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Die Stimme · 1936-04-06 · Heft 538 (6.4.1936) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 538 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 688 - 6. April 1936 OIB STIMMI Seit« 5 Dem wißbegierigen Sohne Von Dar. Alfred Werner Du baet anders als deine Brüder, fremd ist I liehe Inschutznahme und Behütung unserer dir der Hohn des Abtrünnigen, der unser heiliges Fest verspotten will: Wozu soll euch dieser Gottesdienst? („Euch“ sagte er, nicht „uns“!) Der Herr der Welt gah dir einen schärferen Verstand als deinem ein fähigen Bruder, der, spräche ich zu ihm von den wunderbaren Mythen und Gebräuchen des Pessach-Festee, den Sinn meiner Erzählung doch nicht fassen könnte. Und die Jahre der Reife unterscheiden dich von dem Kleinen, der nicht einmal zu fragen weiß. Darum will ich dir heute einiges berichten, was ich in Büchern gelehrter Männer über Pessach geschrieben fand — es mag sein, daß darunter mancherlei ist, was auch dn, Wißbegieriger, noch nie vernommen hast —, dient doch die jährlich wiederkehirende Frage nach dem Sinn des Festes der Erneuerung, der Vertiefung des Erlebnisses, der Verjüngung von Brauch und Sitte, setzt doch jedes jüdische Jahr einen neuen Ring dem Baum der Erkenntnis auf! Denn zum Nachsinnen sollen den Galufeh- Juden seine Feste, auch die fröhlichen, bewegen. Einst durfte der Jude nach dem Pessachmahle bei feurigem Weine schwelgen, Lieder singen im Übermute des jungen, freien Volkes. Aber als zu Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der MLschnah festlegte, war das hellenisch anmutende Gelage untersagt. Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituals durfte kein Wein mehr genossen werden. „Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch. Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend das einst erdhafte Volk.“ (Zlooistd.) Vergleiche doch einmal die Feste des Judentums mit den christlichen Feiertagen! Während im Christentum als geschichtlicher Festgehalt die verschiedenen Stufen im Leben und Sterben des Heilands gefeiert werden, hat das Judentum seine eigene Geschichte — auch sie im übertragenen Sinne eine „Heilegesohichte“ — in den drei Festen: Pessach, Schawuot und Sukkot, festgehalten. Der Auszug aus Ägypten brachte uns die Freiheit, der Sinai unseT Gesetz und in der vierzigjährigen Wüstenwanderung wurde das volkgewordene Volk Israel zu seinem Religionsgesetz erzogen. Aber bedarfst du denn dieses Vergleiches, dieser Rückerinnerung? Erfüllt sich nicht heute in allen Ländern der Welt, wo Juden wohnen, mit grausigem Schrecken das prophetische Wort: „Nicht nur ein einziger erhob sich gegen uns, um uns zugrunde zu richten, sondern in jedem neuen Geschlechte erheben sie sich gegen uns, um uns zu verderben.“ Wer heute noch immer in Sicherheit sich wiegt, für den gilt das Hagadah-Wort: „Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht..Dn aber eilebst wachen Gemütes, welches der Haß der anderen Völker verfinstert hat, das Schicksal der Brüder mit. Doch wenn sich der erste Toil der Prophezeiung erfüllt hat, warum sollte sich nicht auch der Nachsatz bestätigen: „Und der Heilige — gepriesen sei er! — reißt uns aus ihren Händen!