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Die Stimme · 1936-05-26 · Heft 551 (26.5.1936) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 551 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite IV DIE STIMME Nr. 551 — 26. Maa 1206. m Sckclcw de* HeWaev Vctt David RefkUum eilenden Berichten angelockt, ein Großteil der jüdischen Gemeinde — Männer, Frauen und Kinder — an dem Bauplatz eingefunden. Schließlich wurde auch der Stein an« Licht und vor aller Blick gebracht, auf den der Erzengel Gabriel gemeißelt war. Es war dies der höchste und breiteste aller Steine. Ein Schrei des Entsetzens brach aus der Menge. Viele bedeckten ihr Antlitz vor dem sündhaften Bild, andere schauten weg, manche fielen nieder und schlugen mit der Stirn die Erde. Die Rabbanim aber hoben beschwörend die Arme und sprachen, daß es weithin hallte, ihren Fluch über das gotteslästerliche Abbild. Die Menge schrie, jammerte und weinte: .,Ein Teuf eis werk! Ein Werk wider den Heiligen, gepriesen sei er! Ein Schandwerk des Bösen und seiner Helfer!“ Schon waren die Arbeiter und mit ihnen andere vor Empörung glühende Männer zu den Werkzeugen geeilt, zu den schweren Hämmern, und stürzten sich, zu mächtigen Schlägen ausholend, auf die Steine. Ln Nu, ,wie*wenn Gott selbst dabei geholfen hätte, waren die Blöcke zu Grieß zerschlagen und in einen Haufen Schutt verwandelt.. Dann zogen alle unter Vorantritt der Rabbanim und Vorsteher zum nächstgelegenen Tempel, um im Gebet sich und das Werk des heiligen Baues zu entsühnen. Im Bethaus wurde ein Fasten angeordnet auf einen Tag für alle Gemeindemitglieder, auf wöchentlich einen Tag bis zur Vollendung des Baues für alle, die an ihm beschäftigt waren. Gabriel stand allein vor den Steintrümmern. Er konnte nicht klagen, nicht beten, nicht denken. Jeder der vielen Schläge, die gegen die Steine geführt worden waren, hatten auch ihn getroffen — seinen Kopf, sein Herz und die vermessenen Hände. Deren Sünde wütete nun in ihm wie ein Gift, das er gleichsam in einem süßen Trank eingeschlürft hatte und das nun seine ganze Bitterkeit, seine verzehrende und verwesende Kraft entfaltete. Er hatte sich der Sünde vermessen und fiel ihr zum Opfer. Das begann er zu fühlen. Kaum seiner Glieder mächtig, wankte er zu der Hütte, band seine paar Habseligkeiten zusammen und verschwand aus der Stadt. Nachdem er einen Tag und eine Nacht planlos im Gebirge herumgeirrt war, ohne zu ruhen, zu essen und zu beten, lenkte er seine Schritte nach einem kleinen Ort, wo er einen Rabbi wohnen wußte, der durch seine Frömmigkeit und Gelehrtheit gleich berühmt war. Als er vor dessen Haus, zu dem er .sich hingefragt hatte, ankam, da erschrak er mächtig. Denn es stand — kaum ein Haus zu nennen, eher eine Hütte — über einem riesigen Steinbruch, hart an dessen Abgrund. Vor diesem Anblick aber sank Gabriel ohnmächtig um. So fand ihn der fromme Rabbi und trug ihn ins Haus. Der Jüngling fiel in ein heftiges Fieber, das wochenlang1 währte. In seinen Fieberträumen rang seine Seele mit den Seelen der Steine. Da auch bis in die Einsamkeit der Hütte die Kunde von dem drang, was zu Toledo sich ereignet hatte, wurde es dem Rabbi nicht schwer, in das Geheimnis des Fiebernden einz ad ringen, zumal er in dessen Bündel einen Hammer und einen Meißel fand. Gabriel ward gesund und blieb als der Diener des Rabbi in dem ärmlichen Haus. Aber das Fieber hatte sich ihm auf die Augen geschlagen und ihre Sehkraft beeinträchtigt. Wieviele und wie vortreffliche Mittel der Rabbi auch dagegen anwandte, eie fruchteten nichts. Nach einem halben ‘Jahr war Gabriel völlig erblindet. Und nach wieder einem halben Jahr fand man ihn eines Tages