Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-04-06 · Heft 538 (6.4.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 538 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054243-3054294--5802-3061578
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 598 — 6. April 1996 Oll »TIMMI Seit« 3 Dr. Max Diamant (Czernowitx)s Umschichtung Freie Völker haben dfe Möglichkeiten, I vom Vorwürfe zu befreien, daß sie mir iihre Fähigkeiten und die natürlichen oder I Händler wären. Daß sie so naiv waren, das geographischen Potenzen der Gebiete, auf deinen eie sitzen, im umgefesselten, im freien Spiele der Kräfte zu entwickeln. Die Unfreiheit einer Gemeinschaft drückt sich im wesentlichen in Formen stärkeren oder schwächeren wirtschaftlichen Druckes aus, wenn eie nicht so weit geht, die unterdrückte Gruppe aus gewissen Sektoren der Wirtschaft attszuschließen. Die unterdrückte Schicht kämpft oder kämpft nicht um ihre wirtschaftliche Befreiung. Das ganze Mittelalter war erfüllt von Sondervorschriften, welche nicht bloß den Juden die wirtschaftlichen Möglichkeiten beschränkten. Der Prozeß, den wir heute in Deutschland miterleben, kann schematisch ■in zwei Kategorien geteilt werden. Die Diffamierung ist der eine Fall. Sie gilt nur für jene, deren menschliche Würde nur soweit existiert, als sie staatlich verliehen wird, das sind Menschen, diie nur dann Geltung haben, wenn sie Korporale sind; werden sie degradiert, dann sind sie niemand. Auf diese wirkt die Diffamierung vernichtend. Auf die anderen, die sich auch fühlen, wenn sie nicht zu Korporalen ernannt sind, wirkt das, was politisch und ökonomisch gegen sie unternommen wird: politische Entrechtung, wirtschaftliche Unterdrückung. Der Befreiungskampf selbst kann verschiedene Formen und verschiedene Aspekte haben. Die Judenheit hat das Bewußtsein, daß die Verteilung der einzelnen Berufe in ihrem Volke eine unglückliche, oder wenn wir das politisch aiusdrücken, eine unfreie ist, und wir sind dauernd bemüht, unsere Situation zu verändern. Nach der französischen Revolution sprang den Juden am fühlbarsten ihr Mangel einer europäisch geschulten Intelligenzschichte in die Augen. Erst allmählig gewannen wir eine generelle Orientierung und empfanden die Lücken im gesellschaftlich-ökonomischen Aufbau des ganzen Volkes. Nach jener großen politischen Verfolgung in Rußland, den Pogromen im .Jahre 1882, trat in Petersburg ein Kreis führender Juden zusammen, die auf Umschichtung der russischen Juden drängten, welche die feudale Entwicklung Rußlands auf das enge Gebiet des Kleinhandels zusammengedrängt hatte, auf den engsten Lebensraum. Aus dieser Bewegung entstand die unpolitische Gesellschaft „Ort“ mit ihrer EPHRUSSI&CO. GEGRÜNDET 1856 Bankgeschäfte aller Art Abteilunsen für Wertpapiere u. Devisen WIEN, IX., WASAGASSE 2 Zentrale in Petersburg und ihrer Arbeit in den Ansiedlungsraum, etwas, woran man heute bereits vergessen hat: den Raum, in welchen den Juden Rußlands damals zu wohnen erlaubt war. Die Haupttendenz von „Ort“ ging auf Ausbildung jüdischer Bauern und Handwerker. Zu derselben Zeit kämpfto auch eine andere Gruppe in Rußland um ihren Lebensraum, die Bauern, denen der Feudalismus die Existonzmöglichkeit auch auf das geringste Minimum reduziert hatte. Dieser letztere Befreiungsprozeß wurde in mehreren revolutionären Etappen diurchgekämpft, zuerst die politische Befreiung, denn die Wiodororkämpfung des Bodens. Der jüdische Kampf gegen die Druckwirkungen mittelalterlicher Schichtung und ökonomischer Verteilung vollzog sich weniger auf der Bühne der Revolutionen. In autonomen Schaffen, nicht ian Konflikte mit der feudalen Front, wurden vielfach neue Erwerbs- und Produkt! onszellen aufgestellt und so neuer Letbeusraum geschaffen. Es war ein wirklich produktiver Neubau, ein Urbarmachen mittelalterlichen Ödlandes. Die Gruppe einsichtiger Juden, die