Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 538 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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rsmzwm Seite 10 DIB STIMME EREZ ISRAEL Nr. 538 — 6. April 19$6 Die Rudckeb der Alten Von M. y. Ben Gavriel (Jerusalem) Es ist ein altbekanntes Problem, so alt, daß man bi? in die letzte Zeit gar nicht mehr dar über sprach. Ebensowenig etwa wie man über Essen und Trinken diskutiert, ebenso selbst verständlich ist es, daß die junge Generation andere Wege geht als die alte, daß die Alten sich im Gegensatz befinden zu den Jungen, die Väter zu den Söhnen und daß der Kampf der Weltanschauungen zwischen den Generatio nen ein erbarmungsloser ist, der mit dem sr ' '...läfeMt li ' y \±. Zf & Propfen junger Bäume völligen Sieg der jungen Generation enden muß, weil eie eben die mit der Zeit schreitende ist. Die Alten können mit den täglich neu sich ergebenden Erfahrungen und ihren Folgerungen nicht mit, sie 'klammern sich mit dem Konservativismus der Resignierten an das Alte, Gewohnte, und die Jugend sprengt die Fesseln der Tradition, stürzt hinaus in das noch Unbekannte und läßt das den Vätern Heilige als unwesentlich zurück. Plötzlich, vor dreißig oder vierzig Jahren, änderte sich im Judentum Europas aber Problem- und Zielsetzung dieses allmenschlichen, in allen Völkern und allen Zeiten der Menschheit natürlichen Kampfes in, wenn man so sagen darf, ihr polares Gegenteil. Plötzlich stand eine Generation auf, die, revolutionär, wie jede junge Generation, dem Liberalismus der Väter mit einer Losung entgegentrat, die Rückkehr zu jenem Alten forderte, das die Väter in ihrer Jugend, im Kampf gegen ihre Väter verlassen hatten. Ein Geschlecht von Jugendlichen forderte, ein einzigartiges historisches Ereignis, Rückkehr: Rückkehr zum Judentum, Rückkehr von der Peripherie dem Sammeln gebrauchter Briefmarken und alten Stanniolpapieres für einen lächerlichen „Nationalfonds1' begonnen hatten und schließlich in eine Art politischer Parteitätigkeit mündeten, dennoch nicht aufgab, da begannen die Väter im Unterbewußtsein eine Gefahr zu wittern. Eine Gefahr, die in Warten zwar noch nicht darstellbar war, umso mehr als das Ziel dieser Tätigkeit ein durchaus konfuses, ja geradezu groteskes war, ein Land „zu erlösen“, von dem man seit zweitausend Jahren nichts mehr gehört hatte. Das unbehagliche Gefühl, daß das eigene Fleisch und Blut in Richtungen steuere, die unbekannter waren als Tibet oder die Ergebnisse spekulativer Philosophie ausgestorbener Völkerschaften, daß der Sohn, der nicht nur das Geschäft, sondern auch die Weltanschauung einst übernehmen sollte, einen Weg einschlug, der nicht nur von der als einzig diskutabel .empfundenen Weltanschauung des Judentums als Privatsache, über die man nicht spricht, sondern sogar vom Geschäft wegzufiihren drohte, dieses unbehagliche Gefühl erstickte das Lachen der Väter. Und ehe man es wußte, war man mitten im Kampf. Vorerst erkannte man noch nicht den tiefen Ernst dieses Kampfes, besonders, als die Väter plötzlich dahinterkamen, daß die Jungen eine Sprache mit ganzer Hingabe zu lernen begannen, die kein vernünftiger Mensch in der ganzen Welt seit Tausenden von Jahren mehr sprach. Als sie davon' erfuhren, die Väter, glaubten sie wieder hoffen zu können, daß dieser verrückte Kollektiveinfall eines Teiles der Jugend Zeichen dafür sei, daß all diese beunruhigenden Dinge jugendlicher übertriebenheit entsprangen, nicht anders etwa als eine Hypertrophie im Briefmarkensammeln oder im Fußball; schlimmstenfalls eine neuartige Pubertätsromantik. Als sich aber all dies zu organisieren begann, als da und dort in den Zeitungen und zwar im heiligsten, im politischen Teil, das Wort Palästina im Zusammenhang mit diesen Verrücktheiten aufzutauchen begann, da hörte das Lächeln und die Hoffnung auf Besserung endgültig auf und der Kampf setzte in seiner ganzen großen Verbissenheit ein, der ihn zutnl Die Jungen „unten“ arbeiteten weiter. Sie großen revolutionären Kampf der ersten Ge-1 hatten wenig Zeit, sich darüber zu wundern, neration des Zionismus gegen das Geschlecht der liberalen oder orthodoxen, allenfalls aber anationalen