Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 551 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054243-3054307--5915-3061704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 551 — 26. Mai 1936.. DIE STIMME Seite HT Das Wunder In Toledo Von Hermann SInshelmer Ws sie nur mit Gesten reagierten, bis er die Unterhaltung ganz allein führte. Ich ea.h ihn dann öfters auf der breiten Kaiflächo am Donaukana;!, wo die galizischen Jmden ihr Stelldichein hatten, wie er unwillkommener Elbitz ihrer Gespräche war, Bekanntschaften anzuknüpfen suchte und ungebeten Auskünfte erteilte. — Er war das Gewissen der Ungetreuen. Ihr schlechtes Gewissen. Schuld und Sühne. Der Fall ist einfach. Um die andern geht es, die ahnungslos wie das erste Menschen paar nach dem Sündenfall, aus dem Paradies verjagt sind, in welchem sie, trantmhaft kaum mehr und in seltensten Augenblicken, einen Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft fühlten, oft auch dies nicht. Da stand ich einem gegenüber, der aus „seinem“ Deutschland hatte fort müssen. Jeder Zoll ein Deutscher, auf sehr zahlreiche .mit der Scholle verbundene Generationen hinweisend. Hart und klar in Haltung und Bekenntnis, durch eine Welt getrennt, wie er unpathetisch feststellte, von dom, was man „Judentum“ nenne. Und plötzlich machte er „Kehrt euch“, als hätte er es sich, sein eigener Kommandant, selbst befohlen, und wae den straffen, sportgestählten Körper schüttelte, war ein Woinkramp.f. Mögest du, armier Mann, mögot ihr alle, denen auf erlegt ist, die letzte Maske zu tragen, trotz alledem, möget ihr die erste heilige Kraft finden, die bewirkt hat, daß wir noch da sind, trotz alledem, unsere jüdische Lobensbejahung. „Hier, wenn ich bitten darf!“ Ihr seid kein Ende, vielmehr ein Anbeginn. Denn es kommt noch eine Generation, es kommen noch viele Generationen nach euch. Otto Zarek: Moses Mendelssohn * ' Im Quer.ido-Verlag (Amsterdam) erschien kürzlich ein Buch von Otto Zar e Je: „M os e s M endeiss o hn, ein jüdisches Schicksal i?i D eut schlau d.“ Dieses Buch ist mehr als eine Mendelssohn-Biographie. Es ist ein plastisches Gemälde der geistigen Strömungen der damaligen Zeit Voltaire, Friedrich JL, Lessing, Lavater, Jacobi, Kant werden in ihren geistigen Auswirkungen auf Mendelssohn ebenso gewürdigt wie Maimonides und Spinoza. Was das Buch besonders auszeichnet, ist die grandiose Belesenheit des Autors, der bei seiner Arbeit die Bücherschätze der Bibliothek der Wiener jüd ischen Gemeinde benützen konnte, v)ofür er dem Leiter der Bibliothek, Prof. Rath, und den Beamten in einer Nachbemerkung besonderen Dank sagt. Mendelssohn selbst erfährt eine liebevolle Schilderung als Mensch, Jude und Philosoph. Nur mit Erschütterung verfolgt man seinen Werdegang vom Ghettojungen aus Dessau zum allseits geachteten „Herrn Moses(< und seine krampfhaften Bemühungen um die „Eindeutschung“ der Juden, sein Versagen, als ein „Mann vom Stande“ mit der zionistischen Idee an ihn herantritt, seine Schwäche in der Frage der von ihm als notwendig erkannten beruflichen Umschichtung zu Ackerbau und Handwerk. Dieses geschichtliche Buch mit seinen vielfältigen Beziehungen zur Gegenwartsgeschichte, die uns den Zusammenbruch der „Eindeutschung“ und jeder Assimilation aufzeigt, ist unheimlich aktuell. Wer unsere Zeit verstehen will, wird gut daran tun, das politische Unglück zu erkennen, das der große Jude Me?idelssohn, einer der erleuchtetsten Geister seiner Zeit, ein Mann von größter sittlicher Reinheit und ehrlichstem Wollen, em großer Philosoph, dem das geistige Deutschland so viel zu verdanken hat, über das jüdische Volk gebracht hat, das er, ein Mann von profundem jüdischen Wissen, ein strenggläubiger Jude Zeit seines Lebens, nur