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Die Stimme · 1936-04-06 · Heft 538 (6.4.1936) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 538 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. m - R April im DU IT1MMI Sotto 9 loh wußt’, daß mein Tag hier za Ende geht, Daß zur Ruh* ich bereiten mich muß. Wie ängstiget sich da mein Gemüt Im Gehelmoi«, das miob umgibt. De« Ritaet« Lösung aber Ist die: Dies ist nur e i n Los, das lügt. Manoh Pergament beschrieb ich wohl Mit der 8ehnsucht verworrenem Wort. Verzeichnet fet die Wahrheit nun An Jenem einsamen Ort. o Der Pflüger. Auf Felsen stieß meines Pfluge« Sohar Und blieb dann stille stehn. Ein Tor ist, wer auf Pfaden pflügt, Die zu dem Abgrund gehn. Im folgenden sei ein kurzes Gedieht von Eichmann wiedergegeben, da« in wundervoller Weise den Gefüblsgehalt, der im Worte und ln der Vorstellung „Jerusalem“ elogeschloseen ist, auwehöpft: Jeruschala jlm. Jemschalajlm! Klang des Herzens, von Hunger verzehrt! Paradies des Vergessene jenseits der Berge dem Sfcurmentfloh’nenl Du bist die Demut, der Trotz und die Ruh’. Zu dir bebt das Herz, dich ruft sein Leiden! Eine besonders liebenswerte Erscheinung Ist die Gestalt der Dichterin Rachel, die von Palästina-Sehnsucht . ergriffen, nach Erez Israel ging, um hier für das Land su arbeiten. Ein Lungenleiden, das sie in Jungen Jahren hinraffen sollte und ihr die physische Arbeit unmöglich machte, hat ihrer Dichtung den Stempel aufgedrückt. An mein Land. Ich sang dir nicht, mein Land, Noch hüllen tat ich dich In Heldensagenklang, In Prunkgewandi Nur Baum — den pflanzte ich Am stillen Jordanhang; Nur Pfad, den ebnet’ ich Durchs weite Land. Ach, klein und Ärmlich ist — loh, Mutter, weiß es wohl, Ach, so gering ist Ja^ Was ich dir bot: Nur Jauchzend Freudenschall, Wenn du im Licht erstrahlst; Nur Weinen Insgeheim Ob deiner Not. — (Üben, aus „Israel — Volk und Land“.) * Anders, leichtbeschwingter, sonniger sind die Gedichte der Elischewa. Elischewa, die mit ihrem vollen Namen Jelisaweta Iwanowna Schirkowa heißt, wurde als russische Ohrietin geboren. Unter dem Einfluß einer Jüdischen Familie, mit der sie verkehrte, und später Blalike, begann sie jiddisch und hebrftisoh zu lernen und veröffentlichte seit 1020 eine große Reihe hebräischer Gediohte, die in einigen Sammlungen zusammengefaßt sind. Elischewa beherrscht die hebräische Sprache in all ihren Feinheiten und versteht es, Rhythmus und Wortmelodie ihre Gefühle zu plastischer Wirkung zu bringen. Bei Sonnenaufgang. Ans Fenster trat ich Im Frühsommerlioht Den Morgendult atme ich Und kenne mich nicht. Rot leuchten Beeren In Waldes Nacht, Rot glüht die Sonne, Wenn sie erwacht. Noch glüht da« Blnt mir, Bedeckt von der Zelt Noch leuchten die Tage Wie Perlen gereiht Noch schreitet auf grünen Wegen mein Fuß; Noch bebt meine Seele Im heiligen Kuß. Leis’ streichelt der Wind Mir dM Angesicht..« 9 Von Sammy Gronemann Es erscheint notwendig, den Titel des 8hakespeareschen Dramas durch Voransetzung de« Namens Antonio zu ergänzen. Denn man muß den allermeisten erst mit Nachdruck Ins Bewußtsein rufen, daß der „Kaufmann von Venedig“ nicht S h y 1 o c k, sondern A nfconiö Ist. Und auch für die, welche diesen Irrtum nicht mitmaehen, erscheint fast ausnahmslos Shylock die Hauptfigur, der eigentliche Held des Stückes. Er mag Ln mancher Beziehung auch wirklich die interessanteste Figur sein — so, wie es vielleicht in „Heinrich IV.