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Die Stimme · 1936-04-06 · Heft 538 (6.4.1936) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 538 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sott« S DII IT1MMI Nr. 588-6. April 1938 Satzbau erfahren, auf die wir hier nicht näher eingehen können. Hebräisch stand also seit den Tagen des 'Altertums bis in die Jetztzeit ununter brocken in literarischer Verwendun und zahlreiche Werke auf den verschieden fiten Gebieten des menschlichen Wissens sowie des poetischen Schaffens sind darin abgefaßt. Die Volkssprache aber war seit 2000 Jahren tot; ihre Erbmasse, in der Literatursprache eingeschlossen, erhielt sich jedoch, bis sie, befruchtet vom zünden den Funken des Zionismus sich zu entwickeln begann und als neue Sprache ins Leben trat. «Krnnniinniunnmmnnnnimnmniiimmiiiuf uininun in tmrtiuimiiiniiif i mnntmimiiiiiii mun Abschied i/w* fotüs Aus der Mappe Wilhelm Wachtals*) Es gibt wenig Künstler, deren Gestaltungen so packend und ergreifend auf den Beschauer wirken wie die Werke Wilhelm, Wachtels. Es gibt wenig Künstler, die so eng mit der Seele ihres Volkes verknüpft sind, mit dessen Tra gik, mit dessen Schönheit. Er ist ein mit sei ner ganzen Seele hingegebener Interpret. Mit immer gleichbleibender jugendlicher Kraft seine 60 Jahre Lügen strafend, geht er den sub tilsten Regungen seines Volkes nach wie ein liebender Sohn und gleichzeitig wie ein stren ger, gerechter Vater, dem das Wohl seiner Kinder über alles am Herzen liegt. „Ich betrachte meine Kunst als eine Mission die mir von Gott gegeben ist, und die ich in erster Reihe in den Dienst meines Volkes stelle" — sagt Wilhelm Wachtel. „Seit meiner Jugend, seit dem Augenblick, als ich zum erstenmal zur Erkenntnis nehmen mußte, daß wir Juden in einem ewigen Kampf gegen eine Welt von Feinden stehen, deren Waffe Lüge und Zynismus ist, nahm ich mir vor, meine Kunst als Waffe zu gebrauchen und zu den Herzen der Verhetzten zu sprechen. Meine Bilder 'wollen nicht schreien, sie sollen den Feinden ein beschämender Vorwurf sein und uns selbst die Überzeugung unserer Stärke geben Wir Juden haben lang genug unser Bestes — Vart pour Vart — der internationalen Gemeinschaft gegeben, wir haben zum Ruhm fremder Nationen beigetragen/* Vor uns liegt eine Sammlung von Lithographien, die er uns, in einer Mappe vereint, geschenkt hat und „Abschied vom Golus“ betitelt hat. So manches uns längst vertraute wirkungsvolle Bild finden wb' wieder. Doch sind auch, dem zusammengefaßten Sinn des Werkes entsprechend, neue Blätter dazugekom ■men, die so aussehen, als wären sie immer dabei gewesen. Die ganze Mappe stellt ein in sich abgeschlossenes Werk dar. „Abschied vom Golus/* Wir sehen das verträumte polnische Städtchen wieder, einen „Freitagabend" in der jüdischen Gasse. Dieses Blatt gleicht einem Breughelbild, das uns hundert Geschichten erzählt. Ein neues, reizvolles Blatt: eine SabbathidyUe: „Onegg Sabbath.“ Jüdische Burschen und Mädchen in profane Lektüre vertieft. Der feierliche „Seder-Abend“. Die Anwesenden begrüßen den heiligen Propheten Eliahu, der die Sehnsucht der Juden nach dem Land der Väter symbolisiert. Weiters Idyllen des Sabbathlebens: „Der Passant" und „Die Sabbathkerzen". Dann der Gegensatz: „Der gelbe Fleck/* Wir sehen einen mittelalterlichen Juden mit dem gelben Fleck, zitternd vor dem Tore seines Hauses anlangen, hinter ihm bübische, aufgehetzte Verfolger, die aus ihrem Versteck hervorlugen. Dann folgen düstere Pogrombilder. Nach dem Kriege überfielen Petljuras Banden jüdische Städtchen in der Ukraina und metzelten Hunderttausende von Juden nieder, „ln der Erwartung des Pogroms“ sehen wir eine Gruppe von Juden, die sich dem herannahenden vertierten Mob entgegenstellen wollen. Ein Schauer bemächtigt sich unser beim Anblick des verwüsteten jüdischen Städtchens. Verzweiflung und Schmerz spiegelt sich in den Gesichtern der Überlebenden. Dies sind wahrhafte Bidler aus Dantes „Hölle'*, ln dem Golus begegnet er den „Wanderern*'. Diese apathischen, verbitterten Heimatlosen... Als die judenfeindliche Bewegung Orgien zu feiern begann, führte er uns einen verkrüppelten *) Die Mappe, die demnächst in einer ganz begrenzten