als Religionsgemeinschaft gelten lassen wollte. Zareks Buch geht darum jeden geistigen jüdischen Menschen an. Tn Granada lebte einst, ein reicher Jude, der hatte einen einzigen Sohn namens Gabriel. Der Vater unterhielt ein großes Lager von Waffen zum Hauen, Stoßen und Stechen und von allerhand Werkzeugen, die zu friedlicher Arbeit dienten, als da sind Hämmer, Zangen, Meißel, Sicheln und dergleichen mehr. Des Vaters Vater war ein Handwerker gewesen, ein gar tüchtiger und vielgewandtcr Meister, der mit einem Dutzend Gesellen Stahl und Holz in die Form brachte, die in der Hand von Werk- und Kriegsleuten ihren Dienst tat. Sein Sohn, der ein Mensch von mehr rechnendem Kopf als werkender Hand war, ging von der Anfertigung der Waffen und Werkzeuge zum Handel mit ihnen über und fand seinen Vorteil dabei. Er hätte sich auch wohl und glücklich dabei befunden, wenn nicht Gabriel, sein Sohn, ganz anders geraten und geartet gewesen wäre als er, der Händler. In Gabriel nämlich war wieder der Werksinn des Großvaters erwacht, also daß er am Handeln und Rechnen keinen Gefallen fand, da schon als halber Knabe einen heftigen Abscheu davor zu erkennen gab. Das brachte ihn, je größer er wurde, in immer tiefere Zwietracht mit dem Vater. Der mußte mit großem Mißbehagen zusehen, wie der erwachsene Gabriel sich eine kleine Werkstatt einrichtete und dort mit vorgebundenem Lederschurz an den Dingen herumhantierte, die das väterliche Geschäft als fertige Waren von den Groß- und Kleinmeistern des Handwerks zu beziehen pflegte. Gabriel schnitzte und hämmerte und meißelte an ihnen herum. Und wenn ihn der Vater fragte, zu welchem Ende und ob er denn die tüchtigen Meister übermeistern wolle, pflegte Gabriel entweder zu schweigen oder aber mehr zu sich als zu dem Vater zu sagen: alles auf der Welt könne noch schöner werden, als es sei, und dazu wolle er mit seinen schwachen Kräften beitragen. Worauf der Vater, der ein sehr frommer Mahn war, den Sohn nicht selten hart. am. ließ und ihn beschuldigte, er hänge einer gotteslästerlichen Neigung zu Bild- und Buhlwerk nach. Dann lächelto Gabriel und gab sich um so eifriger seiner Liebhaberei hin, die bald zur Leidenschaft wurde. Da die Stimmung im Handel und Haus dadurch immer feindseliger wurde, und sich zudem Gabriel von einer seltsamen Unruhe getrieben fühlte, schnürte er eines Tages sein Bündel und verließ ohne Abschied die Stadt Granada. Darnach tauchte er in den unterschiedlichen Städten der Halbinsel auf, in Sevilla, Toledo und auch in manchen kleineren Orten. Da suchte er als Waffen-, und Instrumentenmacher Arbeit und Verdienst. Aber an keinem Arbeitsplatz hielt er es lange aus, sei es,, daß er den Meister unzufrieden sah, da er, Gabriel, das Handwerk nicht richtig gelernt hatte und auch jetzt noch das Posscln und Ausschmücken schöner fand als das handfeste Zugreifen und Herstellen, sei es daß er wieder von jener unerklärlichen Unruhe und einem heftigen Wandertrieb erfaßt wurde, wie wenn seiner ein unbekanntes Ziel harrte, dessen er noch nicht inne geworden wäre. So ging es dem von Stadt zu Stadt wandernden Gesellen schlecht und immer schlechter, bis er eines Tages zu Toledo am Bau eines mächtigen neuen Tempels eine Anstellung fand, die ihm auferlegte, die Handwerkszeuge der Maurer und Zimmcrleute in Ordnung zu halten und, wenn sie beschädigt waren, wieder instandzusetzen. Seltsam genug, hier begann Gabriel sieh wohl zu fühlen. Wie untergeordnet auch die ihm zugctoilte Arbeit war und wie kärglich der Lohn, den sie abwarf, hier, vor dem langsam werdenden Bau des Tempels, hier, in seiner wackeligen Bretterhütte, in der er arbeitete, aß und ein armseliges Lager hatte, überkam ihn ein täglich zunehmendes Gefühl der Befriedigung, hier