Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 538 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 0 DU 8T1MMI Nr. 588 — 6. April 193« (haUe Teste des UeiMyei* Landes Das Pessachopfer der Samaritaner Von Dr. Martha Hofmann den fast keine Mädchen bei den Schomronim geboren, und dieser trotz «eines Ab Sterbens stolze Stamm (sio selbst nennen eich Sohomrim, ja sogar Schomrej Thora, die Hüter des Glaubens) sucht vergeblich nach Frauen für seine kümmerlichen Söhne. Dio Juden verweigern ihnen von Hort, wo die kleine Schmalspurlinie von Idem Zuge war hier versammelt. Dazwischen ' altershor die Töchter und dio Samaritaner Tul-Karim nach Sichern führt, tief im Tal kessel zwischen den felsigen Bergen von Samaria, liegt Nablus, das Zentrum der Araber Palästinas, nahe den Grundfesten des alten Sichern errichtet. Hier leben kümmerlich auch noch die Überreste des alten Stammes der Schomronim, als Samaritaner bekannt, ein Misohvolk von Juden und Heiden, das sich in der Zeit des assyrischen und babylonischen Exils entwickelt hat und in jahrtausendealter Absonderung lebt. Die Samaritaner sind der einzige Stamm des Heiligen Landes, der heute noch wie vor Jahrtausenden dem Herrn Tieropfer schlachtet und deshalb ißt die Opferung des Pessaohlammes auf ihrem heiligen Berge Garizim heute wieder da« Ziel zahlreicher Wallfahrer geworden. So war es nur natürlich, daß ich mit meiner Gesellschaft gleichfalls die Fahrtdorthin unternahm. Wir bestiegen die Bahn in Tul-Karim und fanden uns im Zuge in einer fröhlich-jugendlichen Gesellschaft, hauptsächlich arbeitende Jugend, Ghaluzim mit gebräunten Gesichtern, Chaluzot kn weißen arabischem Kopftuch, der Kefija, deren leichtes Gewebe so angenehm Stirn und Nacken kühlt. Eine glückliche Stimmung beherrschte die ganze Reisegesellschaft. Endlich wieder ein Festtag nach schwerem Arbeitejahr! Man sang die schönsten hebräischen Lieder, man lachte, man war glücklich. Auch einige Araber waren im Zuge, darunter Scout- Lehrer mit Pfadfindern, die mit wohlwollendem Interesse den Melodien lauschten, ja, mitunter in ihrem nasalen Tremolo mit einfielen. Endlich gelangte man nach Nablus. Alles stieg aus und stürzte sich auf die mageren kleinen Esel, die schicksalergeben und demütig nur darauf warteten, die Last der Touristen auf den heiligen Berg zu schleppen. Es war Mittagszeit, sengende Hitze, der erste heiße Sommer tag des Jahres. Auch wir bestiegen, von den Mulakis gestützt, unsere geduldigen Tiere, herzlich belustigt, als einer der mageren Araberjungen mit baksohischheisohendem Grinsen plötzlich den roten Tarbusoh vom Kopfe zog — dem er mehrere duftende Nelken, die Lieblingsblumen der Araber, entnahm, die er uns Damen mit vollendetem Anstand überreichte. Der Bakeohisoh war verdient. Die Sonne glühte unbarmherzig auf uns nieder. Die Tiere stiegen anfangs widerwillig, später in gefügigem Trott, den steilen Felsenweg aufwärts. Die Mulakis liefen wie hastige Schatten nebenher. Als wir uns gegen zwei Uhr nachmittags dem Berggipfel näherten, kamen uns schon viele herimk ehrende Touristen entgegen: wegen des Freitags hatte die Zeremonie früher als sonst begonnen, doch kamen wir gerade zurecht, als die Samaritaner das geschlachtete Lamm auf einem Spieße befestigten. Dann brieten sie es über dem Holzfeuer eines Kamins, der in den Erdboden gegraben war. Auch die Eingeweide wurden verbrannt. Die wenigen Männer des Stammes standen dicht gedrängt um das Opferfeuer und beteten mit erhobenen Händen laut das „Soh’ma Jisrael“ und andere althebräisohe Gebete. Mit feierlichem Interesse nahmen wir dieses seltsame Bild in uns auf. Hier hatte sich die Zeit nicht gewandelt, hier war sie seit Jahrtausenden