Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 537 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Satt« 0 Dil IYIMMI Nr. 537 — 3. April 1996 EREZ ISRAEL (Nachdruck verboten.) Was Sie aus Palästina nicht wissen Von M. y. Ben Gavriel Daß ein Hund, der einen Menschen gebissen hat, wie ein Verbrecher vors Gericht kommt und abgeurteilt wird. Erst kürzlich wurden zwei Hunde vom Kriminalgerioht in öffentlicher Sitzung nach einer Anklagerede des Vertreters der Veterinärbehörde zum Tod ver urteilt. (Der eine wurde übrigens dann begnadigt.) Daß — bei gutem Verhalten — das Strafjahr bei Gefangenen nicht zwölf, sondern nur acht Monate dauert. Daß es nicht weniger als 181 Wechselfeiertage im Jahr gibt, an denen Wechsel nicht bezahlt werden müssen, nämlich: 156 Freitage, Sonnabende, Sonntage, 8 jüdische, 7 mohammedanische, 5 katholische und 5 griechische Hauptfeiertage. Daß das Erdgeschoß der Häuser hier 1. Stock genannt wird. Daß man den Kopf hebt und mit der Zunge schnalzt-, wenn man eine Frage verneinen will. Daß man mit ausgestreckter Hand eine abwehrende Bewegung macht, wenn man jemanden herbeirufen will. Daß nicht nur die jüdischen, sondern auch die mohammedanischen und die christlichen Feiertage schon am Abend vorher beginnen. Daß der Besucher, der an die Tür klopft, auf die Frage, wer draußen sei, nicht mit seinem Namen, sondern mit dem Wort ani, respektive äna, das heißt: ich, antwortet. Daß man im Kino raucht. Daß an den Hauptfeiertagen aller Religionen sowohl die christlichen wie die jüdischen als auch die mohammedanischen Banken geschlossen sind. Daß hartnäckige Schuldner bis 90 Tage ein- Richard Beer-Hofmann über Palästina Dr. Richard Beer-Hofmann, der Dichter von „Jaakobs Traum“, „Der junge David“, „Der Graf von Charolafe“ und anderen bedeutenden Werken, schiffte sich am 27. März in Triest an Bord der „Tel-Aviv“ nach Palästina ein. Vor Antritt seiner Palä stina-Reise machte der Dichter dem Wiener JTA-Vertreter interessante Mitteilungen über seine Beziehungen zum Lande der Bibel und seine Arbeiten an biblischen Stoffen, die ihn unablässig beschäftigen. „Ich bin seit dreißig Jahren im Heiligen Lande zu Hauee“, sagte Beer-Hofmann. „Man kann ja unmöglich über biblische Stoffe schreiben, ohne seelische Verbundenheit mit Palästina. Ich habe in der Landschaft Palästinas gelebt, und dieses Leben in der Landschaft Palästinas war für mich immer eine Realität; allerdings eine Realität, die über der Wirklichkeit steht. Wie ich als Wiener Schriftsteller zu den biblischen Stoffen gekommen bin? Der Dichter kommt nicht zu den Stoffen, die Stoffe kommen zu ihm. Mir erschien© es aber auch als unnatürlich, wenn ich als Mensch, der im Geistigen lebt, nicht von der Bibel innerlich erfaßt würde, von der Liebeslyrik des ,Hohen Liedes*, von den Psalmen,, dem Buche ,Hiob‘, dem ja bekanntlich Goethes Prolog im Himmel* zum ersten Teil des Faust* nachgediohtet ist Die biblischen Stoffe beschäftigen mich immerfort Im Monat Mai dieses Jahres erscheint (in einer beschränkten Anzahl von Exemplaren, vorläufig nur für Freund© gedruckt) ein ,Vorspiel auf dem Theater zu ,König David*, etwa 800 Verse, welches die Zeit von 25 Jahren zwischen dem ,Jungen David* und dem in Vorbereitung befindlichen ,König David* überbrücken. Es wird dann ,Davids Tod* folgen, der wieder 20 Jahre später spielt. Ob ich Sehnsucht nach dem Lande meiner künstlerischen Träume und der Heimat meiner Helden habe? Sehnsucht ist vielleicht hier nicht das richtige