“ der Ritter Falstaff ist — im Mittelpunkt der Handlung steht naoh Willen des Dichters aber zweifellos Antonio, nach dem er sein Stuck genannt hat. Und das wird verkannt — ganz allgemein, von den Kommentatoren wie den Regisseuren; daher stammt nach meiner Meinung die Fülle von Mißverständnissen und Kontroversen, gerade bei der Beurteilung dieser Meisterkomödie. Eine Untersuchung, wie denn eine solche Schwergewiehtsverschiebung entstehen konnte, mag reizvoll genug und aufschlußgebend, vielleicht überhaupt für das Wesen literarischer Kritik und die Rückwirkung der Wertung des Publikums auf die Bühnenkunst sein. Hier sei davon abgesehen und nur ein Hinweis gestattet. Wo immer eine jüdische Figur in den Vordergrund tritt, wird sie der Gegenstand lebhafter Diskussion, die mit gleich scharfer Subjektivität von Seiten der Angreifenden wie der Apologeten geführt wird. So ging es auch mit Shylock, und so wurde allmählich die Diskussion Über ihn so lebhaft, daß allgemach alle anderen Personen des Dramas ganz und gar in den Hintergrund gedrängt Bind. Man sehe sich nur die Shylock-Literatur an — vor allem natürlich die köstlichen Streitschriften Ihering-Kohler, man lese Heinrich Heine und die Übersicht, die Joseph Köhler in seinem eigenartigen Buche „Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz“ gibt, und gehe weiteT bis zu Israel Zangwill — alles Shylock — nichts von Antonio. Hat überhaupt irgend ein Schauspieler von Rang sich jemals ernstlich des Antonio angenommen? Hat ein Regisseur es unternommen, dem Beschauer die Gestalten der venezianischen Gesellschaft klar unterscheidbar und individuell charakterisiert vor Augen zu stellen? Frage sich doch jeder, der den Kaufmann einmal oder mehrere Male gesehen bat, ob er imstande ist, auf der Stelle zu sagen, wie etwa Graziano sieh von S&l&rino oder wie diese beiden sich von Bassanio unterscheiden! Immer drängt sich die mächtige Gestalt des Shylock ln den Vordergrund und alle anderen werden wesenlose Schemen. Shylook selbst aber wird eine Spukgestalt, selbst wenn sieh die herrliche Gestaltungskraft eines Rudolph Schildkraut seiner an-, nimmt, eine Gestalt ohne Fleisch und Blut, eine rätselhafte Figur, deren Handlungsweise vernunftgemäß nicht erklärt werden kann. Wie denn? Dieser schlaue, berechnende Wucherer, dieser überlegte Geschäftsmann, schließt ein derartig blödsinniges, für ihn mit beinahe absoluter Gewißheit verlustbringendes Geschäft mit Antonio ab? Wie ißt das möglich? Zugegeben, daß er allen Grund hätte, auf seinen Vertragsgegner wütend zu sein, zugegeben, daß seine Erbitterung gegen ihn so groß wäre, daß ihm jede« Vermögensopfer gering erschiene, könnte er dafür den verhaßten Kaufmann an der Hüfte packen, welche Aussichten hat er auf Grund dieses Vertrages, jemals zu dem erwünschten Ziele zu kommen? Alle Obancen sind auf Seiten Antonios — nioht mehr und nicht weniger als ein Wunder muß geschehen, damit dieser in die Hand seines Gläubigers fällt. Alle die Schiffe des königlichen Kaufmanns, die auf den verschiedensten Meeren fahren, müssen scheitern, alle seine mannigfaltigen Hilfsquellen müssen mit einem Schlag versiegen. Die Chance Shylocks, zum Ziele zu gelangen, ist eine verschwindend kleine, der die an Gewißheit grenzende Wahrscheinlichkeit gegentibersteht, daß Antonio den Fälligkeitstermin innehält und er so seinem verhaßten Partner unter eigenem Verluste einen gewaltigen Liebesdienst erwiesen hat. Shylook rechnet also mit einem Wunder? In der Tat: er rechnet mit dem Wunder! Das ist der Punkt! Er trotzt dem Himmel ein Wunder ab. Wie Grillparzers Küchenjunge. Darüber wird noch zu reden sein, und diese Behauptung wird zu belegen sein. Vergegenwärtigen wir uns aber, daß gerade in diesem Stück uns eine solche Einstellung nicht in Erstaunen setzen darf. Das Stück Spielt in einer Märchenwelt, und das hat man sich