stehengeblieben, hier lebte man noch in der biblischen Epoche. Um so seltsamer der Kontrast zu der ringsum stehenden Menge: Während das Bergplateau selbst mit den Zelten deT Samaritaner dicht besät war, die nach uralter Sitte die ganze Osterwoche hindurch hier mit Weib und Kind lagern, drängten sich ringsum eine Unzahl moderner Reisenden, Amerikanerinnen mit wehendem Autoschleier, Herren mit Tropenhelmen, dazu eine Schar jüdischer Arbeiterjugend — fast die gerne jugendliche Reisegesellschaft aus wieder der a-rme Moslem oder Samaritaner! wieder verschmähen dio Araberinnen. in zerschlissener Gala-bije und zerfetztem Turban: eine bunte, seltsame Menge voll von Kontrasten. Nim trat einer der Samaritaner auf uns zu und fragte, mehr durch Gebärden als durch Worte, ob wir der ehrenvollen Bekanntschaft des Hohepriestern und des Stammeshäuptlings teilhaftig werden wollten. Freudig stimmten wir zu. Ein alter Mann mit ehrwürdigem Bart, in weißes Leinen gekleidet, begrüßte uns in seinem Zelte Als wir alles gesehen und diese leibhafte Legende aus den Kindertagen der Menschheit bewegten Herzens in uns aufgenommen hatten, merkten wir erst-, daß es Zeit war, das Bergplateau zu verlassen, um noch vor Einbruch des Sabbath die nahe Stadt zu erreichen. Schon verlief eich die Menge der Zuschauer, dio mit ihrer modernon Kleidung die Einheit des antiken Bildes gestört. Ein letzter Blick zu der Opferstätte — dort rauchten noch die vorkohl- und zeigte uns dio Reste einer veigilbten | tan Eingeweide über dem offenen Holz- Thorarolle in schwerer, arabisch-gravierter fau®r — hier saßen noch Männer bei den Metallhülle, die angeblich drei Jahrtausende,! Überresten des Mahles —> aber langsam in Wahrheit vielleicht ebensoviale Jahrhunderte alt war. Dann begrüßte ims der Häuptling, der einzige kräftige Mann dieses degenerierten Stammes. Er lud uns ein, das Frauenzelt zu besuchen und wir folgten ihm. Einige alte und mehrere junge Weiber, alle frühzeitig verwelkt und verbraucht, kauerten in ärmlichen arabischen Gewändern auf den Matten des Zeltbodens. Aucih halbwüchsige Jungen trieben sich im Weiberzelt umher, Kinder mit alten Gesichlösten sich auch diese von dem ausklingenden Fest, das letzte Murmeln der Gebete erstarb und ein friedliches Lagerleben des uralten Stammes blieb auf dem der Einsamkeit wiedergegebenen heiligen Berge zurück. Wir aber schritten indessen voll von Eindrücken gegen Sichem-Nablus hinab und erreichten nooh längst vor der plötzlich niederstürzenden morgenländischen Dunkelheit die weiße Stadt mit den würfelförmigen Gebäuden und der weiß leuchtenden, sohöntern und von schwächlichem Wüchse, wie, überhaupt dieser uralte Stamm einen zuüberwölbten Moschee, neben deren schlangleicb verwilderten und absterbenden Einkem Minarett das Wasser eines kunstvoll druck auf uns machte. Seltsamerweise wer-1 gemeißelten Brunnens leise plätscherte. Jossef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen Die Einfachheit der Jossefsgeschichte hat in ihrer ergreifenden Schlichtheit der Phantasie des Hörers stets weiten Raum gelassen, sie mit Details auszuspinnen und ihre Helden mit Eigenschaften auszustatten, wie sie Helden eben haben müssen. Die Agadoth des Thalmud ziehen die Brüder Jossefs aus dem passiven, etwas verschwommenen Hintergrund der Geschichte mit großer dynamischer Gewalt in den Vordergrund aktiven Geschehens im Hause Jossefs und zeichnen die Figuren eindeutig als primitiv-gewaltige Recken der Wüste; nicht anders als der moderne Schriftsteller die naiv-gewalttätigen Akteure von _ Beduinengeschichten unserer Zeit zeichnet. Ein repräsentatives Stück aus Bialiks Übertragung der Agadoth sei hier dem westlichem Leser nähergebracht. „Da trat Jehudah zu ihm heran.