Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 536 (31.3.1936)
- Date
- 1936-03-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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81. Mär« 1930 eit itimmi Bölttt 5 Wr. 880 ~ Feierliche Sederabende am 6. und 7. April 1930. Leitung: Oberkantor Deutsch im Restaurant S. Spritzer (Löw) nur II. Große P f a r r g. 23 Tischbestellungen unter Tel. A 40>900 erbeten Normale Preise Die üblichen Sonntagsreden Der Sonntag hat wieder ein paar Vers sammlungsreden gebracht, die sich als kräftige Fortführung der unter dem Druck des Dritten Reiches ohnedies schon verstärkten antisemitischen Linie darstellen, Herr K u ns c h a k hat gesprochen. Dann der Obmann des Verbandes der katholischen Männer, Dr. Guggenberger, und der Konsistorialrat En g e 1 h a r t, letzterer im Auftrag des Kardinals Dr. Innitz er. Staatsrat Kunschak, der in Wiener- Neustadt dias Wort ergriff, beschwerte sich über das Echo, das seine letzte Rede mit der Warnung vor den „tierischen Trieben“ ausgelöst hat: „Ich habe vor einiger Zeit die Band auf eine Wunde im österreichischen Volksleben gelegt. Seit ich das getan habe, sieht es ans, als ob über die ganze Welt ein elektrischer Alarmaipparat gespannt wäre, den ioh in Bewegung gesetzt hätte. Die ganze Welt schreit: Kunschak ist ein Stänkerer! Kunschak ist ein Antisemit! Diese Solidarität muß einen mit Staimen erfüllen. Wenn man dm Leben jemanden auf das Hühnerauge tritt, dann schreit er. In diesem Falle aber ist gar niemandem auf die Hühneraugen getreten worden, ich habe nur mit den Fingern hingewiesen,' und die ganze Welt schreit. Selbst in Amerika und Australien hört man das Echo.“ Die Herren sind sehr ungehalten, wenn sich das Judentum zur Wehr setzt und ihre Reden als ernste Kundgebungen wehrt, und dabei holen sie gerne die Solidarität heran. Es ist selbstverständlich, daß sich das Judentum mit jedem solidarisch erklärt, der wegen seines Jude*Sedns angegriffen wird. CHARLIE CHAPLIN: „Die neue Zeit" APOLLO lOllllllllllllllIH _EIN CHAPLIN-FILM DER UNITED ARTISTS BEI DR. HAUSER & CO. GES. M. B. H. Das ist nichts anderes, als wenn das deutsche Volk mit irgend einer deutschen Minderheit solidarisch ist oder sich eines Deutschen annianmt, der für seine deutsche Abkunft Schaden leidet. Wenn das die Juden tun, dann sind alle Antisemiten zornig. Im Wiener Rathaus erklärte Dr. Guggenberger: „Man hat bei uns vielfach ungeheure Angst, das Kapitel der Judenfrage zu berühren. Aber wir können offen und ruhig sagen, daß wir hier endlich einmal ©ine Ordnung sehen wollen. Das ist keine Gehässigkeit und auch keine Ungerechtigkeit. Wir können diese Vorherrschaft auf die Dauer nicht ertragen. Wenn Österreich ein christlicher Staat sein soll, dann muß der Christ auch etwas dreihzureden haben. § Dazu zwingt schon die Erwägung, daß die Kirche, daß wir Katholiken in erster Linie den Schaden hätten, wenn der Aufbau des christlichen Staates nicht gelänge. Wir müssen unsere ganze Kraft entgegennehmen, damit das Ziel erreicht wird, und wer uns ln dioser Arbeit hindert, der muß eben weg. Es ist von größter Wichtigkeit, das festzuhalten. Daß das christliche Österreich wirklich entsteht, wollen wir unsere ganze Kraft daran setzen.“ Die Vorherrschaft der Juden siehit so aus, daß ein Jude nicht einmal Weichenwärter worden kann. Auf allen Gebieten ist die Vordrängungsbewegung im Gang, jüdische Ärzte werden weggeschickt, jüdische Angestellte entlassen* Im Hoheitsbereich des Staates, also dort, wo die Vorherrschaft am ersten zu merken wäre, gibt es überhaupt keine Judon. Im Gewerbebund, einer „privaten“ Organisation, die auf die öffentlichen Lieferungen und Arbeiten entscheidenden Einfluß ausübt, regiert der VizebUrgermeistor Kresse, und er hat vor kurzem die Grundsätze seines Regierens selbst dar« gelegt. An Dr. Guggenberger schloß sich der Konsistorialrat Engelhart, der in der Massenversammlung der katholischen Männervereine in Vertretung des