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Die Stimme · 1936-05-19 · Heft 549 (19.5.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 549 (19.5.1936)
Date
1936-05-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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lefto 4 Oll ITIMMI 649 - 19. Mal «06 Araber und Araber Von M. y. Ben Gavrie! (Jerusalem) Berichterstatter der „Stimme“ dikalismua der Forderungen zu überbieten, können den Todesweg des Feudalismus nicht aufhalten. « Man soll sich die Kollektivbezeiohnung „die Araber“ abgewöhnen. Diese Tage der Unruhen haben deutlich bewiesen, daß man nicht sagen kann „die Araber sind antijüdisch“ oder „die Araber haben Juden in Jaffa getötet“. Man kann nicht einmal sagen, „d i e Bauraner“ — obwohl sie die Hauptträger der Schuld von Jaffa sind — „sind Mörder“. An vielen Stellen hat es sich bewiesen, daß eine derartige Kollektivbezeichnung falsch ist, denn es liegen sehr viele Meldungen vor, daß Araber mit Einsatz ihres Lebens versprengte Juden gerettet haben (nicht anders als Juden für Araber eintraten). Von vielen Friedensbezeugungen von Fellahen, die in jüdische Dörfer kamen und die Taten von Jaffa verurteilten, gar nicht zu reden! Als bei Migdal zwei Kinder aus einem Beduinenlager verschwanden, überfielen die Beduinen einige jüdische Arbeiter. Als aber die Kinder wieder aiuftauohten, erschienen die Beduinen unter Führung ihres Schechs und arabischer Honoratioren, baten um Entschuldigung und schlossen einen Friodensbund mit den Juden. Ganz anders als 1929. * Und noch etwas haben diese Unruhen gezeigt: Palästina ist anders als alle anderen Länder der Welt: Überall schlägt man die Juden, hier aber schlägt man sich mit den Juden. Wenn schon Kampf in der Welt sein muß, hier ist er ein Kampf zweier gleichwertiger Gegner, deren jeder eine die Stärke des andern anerkennt. I werde! Der Roman eines Führers und eines Volkes Vom Georg Beer Die Hauptverkehrsstraße von Jerusalem ist die Jaffastraße, sozusagen der Broadway von Jerusalem; sie ist aber nicht allein die Hauptverkehrsader, sondern auch der Hauptnerv der Stadt, der trotz der etwas schwerfälligen Feierlichkeit Jerusalems mit größter Empfindlichkeit auf jedes Geschehen im Land reagiert In unruhigen Zeiten aber zerreißt dieser Nerv in drei Stücke, entstehen, über Nacht sozusagen, drei Jaffastraßen. Eine jüdische von Mahnö yehudah bis zum Neubau der Post etwa, hierauf ein neutrales, im Falle größerer Unruhen sowohl von Juden wie von Arabern gern gemiedenes Stück, bis zur Hauptpost und dann, von hier bis zum Jaffator, die arabische Jaffastraße. Wie durch ein Zauberwort verschwinden dann aus dem oberen Teil alle roten Tarbusche und aus dem unteren alle kurzen „Chaluz“-Hosen. Tritt diese fatale Dreiteilung ein, dann weiß man, daß im Land Alarmzustand ist. Wenn nun in den allerletzten Tagen diese Grenzen sich mählich aufhoben, ist es ein Zeichen dafür, daß die Lage sich gebessert hat — oder aber, daß Jerusalem sie nicht mehr so ernst nimmt wie in den ersten Tagen. Dies soll aber nicht sagen, daß der Normalzustand bereits wieder zurückgekehrt ist. Noch immer sind die Straßen Jerusalems nach 8 Uhr abends wie ausgestorben, noch immer werden Gerüchte von Mund zu Mund weitergegeben, die schneller als jede telegraphische Nachricht die Stadt durcheilen, und noch immer verkaufen die Abendblätter Massenauflagen. Die Altstadt aber, all das, was innerhalb der Mauer liegt, ist noch immer unbekanntes Gebiet den Juden von Jerusalem. Man betritt sie noch immer ungern und wenn plötzlich die Autobuslinien, die für gewöhnlich das Jaffator passieren, umgeleitet werden, ist die