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Die Stimme · 1936-05-26 · Heft 551 (26.5.1936) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 551 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 551 — 20. Mai 1936. DIB STIMM! Sette 1 /?. /. Ma/c/: Schawuoth-Grün Ein seltener und ferner Gast zieht in unsere Bethäuser und Synagogen ein, Frischgrünes Laub und froher Blumenschmuck. Wie Boten einer unbekannten Welt wirkten die grünen Aste im alten Bcth-ha-Midrasch. Eine eigenartige wehmütige Disharmonie zwischen dem düsteren Raum und den in Staub und Fäulnis vergilbenden Folianten rings um die Wände und der lebendigen Frische und dem gewürzten Duft der Zweige und Blätter. Bcth-ha-Midrasch mul Lmbgrün — zwei Welten, zwei voneinander fliehende Sphären. Das Schawuothgrün ist nicht Ethrog und Lulaw, bei denen man ja nicht mehr dachte, daß sie irgendwo auf Bäumen, Palmen und Sträuchen blühen und wachsen, auf gewöhnlicher, sonnengetränkter Erde. Die vier Pflanzen der Sukkoth-Tagc sind zu mystischen Gewächsen im Zauber garten der Kabbalah geworden. Auch die sonst so fromme und bescheidene Bachweide, die „Boschanah“, ist an ihrem Tage so stolz und so bewußt ihres hehren Sinnes und ihrer liefen, ja beinahe kosmischen Bedeutung, daß sic jede Verwandtschaft mit ihren stillen Schwestern draußen am Flusse verleugnet. Lulaw und Ethrog und „Boschanah“ wollen schon längst keine irdischen Pflanzen mehr sein. Aber das Schawuothl-aub blieb lange, uxrs esursprünglich war: Ein verschämter, schüchterner Gruß der Natur für den ihr entflohenen Juden. Und das wurde ihm fast zum Verhängnis. Der Gaon Elia Wilna hat verboten, Bäume und Laubäste in den Synagogen aufzusteücn. Es lag darin eine unerbittliche Folgerichtigkeit. In der Welt der sich von der Erdengebundenheit loslösmdcu jüdischen Seele ist kein Raum vorhanden für grünende und duftende "Zweige, die nichts als grünen wollen und duften ... Der Chassidismus hat jedoch dem Bethause das Laub erhalten. Aus unbewußtem Bang heraus zu Gottes Feldern und Fluren? Vielleicht. VieUcicht aber auch aus bloßer Gegnerschaft zu den Verordnungen ihrer skurillen und paragraphenjagenden miihnagdischen Widersacher. Aber auch der Chassidismus lieble es, Natur und Leben auf höhere himmlische Ebenen zu verdrängen. Nichtsdestoweniger konnte das Schawuothgriin zum großen Teil seinen ursprünglichen primitiv-naturhaften Charakter bewahren. Es ist der Am-ha-Arez unter den spezifischen „jüdischen“ Pflanzen geblieben. Und daher wurde es als „Mukzahv erklärt, als ein Ding, dessen Berührung am Feiertag untersagt wird, weil es der festliche Tag in seine Weihe nicht miteingeschlossen hat. Fremd, nicht dazugehörig, gleichsam verirrt stand nun das Laub im Bcth-ha-Midrasch. Und loenn ein bleicher Knabe, dessen erste Begegnung mit Bäumen in der Paradiesgeschichte Adams erfolgte und der den Wald nur aus den Glieder geschickten kannte, sich sehnend an die Schau'uothbäumchen lehnte und befangen die Blätter durch zerrte Finger gleiten ließ, traf ihn sofort ein strafend-vorwurfsvoller Blick des Vaters: Mukzah! Es gab keine Versöhnung und keine Brüche zwischen dem Grünen und dem Juden. Und so sich einmal im Jahre ein winziges Stück Natur in den Bereich des Juden verirrte, da mußte die Natur 'welchen und nicht der Jude. Am zweiten Schawuothtage gegen Abend war die saftige Frische des Laubes dahin. Welk, matt hingen die eingetrockneten, verdursten• dm Blätter wie Köpfchen kranker Kinder. Das tote Laub hat sich in das Gesamtbild der farblosen Freudlosigkeit der Umgebung eingefügt. Jetzt wird danach keine verträumte Knabenhand mehr langen. Der Bethha-Midrasch hat gesiegt. Auch