Auflage erscheinen wird (im ganzen sind 350 Exemplaro vorhanden, von denen der Großteil in Polon verbleibt), wird in der Buchhandlung M. Rath, Wien, II., Taborstraße Nr. 20a. sowie bei Architekt Roman Wachtel, Wien, III., Hirizerstraße 6, Tel. B 57-706, zu erhalten sein. jüdischen Soldaten in deutscher Uniform vor1 planen um sich, und ein prachtvolles Selbst- Augen, ohne rechten Fuß, mit einem Eisernen, baldnls des Malers, das dem Werk vorangeht. Kreuz auf der Brust, der mit starren Augen\ „Diese Mappe'*, bemerkt der Künstler in fragt: „Für wen?" Alles Bilder aus dem Golus. seiner Vorrede, „soll nicht als eine Auslese Und zuletzt sehen wir, in schöner, strenger aus meinem Schaffen angesehen werden. Viel- Komposition, immer höher steigend, den Ausmehr als eine Reihe von Bildern, als Widerzug der Jungen, hinter sich die Alten und Spiegelung meiner Seelenverfassung aus der Gräber lassend, vor sich das sonnige, das noch Zeit vor meinem ersten Palästinaerlebnis. Im unerschlossene Land, das auf ihre Arbeit war- Herbst meines Lebens will ick mein Zelt in tet. Bleibt noch das Titelbild, der gefesselte diesem Lande der Verheißung aufschlagen. ln „Sündenbock", mit einem Reigen von Skordem Lande, das mir, so oft ich es betrete, neue Kraft und Schaffensfreude verleiht. Die neuen Menschen, von denen ich Zeit meines Lebens träumte, will ich besingen. Diese Mappe aber soll ein Dokument sein aus der Zeit: als wir noch im Golus waren." Wir wünschen dieser Mappe, die das jüdische Leben der Diaspora und die Liebe des Künstlers zu seinem Volke darstellt, den Erfolg und die Verbreitung, die sie verdient. Die Bilder Wachtels haben nichts vom Pathos, nichts vom drastischen Alltagsrealismus — sie sind durchwegs Lieder, aus der innersten Seele hervorgeströmt, und sind mit der mystischen Verklärung des geistigen Juden geschildert. ln dieser Eigenschaft kann Wachtel als der jüdische Künstler par excellence bezeichnet werden. Das gilt nicht nur für seine Wiener Kriegs- und Nachkriegsepoche und die Palästinazeit, da sein Schaffen ausschließlich der Verherrlichung des Judentums gewidmet ist, sondern auch schon für die Sturmimd Drangperiode mit den „Jugendgrübeleien" und für die Pariserepoche, in der der Zauber des ge-; träumten Orients dominierte und in der er WACHTEL. Selbstbildnis des: seiner Sehnsucht nach dem alten heroischen Malers. | Judentum Ausdruck verlieh. Außer der reichhaltigen Galerie nationaler Themen hat der Künstler in den Porträts mehrere berühmte jüdische Persönlichkeiten der Gegenwart verewigt. Dr. F. Pick holz. WILHELM Wilhelm Wachtel: „FÜR WEN?1 Dr• Henny Llchtenstein-Rappaport: Neue Dichtung in Palästina Es soll nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, einen Überblick über die gesamte moderne palästinensische Literatur zu bieten. Es ist zunächst nicht ihr Zweck, sich mit den ganz Großen und Vielgenannten zu beschäftigen. Denn diese sind durch Übersetzungen, Vorträge usw. der breiten jüdischen Öffentlichkeit bekanntgemacht. Heute sollen nur Streiflichter auf einige Lyriker des neuen Palästina geworfen werden. In der Lyrik offenbart sich das Ringen der Seele, in der Lyrik sucht der Mensch nach einem Ausdruck dessen, was ihn zutiefst bewegt. Die Proble matik des Daseins überhaupt, die Problematik des jüdischen Menschen im besonderen, strebt hier danach, durch das Wort Lösung und Er lösung zu finden. So ist gerade diese Gefühls¬ und philosophische Lyrik besonders charakte ristisch für das Land, das sich im Aufbau befindet und dessen Menschen sich nicht nur physisch und wirtschaftlich, sondern auch seelisch und geistig umordnen und neu einordnen müssen. Wir können sagen* daß diese Lyrik dazu angetan ist, uns mit dem wirk liehen Leben Palästinas vielleicht besser bekanntzumachen als dies Jahresberichte und statistische Aufstellungen vermögen. Allerdings ist es nicht leicht, das gewünschte Material zu erhalten. Die wenigstens Werke der jüngeren Generation, besonders soweit es sich um die Lyrik handelt, sind in europäische Sprachen übersetzt. Viele sind überhaupt nicht gesammelt, sondern nur in verschiedenen Zeitschriften, zum Beispiel „Mosnajim“ und Ktuwim“ verstreut*). Hier seien nur einige wenige Dichter und