Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 550 (22.5.1936)
- Date
- 1936-05-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054243-3054306--5905-3061693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 DIC STIMM! Nr. m - 92. Ma3 «0« 1 Der Roman eines Fiil&rers und eines Volkes Von Georg Beer ■ (Schluß.) Und da vor jenem, welch’ ungowohntc Erscheinung, in Kaftan, mit Bart und Se-hläfenlockcn, ein Jude aus dem Osten, hier in Paris etwas ziemlich Seltenes. Die Arme über der Brust gekreuzt, pt-almodiert er auswendig, und e6 ist fast, als forme er diese uralten Worte und Sätze neu, so heftig und ein dring lieh klingt sein halblauter, eintöniger und doch seltsam ergreifender Singsang, in dessen Rhythmus er sich leise wiegt. Solchen Ostjuden ist er in Wien öfters begegnet, und er muß gestehen, daß er sich von jenem Gefühl, gemischt aus Mitleid, Verachtung und Überlegenheit, mit dem ihnen seine Wiener Freunde und Bekannten zu begegnen pflegten, nicht hat freihalten können. Aber angesichts dieses Mannes da vor ihm, seiner sonderbar aufrechten, selbstbewußten Haltung, seiner bleichen, durchgearbeiteten Züge, seines seltsam heftigen, glühenden Blicks, angesichts dieser echten, leideneehaftlichen und versunkenen Andacht ergreift ihn nicht nur ein Zweifel an der Richtigkeit seiner alten Anschauung, sondern es will ihm fast scheinen, als kämen diese Menschen ans dem Osten aus einer merkwürdigen, starken, reichen Welt, von der er bisher nie etwas geahnt hat. Schon ist er weniger abwesend und fremd, während er so denkt und seine Blicke weiter umherwandern. Dieser junge Mensch, der dort an dem Pfeiler lehnt, nimmt sich in der Synagoge wohl etwas merkwürdig aus. Mit seinem breiten Hut, seinem losen, seidenen Schlips würde ea* eher ins Quartier latin oder an die Sorbonne passen. Er hat kein Gebetbuch und scheint auch die Sprache und Kulthandlung sichtlich nicht zu verstehen. Aber dennoch schaut er nicht mit dem Ausdruck der Fremdheit und Verständnislosigkeit in den Saal, nein, mit einer gewissen ehrfürchtigen Zärtlichkeit. Das mag ein junger Künstler sein, oder edn Student, ein Maler oder ein Literat, wie er selbst einmal einer war, bewegt und bedroht von allen Reizen der Zeit und ihres Geistes, weit weggeführt von dem Glauben der Väter. Und trotzdem steht er hier. Will er ein Bekenntnis durch sein Hierstehen ablegen, Treue bekunden und Zugehörigkeit zum Weauch wenn ihm die Form auch nicht mehr gemäß und vertraut ist? Aber mehr ist noch in diesem schmalen Gesicht mit dem festen trotzigen Mund und den großen, nachdenklichen Judenaugen zu lesen. Stolz und Mut. Gibt es so eine Jugend? Auch das hat er bisher nicht gewußt. Mit staunender Bewegung blickt er ihn an. Dann wieder den psalmodierenden Ostjuden und den kleinen Makler, betrachtet immer von neuem ihre Gesichter. Wie anders sind sie als jenes, das er heute in der Kammer vor sich gesehen, als jene, die ihm in der Erinnerung erschienen. Auch diese drei hier haben einen gemeinsamen Zug, aber es ist nicht das Zeichen innerer Bedrängnis, des Haders mit sich selbst. Er könnte nicht sagen,. worin sich diese drei so verschiedenen Menschen gleichen. Und doch wäre man versucht, von einer Familienähnlichkeit zu sprechen. Die Form von Stirn und Nase, der Blick, die Haltung, der Ausdruck, man könnte fast glauben, sie kämen aus einem Stamm, einer Art, einem Blut. Eine Vielfalt, verschiedener Menschen, edn Völkermiisohmasoh hat er gemeint. Ist es vielleicht nur das Fremde, das wir angenommen haben in all den Jahrhunderten unserer Wanderung, das uns voneinander scheidet, und tragen wir unter erborgter und erzwungener Hülle nicht unzerstörbar unsere Einheit, selbst nichts von ihr wissend? Und mit eimemmal fühlt er sdch nicht mehr als abgesonderter Betrachter hier, fühlt sich eimbezogen und zugehörig, und jene Sprache, jene Gebete, jener wogende Chor ergreift ihn, wenn er auch nichts versteht. Da plötzlich erheben sich alle . und vom Almemor tönt eine tiefe, warme, klare Stimme: „Soh'mah Jisrael Adonaj eiohenu Adonaj eohad.