Wort Man sehnt sich nach Dingen, di© man nicht hat Ich aber bin ausgefiillt von den Dingen des Heiligen Landes. Näher kann mir beispielsweise das Tal, in dem David den Goliath schlug, ebenso wie andere Orte der Bibel, kaum in der Wirklichkeit sein, als eie mir in all den Jahren waren, die ich bisher mit ihnen durchlebt habe. Aber das heißt natürlich nicht, daß ich diesen Stätten gleichgültig gagenübersteben könnte. Es wird vielleicht die tiefe Erschütterung und das Staunen sein, dfiie denjenigen befallen, dem plötzlich Dinge in Wirklichkeit gegenüberstehen, die er bis dahin nur in seinen Träumen geschaut hat. Und da Sie mich schon fragen“, schloß Richard Beer-Hofmann, „ob ich Sehnsucht habe, will ich Ihnen gestehen: ja, ein bißchen Sehnsucht habe ich doch; noch mehr aber schon eine Vorfreude. Denn das Heilige Land zu ßehen — ich möchte sagen, das Heilige Land als irdisches Land zu sehen — kann nur eine Erfüllung sein.“ ✓/ UUc ist Radio- Itcusaiwi*!" Kundmachung Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach-Koschermllch in allen ihren Filialen zum Verkauf. Die Pessach-Koschermilch wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Auf sicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann be stellten religiös verläßlichen Organe erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive einer Schleife versehen mit dem Aufdruck ries b» nws abn Vom 6. April bis 14. April in allen Verkaufstellen erhältlich - Wiener Molkerei Jerusalem, im April. Am Montag, den 30. März, ist der palästinensische Radiosender in Tätigkeit getreten. Er ist in der Hauptsache den Be- _dürfnissen der Radiohörer in Palästina angesperrt werden können. Auf Kosten des Gläu-1 gepaßt, wenn auch der Senderadius die bebigers aber.! nachbarten Länder erfaßt. Der _Sender ist Daß Ausländer im Gefängnis zwei, Palästinenser aber nur eine Decke bekommen. nicht stark genug, um auch in Europa ge hört zu werden. Über die Eröffnung wird uns aus Jerusalem, 30. März, gemeldet: Zum ersten Male wurde im Orient hebräisch im Radio gehört, als heute nachmittags der Palästina- Radio-Dienst eingeweiht wurde. „Hier ist J e r u s a 1 e m“, konnte man hören, und in drei offiziellen Sprachen wurde di© Ansprache des Postministers Hudson angekündigt. Nach ihm sprach Wauchope, der erklärte, daß der Palästina-Radio-Dienst _ _ . _ , . .... i sich nicht mit Politik befassen wird, son- Daß es in Jerusalem mehr als vierzig aner-! derQ ^ZVi bestimmt ist, Wissen und Kultur kannte Volks- und Religionsgemeinschaften 'm ane Gemeinden zu tragen. Feierliche Sederabende am 6. und 7. April 1936. Leitung: Oberlcantor Deutsch im Restaurant S. Spritzer (Löw) nur II. Große Pfarrg.23 Tischbestellungen unter Tel. A 40-900 erbeten Normale Preise gibt. Daß die nestorianischen Christen ihren Got tesdienst in der Sprache des Talmud abhalten. Daß man für das Ansprechen einer Frau auf der Straße Gefängnis bekommt. Daß in Palästina zirka achtmal mehr Briefe als Karten geschrieben werden. Daß die Autos innerhalb der Stadt keine aku stiscben Signale geben dürfen. Daß gewisse Strafgefangene, die sioh gut aufführen, bei Tag ihren Privatbeschäftigungen außerhalb des Gefängnisses nachgehen dürfen. Daß zur Zeit des Vollmondes die Straßenlampen nicht angezündet werden. Daß das Petroleum hier Gas heißt und daß Gas unbekannt ist. Daß von den Polizisten erst sei drei Jahren gefordert wird, daß sie lesen und schreiben können. Daß feste Gegenstände und Flüssigkeit nach dem gleiohen Maß, der