vergaß er die Kleinheit und Ärmlichkeit seines Lebens, j Denn es gclicl ihm und füllte ihn aus, daß i er an einem großen Werk zu Ehren Gottes mithclfcu durfte. War er schon von klein j auf durch die Eltern an Frömmigkeit und i an den durch die Lehre vorgeschriebenen Gottesdienst gewöhnt, so brach jetzt vollends eine Leidenschaft für den großen Gott der Väter in ihm auf. Hatte er an einem Werkzeug, das dem Tcmpelbau zu dienen bestimmt war, auch nur ein kleines Schräubchen festzumachen, so tat er dies mit frommen Händen und mit ehrfürchtigem Gefühl. Er verrichtete es wie wahrhaften Gottesdienst. Sein Eifer, der sich auch in unentwegter Bereitschaft zu jedem anderen vom Bau erforderten Dienst ausdrücktc, entging den übrigen Arbeitern nicht und gefiel besonders den älteren unter ihnen gar wohl. So wurde Gabriel bei allen beliebt und zu manchen Diensten auch außerhalb seiner Handwerkshütte herangezogen. Besonders der oberste und auch älteste unter den Steinsetzern, der ehrwürdige Saadia, nahm sich des stillen, werkfrohen Jünglings auf allen Wegen an und •'gab sich sogar Mühe, aus ihm einen Maurer zu machen, indem er ihm die fachlichen Dinge eines Hausbaues erklärte und ihm handgreiflich zeigte, wie aus vielen Steinen eine Mauer wurde. So oft aber Gabriel einen Stein in die Hände nahm, ihn auf das schon gebaute Mauerwerk setzte und zuvor behaute, auf daß er sich richtig einfüge, geschah etwas Seltsames mit ihm: seine Hände wurden heiß, wenn sie sich um einen Stein legten. Sie zitterten und griffen, ohne daß Gabriel etwas dazu tat, um die Kanten und Außenflächen des Steines, wie wenn sie etwas suchten. Je öfter und je länger Gabriel mit Steinen zu hantieren hatte, in einen desto fiebrigeren Zustand geriet er, so daß ihn der alte, milde Saadia oftmals ermahnen mußte, doch nicht bloß mit den Händen zu werkeln, sondern auch mit klarem Kopf und tSinn. Und auch die anderen Arbeiter sahen 'mit' Staunen und Mißbilligung, auf die Veränderung, die mit Gabriel vor sich gegangen war. Der aber lag mm des Nachts mit offenen Augen, die der Schlaf floh, auf seinem harten Lager und fühlte Augen und Hände brennen von den Steinen, die sie am Tag gesehen und gegriffen hatten. Jeder Schlag, den er mit dem Hammer gegen sie geführt hatte, um sie zuzuhauen, wie es der Bau gerade verlangte, tat ihm in der Nacht weh. Es half ihm nichts, daß er sich selbst versagte, es geschehe für Gott und sein Haus. Nein, die Steine wälzten sich in seiner Vorstellung zu der Hütte herein und vor und auf sein Lager, und wenn er eingeschlafen war, so sprangen sie ihm über Brust und Gesicht und drohten ihn zu ersticken und zu erdrücken. Gabriel dachte und dachte seinem Zustand nach und kam darauf, daß das Gestein eine Seele habe, die sich ihm offenbart hätte, und daß er berufen sei, diese S.cele..aus den Steinen .zu erlösen. In vielen langen wachen oder traumschweren Nächten öffnete sich ihm das Geheimnis, das ihn mit den Steinen verband. Denn diese lösten sich ihm in Gesichte und Formen auf, die, wie Gabriel nun zu wissen glaubte, in ihnen schlummerten und zum Lichte drängten. Und so sprang er eines Nachts von seinem Lager, eilte auf den Bauplatz hinaus und trug den größten Steinblock, den er im Dunkel erwischte, in seine Hütte. Hier machte er Licht, das er hart neben den Stein setzte. Dann sah er auf die vielen Werkzeuge, die in der Hütte aufbewahrt wurden, nahm davon einen Meißel und einen Hammer und fing an, den Stein zu bearbeiten. Stundenlang, bis zum dämmernden Morgen, hämmerte und meißelte er, und als er beim ersten Tageslicht besah, was er geschafft hatte, da zog eich über die eiine Seite des länglichen Steinblooks eine Rosen- J girlandc. Gabriel fiel davor nieder und bedeckte seine