr eindringlich mustern. So scheint es zumindest jedem, der keinen Tarbusch auf dem Kopf trägt. Es sind vermutlich durchaus anständige Menschen, die nichts anderes im Sinn haben, als Augenzeugen eines etwa eintretenden Zwischenfalls zu sein, aber, schließlich und endlich, weiß man doch nicht, ob alle die hier Herumsitzenden einen unter jeder Bedingung standhaften sense of humour haben. Sinn für Humor? Im jüdischen Jerusalem ist er zum größten Teil geschwunden seitdem man die Opfer des Mordüberfalls im Cinema begrub. Wollte man die Stimmung der Menschen analysieren, dann ergäbe sich ein Gefühl tiefsten Erstaunens Über die tägliche Ungerechtigkeit, gepaart mit verbissener Entschlossenheit, die nur durch die geradezu übermenschliche Diszipliniertheit mit unendlicher Selbstbeherrschung von einem Ausbrechen zurückgehalten wird. Kein Mensch weiß die alles beherrschende Frage zu beantworten: warum nimmt die plötzlich so massenhaft vorhandene Polizei nicht der diese Stadt terrorisierenden Mörderbande endlich die Initiative aus der Hand?“ Wiener 7rauerfeier für Nahum Sokolow Donnerstag abends versammelten sich die Wiener Zionisten im großen Saal des Hotels Continental zu einer Trauerkundgebung für Nahum Sokolow. Es war eine imposante Versammlung. Der Saal war überfüllt, aber es mußten viele Menschen, die keinen Platz mehr fanden, auf die Teilnahme an der Kundgebung verzichten. In Vertretung der polnischen Regierung war Konsul Grawinsky erschienen. Die Kultusgemeinde von Wien war durch Vizepräsident Dr. Jakob Ehrlich und Amtsdirektor Dr. Löwenherz vertreten. Dr. Oskar Grünbaum, der Präsident des Zionistischen Landeskomi'tces für Österreich, eröffnete die Versammlung mit der Mitteilung, daß der Präsident der Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Deeider Friedm a. n n, verhindert sei, zu der Kundgebung zu kommen und hier zu sprechen. Dr. Grünbaum verlaß einen Brief Dr. Friedmanns, der Mitteilungen von wahrhaft historischer Bedeutung über ein Gespräch Sokolows mit Dr. Ignaz Seipel enthält und eine Mahnung sein könnte für die Kreise, die eich heute anmaßen, die geistigen Erben Seipels zu sein. Der Brief hat folgenden Wortlaut: Seipel über Zionismus „Am 17. Februar 1928 empfing der damalige österreichische Regierungschef, der verstorbene Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel, Nahum Sokolow und ließ sich von ihm über eine Reihe von kulturellen Fragen des jüdischen Paläßtina, insbesondere über die Entwicklung der hebräischen Sprache und über das Schulwesen informieren. Bei diesem Anlasse gab Bundeeka.nzier Dr. Seipel gegenüber Sokolow die Erklärung ab, daß die Sache des Palästinaaufbaues stets seine, s owie die Unterstützung der österreichischen Regierung finden werde. Bundeskanzler Dr. Seipel ließ unter dem 18. Februar 1928 Nahum Sokolow folgendes für den Zionismus und insbesondere die zionistische Bewegung in Österreich bedeutsames Schreiben zugehen, dessen Inhalt in der Sfcaatskorrespondenz vom 18. Februar 1928 veröffentlicht wurde: Jerusalem/ Mai 1930 Von M. Y. Ben-gavriel. ' Jerusalem, im Zentrum der Stadt. Es ist halb acht Uhr abends. Seit gestern herrscht Ausnahmszuätand, das heißt: nach sieben Uhr abends darf kein Mensch die Straße betreten. Man hat auch wenig Lust dazu, denn hinter jedem Hans kann hervorgeschossen werden. Würden nicht hie und da die Patrcmillenwagen und die Motorräder der Polizeisoldaten durch die Straßen sausen, könnte man glauben, es lebe kein Mensch in dieser Stadt. Kein Ruf, kein Geräusch, selbst die Katzen, die sonst die Jerusalemer Nächte durchschreien, sind still. Dazu noch die