das epigonenhafte Judentum der Nachemanzipationszeit hat am Schawuoth ■— jetzt nur mehr Wochenfest genannt — seine pnmkhaften Tempel mit Blumengirlanden umhängt. Es waren dies keine Halbsymbole eines ausschließlich himmelwärts gerichteten Geistes mehr, aber noch lange keine irdischen Naturkinder. Jene Zeit war ebenso bescheiden und genügsam in ihrer praktischen Wirklichkeit und ebenso leicht zu befriedigen, wie sie großzügig war, ja oft fast unbändig in ihren Poslulaten und Ideen, Es war dies im jüdischen Leben die Epoche der Surrogate, Man gab dem jüdischen Menschen einen minderen Ersatz für die verheißenen Lebensformen, verlangte jedoch von ihm hiefür den vollen Preis. Man häufte, vielfach im besten Glauben, Srrogate des Judentums auf halbfcrtige SuirogatQ eines All}memchmtxmst So, sollte der üppige wochenf es fliehe PflanzenSchrmtck die Illusion erwecken der wiedergewonnenen nalurnahen Lebensfülle, der Verwurzelung und der Bodenfesligkeit. Sachkundige Hände sorgten dafür, daß dieses moderne Laub während des ganzen Festes frisch und gmn bleibe. Aber es welkte von innen. Die prächtigen Synagogen leerten sich und, verödeten. Man suchte seinen Anspruch auf seelische Beheimatung außerhalb der Synagoge bestätigt zu finden. Sinnlos prangten die herrlichen Girlanden in menschenleeren, eisigen Tempeln. Sie sprachen zu keinem Gemüt, sie erweckten keine Sehnsucht... Und wir? Richümgslos ist noch vielfach unsere erwachte jüdische Sehnsucht. Von Schmerz gehetzt, von ungeduldigem Warten bedrängt, führt uns die nagende Angst vor innerer Heimatlosigkeit in ein kleines, schlichtes Bethaus. Den Almemor säumen grüne Zweige. Das Auge ruht aus. Es sieht keine Gegensätze mehr, cs will nur noch ein Thebens zeiefimt der Hoffnung erhaschen. Nicht mehr Mukzah darf unser Grün sein! Millionen suchender Hände greifen danach. Wir werden trotz allem heimfinden. Trotz Schmerz, trotz Enttäuschungen und zum Trotz der Verschwörung aller finsteren Kräfte. Es grünt... Im Trauermonat Ijjar 5696. nun Dr. Jisrael Weinstock: Der Sinn des Tages Die Zeit formt ihre Feste. Erwachen und Erneuerung, die Zeichen unserer Zeit, sie geben ihnen heute das Gepräge. Was früher nur Erinnerung gewesen ist und homiletische Deutung, wird wieder lebendige Wirklichkeit:;das durch die Jahrhunderte, bald schon Jahrtausende unseres Galuth-Daselns in Vergessenheit geratene Naturverbundene und auch das Andere, Tiefere, das National-Ethische. Pessach, wieder ist es für uns ein Ohag ha’ Awiw, ein Frühlingsfest; in Erez Israel erwacht da auch für uns die Natur. Und die Idee dieses Festes: Freiheit und Erlösung, wann war sie für uns so lebendig, so tatfordemd wie heute? Sukkoth ist wieder der Chag ha’ Assif, das Fest des Einsammelns des Feldertrages, geworden. Und seine Idee, die wankende Sukkah, Symbol von Unstetheit und Gallith, daß sie für uns nicht leer und sinnlos werde, auch dafür trägt unsere Gegenwart genügend Sorge. Natur und Idee, dieser doppelte Sinn der Feste kommt wieder zur Geltung. Wie steht es nun mit dem heutigen Feiertag, Schawuoth? Als Naturfest war es der Chag-ha* Bikkurim, das Fest der Enstlingsfrüchte.