“ Welche Worte, bekannt, vertraut, erstes Gebet, das der Vater selbst ernst und eindringlich den Knaben gelehrt, lange, lange weder gehört noch ausgesprochen seither, da man anders beten lernte, für sich, ohne Wort und Form, trotzdem unvergessen. Höre Israel ewig, eins und einzig ist unser Gott. Während die tiefe, warme Stimme weiter tönt, muß er weiterdenken, und die Gedanken erfassen ihn mit bezwingender Gewalt, daß in dieser Stunde, in tausenden Synagogen, Menschen stehen, in der gleichen Richtung gegen den Thoraschrein, gegen Osten geneigt und die gleichen Worte hören, sprechen: Höre Israel, ewig, eins und einzig ist unser Gott. In London und in Berlin, in Wien und Moskau, in Kairo und Kapstadt, in den kleinen Holzbaracken, polnischer und russischer Städtchen ebenso wie in diesem prunkvollen Raum, jenseits des Ozeans in den New-Yorker Massenvierteln ebenso wie in den Siedlungen Palästinas. Zeiten kommen und gehen, aber, umgeben von Haß und Hohn, von Feindschaft und Spott, in einem Meer von Blut und Tränen stehen sie unerschütterlich die Hunderttausende, hören und sprechen die gleichen Worte. Welche Kraft, welche ungeheure Kraft, welcher Willen zur Einheit. Und stürmt der Gedanke weiter, wenn man vermöchte all die versprengten Teile dieser Kraft zu sammeln, zu leiten, ihr ein Ziel zu geben, wenn man vermöchte diie Einheit dieser Stunde zur dauernden Wirklichkeit zu machen, wäre dann nicht Not, Verfolgung, Zwiespalt mit einem Schlag ein Ende gesetzt, wäre das nicht Antwort, die Antwort auf die ewig quälende Frage? Nun wiederholen alle laut das Gebet. Und unbeholfen, mit bebenden Lippen, spricht er jene langen, nicht gehörten und gesagten, trotzdem unvergessenen Worte, und seine Stimme klingt mit im Chor der Gemeinde. Waagrecht: 1. Schlußgebet am Versöhnumgstag. 5. Gebräuohl. Syn. für „woher“. 9. Glockenton. 10. Stern im Adler. 12. Vorfahre (poet. verkürzt). 14. Das heutige Merkwort. 17. Jüdischer Kalendermonat. 19. Griech. Buchstabe. 20. Stadt in Holland. 22. Franz. Artikel. 23. Fluß-Kanonenboot. 26. Chem. Z. für Strontium. 27. Bienen. 29. Ber. itaL Opernkomponist. 31. Zionistischer Grundfonds. 84. Abk. für Nachschrift. 35. Abk. für Oleum. 36. Flächenmaß. 37. Abk. für Triller. V. Der Gottesdienst war zu Ende. In dem weiten Vorhof drängten sich alle noch einmal zusammen. Elegante, würdige Herrn in Zylinder und Geh rock, Damen in rauschenden Seidenkleidern und Reiherhüten, und die kleinen Leute in ihren dürftigen, abgeschabten Gewändern. Eng nebeneinander noch traten sie durch das Tor, dann bestiegen die einen ihre Equipagen und Coupös, die andern den Omnibus, die dritten eilten zu Fuß heim, jeder allein und für sich. Einsam lag das Gebäude mit der rötliohschimmernden Kuppel und den goldenen, hebräischen Lettern über dem Eingang. Er stand noch einige Minuten nachdenklich, dann wandte auch er sich zum Gehen. Er schlug die Richtung nach Hause ein, ungeachtet der Verabredungen. Er wollte allein sein. Eilig wanderte er durch die abendlichen Straßen, betrat die Wohnung. Dunkel und leer war sie, Julie und die Kinder hatten vor wenigen Tagen schon die gewohnte Frühjahrereise nach Wien angetreten, er selbst wollte ohnehin in den nächsten Tagen ins Hotel übersiedeln. Teppiche und Vorhänge waren schon weggeräumt, Luster und Möbel verhüllt, überall standen gepackte Körbe und Koffer, er haßte sonst diese Umzugs- und Aufbruchsatmosphäre, suchte ihr soviel wie möglich zu entfliehen, in seiner jetzigen Stimmung war sie ihm nicht unerwünscht. Er ging ins Arbeitszimmer, entzündete die Lampe, setzte sich an den Schreibtisch. Da lag das heute noch zu erledigende Pensum. Notizen und Material für einen Bericht, edn angefangenes Feuilleton, Bücher, die der Besprechung, Briefe, die der Antwort warteten. Er wollte in gewohnter Weise beginnen, es ging nicht. Die Erlebnisse des Tages ließen ihn nicht los. Mit großen Schritten wanderte er in dem halbdunkeln Raum auf und ab. Wieder stan- Senkrecht: 1. Chem. Z. für Nickel. 2. Weibl. Vorname. 3. See (fra/nz.). 4. Europ. Hauptstadt. 5. Hochruf (lateinisch). 6. Gold (ital.). 7. Forst. 8. Ausruf. 9. Hebr. Dichter. 11. Hunnenkönig. 13. Der erste Jäger. 15. Heer. 16. Zum Dodekanes gehörige Insel im Ägäischen Meer. 18. Schachfiguren. 