Jaffastraße sofort wieder bereit, in, drei Teile zu zerbrechen: es ist das Zeichen, daß in der alten Stadt sich etwas vorbereitet. * Die Araber streiken. Ein großer Teil von ihnen, so besonders die städtischen Christen und die Fellahen, nur widerwillig unter dem schweren Druck der freiwilligen Agenten des „Obersten Rates“ der arabischen Parteien, die völlig unter dem Diktat der radikalen Jugendgruppen stehen. Die Regierung hat sich beeilt, Kundmachungen anzuschlagen, denen zufolge die Polizei jede Pression auf die Geschäftsleute verhindern wird. Es ist bei der Kundmachung geblieben. Die Polizei kümmert sich nicht um die herumziehenden Banden der Streikwächter und scheint die alte englische Kolonialtechnik in solchen Dingen zu befolgen: Bewegungen, soweit sie nicht lebensgefährlich sind, gewähren zu lassen, bis sie sich von selbst leer laufen. Erstens, weil Einsatz und Gewalt immer böses Blut erzeugt, zweitens, weil der jüdische Wirtschaftskörper sowieso den Streik zum Teil parallisiert, und drittens, weil die arabischen Quartiere schließlich doch gegen das Stocken der Lebensmittelzufuhr revoltieren müssen. * In allen Dingen ist 1936 anders als 1929. Die Unruhen dieser Tage sind besonders dadurch gekennzeichnet, daß die Fellahen sich beinahe zur Gänze von ihnen femhalten, ja in vielen jüdischen Dörfern sich gegen den Streikbefehl stellen und Weiterarbeiten. Fellabische Wächter jüdischer Orangegärten schossen sogar auf arabische Angreifer. Und noch etwas Wichtiges zeigte 1936: die arabischen politischen Parteien haben einen neuen Gegner bekommen, der ungleich gefährlicher ist als die Zionisten und der englische Imperialismus zusammengenommen: die arabisch« Jugend. Was jetzt geschieht, ist nichts anderes, als ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den alten Feudalfamilienparteien einerseits und der nach westlichen Mustern sich organisierenden Jugend und dem Kleinbürgertum anderseits. Die Versuche der letzten Tage, die Jugend an Ra- (3. Fortsetzung.) Merkwürdig, wie diese Episode ohne Zusammenhang und ohne jeden Grund mit einemmal aus ihrer Vergessenheit emportauchten, ausgelöst durch die Rede, das Gesicht eines Fremden. Aber es schien ihm in diesem Augenblick, als wäre irgend etwas von diesem Gesicht auch in den Gesichtern jener Menschen gewesen, deren er sich jetzt plötzlich erinnern mußte. In dem glattrasierten, schmalen hochmütigen des Hofbankiers von Ehrenfoerg ebenso wie in dem bleichen, schwarzbärtigen verbissenen des Dr. Vogl. In dem roten, fülligen beweglichen des Chefs ebenso wie in dem ruhigen, regelmäßigen milden des Freundes. Die gleichen Spuren von Kampf und Trauer, als seien sie, und nicht nur sie, die Gesichter so vieler, ja aller jüdischer Menschen, die er kannte, gezeichnet von der gleichen Not. Wie sich plötzlich in dieser Stunde so viel enthüllte, was er oft denkend und schreibend bewegt, zergliedert und doch nicht mit letzter Klarheit erkannt hatte. Not, die jüdische Not, rein verstandesmäßig, hatte er sie früh begriffen, je stärker und sichtbarer der Antisemitismus geworden war. In dem grauen Hof der ecole militaire, vor jenem bleichen Antlitz zwischen den starrenden Bajonetten hatte sie ihn zum erstenmal im Innersten angerührt, die Not der Feindschaft, des Hasses, der Verfolgung; heute, in diesem Augenblick, wurde ihm eine andere Not mit einemmal klar, und sie hieß: der Zwiespalt mit sich selbst. Da war die Umwelt, alle diese Menschen strebten zu ihr, suchten in sie einzudringen, in ihr Fuß und Wurzel zu fasen, in ihren Formen und Gebräuchen, in ihrer Gesellschaft und Überlieferung, in ihren Anschauungen, in ihrem Geist; man