Kardinals Dr. Innitzer eine Erklärung abgab, die nach dem ausgegebenen Bericht das Folgende be- „Vor einiger Zeit hielt der Herr Kardinal bei der Einweihung der Räume des Paulus- Werkes eine Rede über das Judentum. Er vertrat dabei den Standpunkt, den unsere Religion allen Ungetauften gegenüber einnimmt: wir beten um ihre Bekehrung. Den Beweis dafür erbringt die Liturgie des Karfreitags. Darauf wies der Herr Kardinal auch in seiner Ansprache hin. Es ist unverständlich, welcher Sturm sich gerade gegen diese Rede erhob. Es scheint, als ob alles ruhige Denken die Menschen in unserer leidenschafterf(Ulten Zeit verlassen hätte. Glauben Sie, daß derselbe Bischof, der die mangelnde Sittlichkeit der Christen beklagt, den demoralisierenden Einfluß der Judon verteidigt? Bedarf es einer besonderen Erklärung, daß das Schlechte und Zersetzende bei allen bekämpft werden muß, gleichgültig, von wem es ausgeht? Die Menschen unserer Zeit sind derartig in nervöser Hast, daß sie auch bei Reden nur den einen oder anderen Satz herausgreifen, sich darüber ereifern und dabei Übersehen, was sonst noch gesagt wurde. Warum hat man es nicht beachtet, daß der Kardinal damals sagte: ,Wir haben die ganze Judenfrage vom religiösen Standpunkt aus zu beurteilen. Gewiß läßt »ich diese Frage auch vom kulturellen, nationalen, sozialen und ökonomischen Standpunkt aus betrachten. Wir werden daher für gewisse Notwendigkeiten für unser Volk nicht blind sein.. Er sprach von Gerechtigkeit und Liebe und vom elementarsten Naturreoht. Sind denn diese Forderungen nicht für alle Menschen zu erheben, die unsere Erde trägt? Man bemühe sich doch um die objektive Gereehtig- keit, hüben und drüben! Am besten wäre es einfach, die Zahlen der Statistik sprechen zu lassen und danach die Einflußsphäre zu begrenzen. Wenn Minderheiten auoh ihrem Einfluß nach Minderheiten beiben, wer wird Bich daran stoßen? Zeigt nicht gerade dieses Beispiel, wie recht wir haben, wenn wir immer wieder die Forderung der sozialen Gerechtigkeit erheben?“ Was den Einfluß bettrifft, so ist er bei der jüdischen Minderheit überhaupt nicht vorhanden. Aber es scheint, als ob die Worte des Kardinals dahin ausgelegt worden wären, daß er den demoralisierenden Einfluß der Juden nicht wahrhaben will. Deshalb wird nochmals betont, daß gewisse Notwendigkeiten bestehen. Welche sind das? Nun, kulturelle, soziale und ökonomische. Das ist so ziemlich der ganze Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Übrig bliebe nur der Friedhof. Wir sagen immer, daß wir eine nationale Minderheit sind und der Friedensvertrag enthält nach dieser Seite Mn Bestimmungen, die Österreich unterschrieben und in die Verfassung auf genommen hat. Nach diesen Bestimmungen darf niemandem ans seineT nationalen oder konfessionellen Zugehörigkeit Schaden erstehen. Weiters heißt es dort, daß der Staat verpflichtet ist, der Minderheit die angemessenen Mittel für ihre kulturellen Zwecke zur Verfügung m stellen. Was den ersten Teil anbetrifft, so richtet eich die derzeitige Bewegung in Österreich auf die Ausschaltung der Juden aus dem kulturellen, sozialen und ökonomischen Leben. Beiträge für unsere kulturellen Zwecke haben wir noch nie erhalten und im Budget fehlt die betreffende Post Überhaupt. Aber es ist interessant, daß der Status der Minderheit immer nur in dem Sinhe erwähnt wird, daß ein Numerus clausus (bei den Wohlmeinenden) gefordert wird, während die anderen den Numerus nullus verlangen. Selbstverständlich nur in beizug auf die staatsbürgerlichen Rechte. Beim Stouerzahlen ist das nicht so. Wie der jüdische Kaufmann seine Pflichten erfüllen soll, wenn gegen ihn geschürt wird, das ist wohl eine Frage, um die sich keiner der Gesellsohaftsreformer kümmert. Wir haben vor wenigen Tagen über eine Debatte im Budgetausechuß des Bundestages gelesen, in der der Berichterstatter feststellto, daß in Steiermark schwarze Fonds existieren, die aus Bundesgeldern stammten oder mit fingierten Lieferantenrechnungen