im Jahro 1882 in Petersburg zusammengetreteh war. um die .luden in neue Berufo umzuuschiehten, tut cs mit dem Gedanken, sie damals als apologetisches Motiv anzunehmen, soll ihnen heute durchaus nicht zum Vorwurfe gemacht werden. Von den zirka drei Millionen Juden, die jetzt in Sowjetrußland leben, sind zirka eine Million in den staatlichen Arbeitsgruppen und in staatlichen Diensten, zirka eine Million in anderen produktiven Erwerben, zirka eine Million, die ehemals Handel treibenden, die sich in sehr schwieriger Situation befinden. Die zweite Million verdankt ihre heutige bescheidene Position jener Umschichtungsbewegung, die mit der Organisation der „Ort“ - Gesellschaft in Petersburg im Jahre 1882 im jüdischen Leben Rußlands eingesetzt hat. Diese Organisation wurde nach dem Weltkriege in allen Randstaaten des Ostens als besondere Landesorganisation geschaffen, bekam ihre Zentrale in Berlin (sie übersiedelte 1933 nach Paris) und erhielt so interterritorialen Charakter. Noch heute kontrolliert sie in Sowjetrußland zirka 40.000 Desiatynen Boden, der von jüdischen Landwirten bebaut wird, und hatte Ende 1935 im übrigen Europa 123 Lokalorganisationen. Die Erfüllung ihrer Aufgaben wird überall lokalen Verhältnissen angepaßt. Die Organisation ihrer Anstalten ist das Werk fachmännisch geschulter Leiter. Wo' ein Wille, ist ein Weg. Die Zentrale dient bei den einzelnen Gründungen den lokalen Organisationen mit ihren Erfahrungen. Die Leiter der lokalen Organisationen für wirtschaftliche Umschichtung . müssen das Fingerspitzengefühl haben, wo sie am leichtesten mit ihren Arbeiten und Anstalten einsetzen könnten, aber auch die Mittel. Wenn wir Juden das Bewußtsein in uns tragen würden, daß diese Umschichtungs- Ein Schelhammer-Los gewinnt eine Million Schilling! Die laufende Klassenlotterie wurde am 3. April d. J. mit dem Millionen-Haupttreffer, der auf das vom Bankhaus Schelhammer & Schattera Wien, I., Stefansplatz Nr. 11 in acht Anteilen verkaufte Los Nr. 15981 entfiel, beendet. Das sprichwörtlich bekannte Haupttrefferglück das Bankhauses Schelhammer & Schattera erlebt damit eine eindrucksvolle Bestätigung. Soweit bis jetzt festgestellt werden konnte, sind fünf der glücklichen Gewinner in Wien und drei in den Bundesländern wohnhaft, die zu beglückwünschen sind, weil sie voraussichtlich nunmehr von jeder materiellen Sorge befreit sind. E anbeit ein Werk unseres nationalen Freiheitskampfes ißt, dann würden uns die Lösungen für diie lokalen Detailprobleme zufliegen. Wir sind in den letzten 150 Jahren Zeugen von erfolgreichen Befreiungskämpfen so vieler Völker gewesen, deren Lage im Augenblick ihres Starte womöglich noch düsterer war als unsere. Weshalb darf man nicht hoffen und nicht wollen, daß unser Freiheitskampf um die wirtschaftliche Gleichberechtigung in Europa aussichtsreich wäre? Wir lassen uns aber von unseren Bedrückern beraten, die uns Defaitismus empfehlen. In alleraeuesten Formen und Q*50 12- Aua Haarfilz Farben aus bester Merinowolle 16 - 20 Biber Der Name der Firma bürgt für die Erzeugnisse und Ausführung der Hüte, die aus allerbesten Materialien hergestellt sind II., Taborstraße 39 XIV., Sechshauserstraße 39 XVII., Kalvarienberggasse 34 Der Antisemitismus als Spiegel der Welt Von Josue Jehouda (Genf) Der bekannte Schweizer jüdische Schriftsteller Josu6 Jehouda hat in einer Broschüre das Thema des Antisemitismus in neuer, interessanter Beleuchtung behandelt. Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus der Schrift. „Jedes Leiden Israels“, sagt der Talmud, „an dem die anderen Völker teilhaben, ist ein Leiden; jedes Leiden, an dem Israel allein teilliat, ist kein Leiden.