vor allem klarzumachen. Da ist Portia, die reiche Erbin — ihr Vater hat ihr die drei Kästchen hinterlassen, und zum Gemahl ist ihr der Freier bestimmt, der das rechte Kästchen wählt Das scheint eine seltsame Lotterie, aber es ist ein echtes und rechtes Märchenmotiv. Eine solche Bestimmung hat nur in der Märchenwelt Sinn und Verstand, in der eine mystische Fügung dem Edlen und Braven zur rechten Zeit den Lohn sichert Portia kann des guten Ausganges sicher sein, und Nerissa, Portias lustige Freundin, spricht es deutlich genug aus: „Euer Vater war allzeit gut und fromm, und frommen Menschen wird die Hoffnung auf die Entscheidung des Himmels stete erfüllt.“ Die „Entscheidung des Himmels“ — man halte das fest! Genau so wie Portia, stellt Shylock die Entscheidung dem Himmel anheim' — so sicher ist er seiner Sache, der Gerechtigkeit seiner Sache, daß er, obwohl nach menschlichem Kalkül alle Chancen gegen ihn sind, doch der zu seinen Gunsten ausfallenden Entscheidung des Himmels sicher ist. Und wenn dann, das sei vorgreifend bemerkt, der Dichter endlich die Entscheidung in dem Kampfe zwischen dem Juden und seinem Widersacher zugunsten des Juden ausfallen läßt, dann freilich ist es nicht zweifelhaft, auf welcher Seite der Dichter das Recht sieht. Aber, ist das nicht eine vage Hypothese? Wer ist der Widersacher, und wer ist Antonio? Antonio, der Kaufmann von Venedig, nach dem das Stück heißt, ist der eigentliche Held des Stückes, der Held dieser Charakterkomödie. Er ist ein entfernter Verwandter von Hjalmar Ekdal, und wie alle Helden der Charakterlustspiele Shakespeares, etwa wie die Widerspenstige, leidet er an einer Manie, und der Inhalt des Lustspieles ist eben, diese in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen. Ob der Held von dieser Manie geheilt wird, ist letzten Endes gleichgültig — es ließe sich vielleicht ln diesem Falle nachweisen, daß eine, wenigstens vorübergehend erfolgreiche Kur durohgeführt wird — das Wesentliche ist ja aber dem Dichter, dem etwa zu gleicher Krankheit neigendem Zuschauer, und nicht dem Helden, eine Lektion zu geben. (Wie prächtig ließe sich das auf den Kesselflicker Schlau exemplifizieren, der nach dem Vorspiel der Widerspenstigen, einfach lm Publikum verschwindet, und an dessen Stelle eben Jeder aus dom Gros der Parterrebesucher treten kann.) Aber, was dann? Antonio hat eine Manie? Aber hat man je eine solche bei ihm bemerkt? Bitte! Man lese zunächst ganz unbefangen nichtß als die erste Szene des Stüokes aufmerksam durch. Da sitzt der reiohe Handelsherr mit zwei Freunden zusammen, Salarine und Solario. Diese beiden Herren sind die Rosenkranz und Güldenstern der Börse, die neben dem Hamlet-Imitator Antonio einherlaufen. Sie können ruhig miteinander verwechselt werden, und sie müssen paarweise auftreten, denn gerade durch ihre mehrfache Existenz wird das Typische gegeben. Diebeiden erörtern in breiter Geschwätzigkeit die seltsame Melancholie des Herrn Antonio. Sie stellen allerhand Mutmaßungen über den Grund der Schwermut an; er aber sitzt weltschmerzlich lächelnd dabei, hört mit überlegenem Wohlwollen ihre Hypothesen an und weist sie sämtlich als unzutreffend zurück. Und in der Tat ist kein wie immer gearteter Grund zu entdecken; dem guten Antonio geht nichts ab. Er hat anscheinend den echten und rechten Spleen, er leide an einer seelischen Depression, für die kein Grund angegeben werden kann. Nun, das ist immerhin ein vornehmes Leiden, ist totschick und Antonio fühlt sich in seiner Melancholie und bei dem teilnahmsvollen Zuspruch seiner Freunde anscheinend ganz wohl. Die Schwermut steht ihm gut und erhöht ihn in den Augen