und Lohnlisten belegt wurden. Daraus bekamen die einen Remunerationen, Reise- und Verpflegskosten, Auto- und Motorradreparaturem usw. Die Schuldtragenden wurden sehr milde behandelt. Fällt diese Affäre unter den demoralisierenden Einfluß der Juden oder wird sie sich nicht ereignen, wenn der Einfluß des Judentums zahlenmäßig beschränkt wiird? In welche Schule gebe ich mein Kindl Von Oberlehrer Max Jellinek Leiter der Volksschule der Israelitischer! Kultusgemeinde Diese in früheren Zeiten belanglose Frage gewinnt immer mehr an entscheidender Bedeutung. In Anbetracht der bevorstehenden Schuleinschreibung müssen sich die Eltern zwangsläufig mit dieser wichtigen Frage befassen. Die Kultusgemeinde hat mit der Errichtung der ersten Klasse der Volksschule in der Castellezgasse das jüdische Schulwerk in Wien auf eine erweiterte Grundlage gestellt und damit einem starken Bedürfnis der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Rechnung getragen. Wir können sehen, daß die übrigen großen Judengemeinden Mitteleuropas seit vielen Jahren eigene Schulen besitzen. Abgesehen von den vielen jüdischen Schulen Deutschlands, die nicht erst von heute sind, kann es als besonders interessant bezeichnet werden, daß das stark assimilierte Budapest seit Jahrzehnten über ein hervorragendes jüdisches Schulwerk verfügt, wobei besonders zu erwähnen ist, daß es dort zwölfVolksschulen mit tausenden Schülern ans allen Geseilschaftssohichten gibt. Für den Großteil dieser jüdischen Menschen ist es die natürlichste Selbstverständlichkeit, daß ihr Kind in die jüdische Schule kommt. In Wien handelt es sich jetzt in erster Linie darum, ob überhaupt die Möglichkeit des Besuches einer jüdischen Schule vorhanden ist. Augenblicklich besteht diese Möglichkeit nur ftir einen Teil der jüdischen Bevölkerung Wiens. Es gibt allerdings auch viele Juden, die, obwohl in der Hietzing er oder Döblinger Cottage wohnend, das Opfer nicht scheuen und zum Beispiel ihre Kinder in die Volksschule der Lehrerbildungsanstalt in der Hegelgasse schicken. Es soll aber nicht Sinn und Zweck dieser Ausführungen sein, gegen Menschen zu polemisieren, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen können und wollen, sondern es soll Der richtige Trotteursdiuh braun — blau — grün — schwarz exklusive Bally -Modelle S2150 S24S0 E-TABOR5TR.-8 vor allem den Eltern, die irgendwie schwankend sind, der Weg gewiesen werden, denjüdischeElternheutezu gehen haben. Wodurch unterscheidet sich die jüdische Schule von der öffentlich christlichen Schule? Weiters, ist die heutige jüdische Schule identisch mit der jüdischen Schule von gestern und vorgestern? Die jüdische Schule der Vergangenheit unterschied sich von der anderen Schule durch den Titel; man veranstaltete zwar auch an bestimmten Festen Schulfeiern, es wurde Samstag nur Religion unterrichtet (Sonntag mußte natürlich schulfrei sein), und es wurde schließlich darauf gesehen, daß die Kinder entsprechende Fortschritte im Hebräischlesen und Übersetzen der gebräuchlichsten Gebete machten. Nicht untersucht soll werden, wer für diesen Zustand verantwortlich war. Schulerhalter und Lehrer tragen ihr volles Maß an Schuld daran. Und doch war diese Schule in gewissem Sinne gut. In dieser Schule war das Kind daheim, es blieb in diesen Jahren verschont von den Anfeindungen, die in der anderen Schule gleichmäßig von seitwärts und oben erfolgten. Jedem Einsichtigen ist es klar, daß gerade diese zarten Kinderjahre für die geistige und ciharaktermäßisre Entwicklung des Kindes von überragender Bedeutung sind und bestimmend auf die seelische Gestaltung wirken. Ein Kind, dessen jüdisches Empfinden tagtäglich gedemtitigt wird, kann schwer ein wertvoller jüdischer Mensch werden. Aus einem solchen Kinde wird oft ein Mensch, der sich auf irgend eine Art für die Demütigungen der Jugend schadlos hält, oder vielleicht glaubt, berechtigt zu sein, sich schadlos halten zu dürfen. Der Umstand, daß die frühere jüdische