bekannte Finsternis Jerusalems, das nur sehr wenige Straßenlampen besitzt und die absolute Windstille, die selbst die Bäume wie gestorben dastehen läßt — das Bild einer toten Stadt ist vollständig. Von der Gartenmauer sieht man auf die Alte Stadt, auf das arabische Jerusalem. Es liegt unheimlich, finster, lichtlos, ein drohen- Regenmantel des unbegreifliches Ungetüm hinter der Seleukidenmauer. Unwillkürlich nistet sich im Gefühl ein Gedanke ein, ein einziger Gedanke: Mord. Vermutlich haben die Araber, die dort unten aus ihren unbeleuchteten Fenstern auf die Neustadt blicken, das gleiche Gefühl, wie wir. Denn zwischen uns und ihnen,, zwischen der Neustadt und der Altstadt steht eine Mauer, die höher ist als die Stadtmauer: das Mißtrauen. Ihnen, dort drüben, sagen die Zeitungen tatäglich, daß die Juden Mörder sind, daß sie Araber ermorden und wir sehen nun tatäglich Menschen, jüdische Menschen in jüdischen Quartieren, tot, von einer Revolverkugel getroffen, hinfallen. Ein Kind schreit in einem Haus aus dem Schlaf auf. Alles zuckt zusammen. Die Nervosität, die die unnatürliche Stille ins Maßlose steigert, ist grenzenlos. Man möchte etwas zerschlagen, etwas rufen, Lärm machen, nur um diese lähmende, erregende Stille zu zerstören. Irgendwo fallen ein paar Schüsse. Man zählt pedantisch mit. Ein paar Augenblicke später rasen die Polizeiautos los. •j? Aber auch die Tage Jerusalems sind nicht viel gemütlicher. Die ohnehin stets etwas drückende Feierlichkeit dieser Stadt ist in einen schweren schmerzhaften Druck übergegangen, der nicht weichen will. Niemand denkt ans Arbeiten. Was getan werden muß, geschieht mechanisch, denn alle Sinne sind gespannt, einem einzigen Ziel zugerichtet: was ist in den letzten zehn Minuten geschehen? Hat man den Mörder von heute Vormittag oder versagte wieder die Polizei? Die Kaffeehäuser sind leer, man trachtet, sich auf der Straße aufzuhalten, da und dort aufzufangen, was gesagt wird, und wo nur zwei Menschen beisammenstehen, ist im nächsten Augenblick ein Dritter, ein Vierter, ein Zehnter. Gerüchte werden mit gewissenhafter Sinnlosigkeit weitergegeben; sie alle sind laut ausgesprochene innige Wünsche einer Gemeinschaft, die immer noch nicht begreifen will, warum Mord und Ausnahmszustand die Herrschaft in dieser Stadt führt und warum die Exekutive der in fernen politischen Wolken schwebenden Regierung noch immer nicht das primitivste Recht des Bürgers, die persönliche Sicherheit, garantiert. Die Geschäfte machen keine Geschäfte, die Fleischer haben überhaupt nicht aufgeraacht, weil die Regierung den Schlächtern keine Möglichkeit gibt, ohne Lebensgefahr ins Schlachthaus zu kommen; nur auf dem Nachriohtenmarkt gibt es Hausse. Die Katzen und die Hunde von Jerusalem aber haben ihren großen Tag, denn seitdem die Mühlabfuhr infolge des arabischen Streiks eingestellt ist, wirft man die Abfälle einfach auf die Straße. Die Regierung, so heißt es, verhandelt mit dem Häuptling der Zigeuner, die unten im Schüoahtal mit ihren tanzenden Bären und den bestialisch stinkenden Affen lagern, übor die Mühlabfuhr durch Zigeuner. Hoffentlich führen zumindest diese politischen Verhandlungen der Regierung zu einem Ziel. Das Ergebnis der andern ist: täglich, zumeist zwischen sieben und acht Uhr früh, ein Mord auf offener Straße, v ■ Tagtäglich um zwei Uhr nachmittags und um acht Uhr abends gibt das Radio den offiziellen Schlachtbericht des Tages. Jedes Kind weiß es bereits, womit er beginnt: „Der High Commissioner bedauert, daß heute wieder in Jerusalem...“ Jedes Kind weiß auch, womit er endet: „Der Polizei ist '"T.