Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 551 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 Oll STIMMI Nt. 651 — 26. Mai 1986. Die Mutter der Hilflosen Von Erich Gottgetreu (Jerusalem) Irene Gatter yin;_r mit mir von Tisch zu Tisch, von Bett zu Bett, von Kind zu Kind. Keines war normal, jedes hatte einen geistigen Defekt. galt im medizinischen Sinne als schwachsinnig. Selbst eine der halbwüchsigen Helferinnen, eine etwa Fünfzehnjährige, mitscheuen, schönen Augen, die gerade damit, beschäftigt war, die Hilflosen zu füttern, als sie von freue Güster gerufen wurde, wußte kaum, daß sie in Jerusalem lebt, überlegte lange, ob sie aus Tel-Aviv stamme und bestritt entschieden, daß dievse Stadt am Meer liege. Die Helferin war glücklich, als man ihr sagte, nun habe man sie genug gefragt, min dürfe sie wieder zurück zu ihren Kindern. Die krochen schwerfällig am Boden herum, weinten, zogen Grimassen, manche blickten stumpf vor sich hin, die ganz Kleinen lagen wie Holz in ihren Betten. Ein Bild des Jammers. ein Bild des Elends. Die Sonne sammelte eich in hellen Flecken an den Wänden und auf den Fußboden und spielte in den Haaren der Kinder — die aber hockten in sternloser Nacht. Irene Gaster kannte nicht nur die geographische und soziale Herkunft ihrer Zöglinge und das zumeist unglückliche, gelegentlich von Geisteekrankheitsfällen überschattete Milieu des Elternhausee, sondern wußte auch bei jedem Kind eine Art Krankengeschichte zu erzählen, die oft genug die Geschichte eines bereite erzielten Fortschrittes war: dieses dort, das als lebensunfähig eingeliefert wurde und nicht einmal sitzen konnte, läuft schon brav und führt bereits kleine Bestellungen aus; dieses dort, das zu Hause nur Brei aß, ist jetzt schon zu Brot erzogen; dieses tut schon dies, und jenes kann schon das — mit Energie und Liebe wird hier von einer mutigen Frau mit der Natur gerungen, und das schwerste pädagogische Werk vollbracht. Aber der Schwachsinn an sich, deT unheilbar ist, bleibt diesen Kindern, ein dunkler Schleier hängt zwischen ihnen und der Welt, unheiter und ohne Ausblick ist ihr ärmliches Leben. Was aber würde aus ihm werden, welche Last wäre es, traurig sich selbst und den andern, hätte nicht aus eigener Initiative und Kraft Irene Gaster sich selbstlos seiner angenommen? „Ich will versuchen, die Kinder trotz ihres Leidens zu einer gewissen Selbständigkeit und Nützlichkeit zu erziehen und sie später an geeigneten Plätzen unterzubrdngen. Ohne dje Aussicht auf einen besseren Platz wird kein Kind aus dem Heim entlassen“ — dies sind die Worte der Mutter der Hilflosen. Sie stammt aus England. Ihr Vater war Oberrabbiner der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, jüdischer Folklorist ersten Rufes, wiederholt Präsident des Landesverbandes der englischen Zionisten. Auch hohes Sozialempfinden zeichnete ihn aus:. 1885 ist er wegen seines Eintretens für die verfolgten rumänischen Juden aus Rumänien ausgewiesen worden. Die Tochter hat sein Herz, seine Energie, sein Organisationstalent. Herz allein ist nicht genug für diese Welt, aber in dieser Verbindung ist es ein Segen. Während des Krieges war Irene Gaster Krankenschwester. Dann leitete sie das „Städtische Tagesheim für Schwachsinnige“ in Croydon bei London. Anschließend in Deutschland das „Schwachsinnigenheim für jüdische Kinder“ in Werder (Havel) und. das jüdische „Dauerheim für Schwachsinnige“ in Berlin-Weißecnsee. Vor zwei Jahren kam sie nach Palästina. Es gab bis dahin in Palästina keine geregelte öffentliche Fürsorge für schwachsinnige Kinder, es gibt sie bis heute noch nicht. Irene Gaster begann ohne Kapital — nämlich mit 10 Pfund. Davon gingen sechs Kund ab, als erste Monatsmiete... Aber so primitiv und klein der Anfang war, und so bescheiden auch heute noch der Rahmen ist, in dem diese Arbeit getan wird — Eltern meldeten sich, Hospitäler meldeten sich, der Waad Leumi und die Stadt Tel- Aviv zeigten