Okiyeh, gemessen werden, die aber in jeder Stadt Palästinas einen anderen Gewichtswert darstellt. Daß die Großstadt Jerusalem keine Feuerwehr bat. Daß di© überwiegende Mehrzahl der Häuser Jerusalems keine Nummer und viele Straßen keinen Namen haben. Daß alle Scherenschleifer tatarische oder tuTksatanische Mekkapilger sind. Daß Zigarettenpapier nur mit Tabak verkauft werden darf. Daß die Schuhputzer Radfahrglocken haben, die Radfahrer aber mit dem Mund pfeifen, wenn sie Signal geben wollen. Daß die Melonen, um sie abzukühlen, aufgeschnitten ein paar Minuten in die pralle Sonne gelegt werden. Abraham Katznelson, jüdisches Mitglied des Programmausschusses, begann seine Ansprache mit den Worten: „Meinen Brüdern in Zion und hebräischen Hörern in aller Welt Shalom Ubraoha!“ Er hob hervor, daß hebräisch zum ersten Male als Sendesprache benutzt wird, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Paläsfeina- Radio-Dienst alle Teile der Diaspora erfassen und ein festes Band im jüdischen Volke bilden möge. Hanna R o w i n a s Rezitation des Hoheliedes fand großen Beifall. Große Menschenmengen drängten sioh auf der Straße, wo Lautsprecher aufgestellt waren. Wiewohl das Programm für April noch nicht bekanntgegeben wurde, ist es Ihrem Korrespondenten gelungen, zu erfahren, daß am 4. d. in der Jugendstunde ein Programm von Tschernichowsky gesendet wird, 19. oder 25. d. ein Tschermchowsky-Abend für Erwachsene (Mitwirkende: Prof. Klaus ner, Avraham Schlonsky und Miryam Ben gavriel), am 12. d. eine Gedenkstunde der palästinensischen Dichterin Rahöl, am 18. d wird das erste hebräische Hörspiel „Stimme aus dem Dunkel“ (aus dem Leben des Sohomer hazzalr), vom Leiter der hebräischen Abteilung Lubrany gesendet (Mitwirkende: Nissan Schmueli, Mario Kranz, M. Weißfisch und Miryam Ben gavriel.) Feststehend ist' auch, daß Pro fessor Jizchak Epstein hebräischen Unter rieht durchs Radio geben, und David Y e 11 i n die sabbathliche Sidrah lesen wird In den jüdischen Zeitungen wird hervor gehoben, daß es bereits jetzt 12.000 eingetragene Radioabonnenten in Palästina gibt, loücMrtistHUS als 7-Utalec Jerusalem, im April. Palästina, das bisnun leider nicht einmal Ansätze einer eigenen, einer spezifischen Theaterkultur hervorgebracht hat — ausgenommen vielleicht mit „Joahob wekaheh“, dem alten Zugstück des ehemaligen Arbeitertheaters „Ohel“, welches vielleicht den Weg eines jüdischen Theaters zeigt, eines Theaters also, das nicht einfach der Abklatsch einer besseren oder schlechteren Bühne ist —, Palästina hat sich trotz dieser mitunter bedrückenden Abhängigkeit von Europa und besonders von einem Rußland vor rund zwanzig Jahren einen kleinen Nationalpark spezifisch palästinensischen Bühnenspiel gesichert: den Matate („Der Besen“), di© satirische Kleinkunstbühne Tel- Avlvs. Dieser Matate ist der Ausdruck des modernen palästinensischen Lebens oder, besser: der Ausdruck der auf Sanddünen gebauten, infolge ihrer Jugend auf momentane Wirkungen zielenden, unerhört lebendigen, mit einem Wort: journalistischen Betonstadt Tel-Avlv. Es hätte dieses Theater weder in der ehrwürdig-steinernen Feierlichkeit Jerusalems noch im etwas hysterischen Tempo Haifas entstehen können, denn sein Sinn ist der Sinn alles satirischen Journalismus: den Tag einzufangen und ihn in den Tag hineinzustellen, das Exzerpt seiner zumeist ein wenig lächerlichen Tragik mit einem Schuß Sentimentalität über das einst Gewesene, in der Erinnerung stets Verklärte, zu garnieren