“ Und in der Tat, die Leiden Israels stehen in unserer, wie übrigens in jeder Zeit, durchaus im Verhältnis zu den Leiden der Welt. Di^einen entspringen aus den anderen... Willst du wissen, wie die Welt daran ist? Wirf deinem Blick auf Israeli Ist es nicht mit allen Leiden aller Völker beladen? Hier erscheinen alle Leiden wie in einem Brennpunkt gesammelt, und daher die allgemeine Anteilnahme am Geschick Israels, an dem einzigartigen Geschick eines, ob es nun will oder nicht, einzigartigen Volkes. Das Leiden Israels ist denn auch heute tragischer als je! Aber auch die Leiden der Welt sind heute tragischer denn je, da die ganze Zivilisation vom Untergang bedroht ist. Könnte man die Leiden Israels verringern, ohne zugleich die Leiden der Welt zu verringern? Ganz gewiß nicht! Um das jüdische Problem zu lösen, ist allgemeine Solidarität unerläßlich. Das ist der tiefere Grund, warum Israel zur Universalität verdammt ist, selbst wenn schon alle anderen Völker sich in ihrem nationalen Götzendienst, in dieser krankhaften Zuspitzung der Vaterlandsliebe, die in eine Vergottung des Staates mündet, voneinander absperren. Wie schwach Israel auch sei, es bildet oft auch gegen seinen Willen das lebendige, zugleich so wirkliche und unwirkliche Unterpfand der schließlichen Einigkeit der Völker. Israel ist klein und die Welt ist groß; aber Israel ist der Zeuge der Geschichte ... Und der Antisemitismus ist der Schatten Israels. Das ewige Spiel von Licht und Schatten; von ihm spricht die Geschichte deutlich zu jedem, der inmitten der zahllosen Violfalt der Erscheinungen die unveränderlichen Gesetze wahrnehmen kann, die daß Geschick der Völker lenken. Immer und überall wächst diie Finsternis im selben Maß, in denn das Licht abnimmt. Zu allen Zeiten geistigen Dunkelmännertums, das noch immer im allgemeinen Ohaos den gesellschaftlichen Verfall und die wirtschaftliche Krise gezeugt hat, erhebt sich unvermeidlich das verzerrte Antlitz von Haß und Neid, Antisemitismus gekannt. Wenn geistige Nacht sich auf die Erde niedersenkt, wird der Jude immer zum Schreckgespenst. Er wird der Alpdruck der Schwachen, der Neiderfüllten, aller gescheiterten Existenzen. Es ist die wütende Gegenwehr des ohnmächtigen einzelnen gegen eine unfaßbare und namenlose Gesellschaft. Der Jude aber ist der große Namenlose der Geschichte geblieben, der ewig Unverstandene, der Sündenbock der Eigensucht jedes einzelnen und der Feigheit aller. Wenn es mit dier Welt schlecht gellt, stellt sich der Jude gegen seinen Willen zwischen den in Aufruhr begriffenen Einzelnen und die Gesellschaft, die vor ihrer Verantwortung flieht. Jede Gesellschaft aber ist für ihre Schiffbrüchigen und Narren verantwortlich. Der Antisemitismus ist keine Macht, sondern ein Symptom: »er beweist, daß das Gleichgewicht zwischen dem einzelnen und der Gesamtheit gestört ist. Die Vorherrschaft des einzelnen über diie Gemeinschaft, wie die dier Gemeinschaft über den einzelnen, stört das Leben der Völker und führt sie unvermeidlich Katastrophen entgegen, die ihren Schatten vorauswerfen. Man könnte sagen, daß die Welt ein unbestimmtes Gefühl dafür hat, daß Israel sie vor dem drohenden Zusammenbruch retten könnte. Der Antisemitismus, das ist der ungewollte Tribut, den die Welt Israel zollt. Haß ist immer verbitterte Liebe ... Und was bedeutet der Antisemitismus für uns Juden? Nicht mehr und nicht weniger, als daß wir Juden unserem Judentum und uns gegenseitig entfremdet sind, jeder in seiner eigenon kleinen Selbstsucht, ziyn Schaden der jüdischen Gesamtheit. Da wir so des väterlichen Erbes beraubt wurden, sind wir beunruhigende, namenlose Faktoren geworden. Wo es dem Judentum entfremdete Juden gibt, breitet sich der Antisemitismus aus, um den leeren Raum auszufüllen, den die ihrem Wesen entfremdeten Juden gelassen haben. Der Antisemitismus zwingt uns, uns selbst wieder treu zu sein. So straft die .Vorsehung Israel, .das h» Dunkel tastend in die Irre geht und sich seiner natürlichen Bestimmung widersetzt, seiner Sendung, durch sein Beispiel und seine Lehre das geistige Elend der Welt zu