“ Daran soll dich bereits der Namen dos Festes gemahnen, das wir nicht, wie üblich, Fest der Überschreitung, sondern, stärker, eindringlicher, Behütungsfest nennen wollen. Uuter den zahllosen Versuchen, das hebräische Wort Pessach zu versinnbildlichen, scheint nijr der poetischeste jener eines deutschen Gelehrten zu sein: er bringt das Verbum in Zusammenhang mit Schützen, Schinnen, Hüten —* wonach Pessach das Schutz- oder Beibütongßfeet sei, Gedenkfeet am* die gött- Vorfähren vor den Angriffen des Würgengels. Bedeutungsvoll bringt er das Wort in Beziehung zu einem Vers Jesaias, worin dasselbe Verbum vorkommt: nachdem nämlich im Verse vorher von dem Ewigen gesagt wird, daß er, erzürnt, einem Löwen gleich sich über Zion herstürze, wird im Gegensatz hierzu in diesem Vers (31, 5) gesagt, daß er dagegen auch sein Volk, wenn es ihn erfreue, mit der sorglichen Wachsamkeit von VogeLheunen hege; wir können hier nach dem vorhergehenden Verse an die Löwin unter den Vögeln, an das Adlerweibchen denken, um ganz dasselbe Bild zu haben, wie 5 Mos. 32, 11, für den unsichtbar über Jerusalem in unermeßlicher Höhe mit weitsohaueudem Auge waohen- „Dem Hausvater macht man eine Lehne von seidenen und samtenen Kissen, und behängen die Lehnstühle und Rückwände um den Tisch her mit schönen Teppichen, auf das Schönste ein jeder vermag, daß sie sich stattlich anlehnen können, wie köstliche Herren, die aus der Dienstbarkeit erlöset und nicht mehr in Ägypten gefangen sind. Denn ein jeglicher soll sich auf diese zwei ersten Nächte lassen dünken und einfallen, als wäre er ein großer Herr und Fürst, der ein Knecht gewesen, nun aber gefreiet und erlöset worden ist. Ein armer Jude, der aus dem Almosen erhalten wird, und hat keine schönen Kissen und Teppich, soll nur in einem Sessel sitzen, daß er sich auch wie ein Freiherr anlehnen könne.“ Aber glaube bloß nicht, dieses Fest $**#><*♦ - ' ',5 X;' SEDER. Zeichnung von Wilhelm Wachtel. (Siehe unseren Artikel über den jüdischen Maler.) den Sohutzgott des Landes und Volkes. (Redslob.) Was ist nicht alles in diesem winzigen Büchlein, der Hagadah, an Weltweisheit enthalten? Die jüdische Geschichte in ihren Grundzügon („So war es um Mitternacht“), die Symbolik der Z a h- 1 o n („Eins — wer weiß es?...“), ja eine der großartigsten Theodizeen (Chad Gadja)! Aber auch in den kleinsten Andeutungen und Beziehungen ist wunderbare nationale Symbolik enthalten, nicht nur in den Speisen, sondern auch in den anscheinend äußerlichsten Bräuchen. Das alles ist dir selbstverständlich von Kindheit an bekannt, aber welchen Eindruck diese unsere Bräuche auch auf Nichtjuden gehabt haben, beweist etwa die fast poetische Schilderung des höchst verdienstvollen Gelehrten B u x t o r f, welche er, vor Jahrhunderten, davon gab: „Es soll aber der Hausvater sich hüten, daß er nicht selbst den Wein ein schenke, sondern durch einen Diener einschenken lasse; hiermit auch seine Freiheit lind Herrlichkeit erzeigen.“ Über da« Arrangement des Tisches sagte, er; unserer Freiheitssehnsuoht sei jemals auch ein Fest des nationalen oder eines anderen Dünkels gewesen! Es war wahrscheinlich schon von Anfang an eines der sozialsten Feste gewesen, zu einer Zeit bereits, als e<s nur ein Natur-Fest ohne historische Bedeutung war: Jedermann mußte die Armen und die Grundibesitzlosen seiner Bekanntschaft zum Festopfer einladen! Auch heute noch rufen wir aus: „Wer hungrig ist, komme und esse. Wer bedürftig ist, komme und feiere mit uns Pcssach!“ Doch nicht bloß der Armen sollen wir am Pessach gedenken — auch unserer Feinde sollen wir haßlos uns erinnern! Vom ersten Halbfeaertag an wird der Lobgesang Hallei nur zur Hälfte angestimmt, weil — die Erlösung Israels nur durch den Untergang cler Ägypter, die doch auch Menschen waren, bewirkt werden konnte. Im M id r a s c h steht die kleine, wunderbare Legende: „Als Israel durch das Meer zog, wollten die Engel einen Lobgesang anstimmon. Da sprach Gott: ,Meine Geschöpfe (die Ägypter) ertrinken im Meer und ihr wollt singen?/“ Du aber, des verlorenen Sohnes Sohn, der diu wiedergefunden hast das Heiligtum, den Glauben an dich selbst, sollst mit den Worten Rabbi Akibas, des Zionisten, deinen hoffnungsfrohen Jubel ausklingen lassen: „Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem Dienste, daß wir wider essen dürfen von den Fest- und Pessaohopfern, und daß wir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du, Gott, der Israel erlös t!