Schule dem Kind ein gewisses Maß an jüdischem Empfinden vermittelte und damit die Möglichkeit gab, späterhin den Anfeindungn richtig zu begegnen, würde schon genügen, die Existenz dieser Schule zu rechtfertigen. Der modernen jüdischen Schule, deren verheißungsvoller Beginn in Wien vor einigen Monaten stattfand, wird die Aufgabe gestellt, unabhängig vom Streit jüdischer Richtungen und unabhängig von der jeweiligen Situation, unsere Jugend lebenstüchtig zu machen und sie so zu erziehen, daß sie sich als Teil und Träger der Renaissance des jüdischen Volkes fühlt. Wirkönnen die Ziele jüdischer Erziehung nicht nach den Schwankungen der politischen und wirtschaftlichen Konjunktur richten, sondern müssen wissen, daß die Erziehung nur dann ihrer Aufgabe gerecht wird, wenn vor ihr das Bild eines erneuerten jüdischen Menschen steht. Damit ist bereits gesagt, daß es für die Gesamtheit unserer Jugend nur eine Art jüdischer Erziehung geben kann. Gewiß sind Differenzen auf dem Wege der Erziehung im einzelnen möglich, sei es in religiöser Beziehung, sei HOB bXB *TvT3 Die bestrenom. orth. “VüO FEINWURSTu. SELCHWARENERZEUGUNG EISEN & HONIGSBER Inh. I. EISEN bringt auch heuer für Pessach ihre Spezialitäten Zu haben in allen ihren Filialen. Fabrik und Postversand, Wien, lll., Rabeng. 13,Tel. U14-1-68 es auf anderen Teilgebieten der Arbeit; aber so wie es nur e i n Judentum und e i n jüdisches Volk in der Welt gibt, kann unsere Erziehung nur einen einheitlichen Weg zu lebendigem, gut fundiertem Judesein darstellen. Zwei große Arbeitsgebiete sind die Maßstäbe unserer Hoffnungen für das jüdische Schul werk. Die Lehrerausbildung, beziehungsweise ihre Fortbildung, sowie InhaltundArt dessen, was in der Schule gelehrt wird. Mit Absicht ist die Lehrerfrage an erster Stelle genannt. Vom Wissen, Willen und Gesinnung unserer Lehrerschaft wird es hauptsächlich abhängen, wie das jüdische Schulwesen sich entwickeln wird. Der Lehrer ist nicht nur Vermittler des Wissens, sondern auch Gestalter der Schulatmosphäre und Vorbild der Jugend. Vom Lehrer der jüdischen Schule muß die Kraft jüdischen Willens ausgehen. Die Jugend soll fühlen, daß Menschen vor ihnen stehen, die sich nicht in ein Ghetto verbannt fühlen, sondern Glieder des nach Erneuerung strebenden jüdischen Volkes sein wollen. Ein gut fundiertes jüdisches Wissen gilt nicht nur für die Lehrer, die jüdische Gegenstände unterrichten, für die eine solche Forderung vorauszusetzende Selbstverständlichkeit ist, sondern für j ed e n Lehrer, der an einer jüdischen Schule unterrichtet. In diesem Zusammenhänge muß darauf hingewiesen werden, daß die Lehrerfrage in Wien binnen kurzerZeifc sehr dringlich werden wird. Das gilt insbesonder in bezug auf die Zahl der in einigen Jahren notwendigen Lehrkräfte. Der Wiener Hutspezialist in der Taborstraße 39 bringt die neuen Modelle . 9.80, 12.— aus Haar filz.16.—, 20,— und in Biber.26.— Silber-, Stahl-, Panzergrau, Schwarz, Ambra, Kubabraun und Graugrün In Modefarben für Siel Wenn man gute jüdische Lehrer haben will, so wird es sich als notwendig erweisen, die hiefür geeignet scheinenden jungen Leute unter Kontrolle und mit Unterstützung jeglicher Art seitens der Kultusgemeinde heranzubilden. Da eine eigene Lehrerbildungsanstalt noch nicht im Bereiche der Möglichkeit liegt, muß man sich vorderhand damit begnügen, daß die aus den staatlichen Anstalten hervorgehenden jüdischen Lehrer gewisse Minimalkenntnisse besitzen auf dem Gebiete des Hebräischen, über die Grundzüge der jüdischen Geschichte (im besonderen der Wiener Judengemeinde), über das Leben des jüdischen Volkes in der Gegenwart und von seinen religiösen und weltlichen Lebensauffassungen. Nur solche Lehrer werden fällig sein, unserer Jugend in geistiger und jüdischer Hinsicht das zu vermitteln, was heute als notwendig bezeichnet werden muß. Damit wird bereits die zweite Frage berührt, nämlich der eigentliche Inhalt unserer Arbeit an der Schule. Es ist natürlich un-