mildern, dessen unausweichliche Folge das wirtschaftliche Elend ist. Ja, wenn wir uns alle menschlichen Schwächen und Ungerechtigkeiten ans eben, gewinnen wir die feste Gewißheit, daß die menschlichen Niedrigkeiten der Natur des Menschen nicht angeboren sind. Sie werden verschwinden, aber der Mensch wird bleiben. Das würden die wirklichen „Weisen von Zion“ uns lehren, wenn wir sie hören könnten. Aber wir haben ja unsere Weisen von Zion ans unserem Herzen und unserem Denken gestoßen. Und da kommt nun der Antisemitismus und „erfindet“ sie, um uns den Selbstverrat an unseren Weisen ins Gedächtnis zu rufen. Der Antisemitismus ist das große Barometer der Weltlage. Je mehr er wütet, desto schlimmer ist es mit der Welt bestellt. Jo mehr ein Land bedroht ist, einen um so günstigeren Boden findet dort der Antisemitismus für seine krankhafte Entfaltung. Ein vom Antisemitismus angesteckteis Volk ist ein vom Untergang bedrohtes Volk. Keine geschichtliche Tatsache widerspricht diesem •ehernen Gesetz, das vom Altertum biß auf unsere Tage Geltung hat. Das Hitlertum ist vom obersten Gericht der Geschichte verurteilt! Kurzsichtig ist, wer das heute nicht voraussieht, wo alle geschichtlichen Ereignisse in beschleunigtem Rhythmus ablaufem — so daß die Propheten gar nicht mehr prophezeien müssen. Wenn man die Geschehnisse mit dem unerläßlichen zeitlichen Abstand prüft, findet man es bestätigt, daß die Geschichte das Gericht Gottes ist. Wie nun wird der Antisemitismus bekämpft, der uns für das allgemeine Elend verantwortlich macht? Bekämpfen wir den Antisemitismus nicht nur auf seinem eigenen Gebiet, auf dem Gebiet der zweck- und endlosen Polemik. Indem wir ihn so bekämpfen, erkennen wir ihn an, ja, wir stärken ihn. Man macht Missetaten nicht zu Schanden, indem, man sie in Abhandlungen und Broschüren aufzeigt. Man zerstreut die Finsternis nicht, indem man schreit, daß es dunkel ist, sondern indem man Licht macht. Machen wir also Licht — das Licht dies Geistes — und der Antisemitismus wird vergehen, wie ein böser Traum. Bekämpfen wir den Antisemitismus, aber auf unserem eigenen Gebiet, auf dem Gebiet der Ideen. Unterrichten wir die Welt in der Lehre unserer Weisen, und der Antisemitismus wird seinem! erschwindelten „Protokollen“ nicht mehr allgemeine Aufmerksamkeit erzwingen können. Haltet mich nicht für einen Träumer! Wohin führt euch eure „Vorsicht und Rücksichtnahme“? Zu unfruchtbarer Zersplitterung. EurÖ eingestandene oder uneingestandene Furcht macht euch zur leichten Beute des Antisemitismus. Der Antisemit zittert vor dem jüdischen Schreckgespenst und der dem Judentum entfremdete Jude bangt vor dem antisemitischen Schreckgespenst. Die Gespenster jagen einander gegenseitig Furcht ein. Der Antisemitismus, das Barometer dier Welt, ist zugleich unser eigenes Barometer. Als sicheres Anzeichen der geistigen Verwirrungder Welt ist er zugleich ein nicht weniger sicheres Anzeichen dafür, wie wir unseren geistigen Schatz im Stiche lassen und uns verblendet gegeneinander kehren. Je mehr der Antisemitismus wütet, desto mehr Wirklichkeit gewinnt unsere geistige Zersplitterung. Also gibt es nnr ein einziges wirksames Mittel, den Antisemitismus au bekämpfen: nämlich sich um unsere heiligste Wahrheit zu scharen, die ein Unterpfand des schließlichen Sieges dier menschlichen Wahrheit ist. Ich meine eine konkrete, wirkliche Einigung,, nicht eine nur so genannte oder angeblich politische Einigung. Der Antisemitismus ist der negative Beweis für die Solidarität zwischen allen Völkern und Menschen. Er wird bestehen, so lange wir keine gemeinsame Anstrengung machen, um im Alltagsleben den positive® Beweis dieser Solidarität in die Tat urnzusetzen. Auch der Geist ist dem Rhythmus des Lebens unterworfen; wenn er nicht aufbaut, zerstört er. (OMUäi Bffl Dr. Karl W. Läv*) >11 1! 1 ii:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.