setzte ihnen Ablehnung, Abneigung, Abwehr entgegen, erschwerte ihren Weg, versperrte ihn sogar; aber war in ihnen selbst nicht irgend etwas, was sie wegdrängte von dieser begehrten und umworbenen Umwelt, in eine andere Bahn? War dieses Jude-sein, dieseT unbegreifliche Zustand, den auch mangelndes Bekenntnis, Entfremdung, ga Verleugnung nicht aufhob, am Ende nicht bloß Last und Druck, sondern ein Kraft, die die ihr Zugehörenden, selbst wenn sie ihr widerstrebten, in eine bestimmte Richtung zog? Der Bruch, der durch jedes jüdische Sein ging, das er kannte — auch durch sein Eigenes — kam er nicht daher, daß dieses Sein stets im Schnittpunkt zweier Kräfte, zweier Entscheidungen, zweier Welten lag? Die äußere Not spürten viele nur wenig, manche wußten sich ihr zu entziehen oder sie zu übersehen. Die Entzweiung ihres Wesens aber, obwohl den Wenigsten - bewußt, die erlebten und erlitten sie alle täglich. War nicht hier das Gemeinsame, das Band, der archimedische Punkt, den er suchte? Doch nein, er wußte es von den vielen jüdischen Menschen, mit denen er in fernere oder engere Berührung gekommen, daß sie dieses ihr Schicksal gesondert, jeder für sich erlebten und erlitten, als Einzelne. Die Armen, die unmittelbar am nackten Leben Bedrohten, und jene andern, äußerlich Geduldeten, die sich ehrgeizig um Geltung, Einfluß, Ansehen mühten oder um gerechte Anerkennung, um Heimat im Geist; jeder sah allein die eigene besondere Not und immer nur diese. Hieß Jude sein: einsam sein, Einheit nicht kennen, nicht mit den andern, nicht mit sich, nicht mit Gleichgearteten? War es wirklich so wie Ludwig Eisler ihm in den Wiener Tagen nach Abschluß eines jener langen, fruchtlosen Gespräche gesagt hatte: „Ja, eine Judenfrage gibt es, mein Lieber, aber eine Antwort?“ Und er hatte die Achseln gezuckt. „Eine Antwort?“ Klingelnd rumpelte hart an ihm ein Omnibus vorbei. Er fuhr auf. Wie lange war er da wieder einmal spintisierend herumgelaufen? Sechs Uhr schon. Und Berichte waren noch zu expedieren, andere abaufassen, am Abend war er für die Oper verabredet. Jetzt hieß es, schnell umkehren. Wo hatte er sich denn hin verirrt? Er versuchte sich zureebtzufinden, er schien in seinen Gedanken schon lange von den Boulevards abgezweägt zu sein, der Turm da gehörte zu Notre Dame de Lorette und diese rötliche, schimmernde Kuppel, ja richtig, das war doch die große Synagoge. Nun kannte er »ich schon aus. Und an der Ecke die 0mnibusßtation — ein Wagen näherte sich gerade-Eilig schritt er die Straße hinauf, die Häuserzeile entlang, vorbei an dem Gebäude mit der rötlich schimmernden Kuppel, den vergoldeten hebräischen Lettemn über dem Eingang. Ein ungewohntes, seltsames und doch irgendwie bekannt und vertraut a/nmutendes Geräusch ließ ihn plötzlich innehalten. In unregelmäßigen, rhythmiß dien Abständen schwoll es an und verebbte wieder, wie ein leises, ferneis Murmeln klang es und übertönte doch den Straßenlärm. Es war ja Freitag heute, das Murmeln waren die Stimmen der Betenden, die aus dem halbgeöffneten Tor der Synagoge kamen. So viele Jahre hatte er nun schon in Paris verlebt und er war noch nie in dem Hans da gewesen. Man schlug sich mit jüdischen Problemen und Fragen herum, man schrieb und debattierte darüber, man dachte sich wund daran, doch wie lang war es her, daß man zum letztenmal eine Synagoge besucht hat? Wieder kamen mit einemmal Erinnerungen, wie er so daßtand, alte, verblaßte, fast ganz verschüttete. Bilder aus den Knabenjahren tauchten auf, der ragende Backsteinbau des Tempels in der Tabakgasse. Die Freitagabende und Sabbatmorgen, mit dem Vater beim Gottesdienst, der Duft der Wachskerzen, der rotsamtene, goldegostickte Vorhang des Thorasohrelns, die blitzenden Ampeln, die knisternde Seide der Gebetmäntol, die fremde, klangvolle Sprache. Welche festliche Erregung das in dem Kind hervorgerufen hatte, welche feierliche Gohobenheiit, wenn die hallende Stimme des Predigers begann: „Teure Gemeinde!