Väter machte. Er führte zum Bruch zwischen den Geschlechtern, führte dazu, daß — eine Mauer von Mißverstehen und Mißtrauen zwischen Alten und Jungen — Kinder ihr Elternhaus verließen, „in die Fremde gingen“, in ein unbekanntes Land mörderischer Romantik, und daß die Väter „über dem Undank ihrer Kinder zusnunmenbrachcn“ Der Wunsch, verstanden zu werden, der Wunsch der neuen Generation, als Baumeister einer neuen jüdischen Zukunft anerkannt zu werden, war zu groß, zu erstmalig, als daß er positiv hätte beantwortet werden können. Die Idee einer konstruktiven Neuschöpfung im eigenen Volk war untragbar denen, die durch die Ffort-e des Liberalismus aus dem Ghetto in dio „Welt der Freiheit“ gezogen waren. Man blickte nach Palästina mit einem wehen GeRihl, wie in ein Land der verlorenen Söhne und wartete, jede Zeitungsnachricht von einem Fehlsohlag in Palästina mit liebender Schadenfreude zur Kenntnis nehmend, darauf, daß die Verlorenen eines Tages doch wieder in die geordneten Bahnen unromantischer aber hundertprozentig sicherer Bürgerlichkeit zurückkehren würden. Da kam aber der Krieg und die Jahre nach dem Krieg, die Werte wurden entwertet und das hundertprozentig sichere bürgerliche Leben grenzenloser Liberalität begann abzubröckeln. Da und dort stürzte ein Pfeiler ein, den man für ewig gehalten hatte; es dauerte nicht allzu lange und man ertappte sich dabei, daß man in den Zeitungen nach Nachrichten aus Palästina suchte, vorerst mit bereits sichtlich verringerter Schadenfreude, wenn es negative Berichte waren, und eines Tages fühlte man bereits ein merkbares Unbehagen, wenn die Berichte nicht positiv lauteten, bis man schließlich sich gewohnt hatte, mit Ungeduld zur Zeitung zu greifen, um vor allem zu erfahren, was es neues „unten in Palästina“ gibt. daß die Briefe ihrer Väter in den letzten Jahren immer interessierter wurden, daß die Väter mählich auf diese oder jene Bemerkung eingingen, daß sie, für die Palästina vor zweitausend Jahren endgültig aus der Geschichte und sogar beinahe aus der Geographie gestrichen worden war, diese und jene Frage richteten, sich für das Schicksal der Hühner, Der Schuhmacher Die Aufgabe der Botanik in Erez l§rael Von Dr. E i g, Leiter der botanischen Abteilung an der Hebräischen Universität Jerusalem. zum Zentrum, Verteidigung der jüdischen Werte und der jüdischen Substanz, und pro klamierte bedingungslosen Kampf gegen die Selbstpreisgabe der Väter. Zuerst war es ein begütigendes, belustigtes Lächeln, das ihnen antwortete, das Lächeln der in ihren Erfahrungen Ergrauten über die kindlichen Ideen der Jugend. Ais aber diese Jugend allmählich den Kinderschuhen entwuchs und diese kindlichen Ideen, die mit ' vV, A', Anläßlich der konstituierenden Eröffn nungssitzung der botanischen Gesellschaft Palästinas, die am 22. Dezember 1935 in den Räumen der Hebräischen Universität Jerusalem stattfand, hielt Dr. Eig einen programmatischen Vortrag über die Aufgaben der Botanik in Palästina. Er wies zunächst auf die Notwendigkeit hin, sich im wesentlichen mit praktischen und aktuellen Problemen zu befassen, und führte dann weiter etwa folgendes aus: Der Müller, Es gilt, umfangreiche Untersuchungen unseres Getreides, besonders seiner Wider Standsfähigkeit gegen die Trockenheit, durchzuführen, um der Landwirtschaft ausgewählte Getreidesorten zur Verfügungstellen zu können. Bisher haben die russischen Forscher für die Kenntnis der palästinensischen Getreidesorten mehr geleistet als die hiesigen Botaniker. Des weiteren ist es nötig, die für die einzelnen Gebiete Palästinas besonders geeigneten Obstsorten festzustellen. Das in dieser Beziehung bisher Geleistete entspricht keineswegs den Bedürfnissen. Audi die Fellachen- und Beduinenwirtschaften und deren Verwertung von wilden Pflanzen Palästinas sind noch viel zu wenig erforscht. Angaben hierüber muß man in der ausländischen, besonders in der russischen, Literatur suchen. Ferner sind die Wüstengebiete auf ihre Eignung für die Landwirtschaft zu untersuchen, die Möglichkeiten der Weideverbesserung im Gebirge müssen geprüft werden usw. Derartige Aufgaben lassen «ich zu Dutzenden aufzeigen. Die folgenden Probleme gehen besonders