“ Es sagte R. Sohmuel ben naihaman im Namen des R. Jonathan: Als Jehudah und Jossef miteinander sprachen, sagten die Engel des Dienstes einer zum andern: Kommt und steigen wir hinab, auf daß wir sehen, wie der Ochse und der Löwe einander stoßen; wie es in der Natur der Welt liegt, fürchtet sich der Ochse vor dem Löwen, jetzt aber stehen Ochs und Löwe einander gegenüber und stoßen sich. Es sagte R. Johanan: Als Jossof den Benjamin ergriff und zu den Brüdern sagte: „Der Mann, in dessen Hand der Becher gefunden wurde, der soll mir Knecht sein!“ — ergrimmte Jebuda und brüllte auf mit gewaltiger Stimme, und es tönte seine Stimme über vierhundert Meilen, bis Huschim ben dam sie hörte und der aufsprang vom Land Kanaan und zu Jehuda kam. Und sie brüllten zusammen, daß das Land Mizrayiin einstürzen wollte. Es sagte R. Jehosoh.ua, der Lowite: Seine Brüder, als sie sahen, daß Jehuda vom Zorn ergriffen wurde — packte auch sie die Glut der Wut und sio stampften Furche neben Furche in den Boden. Da Jossef dio Zeichen des Zornes an Jehuda erkannte, erzittert© er und sprach: „Wehe mir! Vielleicht tötet er mich!“ Und was waren die Zeichen an Jehuda? Sein rechtes Auge troff Blut. Einige aber sagen: Er trug eine Art Schild der Helden und war in fünf Kleider gekleidet; auf seiner Brust aber hatte er ein Haar. Wenn er in Zorn geriet, sprengte dieses alles (was er an sich trug) und trat heraus. Doch wenn,er wollte, daß seine Glut sich steigere, griff er aus seinem Gürtel eherne Erbsem, schob sie in den Mund und zermalmte sie mit den Zähnen und seine (innere) Hitze stieg. „Mein Herr fragte seinen Knecht.“ — Es sprach Jehuda zu Jo6&ef: Vom Anfang an kamst du uns mit einer Beschuldigung entgegen. Aus wie vielen Ländern kam man nach Mizrayim herab, um Nahrung eiuzukaufeu? Hast du an oh nur einen von ihnen gefragt, was du uns gefragt hast? Sind wir vielleicht gekommen, deine Tochter zu freien oder gedenkst du, unsre Schwester zu heiraten? Aber wie auch immer: wir haben vot dir nichts verdeckt! Da antwortete ihm Jossef: Jehuda, warum bist du der Sprecher für deine Brüder? Sehe ich doch in meinem Bacher, daß es unter deinen Brüdern ältere gibt als du es bist. Sprach dieser: Alle andern sind für ihn (Benjamin) nicht verantwortlich, mich aber packen meine Gedärme wie mit einem Strick. Warum? Weil ich für ihn gebürgt habe. Warum hast du nicht gebürgt für den Bruder, den ihr den Jischma’elim für zwanzig Silbersttioko verkauft habt, und warum hast du deinen alten Vater betrübt, indem du ihm sagtest: „Zerrissen, zerrissen ist Jossef“, wiewohl er dir doch nichts getan hatte? Aber dieser, der gesündigt und den Becher gestohlen hat — sprich zu deinem Vater: Der Strick folgt dem Eimer. Als Jehudah dies hörte, schrie er und weinte und rief mit gewaltiger Stimme: „Denn wie könnte ich zu meinem alten Vater hinaufziehen, wenn der Knabe nicht bei miT ist!“ Da sprach Jossef zu ihm: Komm, wir wollen unterhandeln. Sprich du, was du zu sagen hast. Sofort sagt Jehuda zu Naftali: Geh und sieh, wieviele Marktstraßen es in Mizrayim gibt. Der Bprang auf, kehrte zurück und meldete ihm: Zwölf gibt es. Da sprach Jehudah zu seinen Brüdern: Ich zorstöre drei von ihnen, und ihr nehmt joder eine und es wird in ihnen kein Mensch (am Leben) bleiben. Antworteten ihm die Brüder: Jehudah, Mizrayim ist nicht Schobern! Wenn du Mizrayim zerstörst, zerstörst du die ganze Welt! Zu dieser Stunde — „da konnte Jossef nicht an sich halten“. Und er rief: „Schafft jedermann vor mir hinaus.