Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 538 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 538—6. April 1036 DIB SY1MMI $•!!• 7 Die Wiedergeburt der hebräischen Von Dr. Emil Löwi Als die Juden aus der babylonischen Ge* fangenschaft nach Palästina zurückkehrten (536 n. Chr.), sprachen sie und ihre Volksgenossen, die sie daselbst vorfanden, ein Hebräisch, das mit dem uns aus der Bibel bekannten ziemlich übereinstimmte. Infolge eines natürlichen Entwicklungsvorganges veränderte sich die Sprache im Munde des Volkes im Laufe der Zeit durch kleine, allmählich zunehmende, gesetzmäßige Veränderungen. Drei bis vier Jahrhunderte später war diese Volkssprache ohne Zweifel schon merklich verschieden vom biblischen Hebräisch, das aber noch als Literatursprache verwendet wurde. Denn das um 190 v. Chr. verfaßte Spruchbuch des Jesus S i r a c h ist in gutem biblischen Hebräisch abgefaßt; es war ursprünglich bloß in der griechischen Übersetzung bekannt — daher der griechische Name des Verfassers gebräuchlicher als der hebräische Joschuah ben Sirach —, vom verschollenen hebräischen Original wurden aber im Jahre 1897 umfangreiche Bruchstücke gefunden. Ein Zeitgenosse des Jesus Sirach war Simon der Gerechte, dem ersteren in seinem Spruchbuch ein Loblied widmet; er gilt als der erste Gesetzeslehrer. Im mündlichen Verkehr mit seinen Schülern hat er wohl nicht das alte, feierliche, biblische Hebräisch, die Literatursprache, verwendet, sondern die damalige hebräische Volkssprache. Seine Lehrmeinungen sowie die Vorträge und Wechselreden in den Lehrhäusern unter seinen Nachfolgern wurden zunächst nur mündlich fortgepflanzt, und so wurde die hebräische Sprache immer von den Lehrern den Schülern vererbt, auch als sie im Volke bereits im Erlöschen begriffen war und endlich durch die aramäische ersetzt wurde. Als man nun daranging, das in den Lehrhäusern Besprochene und Beratene schriftlich niederzulegen (erst um 200 n. Chr.) — die aus dem systematisch geordneten Material hervorgegangene Sammlung führt den Namen „M i s c h n a“ —, da war es offenbar nicht bloß der Inhalt, sondern sicher auch die Form und wahrscheinlich großenteils auch der sprachliche Ausdruck, den man festzuhalten suchte. Die Abweichungen des Hebräisch der Mischna von dem der Bibel sind wohl zum großen Teil Eigenheiten des volkstümlichen Hebräisch vor seinem Erlöschen, das uns nicht durch zeitgenössische Denkmäler (wie z. B. Privatbriefe, Notizen u. dgl.) überliefert ist. Hebräisch ist aus dem Altertum also in zwei Sprachformen auf uns gekommen: dem biblischen Hebräisch (der alten Sprache der klassischen Literatur), und einer neuen Sprachform, die auf das volkstümliche Hebräisch (der Umgangssprache nach dem biblischen Zeitalter, die später allmählich vom Aramäischen verdrängt wurde) zurückgeht, und die beim mündlichen Gebrauch in den Lehrhäusem noch weitergebildet wurde, der talmudischen Sprache oder dem Talmud- Hebräisch, so genannt, weil sie die Sprache der Mischna und der aus Abhandlungen über diese bestehenden Gemara (seit etwa 800 n. Chr.) ist, die zusammen den Talmud (-„Studium“) .bilden. Die Verhältnisse liegen ähnlich wie bei der lateinischen Sprache, die nach der klassischen Zeit des Caesar und Cicero noch jahrhundertelang ohne wesentliche Änderung von den Schriftstellern gebraucht wurde und endlich in die lateinische Gelehrtensprache