“, bei dem Gedanken: da gehörst du amöh schon dazu. Ganz deutlich standen diese alten Dinge einen Augenblick vor ihm. Wie reich die Welt für ein Kind ist, dachte er und wie klar und vor allem wie selbstverständlich, ohne Bruch, aber dann später kommen die Fragen und die Fragwürdigkeiten und die Last und die Dunkelheit und das Alleinsein. — Der Omnibus war schon bei der Station, klingelte, rumpelte weiter und er stand noch immer unbeweglich da. Und dann drehte er sich um, durchquerte mi/t ein paar großen, raschen Schritten den Vorhof und trat durch das Tor ein, über dem die vergoldeten hebräischen Lettern matt blinkten. IV. Nun steht er hinter der letzten Betstuhlreihe, wo jene, die zu spät gekommen sind oder keinen Platz gefunden haben, zu stehen pflegen, und blickt in den lichterfüllten, hochgewölbten, prunkvollen Raum, lauscht den Worten und Gesängen in der klangvollen, fremden Sprache. Ja, fremd ist die Sprache, fremd sind die Riten und Ge«f brauche, fremd auch die vielen Menschen, die den Saal und die Galerie füllen, nach bestimmten Gesetzen ihre Stimme erheben und dämpfen, aufstehen und sich wieder niederlassen, nach Gesetzen, die er schon lange nicht mehr kennt. Hat er so viel vergessen, so viel? Haben ihn die Jahre der Weitläufigkeit, der kühlen, skeptischen Erkenntnis all dessen entbunden und entwöhnt, muß er nur erst sieh wieder zurechtfi roden und hineinwachsen, oder aber — —« Und alles drängt sich zusammen, was er am diesem Nachmittag gehört, gesehen, gedacht. Gibt es wirklich kein Band mehr zwischen den Juden als die Gemeinsamkeit absondernden Hasses und vereinsamendem Zwiespalts, sind das hier alles nur abgelebte Formen, hat ihn nichts anderes in die Synagoge gezogen alß eine sentimentale Erinnerung? Und jene vielen hier, gehorchen sie nicht nur noch mechanisch überlieferter Gewohnheit? Und da, während er in dem hoch gewölbten, lichterfüllten, prunkvollen und fremden Raum wie fragend umherschaut, fällt sein Blick auf einen kleinen schmächtigen Mann in seiner Nähe. In einem zu weiten grauen Anzug, aus dessen Taschen der Mittags- und Abendkurszettel sowie die „Pariser Börsenzeitung“ schauen, die Stiefel bestaubt und vertreten, den Hut in den Nacken geschoben, steht er da, in der einen Hand eine vollgepfropfte Aktenmappe, in der andern das Gebetbuch. Er kennt diese Gestalt wohl. Zu Dutzenden, ja zu Hunderten kann man sie täglich in den Cafes um das große Viereck des Börsenplatzes gestikulierend hin- und herlaufen, die Treppen des griechischen Geldtempels binaufstürmon sehen, atemlos, schwitzend, Gier und Angst in den Augen. Die kleinen Makler und Agenten, die Finanzproletarier, ja, er kennt diesen Typus. Oder vielleicht doch nicht genug? muß er denken, da er seinen Nachbarn genauer betrachtet. Aus dem hagern, versorgten Gesicht scheint Gehetztheit, Druck und Schmutz des Tages wie weggewlscht, nur eine eigentümliche große Ruhe und Sicherheit liegt in ihm, wie er dasteht, über sein Gebetbuch geneigt und vor sich hinmurmolt. (Fortsetzung folgt.) ßesefiaftigi unsere C&alusim Jede Fach- und Hilfsarbeit wird verläßlich und prompt erledigt• Aufträge übernimmt ausschließlich das Büro des __ _Zionistischen Landesverbandes, Wien, L, Marc Aurelstraße 5. — Telephon V 22-2-11 55555555555555555H555555555555555

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