Interesse, viele unglückliche kleine Patienten wurden eingeliefert, und manchmal weiden die notwendigen 3 Pfund pro Monat für Bett, Pflege und Ernährung bezahlt und bisweilen auch nicht. Würde Irene Gaster nicht fast alle Arbeit selbst bewältigen, wäre sie nicht ihre eigene Köchin, Schneiderin und Sekretärin, würde sie nicht die kleineren Reparaturen selbst ausführen und die in solchen Heimen sonst so teure Nachtwache nicht ständig selbst übernehmen — ihr Werk wäre wohl längst zusammen,gebrochen, mau kann beim besten Willen nicht sagen, daß Öffentlichkeit und öffentliche Körperschaften ihm bisher eine wesentliche Unterstützung hätten zukommen lassen. Still und tapfer trägt Irene Seltsam fremd klingen noch in jüdischen Ohren zwei Worte: jüdisches Meer. Unser Meer. Wir wissen, daß os ein englisches, ein deutsches, ein französische? Meer gibt. Und wir empfinden den Sinn dieser Begriffe. Aber unser Meer? Jüdisches Meer? Dieser Begriff ist uns neu. Wir verstehen ihn noch nicht ganz. Deshalb ist es schwer, darüber zu sprechen und zu schreiben. Jeder, der heute Propaganda irgend eines Gebietes der jüdischen Kolonisation betreibt, hat zwei Mittel zur Hand, die nie versagen: Geschichte und Tatsachen. Der Begriff des jüdischen Meeres vermag zu uns nur aus der Perspektive zukünftiger Möglichkeiten sprechen. Die Geschichte des jüdischen Meeres ist, wenig bekannt und bisher noch nicht bearbeitet. Die heutigen Errungenschaften sind unverhältnismäßig klein gegenüber den Forderungen der Gegenwart. Und dennoch wächst dieser Begriff und findet Anklang. Auf dem XIX. Zionistenkongreß in Luzern wurde zum erstenmal in der Geschichte der zionistischen Organisation viel Aufmerksamkeit der Frage des jüdischen Meeres geschenkt. Über die palästinensischen Meere sprach Bin-Gurion. Die Notwendigkeit der Eroberung des Meeres vertrat der vorsichtige VoLkswiirtechaftler umd Statistiker Artur Ruppiru Man beschloß eiine Resolution, die die Arbeit der Pioniere des jüdischem Meeres lobte. Man erwog die Fragen, die durch das Flugblatt des Bundes „Sebulun“ aufgeworfen worden waren. Es ist erstaunlich, wie sich die jüdische Welt plötzlich mit den Fragen der jüdischen Schiffahrt beschäftigt. Es ist nicht so lange her, daß die Idee der Eroberung des Meeres durch das ganze jüdische Volk auftauohte, und schon hallt sie mit tausendfachem Echo in Palästina und den Ländern der Diaspora wieder. Hierin zeigt sich das Vorgefühl der Aufgaben, die einer Nation im eigenen Land — in einem Land, das zwischen zwei Meeren liegt, gestellt werden. Eine Umwälzung hat in der Psychologie eines Volkes stattgefunden, das durch Jahrhunderte in den Mauern des Ghettos lebte. Eines Volkes, das trotz aller Wanderungen doch immer nur mit dem Festland verbunden war. Man hört seit einigen Jahren viel über die Blüte — „prosperity“ — Palästinas. Diese Konjunktur zeigt sich unter anderem im plötzlichen Anwachsen des Menschen- und Güterverkehrs in den Häfen Erez Israels. Dadurch wächst vor unseren Augen eine Macht, die «mierseiits fremd und gleichgültig, anderseits fremd und feindlich uns gegenübersteht. Einige Zahlen werden das beweisen. In ihnen zeigt sich der ganze Ernst der Lage. In diesen Reihen trockener Zahlen bergen sich Möglichkeiten der zukünftigen Erweiterung der jüdischen Kolonisation. Im Jahre 1934 betrag die Gesajmttounage der die palästinensischen Häfen anlaufenden Schiffe 6,000.000 Nettoregistertonnen. Das beträgt 4*5 Tonnen auf den Kopf der Bevölkerung. In Deutschland 0*5 Tonnen auf den Kopf, in England 3 Tonnen. Der Wert dos Warenumschlages in Haifa und Jaffa belief sich im Jahre 1934 auf 1,300.000 Pfund, im Jahre 1933 dagegen auf 470.000 Pfund. Im Jahre 1934 betrug die Zahl der Touristen und Einwandorer über 300.000. Hieran nahmen vor allem Italiener (30 Prozent), Engländer (20 Prozenit), Deutsche, Norweger, Franzosen usw. teil. Den Verkehr längs der Küste haben die Araber mit Beschlag belegt. Die