^ Das ist es auch heute wieder. Wie einst unsere Väter ziehen jetzt in Erez Israel unsere Brüder in langen, festlich geschmückten Zügen. Nur ziehen sie heute nach Chaifa, dort die Erstlingsfrüohte ihrer Erde und ihrer Arbeit als Opfer darzubringen. Wohl nicht dem Heiligtum in Jeruschalaim, so doch dem heiligen Werke unseres Aufbaues. Schawuoth' ist aber auch’ der S’man Mathan Thorathenu, der Tag der Verkündung unserer Lehre, der Offenbarung unseres Lebensgesetzes. Was verbindet nun den jüdischen Menschen von heute mit dieser Seite des Festes? Von den drei „Wallfahrts festen“ ist gerade bei diesem die innere Beziehung unserer Generation zu seiner Idee die schwächste. Der Befreiungsgedankc von Pessach und der Galuthgedanko von Sukkoth, sie sind beide lebendige Begriffe. Das jüdische Enieuonmgsstreben ist erfüllt von ihnen. Aber auch nur von ihnen. Mit dem Sinaigedankon von Schawuoth weiß man nichts Rechtes anzufangen. Und doch ist gerade dieser der wichtigste, der grundlegende, auf dem sich die anderen eist aufbauen. Denn der Sinai hat unserem Volk das Höchste gegeben, den Daseinssinn. Daher hat auch die Schawuothidee, im Gegensatz zu Pessach und Sukkoth mit ihren Mazzoth und Maror und Sukkah, Lulaw und Ethrog, kein einziges greifbares Symbol. Denn das Höchste und Heiligste im Judentum bedarf keines Symboles, darf keines haben. „AN DIE¬ SEM TAGE BIST DU ZUM VOLKE GEWORDEN“. Im Zeichen dieses Tages sind wir angetreten. Die Idee diese Tages ist die Idcg unseres Volkes, Mit ihr behält und verliert das jüdische Volk sein Daseinsreoht und nach dem Gesetz der Geschichte auch sein Dasein. Im Zeichen des Sinai sind wir geboren. In diesem Zeichen haben wir gelebt. Und nur in diesem. Zeichen werden wir bestehen. Höchste Aufgabe. Schwerste Last. So empfunden oder so oder beides zugleich, es ist unser Schicksal, ob wir wollen oder nicht. „ER hielt den Sinaiberg über ihre Häupter und sprach: NEHMET IHR DIE THORA, WOHLAN; WO NICHT, WIRD DAS EUER GRAB SEIN.“ So erzählt der Talmud. An dieser Alternative haben die Jahrtausende nichts geändert. Mit dem Sinai auf den Schultern gehen wir durch die Geschichte. Und mehr noch als wir ihn hat er uns getragen und erhalten. Ein Absohütteln der Last, ein Versuch, es sich leichter zu machen, brachte immer und überall Auflösung und Untergang. Zahllos sind die Grabhügel der Juden und Judentümer, die uns so verlorengegangen, die so an unserem langen Weg über die Welt geblieben sind. Es gibt nur ein Judentum in der ganzen Schicere seines Seins oder keines. Der zweitausendjährige Hunger nach Natur, nach eigenem Boden und gesunder Arbeit erklärt wohl die Neigung, in der Befriedigung dieses Hungers die Erfüllung der Wünsche zu sehen. Aber unser Dasieinssimi kann sich darin nicht erschöpfen. Es ist nicht unser Endziel und kann es nicht sein, nur ein gesundes naturhaftes Volk zu werden. Und die Emeuenmgshewegimg, auch sie erfüllt damit allein ihren Sinn noch' nicht. Sie ist mehr als biologische Erneuerung, mehr als Neuschaffung materieller Lebensgrundlagen. Sie ist auch das Streben nach Überwindung der geistigen Anarchie in uns, das Verlangen der zerrissenen, in alle Windrichtungen zerstreuten, in unzähligen fremden Kulturen eingewobenen, in allen möglichem Strömungen und Bestrebungen eingospannten, mitgeschloppten und mitgezerrten, müde gewordenen jüdischen Seele nach der eigenen jüdischen Basis. Wie die Rückkehr zum eigenen Erdboden, ist notwendig Rückkehr zum eigenen geistigen Boden. Erneuerung setzt voraus Rückkehr zum Ursprung. Nicht nur äußere Rückkehr, nicht nur einen Nationalismus der Worte und Bekenntnisse, nur der politischen Tätigkeit, sondern einen, der heraiiswächist aus einem tiefen Wurzeln im Eigenen, aus einem Sichverbundenfühlen mit den Geist- und Kidturquellen des Judentums und — was das Wesentliche und Entscheidende ist — aus Judentum als konkreter, eindringlicher, lebonsgestal tendier Kraft, die durch Geist und Formen den ganzen Menschen erfaßt und unaufhörlich jüdisch gestaltet. Nur daraus kann dio Kraft kommen fiir das Wunder der Erhaltung und Erneuerung des Judentunis, Von dem Verankerteoin im Eigenen, von dem Grad dieses inneren jüdischen Verankert- und