des Mittelalters überging, während die vom Volke tatsächlich gesprochene Umgangssprache, das volkstümliche Latein (Vulgär-Latein) sich weiterentwickelte — das läßt sich aus verschiedenen erhaltenen Inschriften von Leuten aus dem Volke auf Metall oder Stein ersehen — und sich zu den romanischen Sprachen umwand eite. Eino ähnliche Entwicklung der hebräischen Volkssprache zu einer Sprache der Jetztzeit, der ererbten Muttersprache des jüdischen Volkes, kam nicht zustande, da sie — infolge der numerischen Schwäche und der politischen Ohnmacht der sie sprechenden Bevölkerung — immer mehr unter den Einfluß der aramäischen Sprache geraten und endlich von ihr vollständig aufgesaugt worden war. Mit der fortschreitenden Zerstreuung der Juden Uber Nordafrika und Europa nahmen die Juden die Sprache der sie jeweils umgebenden Völker an, Hebräisch blieb aber weiter die Sprache ihres religiösen Lebens und wurde nicht nur beim Gottesdienste, sondern auch zur Abfassung von Werken über Themen aus Bibel und Talmud verwendet. Sie wuchs aber über den engen Rahmen religiöser Betätigung hinaus und zahlreiche Werke über die verschiedensten Gebiete weltlichen Wissens legen Zeugnis dafür ab, daß Hebräisch den Juden auch weiterhin Heimat ihres geistigen Schaffens war. Die Sprachform ging auf die talmudische, aber auch auf die biblische, zurück. Einmal kam es sogar, in der spanischen Zeit (im 11. Jahrhundert), zu einer Blüte poetischen Schaffens. Hebräisch war aber auch mehr als eine bloße Gelehrtensprache: denn einerseits war es als Sprache des Kultus in allen Schichten des Volkes allgemein verbreitet, anderseits war ein großer Teil der Jugend infolge jahrelangen Unterrichtes in einem solchen Ausmaße damit vertraut, daß zahlreiche Juden, die durch die verschiedensten, oft als niedrig geltenden Berufe ihr Leben fristeten, die Sprache vollständig beherrschten, und viele sie handhaben konnten, wie bei den Völkern Europas die Gelehrten die lateinische Sprache. Ihre allgemeine Kenntnis begann aber zu schwinden, als die Emanzipation der Juden ihnen die Beschäftigung mit allen Zweigen der europäischen Kultur ermöglichte und sie von der vorwegenden Beschäftigung mit Hebräisch und der mit der Zeit in gewissem Sinne weltfremd gewordenen Art der Pflege seiner Literatur abzog. Das galt aber nicht für die Juden Osteuropas; die kulturellen Zuständen waren dort viel tiefer als im übrigen Europa, und die noch weiter im Zustand der Unterdrückung lebenden Juden waren kulturell vielfach höher stehend als die sie umgebende Bevölkerung. Ihre Verbundenheit mit der hebräischen Sprache blieb bestehen. Der zu ihnen hinüberwehende freiheitliche Geist des übrigen Europas beeinflußte ihr geistiges Schaffen, das zum Teil in dieser Sprache niedergelegt wurde und die, wie die lebende Sprache eines modernen Kulturvolkes, für alle Zweige des geistigen Lebens literarisch verwendet wurde. So kam es, daß der hebräischen Sprache eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnende zweite Blüteperiode besehieden war, die in Bialik und Tschemichovsky ihren Höhepunkt fand. Als die Bedrückung der Juden in Osteuropa zu blutigen, sich wiederholenden Verfolgungen ausartete, führte eie eine Auswanderung zahlreicher Juden nach verschiedenen Ländern herbei. Die Hilfsaktionen, die sich der heimatlos Werdenden annahmen, versuchten in zweien der Einwanderungsländer, Argentinien