Ä B. Marcus & Sohn Wien. I., HudoUsplatz 2 Telephon Ü 25-3*10 Gegr. 1891 es noch nicht gelungen, den Mörder zu verhaften.“ Es ist anzunehmen, daß es bald der Abwechslung halber heißen wird: „Dem High Commissioner ist es gelungen, zu bedauern ...“ und: „Die Polizei hat den Ermordeten, einen Juden, verhaftet.“ * Wenn man einst die Geschichte dieser Tage schreiben wird, wird man in erster Linie der stillen, aber größten Helden dieser Zeit, der Kraftwagenlenker, besonders der jüdischen Autobusehauffeuro gedenken müssen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie, tagtäglich Steinigungen und Schüssen ausgesetzt, durch die unruhigsten Gegenden, ohne mit der Schußwaffo zu antworten, fahren, um die so notwendige Verbindung zwischen den einzelnen Siedlungon im Land aufrechtzuerhalten, ist eines wahrhaft großen Heldenliedos wert, das man einst für diese Kameraden auf den weiten mörderischen Landstraßen Palästinas schreiben soll. Hier wurde das Heldentum zur Selbstverständlichkeit. Keiner dankt ihnen, keiner gedenkt ihrer, wiewohl so und soviele von ihnen verwundet oder in ihrem von Banden um geworfenen Wagen lebenden Leibes verbrannten. 70% ARBEITSERSPARNIS DURCH Ruf - Buchhaltung L SCHOTTENGASSE 10 TIUPNQN - NR. A 11-1-77, A 11-MI „Die Stimme“ erscheint nächste Woche mit Rücksicht auf die Pfingsttage, an denen die Druckerei nicht arbeitet, nur einmal. Sie wird Mittwoch abends im Straßenverkauf zu haben sein und Donnerstag früh den Postabonnenten zugestellt. ,Sie haben mir bei Ihrem gestrigen Besuche wertvolle Aufklärungen über die Ziele des modernen Zionismus gegeben. Ihre Darlegungen haben um so größeren Eindruck auf mich gemacht, als ich schon seit langem mit großem Interesse die zionistische Bewegung verfolge, die, von einem bedeutenden Manne aus unserer Stadt durch neue Ideen und Organisationsformen befruchtet, für eines der schwierigsten polltisch-sozialen Probleme der Gegenwart eine vernünftige, aussichtsvolle Lösung vorbereitet. Ich hege hohe Wertschätzung für den Idealismus, mit dem sich so viele Juden in allen Ländern, auch in Österreich, Opfer auferlegen, um dem zionistischen Kolonisationswerk die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Gerne will ich, wenn sich mir Gelegenheit hiezu bietet, die Ziele Ihrer Bewegung fördern/ Ee ftcheint mir angozeigt — so fügte Dr. Grünbaum hinzu —, an die vorstehende Erklärung des verstorbenen großen österreichischen Staatsmannes Dr. Ignaz Seipel, welche wir"unserem unvergeßlichen Führer Nahum Sokolow verdanken, gerade in einer Zeit zu erinnern, in der von Gegnern aus dem eigenen jüdischem Lager der, wenn auch vergebliche Versuch unternommen wird, fälschlich einen Gegensatz zwischen dem Bekenntnis zmm Zionismus und der Treue zu unserem Vaterland Österreich zu konstruieren.“ Über dio Reden, die dann gehalten wurden, berichten wir in der näohston Nummer unseres Blattes. Demonstration für Erez Israel Dr. Grünbaum verlas schließlich folgende Kundgebung: Die Versammelten grüßen dio jüdischen Brüder und Schwestern in Eroz Israel, bewundern ihren Mut und danken ihnen für ihre Opferfreude. Die Versammelten protestieren gegen dio blutigen Ausschreitungen von Arabern gegen dio friedliche jüdische Bevölkerung und erwarten, daß die Mandateverwaltung ungesäumt Ruhe und Ordnung herfttellt, ohne die Unruhestiftungon mit Konzessionen zu belohnen. Die Versammelten behurron darauf, daß das Palästina-Mandat dem Sinn und dom Wortlaute nach erfüllt und das Rocht des jüdischen Volkes auf die ungehinderte Entwicklung des Nationaiheims gewährleistet wird. Mit der Absingung der Tiikwah schloß dio Trauerfeier.