zerschmettert in der Tiefe des Steinbruches. In den vom Sturz zerfleischten Händen hielt er — in der einen seinen Hammer, in der anderen seinen Meißel. In dem Dachwinkel aber, der ihm zur Unterkunft gedient hatte, entdeckte der Rabbi unter Lumpen und Gerümpel einen Stein, Ln das der Verstorbene sein eigenes Ebenbild gemeißelt hatte. Es sah ihm sehr ähnlich, trotzdem seino Züge in die eines Affen verzerrt und entstellt waren. Das Reisebüro „FrancopoF* veranstaltet an jedem Sonntag außerordentlich günstige Sonderfahrten nach Polen und Czernowltz und erteilt dasselbe Auskünfte wie auch „Oedok“, 1., Kärntucrstiaße Tel. R 23-4-88, und 'Gerngroß, VH., Mariahilferstraße 42, Telephon B 88-ä-ßS, i Es ist ungemein schwer, seine literarische Persönlichkeit zu erfassen, noch schwerer sie einer nicht hebräischen Öffentlichkeit zu vermitteln. Kann ein Maler, und wäre er gottbegnadet, die untergehendc Sonne auf die Leinwand bringen und sagen: So sieht sie aus, wenn sie in die Meereefluten sinkt? Wenn es heute eine hebräische Kulturbewegung gibt, die das Judentum in der ganzen Welt ergriffen hat, so hat Sokolow sie vorbereitet. Das gesprochene hebräische Wort, das nie mehr aus dem Munde unserer Nachkommen schwinden wird, hat er mitgeschaffen. Es gäbe keinen Elieser ben Jehuda in Erez Israel, wäre Sokolow in der Galuth nicht tätig gewesen. Denn er war durch zwei Generationen ein Chaluz der Hachseharah im Exil für alles, was Hebräisch ist. Aohad Haam hat schöpferisch an der Gedankenwelt gearbeitet, in der Sokolow schon längst praktisch gewirkt hatte. Und dieses emsige Wirken war voll des Glaubens und Selbstvertrauens, der Hoffnung und Zuversicht, wie die Arbeit des Säers, der das Kom gottvertrauend der Erde übergibt. Sokolow ist der Vater der hebräischen Publizistik. Was vor ihm war, kann kaum mehr als ein naiver Versuch genannt werden. Die politischen Aufsätze im Hamagid, Hahvri, Hator und Machsiko Hadath gingen nicht über den Horizont des Beth-Hamidrasch-Politikers hinaus, der eine sonderbare, mitunter kindische und krause Vorstellung von dem hatte, was in der großen Welt vorging. Sokolows Leitartikel in der Hazephirah, die er durch Jahrzehnte täglich veröffentlichte, waren belehrend und bildend und machten den kindlichen Vorstellungen über Weltereignisse in Schule und Haus des Ghetto ein für alleanal ein Ende. Die Hazephirah war ln Polen ein Synonym für Tageszeitung. Sio hat die jüdischen Massen der Welt nähergebracht. Er war der unübertroffene Meister des hebräischen Feuilletons. Da er die europäischen Hauptspraehen in Wort und Schrift beherrschte und unermüdlich las, war ihm kein Thema fremd. Die Schilderung seines Besuches in Rom, die er übrigens Theodor Hcrzl gewidmet hat, ist eine Perle feuilletonistischen Schrifttums. Ebenso die Beschreibung des japanischen Volkes und seiner eigenen Art als Küstenbewohner, die er heim Ausibruch des russisch-japanischen Krieges veröffentlicht hat. Sein Feuilleton ist Unterhaltung und Belehrung zugleich. Es hat schon allein wegen seiner Form, die der Psychologie der jüdischen Massen angepaßt war, ungeahnte Erziehungsarbeit geleistet. Das Lesen der Hazephirah war in Polen Bildungsmerkmal. Das jüdische Haus, in welchem die Hazephirah nicht auflag, galt als rückständig. Was dieses Tagblatt für die jüdischen Massen, waren die von Sokolow herausgegebenen Jahrbücher Heassif und Sepher Haechanah für dio heranwaohsenden Schriftsteller. Sokolow sammelte sie um sich und gab ihnen Gelegenheit, zu Worte zu kommen. Er war ihnen Lehrer und wohlwollender Berater. Er bemühte sich, ihre Fähigkeiten zur Geltung zu bringen, ihre Haskalah-Eigenheiten abzustreifen und ihre