21. Ber. amerikan. MiUiardärsfamilie. 24. Bek. Burgschauspieler. 25. Kellner. 28. Abk. für Mistreß. 30. Form von „sein“. 32, Hohlmaß (Abk.). 33. Ausdruck der Zustimmung. M. Kr. Die Serie umfaßt 19 Rätsel. In jedem Rätsel ist ein Merkwort enthalten. Liest man die Merkwörter in der Reihenfolge des Erscheinens, so ergibt sich eine markante Stelle aus einem berühmten zionistischen Werk. Die Diagramme sind auszufüllen, auszuschneiden, aufzubewahren und am Schlüsse der Serie gesammelt an die Redaktion der „Stimme“ zu ser len. Die Zuteilung der ausgesetzten Preise erfolgt durch das Los unter Ausschluß jedes Rechtsweges. Näheres wird rechtzeitig mitgetedlt. Umu U&bsel-Wett&ew&A 1. Preis: Eine Reise Triest—Haifa—Triest. 2. Preis: Eine Reise Triest—Ragusa—Triest. 3. Preis: Donäureise Wien—Engelhartszell— Wien. 4. Preis: Ein Radioapparat. Ferner werden für richtige Lösungen 25 Bücher ver teilt Ausschneiden — 12. Kreuzworträtsel io li 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 Lord Allenby * VII den die Gesichter vor ihm, das bleiche zwischen den starrenden Bajonetten, das ihn .schon so lange verfolgte, das von Trauer und Zwiespalt zerrissene des kleinen Abgeordneten, während er durch das Schweigen ging und jene neuen, heute zum erstenmal gesehenen in der Synagoge. Was wollten eie von ihm, was quälten, riefen, befahlen sie? Und jener stürmende, betäubende Gedanke von vorhin kommt wieder. Wenn man vermöchte die versprengten Teile dieser Kraft zu sammeln, zu leiten, ihr ein Ziel zu geben, die Einheit dieser Stunde zu dauernder Wirklichkeit zu machen, wäre das nicht die Antwort? Ja, vielleicht aber wieder bohrten die Zweifel. Wer konnte sich eines so ungeheairen Werkes unterfangen, wer, er doch nicht. Wo waren Macht und Mittel, Raum und Möglichkeiten, was stand ihm denn zu Gebote? Nichts als das Wort, das nicht genug war, nie genug. Aber, dämmerte eine tröstliche Erkenntnis, konnte das Wort auch die Wirklichkeit nicht verwandeln, durfte es also nicht Ziel bleiben, war es doch ein Weg, ein Weg, das schon. Er blieb auf seinem ruhelosen Rundigang beim Schreibtisch stehn. Mit einer einzigen Bewegung schob er Bericht und Feuilleton, Briefe und Bücher weg. Frisches Manuskriptpapier zog er aus der Lade, legte es auf, eine neue Seite. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL ZENTRALE, IX., BERGGASSE NUMMER 19 TELEPHONNUMMER A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen f. n^a-Flelsdi unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabblnatader Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozustellung kostenlos IX., Berggasse 15, XVIII.,Währingerstraße 71 Bad Luhafiovice (ÜSR) entwickelt rieh allmählich zum Mittelpunkt der heurigen Badesaison in der Tschechoslowakei. Es zeigt sich ein ungewöhnliches Interesse, so daß man heuer einen Rekordbesuch erwarten darf. Für diesen Besuch hat sich auch Bad Luhaßovjce entsprechend vorbereitet und eine ganze Reihe wichtiger Neuerungen wird die Gäste heuer angenehm überraschen. In den Badeanstalten wurden trockene Kohlcnsäure-Gasbäder sowie modernste Irrigationon eingoführt. Vor dem neuen Kurhaus wurde der Olsavabach überwölbt, neue geräumige Autoparkplätze geschaffen usw. Schon heute weilen hier gegen 800 Kurgäste und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Exkursionen aus allen Teilen des Landes eintreffen oder Sitzungen, Versammlungen odor Kongresse stattfinden. Es beweist der rege Besuch, daß Bad Luhaöovice heuer nicht nur hinsichtlich seiner Beliebtheit, sondern in bezug auf den Besuch das Primat erringen wind. Familie Pinkas Singer gratuliert herzlichst dem Fräulein Elise Vogel zu ihrer Promotion zum Doktor der Philosophie Das Reisebüro, IX., Liechtensteinstraße 2, veranstaltet zu Schewuoth billige und bequomo Reisen nach Polen. Auskünfte bereitwilligst durch Dr. S Tocker, IX., Liochtonsteinstraße 2, Tel. A 14-504. Der vorliegenden Wiener Ausgabe unserer Zeitung liegt ein Prospekt der Bettwaren4 Firma, Ernst Stern, I., Franz-Josofs-Kai 9, bei, den wir der Beachtung empfehlen. Willst Du Hem KEREH KflJEHETH helfen? Arbeite für Ilm nli MMkontinaentler!