“ >iiiiiiiiiiiiiiiiiiHtiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiniiiiii!iiiiiiiiiiiiiininiiitimniiimiiiiiimimniiiiiiiiiiiiiiin» Aus dem Abschnitte übee das ßessack-fest im babylen/ischen Taltnüd Die Frösche Im Buche Daniel wird von den drei kühnen Männern: Sadraoh, Mesach, .Abed-Nego erzählt, die um der Weihe des Namens willen sich in den glühenden Ofen Nebukadnezans werfen ließen. — Rabbi Jose pflegte im Namen Theodos aus Rom folgendes an dieser Stelle zu erläutern: Der Mensch ist verpflichtet, um der Weihe des Namens willen sein Leben hinzugeben; nicht aber das Tier. Und dennoch berichtet uns die Schrift, daß auch diese ihr Leben zum Ruhme des Allseienden gaben. Denn es steht geschrieben, daß Er den Fröschen gebot, sie sollten heraufkommen „nach Mizrajimland in deine Backöfen und in deine Teigmulden“ (die in der Glut der Öfen sind). Die Frösche taten also und Pharao und seine Knechte und ganz Mizrajim erkannte durch sie die Macht des Herrn und die Moschee, seines Gesandten. Dieser Stelle im Buche der Weisungen aber waren Sadraoh, Mesach und Abed-Nego eingedenk und sie zogen den Schluß vom Leichten auf das Schwere, von den Fröschen auf sich, und gingen getrost in die Flammen. Der Heilige, er sei gelobt, aber sandte ihnen seinen Engel und zeigte dem König von Babel seine Macht, wie er sie Pharao zeigte, der König war zu Mizrajim. Die Volkszählung Der König Agrippa wollte die Menge Israels zählen, aber die Schrift verbietet es, die Menschen abzuzählen, denn darüber waltet der böse Blick. Also gebot Agrippa dem Hohepriester, daß er von jedem Pessachlamm, das zu Jerusalem geopfert würde, die Niere nehme, und siehe: es waren sechzig Myriaden Nierenpaare, das ist das Zwiefache von der Zahl derer, die daß aus MizTajimland zogen. Die Unreinen aber oder die, die sich außerhalb des Landes Israel befanden, waren nicht eingerechnet. Da erkannte der König, daß der Segen des Herrn auf dem Volke lag, solange es Ihm das Pessachopfer schlachtete, und man nannte das Fest in diesem Jahre „Das Pessaohfest der dichtgedrängten Menge“. Die Prophetenkinder Einst wußten die Priester, die den Dienst im Heiligtume verrichteten, nicht recht Bescheid über die Satzungen des Pessachopfers. So gingen sie zu Hillel dem Babylonier, ihm ihre Frage vorzulegeD, und er, der bei den Weisesten seiner Zeit, bei Schemaja und Ptollus Torah gelernt hatte, deutete ihnen alle. Zuletzt aber fragte einer der Priester den Rabbi: „Sage uns doch, Meister, was ist zu tun, wenn man am Vorabend des Sabbaths vergessen hat, das Opfermesser für das Pessachlamm mit in den Vonhof des Tempels zu nehmen?“ Da überkam den Rabbi ein großer Schreck, denn er hatte von seinen Lehrern die Entscheidung in dieser Sache gehört, aber er hatte sie wieder vergessen. Schließlich entgegnete er: „Mir ist die Entscheidung entfallen, aber lasset doch das Volk nach seiner eigenen Erkenntnis handeln, denn sind sie auch nicht selbst Erfüllte vom Geiste des Herrn, so sind sie doch Kinder und Enkel vom Kündern und Gotterfüllten.“ Als nun der Vorabend des Sabbaths gekommen war, sah Hillel der Babylonier, wie ein jeder der Männer sein Opfermesser in die Wolle seines Lammes steckte, und wer ein Zicklein darbrachte, steckte es zwischen die Hörner. Da erkannte der Rabbi, daß dies der rechte Brauch war, den ihn seine Lehrer gewiesen hatten, und er dankte dem Herrn der Welt, der seinem Geist nicht von seinem Volke nahm. Gewählt und berichtet vom Schelom BenXhorin (»Der Ruf“, Rotterdam.) ... ii»i .r iTTnfyiinmiiiiM

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