geistigen Produkte europäisch zu gestalten. Es gibt kein literarisches Gebiet, auf dem Sokolow nicht gleich hervorragend tätig war. Angefangen vom feinen, geistig delikaten Essay über berühmte Männer bis zum gedanken tiefen philosophischen Werk. Es gab für ihn keiue Grenze in Thema r.nd Sujet. In ihm lebte — könnte man fast sagen — ein Regiment von Schriftstellern. Denn Hand in Hand mit seiner Fähigkeit, wiederzugeben, ging sein Vermögen, aufzunehmen. Er hat immer dazugelernt und nie etwas vergessen. Er war nie banal, nie Gemeinplatz, immer interessant, fesselnd und, was vor ihm niemand getroffen hat, immer massenpsychologisch-jüdisch. Denn er vereinigte zwei Welten in sich, die jüdische und nichtjüdische, und er baute die letztere in die erstere ein, nie aber umgekehrt. So ist es zu verstehen, wenn Klausner von ihm sagt, daß er der jüdischen Gasse die Welt geöffnet hat. Herzl bezeichnete ihn als Journalisten im feinsten Sinne des Wortes und er hob ihn hiedurch auf das Niveau seiner eigenen Höhe. Schalom Asch nannte ihn den Sagenhaften. Er nannte ihn den Zeitlosen, wefl Sokolow dem Judentum der Älteste und Jüngste zugleich war. Bialik erfand für ihn eine besondere Bezeichnung: der Mann der langstieligen Gedanken. Er trifft überall hin, nichts ist ihm unerreichbar. Sein Formtalent entspricht nicht dem G-estaltungswillen, vielmehr ist es in der unwahrscheinlichen Üppigkeit seines Sprachenschatzes begründet. Sein Hebräisch ist in der Fülle einzig dastehend. Er nahm von den europäischen Sprachen gründlichen Besitz, von der hebräischen Sprache war er besessen. Oft wirkt die Lektüre seiner Aufsätze so, wie das Anhören eines endlosen Trillers. Man wird verblüfft, atemlos, glaubt, jetzt sei Schluß, nein, noch lange nicht... und dabei ist nichts bei ihm berechnet, gekünstelt, auf Effekt eingestellt, nein, es bricht aus ihm, aus seiner Feder, aus seiner Seele wie ein Quell hervor. Jodes Wort schafft assoziativ neue Gedanken und jeder Gedanke eine neue Wendung. Er schreibt in Ekstase, ohno das Gleichgewicht zu verlieren. Nie verfällt er in einen fremden Stil, er ist immer hebräisch. Seine Sprache ist national, nicht nur vom Standpunkte des Idioms, sondern der seelisch-geschichtlichen Struktur. Das war das Geheimnis seines Einflusses auf die Jünger des Beth-Hamidrasch, die Rabbiner und Gelehrten. Dieso äußerlich und innerlich nationale Sprache haben sie alle verstanden. Der so schrieb, durfte lehren und mußte gehört werden. Sokolw war eine wandelnde Bibliothek, doch das Wunderbare an ihm war, daß ihn das Wissen nicht beschwerte. Er war ein Realist, doch einer von denen, die Phantasien haben. Seine Vernunft war rein und kritisch, doch wohnte eine große Seele in ihr, dio alles verstand und alles verzieh. Sein Blick war historisch, klar und tief, er umfaßte den Werdegang seines Volkes, seines Aufstieges und Niederganges vom Uranfang bis auf den letzten Tag. Kühl nach außen, war er im Innorn ein Jüngling mit glühendem Herzen. Sokolow war unser Resch-Galutha, auf seinem Platze im Botli Hamiclrascli, des kleinsten polnischen Städtchens, auf seinem Platze an der Seite einos Thrones. Denn er war ein Weiser und fand sich überall zurecht. Sokolow ist nicht mehr. Es gibt für ihn keinen Ersatz... Wer wird seine hebräische Enzyklopädie vollondon, die er nach dem Muster der Akademie Fraaiyaiso ganz allein angelegt hat? Er wurde in hohem Alter zu seinen Vätern versammelt. Ihm trauert nach < in ganzes Volkz in der Heimat und. im Exil, Das Museum iii Tel-Aviv Blick in die E<Me im ersten Stock , „; V i <■ V liÄi i f m*m 'ilÄi : _r: J Straflenlmti des. Museum

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