seiner Umgebung; er wieder behandelt die Herren mit herablassendem Wohlwollen; und Ehrerbietung wie Bewunderung, die ihm entgegengebraoht werden, zahlen sich für seine Freunde gut aus: nicht nur sein Rat, auf den allenfalls verzichtet werden könnte, sondern auch sein Beutel steht ihnen jederzeit offen. So befinden eich alle Teile wohl, auch Antonio, in seiner sehr gut gepflegten Melancholie. Er bekommt durch sein bedeutsames Schweigen und die tiefsinnigen Falten seines Gesichtes den Ruf eines bedeutenden Denkers; er lebt aber stark über seine geistigen Verhältnisse, ist von Schmeichlern umgeben, die seinen Wahn züchten, und ißt auf dem besten Wege, ein kompletter Narr zu werden, der ganz vergißt, daß er seine Stellung nur seinen Glüoksgütern verdankt, und auf dem Punkt ist, sich einzureden, daß er ein Philosoph sei. Schon jetzt ist er so weit, daß er nur noch Schmeichlern sein Ohr leiht, und den einzigen Menschen aus seiner Umgebung, der ihm ernsthaft als Freund die Wahrheit sagt, nioht mehr ernst nimmt. Dieser eine ehrliche Freund ist Graziano. Wie unglaublich, wie unerhört, daß noch kein Regisseur, kein Schauspieler es entdeckt hat, daß dieser Graziano gleich bei seinem ersten Auftreten den Schlüssel zu Antonios Wesen und damit zu dem ganzen Stücke gibt. Er kommt auf dem Weg zu Tisch gerade hinzu, als Antonio sich eben wieder von den Schwätzern, die seinen Hofstaat bilden, den Hof machen läßt-, und den Geistvollen, Sohwermütigen posiert. Einen Augenblick 6ieht er sich daß an, dann schiebt er die Schwätzer beiseite und pflanzt sich vor Antonio auf: „Laßt den Narren mich spielen“, das heißt, laßt mich ungestraft die Wahrheit sagen — und nun kommt jene köstliche Charakteristik: „Antonio! loh will Dir etwas sagen! Es gibt so Leute, deren Angesicht gerinnt Und starrt gleich einem stellenden Sumpf Und die ein eigensinnig Schweigen halten — Aus Absicht, sich in einen Schein zu kleiden Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn — Ale wenn man spreche: Ich bin Herr Orakel — Tu ich den Mund auf, rührt sioh keine Maus. — Doch fisch’ Du nicht mit so trübseligem Köder Naoh diesem Narrengründling -— diesem Schein!“ Kann man deutlicher sein? Graziano verschwindet und verspricht eine Fortsetzung seiner Predigt naoh der Mahlzeit. Einen Augenblick herreoht verlegenes Sohweigen. „Ist das mm irgend was?“ fragt Antonio. „Graziano spricht unendlich viel, mehr als Irgend ein Mensch in ganz Venedig“ — sagt einer der Freunde, und damit ist die Sache abgetan. Kein Mensoh nimmt den Warner ernst. (Fortsetzung folgt.) Wie giüoklioh bin ich Im Sonnenlicht! K ö n i g ln. Einst sagt’ ich: „Ich bin Königin“. Und hielt vor meinem Schlosse Wacht, Und harrt’ bei Tag und harrt’ bei Nacht, Daß der König komm’ zu mir, Poche leis’ an meine Tür. Schön wie Jugend sollt’ er sein, Seine Augen •— Sonnenschein, Seine Seele — Sooneakuß, Und sein Läoheln — Himmelsgruß. So bin durch Träume ich geirrt Vielleicht, daß ein Traum Wahrheit wird. Und nur manchmal litt ich Not: Vielleicht war mein König tot... Heut sag’ ich nicht, was ich geträumt; Es sind ja Worte nur, gereimt. Kann nicht dem König ontgegensehn, Muß meinen Lebensweg ja gehn. Und Kenn ich dennooh fröhlich bin» So ist’« weil Ich im Herzen drin Verwahre ein Geheimnis noch: Vielleicht lebt mein König doch! * Vielleicht ist es diesen wenigen Proben gelungen, eine Vorstellung von der Vielgestaltigkeit und Vielartigkeit der hebräischen Lyrik Palästinas zu vermitteln, darüber hinaus aber auch etwas von der Eigenart, dem Erleben und Erleiden des palästinensischen Menschen wiederzugeben,

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