und Palästina, eine Umschichtung zur Landwirtschaft herbeizuführen, aber bekanntlich nur in Palästina mit bleibendem Erfolg. Palästina war für die Juden eben m e h r als ein Ziel der Auswanderung, wie jedes beliebige andere Land. Es war und ist das Land der religiösen und nationalen Vergangenheit, die alte Heimat, das Ziel einer geheimen Sehnsucht. Die ersten Gruppen von Einwanderern, die sich der Landwirtschaft widmen wollten, kamen im Jahre 1878 ins Land; sie gründeten Petaoh Tikwah, das „Tor der Hoffnung“, und kurz darauf Risohon le Zion; 1882 Sichron Jakow und Rosch Pinah. Des Unterrichtes hatten sich schon vor Beginn der Einwanderung europäisch-jüdische Gesellschaften durch Gründung von Schulen für die eingeborenen Juden Palästinas angenommen; schon 1870 hatte die Alliance israölite universelle die jüdische Ackerbauschule Mikwah Jisrael errichtet. Nun erhielten auch die Einwanderer, die von Edmund Rothschild in Paris großzügig unterstützt wurden, in ihren Kolonien Schulen, die natürlich französisch geleitet wurden und französische Unterrichtssprache hatten. Auch der Hilfsverein deutscher Juden gründete Schulen, in denen, ebenso wie in der von österreichisclen Juden gegründeten und geleiteten Lämel- Sc h u 1 e in Jerusalem, die Unterrichtssprache Deutsch war. Um dem jüdischen Charakter dieser Schulen Rechnung zu tragen, räumte man der Pflege der hebräischen Sprache einen breiteren Raum ein, als es bei gleichen Schulen in Europa geschehen wäre; man sah in ihr aber natürlich nur die Sprache des religiösen Lebens und ahnte nicht, welchen welthistorischen Aufschwung sie zu nehmen berufen war. Als in den Alliance- Schulen zwischen der ostjüdischen Bevölkerung und den französisch fühlenden Verwaltungsbeamten gewisse Mißhelligkedten eintraten, wurde die Einführung der hebräischen an Stelle der französischen Unterrichtssprache verlangt und endlich tatsächlich durchgesetzt. Auch in den deutsch geführten Schulen brach eich die hebräische Unterrichtssprache Bahn. Mit welchem Erfolg, erfahren wir von J. Rosenberg, der als erster eine kleine kurz gefaßte „Hebräische Konversationsgrammatik“ herausgab (um 1910) die heute natürlich längst überholt ist, aber historischen Wert besitzt, da zu seiner Zeit das lebende Hebräisch erst im Entstehen begriffen war —, in der er in einem einleitenden Abschnitt (S. 2) folgendes berichtet: „Ais ich nämlich während einer Orientreise im Jahr 1893 die jüdischen Schulen in Jerusalem und in den jüdischen Kolonien besuchte, fand ich zu meiner freudigen Überraschung, daß die Schulkinder, Knaben und Mädchen, in allen Lehrgegenständen sowie im Privatgespräche fließend und korrekt hebräisch sprachen und schrieben.“ Natürlich kann man dieses Hebräisch noch nicht als Umgangssprache bezeichnen; die Kinder benützen es zwar im mündlichen Verkehr mit dem Lehrer und auch untereinander, im Elternhause aber und im Wohnorte herrschte die Sprache der früheren Heimat. Dieses Hebräisch nahm gegenüber der Umgangssprache eine ähnliche Stellung ein, wie die lateinische Sprache in vielen Ländern Europas bis zum Zeitalter Napoleons, als sie in den Lateinschulen so sehr gepflegt wurde, daß sie die Sprache der Universitätsvorträge und wissenschaftlichen Abhandlungen, der Beratungen der Staatsmänner und der internationalen Verträge sein konnte. Erst der Zionismus gab den Anstoß, daß Hebräisch aus der