Juden haben dafür in einem Jahre — 1934 — 3,000.000 Pfund be- Gastcr ihre Last, die sie sich selbst aufbürdeto, weiter, ohne Pathos, ohne wehseiige Duldermiene, entschlossen und gütig. Solche Menschen gilbt cs nicht viele in der Welt, auch in Jerusalem nicht. zahlt. Für dieses Gold wurden rund 15.000 Arbeiter beschäftigt, darunter rund hundert Juden. Wenn man noch hinzufügt, daß für fremde Sohiffahrtsuntcrnehmer in ihren Bändern Docke und Schiffs Werkstätten arbeiten, daß sich dort Häfen und Schiffsindustrie entwickelt, haben, die einer großen Zahl von Berufen (Ingenieuren, Ärzten usw.) Arbeitsmöglichkeiten bieten, und wenn man bedenkt, daß Hand in Hand mit der ökonomischen die politische Expansion geht, so sieht man, daß die Lage doch recht ernst ist. Der Anteil der Juden an den Reichtümern, die das Meer bietet, ist verschwindend klein. Ebenso sind die Möglichkeiten, die die Fischerei auf dem Mittelländischen und Roten Meer bietet, nicht aiisgenützt. Diese Fischerei unterhält trotz primitiver Arbeitsmethoden heute Tausende von nichtjüdischen, vor allem italienischen und arabischen Familien. So gehen uns unwiederbringlich große Möglichkeiten verlören, Möglichkeiten, deren Ausmaße nicht zu überblicken sind. Denn man muß bedenken — die letzten Monate beweisen es —, daß einst die großen Verkehrsstraßen zwischen Europa und Asien durch Palästina gehen werden. Diesen zukünftigen unvergleichlich größeren Güterverkehr werden die Juden nur ausnüfczen können, wenn es ihnen gelingen wird, bis dahin eine eigene Handelsflotte zu bilden. Wird es ihnen gelingen? Es ist keine leichte Sache, ein Volk, das die Schiffahrt nicht gewohnt ist, zum Meer einzustellen. Nicht leicht ist es, dem Menschen der Straße einen neuen, unbekannten Begriff nahezubringen. Denn wir sind in dieser Frage immer noch an der Stelle, an der die Landwirtschaft vor 50 und die Industrie vor 15 Jahren stand. Aber auch die Landwirtschaft erlebte den Sieg, nachdem sie anfangs von Niederlage zu Niederlage schritt. Es gibt aber objektive Schwierigkeiten, die vielleicht größer sind als jene psychologischen. Es gab schon Versuche, eine jüdische Flotte mit privatem Kapital zu bilden. Warum mißlangen sie? 1. Der Kapitalist, der die Arbeit auf dem Meere beginnt, hat mit der gewaltigen Konkurrenz der großen Schiffahrtsgesellschaften, die im Augenblick das Mittelländische Meer bedienen, zu kämpfen. Diese Gesellschaften verfügen über ein großes Kapital sowie über große politische Einflüsse. Außerdem haben sie viel Erfahrung, die den Juden fehlt. Um sich auf dem Meer festzusetzen, wird das jüdische Kapital große Opfer darbringen müssen. Es ist zweifelhaft, ob in diesem Kampf das jüdische Kapital ohne Hilfe des jüdischen Volkes siegen kann. 2. In der Küstenschiffahrt, die hauptsächlich von arabisch-syrischen und arabischpalästinensischen Gesellschaften betrieben wird, trifft das private Kapital auf die Konkurrenz des billigen arabischen Arbeiters. Soll die jüdische Flotte wirklich eine j üd i s c h e Flotte werden, so muß hinter dem privaten Kapital eine Finanzmacht stehen, die ihm, in der ersten Zeit wenigstens, helfen wird, sich auf diesem Gebiet zu behaupten. 3. Die Gründung von Soeschulen, hydrobiologisehen Stationen, die für die Fischerei wichtig sind, der Ankauf von Schulschiffen, die Ausbildung von Matrosen kann nicht der Sorge dos privaten Kapitals überlassen werden. Allo diese Dinge, dio sich, vom nationalen Standpunkt aus betrachtet, bezahlt machen, können das privato Kapital nicht interessieren. Diese Ziele vertreten und finanzieren in anderen Ländern die Regierungen oder besondere, durch dio Nationen berufeno Institutionen und Veremo. Daraus folgt, daß private Gesellschaftern nicht in der Lago sind, eine jüdische Flottö auf gesunder Basis zu bilden. Das private! Kapital kann und wird eine ganze Reihe wichtiger Aufgaben, die in einer Zeit der Bildung eines neuen jüdischen Elementes entstehen, nicht