“ Jossef ging einer großen Gefahr entgegen, denn wenn sie jhn erschlügen, fiassah-ScütfteeÜHp Als Knabe zart an Vaters Hand durchs Städtchen schritt ich still. Er hielt am Markt vor manchem Stand and frug mich, was ich will. Es war zu Pessach kurz die Zeit, ein Jahr schon war er fort, zerschlissen waren Schuh und Kleid — und doch sprach ich kein Wort. Die Freude ivar ja allzu groß, des Vaters Nähe — Glück, das Licht, das sanft vom Himmel floß, bezauberte den Blick. Ich sah des nahen Festes Strahl und tat ihn auf das Herz. — 0 wär ich selig noch einmal wie jenen Tag im März! Marek Scherlag. MiiiiiiiimiiimimmiiiimitniininininimitmiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimiiiiimmniiniiiMimiiiiiiiniD würde kein Geschöpf auf der Erde es bemerken. Er sprach aber zu sich: Besser ist es, ich werde erschlagen, als daß ich meine Brüder vor den Ägyptern beschäme. Als die Mizrayer hinausgingen, kehrte Jehudah zurück und sprach zu Jossef: Du hast beim Leben des Paro, des Schlechten geschworen, ich aber schwöre beim Leben meines Vaters, des Gerechten: wenn ich mein Schwert aus der Scheide ziehe, fülle ich ganz Mizrayim mit Erschlagenen. Da antwortete ihm Jossef: Wenn du dein Schwort aus der Scheide ziehst, werde ich es dir um den Hals winden. Jehudah: Wenn ich meinen Mund öffne, verschlinge icih dich. Jossef: Wenn du den Mund öffnest, verstopfe ich ihn mit einem. Stein. Jehudah: Was wollen wir dem Vater sagen? Jossef: Ich sagte dir bereits: Sag ihm: Es folgt der Strick dem Eimer. Jehudah: Lügnerisches Gericht hast du über uns verhängt. Jossef: Lüge den Lügnern — habt ihr nicht Lügenurteil verhängt, da ihr euren Bruder verkauftet? Jehudah: Das Feuer von Sch ehern lodert in meinem Herzen. Jossef: Es ist das Feuer deiner Schwiegertochter Thamar: ich werde es löschen. Da flammte der Zorn in Jehudah hoch, er schob einige Eisenstücke in den Mund und blies sie heraus als Staub. Sagte: Jetzt gehe ich hinaus und färbe alle Markts traßen Mizrayims mit Blut. Antwortete ihm Jossef: Färber wart ihr allzumal, denn ihr färbtet da« Hemd eures Bruders mit Blut und spracht zu eurem Vater: „Zerrissen, zerrissen!“ Ais aber Jossef sah, daß sie bereit waren, Mizrayim zu zerstören, sprach er zu sich: Besser ich gebe mich ihnen zu erkennen, als daß sie Mizrayim bannen. Also sprach eir zu ihnen: Sagtet ihr nicht, daß der Bruder dieses da tot ist? Ich kauft© Hin, rufen wir ihn, und er wird zu euch kommen. Und er begann zu rufen: Jossef ben ja’akov, komm zu uns, Jossef ben ja’akov komm zu mir und sprich mit deinen Brüdern, die dich verkauften. Als sie nun die Augen nach den vier Richtungen des Raumes hoben, sagte Jossef zu ihnen: Warum schaut ihr dahin und dorthin? Ich bin Jossef, euer Bruder. Da schwand ihre Seele dahin, und sie vermochten nicht zu antworten. Der Heilige aber, gelobt sei Er, tat an ihnen ein Wunder, und es kehrte ihre Seele wieder. Nun sprach Jossef zu ihnen: Eure Augen sehen es ja und die Augen meines Bruders Benjamin, daß mein Mund es ist, der zu euch redet — in der heiligen Sprache rede ich. Sie aber glaubten ihm nicht. Und warum glaubten «ie ihm nicht? Weil er von ihnen gegangen war ohne Bart und nun vor Urnen stand mit einem Baad. Doch als sie ihn dann erkannten, wollten sie ihn töten. Da stieg ein Engel herab und zerstreute sie in alle vier Richtungen des Raumes. In diesem Augenblick brüllte Jehudah mit gewaltiger Stimme auf, so daß alle Mauern Mizryaims einstürzten, alle Wöchnerinnen Frühgeburten zur Welt brachten und Jossef von seinem Sitz fiel. Der Paro sprang von seinem Thron, und alle Helden, die vor Jossef gestanden hatten, fielen nach hinten und verloren ihre Zähne. Da JosBef sah, daß eine große Schande über sie gekommen war, sprach er zu Ihnen: Tretet doch zu mir her — und sie traten hinzu. Und jeder eine der Brüder küßte ihn (Übertragen von M. Y. Ben-Gavried.)