Augen aus Scham vor dem Werk seiner Hände. Dann packte er eiligst den Block und trug ihn wieder hinaus wie i ein Dieb, der die Spuren seiner Tat verwischen will. Nun endlich erfuhr der Jüngling an sich, warum es ihn vordem von zu Hause woggetrieben halte. Denn er gewann die Einsicht, daß ihm sein Inneres und seine Bestimmung vom Handel zum Handwerk und von diesem zum Kunstwerk geführt habe. Und er schwamm in Gliic-k und Seligkeit und dankte dem Ewigen, daß er ihn ausersehen habe, die Steine für seinen Tempel würdig zu formen und zu schmücken. Die folgenden Nächte tat er mit den anderen Blöcken nicht anders als mit dem ersten: nach allerhand Blumen meißelte er ein Lämmchen oder einen Widder oder Esel und schließlich gar den Engel, dessen Name er selbst trug. Vor dessen gemeißeltem Bild aber erschrak er aiufß tiefste, denn nach getanem Werk gedachte er der Sünde, die er auf sich genommen habe, indem er ein Bildnis von einem aus den himmlischen Heerscharen gemacht habe. Mit bebenden Händen und fast wreinend verbarg er diesen Stein zu unterst in dem großen Haufen von Blöcken. Der Bau des Tempels war inzwischen bis zur Höhe der Eingangspforte gediehen, und diese einzusäumen, sollten jene langen, großen Steinblöcke dienen, die von Gabriels nächtlicher Arbeit ihren Schmuck erhalten hatten. Der alte Saadia ging mit zwei jüngeren Arbeitern, um sie einzeln aufstellen ziu lassen und jeden auf Ort und Art seiner Verwendbarkeit zu prüfen. Welch eine Überraschung, als er sie auf so unerklärliche Weise behauen und geschmückt sah! Sogleich erhob er mit den beiden Jungen cm großes Geschrei, das die anderen Arbeiter und auch die Leiter des Baues herbeizog. Dieser natürlich verwunderte sich am meisten, starrte die Meißelarbeit auf den Blöcken an, fand sie schön und stammelte schließlich etwas von .einem Wunder, das Gott an dem Gestein für seinen Tempel getan habe. Die Arbeiter nahmen das Wort Wunder auf und fühlten sich davon erhoben und berauscht. Gabriel, der mit heißen Augen und Händen unter ihnen stand, war noch viel mehr als sie des Wunders gläubig, da er nun so inbrünstig davon sprechen und rühmen hörte, denn welche andere Macht, Avenn nicht Gottes wundertätige Hand konnte die seine geführt haben, als er den Steinen ihre Form und ihren Schmuck gab? Aber die Scham und das Gefühl von seiner Winzigkeit hinderten ihn, sich als den Vollstrecker des Wunders zu bekennen. Inzwischen waren die Vorsteher der Gemeinde A*on Toledo und die Rabbanim von der Entdeckung benachrichtigt und kamen eilig herbei, um mit eigenen Augen zu prü-< fen, was ihnen als Wunder .berichtet Avor*< den war. Einer der Vorsteher hatte sogar die Steine selbst geliefert und bezeugte, daß sic in seinem Steinbruch nur roh behauen Avorden seien. Die Rabbanim wandten erregt ihre Augen gen Osten und sprachen Worte demütigen Dankes zu dem Gott der Väter, daß er das zu seinem Ruhm begon-i nene Werk so sichtbarlich gesegnet und ausgezeichnet habe. Zugleich aber ordneten’ sie an, daß der ganze kleine Berg von Bau-* blöcken um- und umgehoben und jeder der Blöcke' einzeln vor aller Augen aufgestoilfc werde. Wie übereifrige Kinder stürzten sich die' Arbeiter über den Haufen, griffen jeden Stein wie ein göttliches Geschenk an und richteten ihn auf. Groß war ihre und der anderen Enttäuschung, als auch unge-i schmückte Blöcke zum Vorschein kamen. Aber unermüdlich- Aviihlten und wälzten sie weiter, von ermunternden oder enttäusch, ten Zurufen angespornt, von immer mehr Zurufen, denn binnen kurzem hatte sich, von den wie ein Lauffeuer die Stadt durch-» Große Gedenkfeier fiir Nahum Sokolow Donnerstag, den 28. Mai, 9 Uhr abends, findet im Hotel Continental, II., Taborstrafie 4, eine Gedenkfeier für NAHUM SOKOLOW statt