auf sich nehmen. Hier ist der Grund der Entstehung de? Bewegung „Schulun“ zu suchen. Seit längerer Zeit wächst diese Bewegung in' Europa (in Polen ist die Zentrale des polnischen ..Schulmi“ in Krakau schon das zweite Jahr tätig), außerdem entstehen Gruppen in allen größeren Städten), ln Palästina, England und Amerika. Das Ziel, um das diese Bewegung, die den historischen Namen eines hebräischen Stammes trägt, kämpft, ist die Lösung der Frage dos jüdischen Meeres an der Küste Erez Israels. Darunter versteht. man die Bildung einer jüdischen Flotte in Palästina, den Bau von Häfen, Docken, Werften, hydrobiologisehen Stationen, die Errichtung und Unterhaltung von Seeschulen in Erez Israel, die Unterstützung privater Initiative auf dem Meer, die Entwicklung der See- und Süßwa&serfischerei, den Ankauf von Schulschiffen, die Errichtung einer See-IIachscharah in den Ländern der Diaspora. Das sind große Aufgaben, berechnet auf lange Jahre. „Sebailun“ wiill die Massen organisieren und führen, will durch unaufhörliche Propaganda im Judentum die Einsicht erwecken, daß die Erringung des jüdischen Meeres eine Lebensnotwendigkeit ist, will die entsprechenden1 Geldmittel erwerben, will die moralische Grundlage schaffen, die notwendig ist, um in entscheidenden Augenblicken die neuen; Pioniere zu unterstützen. Die Ideologie „Sebuilun“ entstand aiuis diean tiefen Vorgefühl, daß nur das ganze jüdische Volk' — sowohl in Palästina als aucH in der Diaspora — fähig ist, dies® große Aufgabe auf sich zu nehmen. Es gibt in keinem Lande Beispiele dafür, daß diei Schiffahrt einer Nation anders als nur durch gemeinsame Anstrengung des ganzen Volkes entstand. Auch in Erez Israel gibt es keinen anderen Weg. „Sebulun“ will in der Zukunft das Instrument einer neuen Kolonisation, ein Instrument zionistischer Arbeit werden. i Das ist der einzige Weg. Daß dieser Weg weit und schwer ist —* besonders in unseren Verhältnissen —, läßt sich nicht bestreiten. Jede neue Idee trifft auf ihrem Wege auf zwei grundsätzliche Reaktionen des einzelnen Menschen. Die einem reißt sie mit. Aus diesen werden die Verwirklichen Die anderen werden durch die Neuartigkeit des Problems abgestoßen. Aua diesen werden die Gegner, selbst wenn diese Idee einst für sie Rettung bedeuten wird« Es gibt keine Bewegung, keine Idee, die mit diesen beiden Empfindungen nicht zu tun gehabt hätte. So ist es bei gesundem' Völkern. Bei den Juden tritt noch eine dritte Gruppe hinzu. Die Gruppe der ewigen Nörgler und Lacher, die bereit sind, ohne eigentliche Stellung zur heranreifenden Gegenwart, jede neue aktive Idee auszulachotf und herabzusetzen. Das ist die Gruppe der Skeptiker aus Überzeugung, die sich vor fremder Kraft beugen und sie anzuerkennen wissen, für jüdische Bestrebungen jedoch nur ein mitleidiges Lächeln und die Verachtung der Besserwisser haben. Nicht wenige von denen, die für das jüdische! Meer arbeiten werden, werden mit diesem Leuten zu tun bekommen und sich von ihnen abschrecken lassen. Das wird so lange dauorn, bis auf den großen Meoresstraßen stolz mit gehißter blau-weißer Flagge hebräische Schiffe fahren worden. Man kann vielleicht sagen: wozu das alles. Wozu Gold und wertvolles Menschonmaterial auf das Spiel setzen? Das Land ist ja noch nicht oinmal errungen. Aus der Praxis der jüdischen Kolonisation kann man jedoch eine Lohre ziehen: Jede Tat, die die ethnographischen Verhältnisse Palästinas zugunsten der Juden ändert, ist wichtig. Erez Israel ist ein offenes Land, von Osten und Westen zugänglich. Dem jungen Jischuw droht nicht nur die Wüste. Dio palästinensische Küsto ohne jüdische Schiffahrt wird allmählich zu einem wichtigen wirtschaftlichen und politischen Pro- Dr. Emanuel Stein: Das jüdische Meer Bin Worf über »Sebulun« Spendet Schuhe, Me, Kleider m EinrlchtuntstegenstSnde m mm Chuluzlm! Anfällige Spenden werden vom Büro des Landeskomitees, Wien, I., Marc-Aurelstraße 5, Telephon U 22-2-11, abgeholt