Gcfestigtscins, von unserer inneren jüdischen Volkskraft wird mehr als von allen äußeren politischen Mäcln ton und Faktoren unsere ZukunftsgestaU tung abhängen. Nur im Zeichen des Schawuoth festes, nur im Zeichen beider Seiten dieses Festes kann und wird unser Volk neu erstehen. (Nach' der alten Hymne für da» Schawuoth- Fest.) Gott wölbte die Himmel auf dem Berge Sinai. Er sprach zu Moses, seinem Getreuen: „Komm’, Liebster, steig’ auf meines Palastes, Höhe. Fürchte nicht, denn dein Ahn’ Abraham hat die Engel längst bezwungen; als ihn Nim* rod in die Glut des Feuers warf, seine Füße, aber nicht brühten. Das Feuer meiner Engel wird dich nicht anrühren, weil du in ein mach* big er es Feuer tauchst, in ein Feuer, das alle anderen Feuer verzehrt. Ich hülle dich in mein, Purpurgewand, damit die Engel sich vor dir, erheben. Und ich fasse die Strahlen der Pracht, auf deinem Haupte, daß kein Wesen sich dir, nähern kann. Nicht für gering halte dich, Moses, denn du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe. Ich der All-Belebende und Ewige, der, deine Gestalt schuf, als das Hohe und Tiefe, Himmel und Abgrund, noch nicht geschaff fen war.“ Erstaunt standen die Fürsten des Himmels, und fragten einander: „Wer ist dieser FremdU ling, dieser Gast hier? Gab Gott einem Wesen von Blut und Fleisch Erlaubnis, sich ihm zu nahen?“ Darauf eine Stimme: „Wer erkihlmt sich zu fragen und wen bekümmert cs, wenn, dies mein Wille ist? Diesen Fremden will ich euch zu erkennen geben: es ist der Bescheid, dene, der Moses heißt, der Führer meiner, Kinder, der Vertraute meines Hauses.“ Und die, Himmel neigten sich und die Erde erhob sich, daß Moses zwischen den obern Gestirnen stand. Und es erbebten die Engel, es bewegten sich die Räder, da sie sahen, wie Moses den Wolken nahe kam. Und ihre Häupter wurden ihnen zu Berge: sie sahen die Gestalt Jakobs, sich aufrichten. „Steig’ auf und komm’ her! Führer meiner Kinder“, erscholl eine Stimme vom Allerhöchsten. „Wirf die zwei Tafeln, aus Saphier imtcr den Thron deines ewiglichen Herrn und Königs.“ Freudig war Moses’ Herz, als er sah, daß Gott, der Allerbarmende, Lob, über ihn sprach. Und die Engel traten an den Stuhl ihres Herrn und sprachen: „Wir flehen dich an, daß dieser Menschensohn uns nicht beherrsche. Er hat mit dem Stabe den Felsen entzwei gebrochen. Wird er nicht mich uns be* zwingen?“ Gott aber sprach zu Moses: „Fürchte ihrer nicht! Mein Wort sei dir Haltf Nimm die Thora und steige hinab zum Volke!, Unter all meinen Propheten und Wahrheits* kündern fand ich keinen Treu’ren als dich!“ Chajim Bloch, Wenn dietede evzMext Von Sch. Schalom Komm, verbirg dich mein Bruder. Des Verderbers Schiffe sind der Anker mitä.s* Unter Bombenflugzeugen, in giftiger Gase, Geruch Öffne ein Psalmenbuch Und mach dir ein Lied... Und also sprich: Zion! Wenn alle Wege naß vom Blute sind, Erheb’ ich meine Augen zum Menschenkind. ~ Zion! Und beug' dich über deine Seele tnef. Hör: Aus Jesreel und Chef er ein Brachfeld dir rief Nimm eine Haivdvoü Samen und gehe Und säe!... (Autorisierte Ubertmgimg aus dem Hebräischen von Ben-Ohorin.) Bei ciimera (noch so unvollständigen) übern blick über dio junge hobrüißoho Lyrik Palä* stinas, wio ihn in Nr. 538 der „Stimme“ Dr. Henny IJcbtensteiin-llaippaport untermalim* darf der Name des Jerusalemer Dichtem Scli. Schalem, des Verfassers des „Galliläkchon; Tagesbuches“ und der Gedichts«ummliuig „Poleo Gernu“ nickt unerwähnt bleiben. Obenstehendes Gedicht Sohalome soll als karges Beispiel seiner konzentrierten Spracliknaffc und starken Innerlichkeit dienen. Schalem BetirChorin*

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