die Systematiker und Geobotaniker an. Da die Täler Palästinas und die Ebenen am Mittelmeer keinen weiteren Siedlungsraum mehr bieten, muß man die Ansiedlung«- m ö g 1 i c h k e i t e n im Osten und Süden des Landes untersuchen. Neben der Raumfrage handelt es sich aber auch um die Notwendigkeit, die Wirtschaften zu intensivieren. Von der übertriebenen Spezialisierung auf Zitrusfrüchte muß man abgehen und neue Kulturen einführen. Da es sich herausgestellt hat, daß es nicht möglich ist, vorwiegend bewässerbare Wirtschaften zu srrich-1 ten, ist man zwangsläufig vor das Problem der Anlegung von Trockenkulturen gestellt. Dafür kommen, außer Obstbäumen, Gewürz-, Arznei-, Honig- und Gerbpflanzen in Frage. Man muß Palästina und die Nachbarländer auf die natürlichen Vorkommen solcher Pflanzen untersuchen. Die Intensivierung der Landwirtschaft durch Industrie-Pflanzenkulturen ist aber nicht nur (für die Trockenwirtschaft, sondern a/uch für J die bewässerbare Wirtschaft gedacht. Für die A u f f o r s t u n g ist in den letzten Jahren Wichtiges geschehen. Die Aleppokiefer, einer der wichtigsten Bäume der früheren palästinensischen Wälder in der Mittelmeerzone, wird mit Erfolg angepflanzt. Will man aber eine großzügige Aufforstung betreiben, so muß man sich mit dem Problem der Wiederherstellung des seit Jahrtausenden zerstörten Waldbodens befassen und zu diesem Zwecke die früheren Eichenwälder erneuern. Es gibt eine Reihe von Baumsorten in den Nachbarländern Palästinas, deren Eignung für das Land geprüft werden muß Auch zur Verbesserung des Viehfutters sind wissenschaftliche Versuche notwendig. Ferner sind die Grünanlagen in Städten und Dörfern unzureichend, und, soweit vorhanden, meist von Privatgärtnern angelegt. Es fehlen Planmäßigkeit, Originalität und Anpassung an die Bedingungen des Landes. In der Kryptogamen-Forschung ist schon manches geleistet worden. Es sind aber noch das Plankton der Seen und Flüsse zur Ermöglichung rationeller Fischzucht zu erforschen, dio Meeresaigon auf ihre Brauchbarkeit zur Düngung zu prüfen, dio eßbaren Pilze zu untersuchen usw. Zum Schlüsse seines Vortrages bezeichnet^ es Dr. Eig als eine wichtige Aufgabe der botanischen Gesellschaft, die Lehrer der Naturwissenschaften nach Kräften zu unterstützen und mit geeignetem Lesestoff zu versehen, damit die junge Generation wieder dazu erzogen werde, das Land so zu kennen und zu lieben, wie unsere Väter zur, Zeit der Bibel, der Weingärten, für das Wohlergehen diese« oder jener Siedlungzu interessieren begannen. Die Jungen erkannten vorerst nicht, daß dort drüben, in den Ländern, die sie verlassen hatten, dem alten Geschlecht eine Ahnung aufgezwungen wurde, die für sie vor Jahren schon zur Wirklichkeit geworden war. Dann aber erkannten auch sie den Wechsel der Tatsachen, als plötzlich zwischen den Zeilen der Briefe von drüben eine bange Frage nach der Zukunft des alten Geschlechts aufzutauchen begann, die bald in einen nur halb unterdrückten Hilfeschrei mündete. Jetzt horchten die Jungen auf. Und dieses Aufhorchen gebar die historisch fast einzigartige Wanderung der Alten, die Eltem-Aliyah, die wir jetzt miterleben. Die Feinde des neuen jüdischen Gedankens von einst waren von den Tatsachen bekehrt worden, von jenen Tatsachen, die den Jungen, von einst Recht gaben: wer heute durch die Kwutzoth geht, ist Zeuge eine« historischen Ereignisses von seltsamer Eindringlichkeit. In den Dörfern, die die Jungen bauten, wohnen die Alten, zufrieden darüber, daß sie den Kampf verloren, zufrieden, daß das neue Geschlecht ihn gewann, siegreich in der Idee der Rückkehr zum Judentum. Wer sie sieht diese Alten, die jetzt nachdenklich die gelbe Erde ihrer Äcker durch die Finger rieseln lassen, die mit rührender Genugtuung die Schafe zählen, die abends von der Weide zurtickkehren, und die mit dem Eifer der endlich Heimgekehrfcen in den abendlichen Gesprächen vor den Türen das Bild einer wunderbaren Zukunft zeichnen, wird dies alles als eines der größten und wunderbarsten Details in der Geschichte der Landnahme Palästinas erschüttert erleben: die verlorenen Väter kehren heim, in das Heim, das die Jungen ihnen bereiteten. % Er füttert dis Küha