und das Ganze dann mit gewinnender Gemeinheit und liebenswürdiger Bosheit zu servieren. Es ist außerordentlich flinker Journalismus, den der Matate in Form von Bil dem, Szenen oder Revuen — ohne nackte Beine! — bringt, wobei ihm nichts entgeht, was wert wäre, angegriffen zu werden, ob es sich um eine Regierungsverfügung handelt oder um die grotesk-tragischen Taten politischer Harlekine. Freilich, Außenpolitik darf der Matate nicht treiben. Jeder Versuch, ein Thema der großen Woltpolitik zu travestieren, wird von der englischen Zensur schonungslos unterdrückt, besonders dann, wenn es sich um Dingo handelt, die das Judentum nicht direkt angehen. (Wie es ja auch verboten ist, Filme aufzufüihren, Wochenschauen, die mit der augenblicklichen Lage, besonders mit dem Italienischabessynischen Krieg, etwas zu tun haben.) Diese« kleine — nebenbei bemerkt, di© besten Geschäfte machende — Theater will natürlich nicht die Konkurrenz mit den Sohauspieltheatern, die dieser Tage in Gestalt des Stadttheaters Haifa Zuwachs bekamen, aufnehmen, wenn auch dieser Matate das Theater als moralische Anstalt im wahrsten Sinne des Wortes ist, das durch beinahe immer ins Ziel treffenden Witz erzieht, sondern will lebende Chronik eines Volkes im Aufbau sein. Sein Witz ist der Witz der Aktualität, der übermorgen natürlich bereits veraltet und nicht mehr verständlich ist. Natürlich gibt es auch hier manchen billigen Effekt, so besonders, wenn es sich um Erinnerungsbilder aus der Pionierzeit des Aufbaues handelt, aber der Blaue-Vogel-Dybbuk, mit dom dieses Theater vor rund sechs Jahren ins Leben trat, ist längst schon ausgetrieben; es ist heute eine spezifische Manifestation dieses nicht immer ganz verständlichen, aber immerhin einzigartigen Lebensraumes zwischen hoffnungsvollem Pessimismus und tragischem Optimismus, der Tel- Aviv genannt wird. Di© aus 15 jungen Leuten bestehende Korporative spielt mit derartig prächtiger Unibe- Wdzu »Mure noil andere BesthwefdeiL I wenn sie durch den Genuß von 1 SHEMEN-OLIVENOL) verhindert werden können s Daher benützet zu Pessach feinstes | SHEMEN-OLIVENOL 1 nosb “iü3 -n m jisirl in 7«. 7a. Vi, 27a. 5 u. 25-Kllo-Pockungen §j Shemen-Salat-, Kochu. Speiseöle J Shemen-Toiletteu. Haushaltseifen ( Shemen-Ollvenöl-Zahnpasta u. Zahnselfen ( Verlangen und beziehen Sie durch | Ihre Einkaufsquelle (Delikatessen-1 geschäfte und Parfümerien) s 1 Generalvertretung für Österreich : § S. RABINOWITSCH I I Wien, II., Zirkusgasse 10 (Tel* R 48-7-38) kümmerfoheit, daß jede Kritik von vornherein die Waffen strecken muß. Der Matate hat heute in Europa kaum Beinesgleichen, und sein© Existenz ist ein treffendes Symptom für die Geisteshaituhg des palästinensischen Publikums und gerade für jene von großem Wert, die die hebräische Presse noch nicht zu lesen verstehen. In diesem Zusammenhang sei übrigens bemerkt, daß der „jüdische Witz“ — „zwei Juden sind einmal in der Eisenbahn gefahren usw.“ —, wie er einem gewissen Genre von Kleinkunstbühnen in Mitteleuropa ein spezifisches Relief verleiht, das zur Verbreitung des Antisemitismus viel beitrug, im hebräischen Palästina unbekannt ist. Hier ist der Witz vornehmlich Ergebnis soziologischen Denkens, zielt nicht auf die Schwächon von Typen, die mit Minoritäts-Inforioritätsmerkraalen ausgestattet sind, sondern ist ein beinahe immer konstruktiver, erzieherischer Witz, entstanden aus dem Zusammenstoß von Tatsachen aus dem Lebens- und Denkprozeß eines Volkes im natürlichen Milieu. B. G.