einige wenige Gedichte herausgegriffen, die in ihrer Gesamtheit aber doch viel sagen. * So ward entweiht David Schimonowitz, geh. 1886. Seine Werke sind in sechs Bänden gesammelt. Besonders bemerkenswert sind seine größeren Gedichtwerke „Bejaar Bocbederah“. „Jowel Haeglonim“, „Agadoth Zefath“, Schimonowitz gehört zu den interessantesten Erscheinungen der jüngeren Dichtergeneration. In der Idylle hat er es zu hervorragender Meisterschaft gebracht und hier das Alltagsleben des palästinensischen Menschen, die Vielfalt und Besonderheit der Typen dargestellt. Das kurze Gedicht, das im folgenden wiedergegeben ist, zeigt den Widerstreit des Menschen, der an Einsamkeit und Zurückgezogenhoit geöhnt ist und den Lärm, das Hasten der Stadt als etwas Unheiliges, Entwürdigendes empfindet. *) Die folgenden Gedichte sind, außer wo die Übersetzer besonders erwähnt sind, von Dr. Henny Lichtenstein-Rappaport ins Deutsche übertragen. Einsamkeit. ... Heut’ ging ich auf den Markt.. Das Heiligtum meiner Einsamkeit. Der Lärm des Nichts verwirrte mich, Unheiliges berührte mich, Und unrein ward auch ich. Und als ich heimgekehrt, das Herz so schwer, Da ruhte Gottes Herrlichkeit auf mir nicht mehr. Der Baum vor meinem Fenster nicht mehr spricht, Die Schatten in den Winkeln reden nicht. Wenn ich die Augen schließ’, kann ich die Schechinah sehn Auf wüsten Wegen still und zögernd gehn. Sie trauert um den Sohn, deT brach, Was sie von ihm, dem Einz’gen sich versprach. Ich schwieg vor Schmerz. Die Wände stille stehn Und mitleidsvoll auf mich herniedersehn. Denn da mein Toter nun noch bei mir liegt, Wer könnte trösten mich? Der da mit seiner Sichel kommt Und findet keine Frucht zur Erntezeit? Warum dies. o Herr der Welt? * Abraham Schlonskt, geb. 1900. Er schrieb zwei bedeutende dramatische Gedichte, darunter eine religiös-philosophische Disputation. Seine Gedichte sind in einigen Sammlungen erschienen. Ein Gebet. ... Wie find ich den Ausdruck für mein Gebet? Wo ist der Weg zur Vergebung? Der Vater des Himmels ist so weit, so weit. Dann will ich nächstens zu dir steigen Auf Bergestürme Und mit Radio zu dir beten, o Herr! Herr der Welt! Es gibt eine Sonne inmitten des Weltalls, Die ist wie ein Schofar aus Gold, Und ruft die Betenden zum Dienst ihres Schöpfers. Herr der Welt! Es gibt einen Menschen inmitten des Weltalls, Du schufst ihn in deinem Ebenbild Als Teil von dir. Doch, Herr der Weltl Es gibt ein Menschlein in Israel, Ihn schufst du und richtest seine Glieder, Daß keines fohle der heiligen Zahl. Warum läßt dem Pflüger du gleichen ihn! Palästinas Landschaft und Natur geben die beiden Gedichte ‘„J'esreeP 1iM' ,Jm' Zelt“ wieder. Prachtvoll sind die Zeilen aus „Jeßreei“ die den überwältigenden Eindruck des Wassers auf den palästinensischen Menschen zeigen und eben nur aus der palästinensischen Landschaft ganz zu begreifen sind. Aus „J e s r e e 1“. ... Es rinnt die Milch der Flüsse, übervoll, Und die Erde gleich einer schwarzen trächtigen Stute, Streckt den Hals, bläht die Nüstern, wiehert, Denn sie riecht Wasser. Wasser! Wasser! Laß fließen das Heilige aus deinen Brüsten, o Herr! a Im Zelt. Das Zelt gesenkt. Und Herbst und Regen. Was heult dort: Uuu, huu, huu...? Ist ee ein Schakal, unruhvoller Geist?..* Und jeder Tropfen eine Träne ist. Tif, tif, tof... Und so ohn’ Endo Tropft der Regen, tropft und tropft. So weinet nur der Heimat Herbst, So weint der Sohn, der keinen Vater hat, Wenn in der Ilöh’ mit Beben, in der Hand Die gold’nen Lichter werden ausgelösoht. Tif, tif, tof... Ich zünde mir kein Nachtlicht an, Heut schreib ich keinen Brief; Ich habe keine Mutter dort — weh ihr! Ihr Sohn, der ist verwaist. Tif, tif, tof.., Im Zelt ist’s kalt. Im unendlichen Raum Heult jetzt ein Hund. Er heult umsonst. Er weiß es wohl: Vater und Mutter kommen nicht. Tif, tif, tof... $ Jakob Steinberg, geb. 1886, schrieb Novellen, Erzählungen und publizistische Abhandlungen. Was ihn bewegt, sind nioht nur spezifisch jüdische, sondern auch allgemein menschliche Probleme des Daseins und diese behandelt er auch in seinen Gedichten. Auf einsamem Felsen. Auf meines Lebens einsamen Stein Stieg ich mit müdem Fuß,

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