künstlich gehegten Schul* spräche zur lebenden Volkssp r a c h e wurde, und nach seinem Er* starken war es selbstverständlich, daß im jüdischen Aufbauwerke in Palästina das ganze Schulwesen hebräisch geführt werden und durch Errichtung einer hebräischen Universität gekrönt werden müsse; und ebenso selbstverständlich war es, daß schon die Erziehung der kleinsten Kinder in einer hebräischen Umgebung erfolgen müsse und deshalb hebräische Kindergärten zu errichten seien. Der verdienstvolle Vorkämpfer für die Ausbreitung der hebräischen Umgangssprache über die ganze jüdische Bevölkerung Palästinas war Eliesar Ben Jehud.a; er war der erste, der Hebräisch als alltägliche und alleinige Umgangssprache im Kreise seiner Familie und im Verkehr mit gleichgesinnten Freunden einführte. Und abhängig von diesen bewußten Bestrebungen, Hebräisch zur Umgangssprache zu machen, wirkte ein anderer Umstand im selben Sinne: die zunehmende Einwanderung von Juden aus den verschiedensten Gebieten Europas und des Orientes führte ganz von selbst dazu, daß sie ihre bis zu einem gewissen — mehr oder weniger hohen — Grade allen gemeinsamen Kenntnisse des Hebräischen zur Behebung von Verständigungsschwierigkeiten heran zogen. In Europa hatte diese einzigartige Erscheinung einer neuen Volkssprache im Werden keine oder nur wenig Beachtung gefunden. Aber 1916 konnte einer der bedeutsamsten Sprachforscher schreiben (Brockelmann, Sammlung Gö* sehen „Semitische Sprachwissenschaft“, S. 26): Neuerdings hat man, namentlich in den jüdischen Kolonien Palästinas, die tote Sprache der Vorväter sogar wieder als Umgangssprache zu beleben versucht.“ Der Versuch war erfolgreich. Heute spricht die im Lande geborene jüdische Jugend Hebräisch bereits als Muttersprache und die Einwanderer kommen meist mit einer gewissen, schon in ihrer früheren Heimat erworbenen Kenntnis der hebräischen Sprache ius Land. Hebräisch ist bereits zur Landessprache geworden und wird selbst im amtlichen Verkehr verwendet. Die neuhebräische Umgangs- und Verkehrssprache, die vorwiegend von der im 19. Jahrhundert unter den Juden Osteuropas blühenden Literatursprache ausging, hat ihren ursprünglichen Wortschatz bedeutend erweitert, so daß sie heute allen Anforderungen des modernen Lebens vollständig gewachsen ist; sie hat ferner dadurch, daß sie in die aus verschiedenen Ländern und Schichten stammenden breiten Massen des Volkes ein* drang, durch einen natürlichen Entwicklungsvorgang auch verschiedene Veränderungen in Lautlehrej Formenlehre und i Sabbathsang*) Es dämmert, die Sonne ist untergegangen, Nun kommt und laßt uns den Sabbath empfangen. Geleitet von Engeln auf friedlichen Wegen, So naht, er und bringet uns himmlischen Segen. Zieh ein, zieh ein! Du Friedensbraut! Der freudig man entgegenschaut. Mit Sang und Gebet und strahlenden Kerzen Wird Sabbath bejubelt, es jauchzen die Herzen An diesem so großen und heiligen Tage, Vergessen sind Werktages Sorgen und Plage. Zieh ein, zieh ein! Du Sabbathbraut! Wohl dem, der dir sich anvertraut. Es dämmert, die Sonne ist untergegangen, Des Sabbathtags Segen wir haben empfangen. Man dankt Gott und singet, der Abschied ist da, Der Sabbath zieht fc ’t — doch sein Geist bleibt uns nah! Leb wohl, Braut Sabbath! Unser Glück! Wir harren dein, du kehrst zurück! Oskar Antschtrl *) Die Anregung zu diesen Versen gab mir Oh. N. Bialiks „Sämär l’echabath“.